Die Krankengymnastik (KG), heute Physiotherapie, ist eine vielseitige Behandlungsform, die in fast allen medizinischen Fachbereichen Anwendung findet. Sie umfasst sowohl aktive als auch passive Therapiemethoden mit dem Ziel, die Funktionsfähigkeit des Körpers zu verbessern. Innerhalb der Physiotherapie nehmen neurologische Behandlungskonzepte, zusammengefasst unter dem Begriff KG-ZNS, eine besondere Rolle ein. Zu den bekanntesten Therapiekonzepten der KG-ZNS zählen die Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF) und die Bobath-Therapie. Dieser Artikel widmet sich der Bobath-Therapie im Rahmen der KG-ZNS, insbesondere im Hinblick auf die Definition, die Anwendungsbereiche und die Bedeutung von 20 Behandlungen.
Grundlagen der Krankengymnastik
Krankengymnastische Behandlungstechniken dienen der Behandlung von Fehlentwicklungen, Erkrankungen, Verletzungsfolgen und Funktionsstörungen der Haltungs- und Bewegungsorgane sowie der inneren Organe und des Nervensystems. Dabei kommen mobilisierende und stabilisierende Übungen und Techniken zur Verbesserung der passiven Beweglichkeit, Muskeltonusregulierung sowie zur Kräftigung und Aktivierung geschwächter Muskulatur zum Einsatz. Auch die Behandlung von Folgen psychischer oder psychophysischer Störungen im Bereich der Bewegungsorgane fällt in den Aufgabenbereich der Krankengymnastik.
Ein wesentlicher Bestandteil der Leistung ist die Information, Motivation und Schulung des Patienten über gesundheitsgerechtes und auf die Störung der Körperfunktion abgestimmtes Verhalten (Eigenübungsprogramm) sowie die Schulung des Patienten und ggf. der betreuenden Person im Gebrauch seiner Hilfsmittel. Krankengymnastik wird von staatlich geprüften Physiotherapeuten ausgeübt und umfasst eine Vielzahl einzelner therapeutischer Maßnahmen zur Erhaltung und Verbesserung von Kraft, Ausdauer und Koordination. Auch die Verbesserung von Kreislauffunktionen und die Linderung von Schmerzen sind Aufgaben der Krankengymnastik.
KG-ZNS: Neurologische Behandlungskonzepte in der Physiotherapie
Die KG-ZNS ist eine Zusammenfassung mehrerer neurologischer Behandlungskonzepte, die bei Patienten mit Störungen des zentralen Nervensystems (ZNS) Anwendung finden. Das ZNS umfasst das Gehirn und das Rückenmark. Neurologische Behandlungsmethoden gehen davon aus, dass alle menschlichen Bewegungsmuster seit der frühsten Kindheit im zentralen Nervensystem abgespeichert werden. Wenn eine Erkrankung dieses Muster verändert, können die Bewegungsabläufe also wieder hervorgerufen werden. Das heißt, dass sich der Körper wieder an bestimmte Bewegungsmuster “erinnert”.
Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF)
Bei dieser Behandlungsmethode verstärkt der Therapeut durch dreidimensionale Bewegungen des Patienten alle äußeren sowie inneren Reize des betroffenen Körperabschnitts. Dabei wird die vollständige Wiederherstellung der Bewegungsmuster angestrebt. Ist das nicht mehr möglich, entwickelt der Therapeut mit dem Patienten eine ähnliche Bewegung, die dem gleichen Ziel dient. PNF hat das Ziel, pathologisch veränderte Bewegungsabläufe wieder zu physiologischen (gesunden) Bewegungsabläufen zurückzuführen. Sie nutzt die Tatsache, dass die physiologischen Bewegungsmuster der Körperabschnitte und die Gesamtbewegungsmuster (Musterkombinationen im Gehen) im ZNS abgespeichert sind.
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Bobath-Konzept: Individuelle Therapie im Alltag
Im Unterschied zu anderen Konzepten gibt es in der Bobath-Therapie keine standardisierten Übungen. Im Vordergrund stehen individuelle und alltagsbezogene therapeutische Aktivitäten, die den Patienten in seinem Tagesablauf begleiten. Das Konzept basiert auf der Plastizität des zentralen Nervensystems, also der Fähigkeit, nach einem Trauma Bewegungsabläufe wieder neu erlernen zu können.
Das Bobath-Konzept im Detail
Das Bobath-Konzept ist ein rehabilitativer Ansatz in Therapie und Pflege von Patienten mit Schädigungen des Gehirns oder des Rückenmarks. Benannt ist es nach seinen Entwicklern Berta Bobath (1907-1991), einer Physiotherapeutin, und ihrem Ehemann, dem Neurologen Dr. Karl Bobath (1906-1991). Das Konzept beruht auf der Annahme der "Organisationsfähigkeit" (Plastizität) des Gehirns, das heißt, dass gesunde Hirnregionen die zuvor von den erkrankten Regionen ausgeführten Aufgaben neu lernen und übernehmen können. Häufig sind bei traumatischen Hirnschädigungen nicht die eigentlichen Kontrollzentren zerstört, sondern Verbindungswege unterbrochen, die mit konsequenter Förderung und Stimulation des Patienten durch alle betreuenden Personen neu gebahnt werden können.
Mit dem Bobath-Konzept soll im Gegensatz zu herkömmlichen Methoden keine notdürftige Kompensation der Lähmungen, sondern das Wiedererlernen normaler Bewegungsfähigkeiten erreicht werden. Der frühzeitige Einsatz von Therapie und Pflege nach dem Bobath-Konzept schon auf der Intensivstation kann negative Entwicklungen wie die Ausbildung von Spastik und das Erlernen unphysiologischer Bewegungsabläufe zu vermindern oder zu vermeiden helfen. Die fortgesetzte Anwendung der Prinzipien des Bobath-Konzeptes bewirkt für alle Patienten bessere Erfolgsaussichten in der weiteren Rehabilitation.
Ziele der Bobath-Therapie
- Hemmung pathologischer Entwicklungen und Bahnung physiologischer Bewegungsmuster
- Verbesserung der Motorik, Sensorik, Psyche und Sprachanbahnung
- Ausnutzung der Stimulationsmöglichkeiten (Plastizität) des Gehirns
- Verbesserung der zentralen Kontrolle
- Optimierung der Haltungskontrolle
- Ermöglichung isolierter Bewegungen von Rumpf und Extremitäten
- Verminderung von Spastiken oder positive Beeinflussung von Paresen
- Bewältigung des Alltags und Anpassung der häuslichen Umwelt
Anwendungsbereiche der Bobath-Therapie
Die Bobath-Therapie findet Anwendung bei Menschen mit Schädigungen des zentralen Nervensystems (ZNS), wie zum Beispiel nach einem Schlaganfall, bei Multipler Sklerose, Morbus Parkinson oder anderen neurologischen Erkrankungen. Alle neurologischen Erkrankungen können mit der KG-ZNS gut behandelt werden. Die häufigsten sind:
- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
- Morbus Parkinson
- Multiple Sklerose (MS)
- Querschnittslähmungen
- Schlaganfall
- Schädel-Hirn-Trauma
- Zentrale Bewegungsstörungen
- Zerebralparesen
- Lähmungen
- Polyneuropathien
- Fußheberparesen / Fußheberschwächen
Der Bobath-Therapeut
Neurologische Patienten können sich ausschließlich von fortgebildeten Physiotherapeuten auf ärztliches Rezept behandeln lassen. Die Fachärzte, die am häufigsten neurologische Behandlungen verschreiben, sind Neurologen, Rehabilitationsmediziner und Orthopäden. Da in der Regel ein langer Behandlungszeitraum anstehen kann, sind auch einige Hausärzte dazu bereit, sie bei ihrer Behandlung zu unterstützen. Die Heilmittel KG-Bobath und KG-PNF auch als KG-ZNS bezeichnet, die zur Behandlung von zentralen Bewegungsstörungen verordnet werden, ist eine spezielle Weiterbildung von mindestens 120 Stunden. Voraussetzung für die Abrechnung der Leistung ist die Erteilung einer Abrechnungserlaubnis durch die Landesorganisationen der Krankenkassen. Der Qualifikationsnachweis über die erfolgreich abgeschlossene Weiterbildung ist den Landesorganisationen der Krankenkassen rechtzeitig zu übermitteln, damit diese rechtzeitig vor der Abrechnung eine Abrechnungserlaubnis erteilen können.
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Die Bedeutung von 20 Behandlungen im Rahmen der KG-ZNS Bobath
Die Anzahl der Behandlungen, die ein Patient im Rahmen der KG-ZNS Bobath erhält, wird individuell festgelegt und hängt von der Art und Schwere der neurologischen Erkrankung sowie denFortschritten des Patienten ab. 20 Behandlungen können ein sinnvoller Rahmen sein, um erste Verbesserungen zu erzielen und den Patienten in die Lage zu versetzen, selbstständig Übungen durchzuführen und Strategien für den Alltag zu entwickeln.
Ablauf einer Bobath-Behandlung
Während der Bobath-Therapie wird ein speziell geschulter Physiotherapeut Deine Bewegungs- und Funktionsfähigkeit sorgfältig analysieren. Auf Basis dieser Analyse entwickeln wir einen Behandlungsplan, der sowohl Übungen in der Praxis als auch alltagstaugliche Bewegungsstrategien für zu Hause umfasst. Gemeinsam mit dem Therapeut versucht der Patient, verloren gegangene Bewegungsmuster wieder abzurufen oder neue Handlungsprogramme zu aktivieren. Ein Bestandteil der Therapie ist es, die Haltungskontrolle zu optimieren. Dies wiederum ermöglicht es, Rumpf und Extremitäten isoliert zu bewegen. Dabei hat die Wahrnehmung einen großen Stellenwert. Die Mitarbeit des Patienten ist Voraussetzung für einen Erfolg. So können auch Spastiken vermindert oder Paresen positiv beeinflusst werden. Zusammen mit den Angehörigen der Patienten versucht der Therapeut, Möglichkeiten zur Bewältigung des Alltags zu finden und zu helfen, die häusliche Umwelt entsprechend anzupassen.
Ist die KG-ZNS schmerzhaft?
Alle neurologischen Behandlungsformen der KG-ZNS sind schmerzfrei. Viel mehr müssen sie schmerzfrei sein. Gerade bei zentralen Störungen unseres Nervensystems kann es durch Schmerzen zu Krämpfen oder noch gravierender zu Spastiken kommen. Die Spastiken behindern erheblich die Therapie und verhindern das der/die Patient/in seine/ihre Übungen korrekt ausüben kann. Ebenfalls ist es möglich, dass das gestörte Nervensystem Schmerzen verstärkt weitergibt oder in manchen Fällen gar nicht. Wenn der/die Patient/in Schmerzen nicht mehr wahrnimmt, kann es sogar gefährlich werden. Es ist möglich, dass Verletzungen an Haut, Muskulatur oder Skelett nicht wahrgenommen werden. Schmerzen sind also zu jeder Zeit zu vermeiden.
Weitere physiotherapeutische Maßnahmen
Neben der KG-ZNS Bobath gibt es eine Vielzahl weiterer physiotherapeutischer Maßnahmen, die bei neurologischen Erkrankungen unterstützend eingesetzt werden können:
- Manuelle Therapie: Behandlung von Funktionsstörungen des Stütz- und Bewegungsapparates
- Manuelle Lymphdrainage: Unterstützung der reduzierten Pumpfunktion des Gefäßsystems
- Massage: Lockerung verspannter Muskeln, Anregung der Durchblutung
- Gerätegestützte Krankengymnastik: Verbesserung von Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination
- Wärme- und Kältetherapie: Schmerzlinderung und Entspannung
- Medical Taping: Unterstützung der Gelenkfunktion, Schmerzreduktion
- Faszientherapie: Behandlung von Bindegewebszonen
- Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) Therapie: Behandlung von Störungen im Zusammenwirken der Kiefergelenke, der Zähne und Kaumuskulatur
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