In der Tierneurologie stellen Epilepsie und andere neurologische Erkrankungen eine besondere Herausforderung dar. Oftmals sind Tierbesitzer mit der Situation überfordert, wenn ihr geliebtes Haustier plötzlich Anzeichen einer neurologischen Störung zeigt. Dieser Artikel soll einen Einblick in die Epilepsie beim Hund geben, insbesondere unter Berücksichtigung der ketogenen Diät als möglichen Therapieansatz. Dabei werden auch die Erkenntnisse von Prof. Dr. Holger Volk, einem renommierten Experten auf diesem Gebiet, einbezogen.
Neurologische Erkrankungen bei Hunden: Eine Übersicht
Neurologische Erkrankungen können sich bei Hunden auf vielfältige Weise äußern. Einige häufige Symptome sind:
- Verhaltensänderungen: Rückzug, vermindertes Spielverhalten, Steifheit
- Kopfschiefhaltung
- Schwierigkeiten beim Aufstehen
- Nackensteife, oft begleitet von Fieber (z. B. bei Steroid-responsiver Meningitis-Arteriitis)
- Schmerzen beim Bewegen oder Berühren des Rückens
- Plötzliches Aufschreien
- Lähmungserscheinungen
- Steifer Gang
Diese Symptome können auf verschiedene Erkrankungen hinweisen, darunter Bandscheibenvorfälle, Verletzungen der Wirbelsäule, Tumoren oder Entzündungen. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend, um die Lebensqualität des Hundes zu verbessern.
Epilepsie beim Hund: Eine häufige neurologische Erkrankung
Epilepsie ist die häufigste chronische neurologische Erkrankung bei Hunden. Schätzungen zufolge leidet jeder 130. Hund, der in einer Kleintierpraxis vorgestellt wird, unter epileptischen Anfällen. Diese Anfälle entstehen durch vorübergehende Störungen im Gehirn, die zu unkontrollierten elektrischen Aktivitäten führen können. Diese Aktivitäten äußern sich in Muskelzuckungen, Bewusstseinsverlust oder unkontrolliertem Verhalten.
Ursachen und Diagnose
Sowohl Rassehunde als auch Mischlinge können von Epilepsie betroffen sein. Typischerweise beginnt die idiopathische Epilepsie im Alter zwischen 6 Monaten und 6 Jahren. Die idiopathische Epilepsie ist eine Ausschlussdiagnose, was bedeutet, dass zunächst andere mögliche Ursachen für die Anfälle ausgeschlossen werden müssen. Dazu gehören:
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- Strukturelle Erkrankungen des Gehirns (z. B. Tumoren, Entzündungen)
- Stoffwechselstörungen
- Vergiftungen
Bei vielen Hunden liegt vermutlich eine genetische Veranlagung zugrunde. Bei einigen Rassen gibt es bereits Gentests, bei anderen zeigen sich familiäre Häufungen.
Wann ist eine medikamentöse Behandlung notwendig?
Eine medikamentöse Behandlung wird in der Regel empfohlen, wenn:
- Mehr als zwei Anfälle in sechs Monaten auftreten
- Schwere Verläufe vorliegen (z. B. Cluster-Anfälle oder Status epilepticus)
- Nach dem Anfall starke Symptome bestehen bleiben (z. B. Blindheit, Desorientierung)
- Die Anfälle in Häufigkeit oder Schwere zunehmen
Antiepileptika für Hunde
Tiermedizinisch bewährte Antiepileptika sind:
- Phenobarbital
- Imepitoin
- Kaliumbromid
- Diazepam (v. a. als Notfallmedikation)
In Einzelfällen kommen auch Medikamente aus der Humanmedizin zum Einsatz. Gerade zu Beginn der Therapie kann es zu Müdigkeit, Koordinationsproblemen, gesteigertem Appetit oder Unruhekommen. Diese Symptome verschwinden häufig nach einigen Wochen.
Die Rolle der Ernährung bei Epilepsie: Die ketogene Diät
Die richtige Fütterung kann epileptischen Hunden nachweislich helfen. Besonders hilfreich ist eine Ernährung mit sogenannten mittelkettigen Fettsäuren (MCTs). Studien zeigen, dass 71 % der Hunde mit Epilepsie unter MCT-Ernährung weniger Anfälle haben. Bei 14 % verschwinden die Anfälle ganz. Auch ängstliches oder unruhiges Verhalten kann sich verbessern.
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Wie wirken MCTs?
MCTs bilden Ketonkörper, welche wiederum einen antiepileptischen Effekt auf das Gehirn zu haben scheinen. Eine aktuelle Studie hat ihren Einsatz als Nahrungsergänzung bei epileptischen Hunden untersucht.
MCT-Öl als Nahrungsergänzungsmittel
In einer aktuellen Studie wurden über sechs Monate placebokontrollierte Fütterungsversuche mit 28 Hunden durchgeführt, die an idiopathischer Epilepsie litten. Ziel war es die Sicherheit, Bekömmlichkeit und Wirkung einer MCT-Supplementation in Form einer Ölbeigabe als Nahrungsergänzungsmittel auf die Anfallshäufigkeit zu untersuchen. In die Studie wurden Tiere eingeschlossen, die…
- mindestens einen Anfall pro Monat hatten,
- nach der International Veterinary Epilepsy Task Force (IVETF) Tier-II-Level eingestuft wurden sowie
- Resistenzen auf mind. ein übliches Antiepileptikum zeigten.
MCT´s sind als Öl leicht zu supplementieren, bekömmlich und sicher. Die Gabe des MCT-Supplements konnte die Anfallsfrequenz der Tiere im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant reduzieren, es gab jedoch auch Hunde, deren Anfallsfrequenz nicht reduziert werden konnte. Die Wirkung der MCTs differiert und ersetzt keine Medikation, bzw. regelmäßige Kontrollen beim behandelnden Neurologen. Um die genauen Wirkmechanismen zu verstehen, bedarf es weiterer Forschung. Der Einsatz ist jedoch nebenwirkungsarm und einen Versuch wert.
Holger Volk über den Einfluss von Futtermittelzusätzen auf die Anfallshäufigkeit
Neurologe Holger Volk erläutert, welchen Einfluss bestimmte Futtermittelzusätze auf die Anfallshäufigkeit bei Hunden mit idiopathischer Epilepsie haben.
Geeignete Hunde für eine MCT-Supplementierung
Teilnehmende Hunde sollten keine Serienanfälle haben und dürfen, aber müssen nicht vortherapiert sein. Alle Tiere der Studie erhalten eine kostenlose diagnostische Aufarbeitung.
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Epilepsie-Sprechstunde an der LMU München
Die Epilepsiesprechstunde der LMU München bietet für Tierbesitzer aber auch für Tierärzte und Hundzuchtverbände Beratung in allen Fragen von Epilepsie, Tremor und Dyskinesie beim Hund. Durch die Unterstützung von Nestlé Purina PetCare können neben der Epilepsiediagnostik mit MRT und EEG vor Ort auch Telefontermine und Telemedizintermine bei Frau Prof. Fischer & Team vereinbart werden. Dabei werden Anfallskalender und das Verhalten des Hundes oder der Katze, Dosierungen und Medikamentenspiegel evaluiert, um eine optimale Einstellung der Therapie zu erreichen.
Multimodaler Therapieansatz
Bei der Behandlung von Epilepsie verfolgt die LMU München einen multimodalen Therapieansatz, bei dem neben Medikamenten und Stressreduktion auch die Fütterung einen wichtigen Beitrag zur „Gehirngesundheit“ leistet.
Pharmakoresistenz und MCT-angereichertes Futter
Bei Hunden mit schwer behandelbarer Epilepsie ist ein erfolgversprechender zusätzlicher Therapieansatz die begleitende Futterumstellung auf ein mit mittelkettigen Fettsäuren (MKT) angereichertes Futter. Eine kontrollierte Studie des Royal Veterinary College London unter der Leitung von Prof. Holger Volk in Kooperation mit dem innovativen und in der Forschung aktiven Tiernahrungshersteller Nestlé Purina PetCare hat gezeigt, dass die Alleinfütterung eines MKT-angereicherten Futters die Anfallsfrequenz neben den bekannten positiven Effekten auf kognitive Funktionen bei einem Teil der Hunde mit pharmakoresistenter idiopathischer Epilepsie deutlich reduzieren kann. Diese Ergebnisse haben sich auch in Folgestudien bestätigt.
Hohe Akzeptanz des Futters
Die Möglichkeit, den Verlauf der Epilepsie zu beeinflussen, wird vom Tierbesitzer sehr positiv bewertet, wozu auch die große Akzeptanz des Futters beiträgt.
Was tun bei einem epileptischen Anfall?
Ein epileptischer Anfall bei Ihrem Hund oder Ihrer Katze ist ein beängstigender Moment - aber Sie sind nicht allein.
Anzeichen vor dem Anfall
Manche Tiere zeigen Minuten bis Stunden vor dem Anfall ein verändertes Verhalten:
- Unruhe, Anhänglichkeit oder Verwirrung
- Zittern, Hecheln, Verstecken
- Rastloses Umherlaufen oder Jaulen
Wenn Sie solche Anzeichen bemerken:
- Beruhigen Sie Ihr Tier sanft, sprechen Sie leise, streicheln Sie es, wenn es das zulässt.
- Sichern Sie die Umgebung: Entfernen Sie Ihr Tier aus gefährlichen Situationen - z. B. von Treppen, vom Balkon oder aus dem Spiel mit anderen Tieren.
Während des Anfalls
Ein epileptischer Anfall kann einige Sekunden bis mehrere Minuten dauern. Auch wenn es schwerfällt:
- Bitte bleiben Sie ruhig.
- Fassen Sie Ihr Tier nicht an. Viele Hunde beißen in der Anfallsphase unkontrolliert - ohne es zu wollen.
- Räumen Sie spitze oder harte Gegenstände aus dem Weg, um Verletzungen zu vermeiden.
- Bleiben Sie bei Ihrem Tier, sprechen Sie ruhig mit ihm - Ihr Beistand ist wichtig.
- Stoppen Sie die Zeit. Ein Anfall, der länger als 5 Minuten dauert, ist ein Notfall (Status epilepticus)! Bitte sofort eine Tierklinik aufsuchen - jede Minute zählt.
Nach dem Anfall
Viele Tiere sind nach einem Anfall orientierungslos, erschöpft oder ängstlich. Manche zeigen auch kurzzeitig auffälliges Verhalten wie Blindheit, Unruhe oder sogar leichte Aggression. Was Sie tun können:
- Beruhigen Sie Ihr Tier, bieten Sie einen ruhigen, dunklen Rückzugsort an.
- Dokumentieren Sie den Anfall: Datum und Uhrzeit, Dauer und Stärke, Auffälligkeiten vorher oder nachher (z. B. Stress, Durchfall, Medikamentenwechsel).
- Führen Sie ein Anfallstagebuch ("Krampfkalender") - das hilft uns bei der Beurteilung und Therapieanpassung.
- Falls möglich, filmen Sie den Anfall mit dem Handy. Das Video hilft Ihrem Tierarzt bei der genauen Einschätzung.
- Legen Sie sich eine kleine „Notfallbox“ zurecht (Handy, Stoppuhr, Anfallstagebuch, evtl. Notfallmedikament).
- Haben Sie die Kontaktdaten Ihres Tierarztes griffbereit.
Status epilepticus: Ein Notfall
Obwohl die meisten epileptischen Anfälle selbstlimitierend sind und nur wenige Sekunden oder Minuten dauern, können sie in manchen Fällen länger anhalten und in einen Status epilepticus (SE) übergehen. Ein SE ist klinisch definiert als ein epileptischer Anfall, der länger als fünf Minuten andauert, oder als eine Serie von Anfällen ohne zwischenzeitliche vollständige Erholung. Ein SE ist ein häufiger neurologischer Notfall und kann bei Hunden mit idiopathischer Epilepsie, struktureller Epilepsie oder reaktiven Krampfanfällen auftreten. Er kann zu dauerhaften Hirnschäden und verschiedenen systemischen Komplikationen führen. Bei Hunden liegt die Mortalitätsrate zwischen 25,3 und 38,5 %.
Behandlung des Status epilepticus
Benzodiazepine (BZDs) werden aufgrund ihrer hohen Wirksamkeit und des schnellen Wirkungseintritts seit Jahrzehnten in der First-Line-Therapie bei Krampfanfällen eingesetzt.
Medikamentöse Behandlung
Aus der Gruppe der Benzodiazepine werden in der Tiermedizin hauptsächlich Midazolam (MDZ) und Diazepam (DZP) zur Therapie des SE eingesetzt, wobei nur DZP derzeit für Kleintiere zugelassen ist. DZP sollte eine Serumkonzentration von 0,15-0,5 μg/ml in 10-15 min erreichen, um die Krämpfe in einem SE zu kontrollieren. Für MDZ wurden für Hunde noch keine Werte festgelegt, aber von der Humanmedizin weiß man, dass < 0,04 μg/ml wirksam sind. Dies wird auch für Hunde angenommen. Zudem ist MDZ vermutlich potenter als DZP. In einer Studie mit Hunden zeigte sich eine größere suppressive Wirkung. Auch aufgrund seiner größeren Sicherheit wird MDZ zunehmend populärer.
Verabreichung von Medikamenten
MDZ kann in einer Dosis von 0,2-0,5 mg/kg i. v., i. m. oder i. n. (intranasal) gegeben werden. DZP lässt sich als Bolus oder Dosis von 0,5-1 mg/kg i. v. oder rektal verabreichen. Nach i. v. Gabe von BZDs setzt die Wirkung schnell innerhalb von < 2-7 min ein. Die i. m. Gabe von MDZ kann genauso effektiv sein wie die i. v. Gabe, da keine Zeitverzögerung durch das Legen eines Venenkatheders entsteht. Die maximale Serumkonzentration ist nach 10-15 min erreicht. DZP sollte aufgrund der ungleichmäßigen Absorption nicht i. m. Die Wirkung setzt bei bukkaler MDZ-Gabe nach 5-10 min ein. Sublingual wirkt es möglicherweise schneller, weil die Haut an dieser Stelle dünner ist. Eine bukkale oder sublinguale Medikamentengabe ist auch zu Hause möglich.
Intranasale Verabreichung von Midazolam
In neueren Studien zeigte sich i. n. MDZ nicht nur gegenüber rektaler DZP-Gabe, sondern auch gegenüber i. v. MDZ überlegen, besonders wenn die Zeit eingerechnet wird, die man benötigt, um einen Venenkatheder zu legen. Bei der i. n. Verabreichung gelangt der Wirkstoff über zwei Wege in das Gehirn: über die Blutzirkulation und direkt über die Nerven. Beim direkten Weg wird der Wirkstoff von der Nasenschleimhaut aufgenommen und gelangt über den N. trigeminus und den N. olfactorius unter Umgehung der Blut-Hirn-Schranke in das Gehirn. Die Umgehung der Blut-Hirn-Schranke kann besonders bei pharmakoresistenten Fällen hilfreich sein.
Holger Volk zur Behandlung des Status epilepticus
Dr. Holger A. Volk: Die Gabe von Diazepam rektal ist eine gute Option für eine Notfallbehandlung durch die Besitzer. Man muss ihnen jedoch zeigen, wie man sie richtig durchführt, damit sie effektiv wirken kann. Intranasale Midazolam-Therapie könnte jedoch in Zukunft eine interessante Option werden.
Ursachen für einen Status epilepticus
Dr. Holger A. Volk: Die häufigsten Ursachen für einen Status epilepticus sind Vergiftungen, dann eine strukturelle oder idiopathische Epilepsie. Bestimmte Hunderassen wie Border Collie, Australian Shepherd, Deutscher Schäferhund und Staffordshire Bullterrier haben häufiger einen schweren Verlauf einer idiopathischen Epilepsie, welcher mit Serienanfällen assoziiert ist. Das häufigere Auftreten von Serienanfällen prädisponiert für einen Status epilepticus.