Die Alzheimer-Krankheit ist eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit, und die Forschung nach Präventions- und Therapiemöglichkeiten ist von entscheidender Bedeutung. Eine aktuelle Studie liefert Hinweise darauf, dass eine ketogene Ernährung möglicherweise Alzheimer-Patienten helfen könnte, wobei die Ergebnisse jedoch mit Vorsicht zu betrachten sind. Dieser Artikel fasst die aktuelle Studienlage zur ketogenen Ernährung im Zusammenhang mit Alzheimer zusammen und beleuchtet die potenziellen Vor- und Nachteile dieser Ernährungsform.
Was ist eine ketogene Ernährung?
Die ketogene Ernährung ist eine kohlenhydratarme, aber fettreiche Ernährungsweise. Auf dem Speiseplan stehen viel Fisch, Käse, Nüsse oder Avocados sowie kohlenhydratarme Gemüsesorten. Anstatt von Kohlenhydraten nutzt der Körper Ketonkörper als Energiequelle. Diese bekommt er aus Fettreserven und Nahrungsfetten. Bei einer ketogenen Diät werden die Kohlenhydratanteile in der Ernährung durch eine höhere Fett- und Proteinzufuhr substituiert. Im Körper werden dann vor allem Fette in Form von Ketonkörpern zur Energiegewinnung herangezogen.
Die Rolle von Beta-Hydroxybutyrat (BHB)
Um einen frühen Gedächtnisverlust zu vermeiden, wird das Molekül Beta-Hydroxybutyrat (BHB) benötigt. Bei der ketogenen Diät erhöht sich der Wert um fast das Siebenfache. Wissenschaftler gaben den Mäusen der Studie ausreichend BHB, um die Vorteile einer siebenmonatigen Keto-Diät zu simulieren. Sie beobachteten, dass BHB die Fähigkeit hat, die Funktion von Synapsen zu verbessern. Das sind kleine Strukturen, die alle Nervenzellen im Gehirn verbinden. Wenn Nervenzellen besser verbunden sind, werden wiederum die Gedächtnisprobleme bei leichter kognitiver Beeinträchtigung verbessert.
Studienergebnisse an Mäusen
Eine ketogene Ernährung sorgt bei Mäusen für einen verzögerten Alzheimer-Gedächtnisverlust. Vor allem bei einer neuen Studie zeigt sich eine erhebliche Verbesserung. Um die Vorteile einer siebenmonatigen Keto-Diät zu simulieren, gaben Wissenschaftler den Mäusen der Studie ausreichend BHB.
Studienergebnisse an Menschen
Eine spannende Pilotstudie an älteren Erwachsenen mit leichten kognitiven Problemen, die eine frühe Alzheimer-Krankheit vermuten lassen, deutet darauf hin, dass die sogenannte ketogene Diät scheinbar positive Auswirkungen auf die Gehirnfunktion und das Gedächtnis hat. Nach sechs Wochen Keto-Diät war die Erinnerungsleistung der Probanden deutlich besser als zu Beginn. Die Ernährungsprotokolle zeigten deutlich, wie schwer es den Probanden gefallen ist, auf Kohlenhydrate zu verzichten. Die angestrebten 20 Gramm täglich erreichte niemand. Der niedrigste Wert waren 38,5 Gramm.
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In einer japanischen Studie mit Alzheimerpatienten schlossen Forscher, dass eine ketogene Nahrungsergänzung womöglich positive Effekte auf Gedächtnis und Denken haben könnte. Die Ergebnisse waren allerdings nicht eindeutig und könnten dem Placebo-Effekt zuzuschreiben sein. Die Teilnehmer waren 20 japanische Patienten mit milder bis moderater Alzheimerkrankheit. 11 der Teilnehmer waren Männer, 9 waren Frauen. Das Alter der Patienten lag bei durchschnittlich 73,4 Jahren. Nach 8 Wochen schienen sich die Ergebnisse in zwei Messungen der Gedächtnisleistung der Patienten im Vergleich zur Anfangsmessung verbessert zu haben. Nach 12 Wochen dagegen zeigte ein Test zur Verknüpfung von Zahlen und Buchstaben sowie einer der Gedächtnistests bessere Leistungen als zu Beginn der Studie. Die Autoren schließen, dass die ketogene Ergänzung der Ernährung womöglich positive Effekte auf manche Aspekte von Gedächtnis und Denken bei Alzheimerpatienten haben könnte.
Mögliche Risiken und Nebenwirkungen
Im Gegenteil ist zu befürchten, dass eine ausgedehnte ketogene Ernährung älteren Menschen sogar schaden könnte. In einer neueren Übersichtsarbeit beschrieb der polnische Ernährungswissenschaftler Dr. Włodarek (2019), dass eine Fehlernährung bei der Alzheimerkrankheit recht häufig ist. Betroffene essen einerseits krankheitsbedingt geringere Mengen. Andererseits ändert sich der Geschmackssinn, sodass typischerweise süßere Speisen bevorzugt werden. Die ketogene Diät hat zudem aber auch einen Appetitverlust zur Folge. Die Ernährung ist vom Nährstoffgehalt weniger gehaltvoll und für den Körper auch weniger verlockend. Zudem können verschiedene Nebeneffekte im Verdauungssystem Probleme machen. All dies kann zusammen dazu führen, dass die älteren Betroffenen noch weniger essen und in der Folge noch weniger essenzielle Nährstoffe aufnehmen.
Obwohl die ketogene Ernährung seit Jahren angepriesen wird, gibt es Hinweise darauf, dass eine langfristige kohlenhydratarme Ernährung krank machen kann. Insbesondere Menschen, die pflanzliche Nahrung durch viel Fleisch und tierische Produkte ersetzen, können Mangelerscheinungen entwickeln. Das schreiben Forscher, die 2021 für eine Meta-Analyse 123 Studien untersucht hatten. Laut den Wissenschaftlern liefern Low-Carb-Diäten oft wenig Thiamin, Folat, Vitamin A, Vitamin E, Vitamin B6, Kalzium, Magnesium, Eisen und Kalium. Zudem fehlen oft auch wichtige Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. Zudem stellten die Forscher fest, dass eine kohlenhydratarme Ernährung, die auf viel Fleisch und Fleischprodukte setzt, Herz- und Nierenerkrankungen, Diabetes und sogar Krebs begünstigt. Bei Alzheimer zeigen sich zunächst positive Effekte einer ketogenen Ernährung, die jedoch mit der Zeit abnehmen, konstatieren die Forscher. Stattdessen gebe es Hinweise, dass der Verzehr von viel Fleisch, Eiern, fettreichen Milchprodukten wie Butter und Käse das Alzheimer-Risiko sogar erhöhen soll.
Ketogene Ernährung und Entzündungen im Gehirn
Wer sich extrem kohlenhydratarm ernährt, könnte damit Entzündungsreaktionen im Gehirn vermindern. Bei einer ketogenen Diät werden die Kohlenhydratanteile in der Ernährung durch eine höhere Fett und Proteinzufuhr substituiert. Im Körper werden dann vor allem Fette in Form von Ketonkörpern zur Energiegewinnung herangezogen. Aus Tierversuchen wussten die Forscher, dass ketogene Ernährungsweisen Entzündungsparameter senken können. Bisher war laut den Forschern jedoch unklar, welcher Mechanismus zu Grund liegt.
Ketogene Diäten sind ein möglicher Behandlungsansatz für therapierefraktäre Epilepsien. Über die Epilepsien hinaus gibt es aus Tierversuchen Hinweise, dass die ketogene Diät die Entstehung von neurodegenerativen Erkrankungen beeinflussen kann. Eine Stabilisierung der Zellhomöostase und ein antiinflammatorisches Milleu könnten hier eine Rolle spielen.
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Alternative Ernährungsansätze zur Prävention und Therapie von Alzheimer
Da die ketogene Diät nicht für jeden geeignet ist und auch Risiken birgt, ist es wichtig, alternative Ernährungsansätze zur Prävention und Therapie von Alzheimer in Betracht zu ziehen. Zahlreiche epidemiologische Studien zeigen, dass traditionelle und pflanzenbetonte Ernährungsformen mit einem reduzierten Alzheimer-Risiko verbunden sind. Die niedrigste Alzheimer-Erkrankungsrate findet sich im ländlichen Indien, wo die Bevölkerung sich überwiegend lakto-vegetarisch ernährt und reichlich Hülsenfrüchte, Gemüse, Grünblättriges, Vollkorngetreide, Obst und damit sekundäre Pflanzenstoffe und Ballaststoffe verzehrt.
Bedeutung von Mikronährstoffen
Unter den Nährstoffen scheinen auf Basis epidemiologischer Untersuchungen einzelne Mikronährstoffgruppen besonders relevant zu sein:
- Anthocyane: Der Verzehr von in Blaubeeren sowie anderen dunklen Beeren und Obst enthaltenen Anthozyanen ist mit einer niedrigen Alzheimer-Rate verbunden.
- Fette: Während eine extrem fettreiche Ernährung nicht zu empfehlen ist, finden sich einige epidemiologische Studien, die sowohl für Omega-3-Fettsäuren als auch für den Verzehr von Nüssen sowie für die einfach ungesättigten Fettsäuren in Nüssen und Olivenöl Vorteile für den Erhalt der kognitiven Leistung und das Risiko einer Demenz dokumentierten.
- Gewürze: Einzelne Gewürze wie Rosmarin, Salbei, Zitronenmelisse und Safran können die kognitive Funktion günstig beeinflussen.
- Grünblättriges Gemüse: Grünblättriges Gemüse ist eine der Hauptquellen für Folsäure, die zu einer Absenkung von erhöhtem Homocystein im Blut führt und dies konsekutiv das Demenzrisiko senkt.
- Kreuzblütler: Der Verzehr von Kreuzblütlern wie Brokkoli, Kohl, Rosenkohl, Blumenkohl, Rucola oder Grünkohl ist mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden.
- Kaffee und Tee: Das regelmäßige Trinken sowohl von Kaffee als auch von grünem Tee ist mit einer Schutzwirkung auf die Demenz verbunden.
Komplexe Ernährungsformen
Einzelne Nährstoffe oder spezifische Nahrungsmittel spiegeln nicht die komplexe Wirksamkeit dessen wider, was im vielschichtigen Ernährungsalltag mit seinen individuellen Verdauungs- und Stoffwechselprozessen, dem Mikrobiom mit prä- und postbiotischen Wechselwirkungen und der Interaktion mit dem übrigen Lebensstil stattfindet. Daher ist es medizinisch von herausgehobener Bedeutung, die Wirksamkeit von komplexen Ernährungsformen auf das Risiko, an Demenz zu erkranken, und/oder die Wirkung auf die kognitive Funktion und beginnende demenzielle Prozesse in der Bildgebung zu evaluieren.
- Die Finger-Studie: Eine erste große randomisierte Studie, die eine komplexe Ernährungstherapie auf der Basis einer „gesunden“ Ernährung in Kombination mit einem Lebensstilprogramm untersuchte, war die aus Finnland stammende „Finger-Studie“. Nach 2 Jahren war die Kognition in der Gruppe mit dem Ernährungs- und Lebensstilprogramm statistisch signifikant besser, der Effekt an sich war allerdings nicht sehr ausgeprägt.
- Mediterrane Ernährung und die MIND-Diät: Die mediterrane Diät hat sich inzwischen in der Kardiologie und Diabetologie auf Basis umfangreicher epidemiologischer Evidenz sowie Daten aus randomisierten Untersuchungen wie der PREDIMED-Studie als „State of the Art“ durchgesetzt. Inzwischen konnten epidemiologische Studien auch einen Zusammenhang zwischen dem Verzehr einer mediterranen Ernährung und der Absenkung des Risikos für Demenz feststellen, allerdings waren auch hier wieder die absoluten Effekte nicht sehr ausgeprägt. Auf Basis der bestehenden Evidenz zur mediterranen Ernährung und der sogenannten DASH-Ernährung wurde vor einigen Jahren eine Best-Practice-Ernährung zur möglichen Prävention der Demenz an der Universität Chicago entwickelt, die MIND-Diät.
- Pflanzliche Ernährung und das Ornish-Programm: Eine beeindruckende, im Juni 2024 publizierte Studie gibt neue Hoffnung für die Prävention und Frühtherapie der Alzheimer-Demenz. Dean Ornish und Team zeigten in einer kleinen Studie, dass ein Lebensstilprogramm aus vollwertiger, pflanzlicher, fettarmer Ernährung, täglichem Walking und Meditation bereits nach 5 Monaten eine deutliche Verbesserung der Gehirnfunktion bei Patienten mit beginnender Demenz bewirken kann.
Einfluss des Darmmikrobioms
Studien an Menschen und Mäusen zeigen, dass die Darmmikrobiota die Entwicklung der Alzheimer-Krankheit (AD) beeinflussen kann. Ein verminderter Kontakt mit der Mikrobiota oder Veränderungen in ihrer Zusammensetzung aufgrund von übermäßiger Hygiene oder ballaststoffarmer westlicher Ernährung in der frühen Kindheit können zu einer unangemessenen Reifung des Immunsystems mit langfristigen Folgen für die Funktion des zentralen Nervensystems (ZNS) führen. Ketogene Ernährung (KD), körperliche Aktivität und kognitives Training modulieren die Darmmikrobiota, formen das Immunsystem, reduzieren die neuronale Apoptose und fördern neurotrophe Signale vor der Entwicklung der Alzheimer-Krankheit, was sich alles positiv auf die Gehirnfunktion auswirkt.
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