Kiefergelenk: Neurologische Ursachen und ihre Auswirkungen

Funktionsstörungen der Kiefergelenke können eine Vielzahl von Beschwerden verursachen, die nicht nur das Kausystem betreffen. Dieser Artikel beleuchtet die neurologischen Ursachen von Kiefergelenksproblemen, ihre Auswirkungen auf den Körper und die verschiedenen Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten.

Das komplexe System des Kiefergelenks

Das Kiefergelenk nimmt eine Sonderstellung ein, da es in allen drei Achsen beweglich ist und als einziges Gelenk als Paar fungiert. Das linke und rechte Gelenk sind miteinander verbunden und bewegen sich zwangsweise mit. Durch diese Komplexität ist das Kiefergelenk besonders störanfällig, und Funktionsstörungen können regelrechte Kettenreaktionen auslösen, die sich auf die Nacken- und Schultermuskulatur auswirken.

Die Bedeutung des Kauens

Die Nahrung sollte optimal für die Verdauung in Magen und Darm vorbereitet werden. Dies geschieht durch ausreichendes Kauen. Es wird empfohlen, dass die Nahrung 36 Mal gekaut werden muss. Bei Fehlentwicklungen des Kiefers und der Zähne ist dies jedoch oft nicht möglich.

Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD)

Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) bezeichnet eine Fehlfunktion des Kausystems, die häufig zu Schmerzen und Funktionsstörungen im Kiefergelenk und der Kaumuskulatur führt. Vermutlich spielen bei der Entstehung Fehlstellungen zwischen Kiefer und Schädel, Stress oder nächtliches Zähneknirschen eine Rolle.

Symptome der CMD

Die Cranio-Mandibuläre Fehlfunktion äußert sich in verschiedenen Anzeichen, die oft im Bereich des Kiefers und der Kaumuskulatur auftreten und in Intensität und Häufigkeit stark variieren können. Typische Symptome sind:

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  • Schmerzen im Kiefergelenk
  • Gelenkgeräusche (Knacken oder Reiben)
  • Schwierigkeiten beim Kauen, Schlucken oder Sprechen
  • Kieferblockaden und eingeschränkte Mundöffnung

Neben den typischen Anzeichen rund um Kiefer und Kaumuskulatur treten bei Patienten mit Craniomandibulärer Dysfunktion auch andere Beschwerden auf, sogenannte Begleitsymptome. Sie können nicht nur den gesamten Körper betreffen, sondern auch emotionalen Stress auslösen. Dazu zählen:

  • Zahn- und Zahnfleischerkrankungen
  • Migräne, Kopf- oder Gesichtsschmerz
  • Berührungsempfindlichkeit am Kopf
  • Tinnitus oder Ohrenschmerzen
  • Schwindelgefühle
  • Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich, manchmal auch im gesamten Bewegungsapparat
  • Bandscheibenprobleme
  • Beckenschiefstand

Häufig leiden CMD-Patienten unter vielen verschiedenen Beschwerden, die sie selbst kaum miteinander in Verbindung bringen. Die Zeit vor der Diagnosestellung wird häufig als psychisch belastend empfunden.

Ursachen der CMD

Die CMD kann verschiedene Ursachen haben. Es gibt Hinweise darauf, dass eine Kraniomandibuläre Dysfunktion mit verspannungsbedingten Schmerzen in anderen Körperregionen zusammenhängt. So können sich Schmerzen z. B. im Nackenbereich über Nerven-, Muskel- und Faszien-Verbindungen - sogenannte neuromyofasziale Verbindungen - bis in die Fußregion auswirken. Bruxismus - das (oft nächtliche) Zähneknirschen wird häufig ebenfalls als Auslöser angeführt. Auch Fehlhaltungen und mangelnde Bewegung begünstigen möglicherweise die Entstehung der Craniomandibulären Dysfunktion. Psychischer Stress aufgrund beruflich oder privat belastender Umstände kann die Beschwerden verstärken. Fehlende Zähne oder Zahnfehlstellungen können ein Ungleichgewicht im Kiefergelenk verursachen und CMD-Symptome auslösen. Dies gilt ebenso für schlechtsitzenden Zahnersatz wie Brücken oder Kronen. Norm- und Formvarianten bei Gelenken - hier: des Kiefergelenks - beziehen sich auf Abweichungen von der typischen Gelenk-Anatomie. Oft liegen sie innerhalb eines normalen Bereichs und haben keine pathologische Bedeutung. Manchmal gehen die abweichenden Gelenkstellungen jedoch mit klinischen Beschwerden einher, insbesondere wenn sie zu einer Überbeanspruchung oder Instabilität führen. So können bestimmte Norm- und Formvarianten des Kiefergelenks zur Ausprägung einer Craniomandibulären Dysfunktion beitragen.

Neurologische Verbindungen

Die Halswirbelsäule (HWS), insbesondere der obere Abschnitt, ist mit dem Kiefer durch das Nervensystem eng verschaltet. Dadurch können Funktionsstörungen in der oberen HWS-Region bis in den Kieferbereich ausstrahlen.

Bruxismus und neurologische Faktoren

Bruxismus ist definiert durch ungewollte episodische und repetitive Kiefermuskelkontraktionen. Charakteristisch ist dabei das nächtliche Reiben der Zähne gegeneinander, wodurch es zu Zahnschmelzschäden und Schäden der Zahnhartsubstanz bei unbewusster Aktivität der Kiefermuskulatur kommen kann. Die Prävalenz des nächtlichen Bruxismus beträgt beim Kind bis zu 20%, beim Erwachsenen 3%. Die Lebenszeitprävalenz liegt allerdings bei bis zu 50%, das heisst, jeder zweite Erwachsene erlebt Phasen von nächtlichem Knirschen, meist im Zusammenhang mit Stress, Ängsten etc. Insbesondere für Wachbruxismus werden Zusammenhänge mit neurodegenerativen Erkrankungen beschrieben. Ursache können auch zerebrale Durchblutungsstörungen oder zerebrale Blutungen sein. Ursächlich für Bruxismus können auch zentralneurologische und psychogene Faktoren sein, wie beispielsweise starke seelische und geistige Anspannung, körperlicher und emotionaler Stress, Depressionen oder Angstzustände. Diese werden während des Schlafs, in der Zeit, in der das Bewusstsein ruht, verarbeitet.

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Diagnose von Kiefergelenksproblemen

Eine eindeutige Diagnose der Craniomandibulären Dysfunktion erfordert oft eine Funktionsanalyse beim Zahnarzt, da eine Fehlfunktion des Kiefergelenks nicht immer sichtbar oder spürbar ist. Hier werden folgende Methoden angewendet:

  • Klinische Funktionsanalyse: Durch Abtasten des Kieferbereichs stellt der Arzt das Ausmaß der Störung fest und grenzt die von Schmerzen betroffenen Areale ein. Untersucht wird außerdem die seitliche Bewegung der Gelenke und die Kaubewegung mit möglichen Auswirkungen auf die Gelenkkapseln.
  • Strukturanalyse: Einzelne Elemente des Kauapparates wie das Kiefergelenk, die Kapseln, Muskeln und Bänder werden auf ihr Verhalten in verschiedenen Belastungsrichtungen untersucht.
  • Instrumentelle Funktionsanalyse: Mit verschiedenen instrumentellen Verfahren werden Funktion und Zustand von Kiefergelenk und Kauapparat gemessen, abgebildet und analysiert.

Bildgebende Verfahren

Ein exaktes Bild der Kiefergelenkanatomie liefert die Kernspintomografie. Diese Untersuchung - auch als MRT (Magnetresonanztomografie) bekannt - ist wichtiger Baustein jeder Therapie. Die Kiefergelenks-MRT liefert dreidimensionale Bilder beider Gelenke eines Patienten. Das Verfahren ist strahlenfrei und nicht-invasiv. Bei Verdacht auf Craniomandibuläre Dysfunktion wird ein dynamisches Bildgebungsprotokoll angewendet: den Scan „MRT-Kiefergelenke“. Die Aufnahmen erfolgen nach genormten Standards, damit zu verschiedenen Untersuchungszeitpunkten aufgenommene Bilder exakt vergleichbar sind. Eine dynamische MRT der Gelenke des Kiefers zeigt krankhafte Veränderungen schon in einem frühen Stadium und ermöglicht so eine frühzeitige CMD-Behandlung.

Die Magnetresonanztomographie des Kauapparates ergibt bei Verdacht auf eine Dysfunktion folgende wichtige Erkenntnisse für eine Diagnose:

  • Darstellung der Gelenkanatomie des Kiefers mit der Gelenkscheibe (Discus) bei geschlossenem und geöffnetem Mund und - falls bereits vorhanden - auch mit einer Aufbiss-Schiene
  • Abbildung symptomatischer Norm- und Formvarianten der Gelenke
  • Darstellung pathologischer Veränderungen von Gelenk und Discus
  • Ausmessung der Lage des Kieferköpfchens in der Pfanne und der Lage des Discus unter Behandlung

Diese Informationen geben wichtige Hinweise für beginnende Behandlungen und das Therapie-Monitoring. Sie tragen so grundlegend zum Behandlungserfolg bei.

An wen wende ich mich bei CMD?

Ihr erster Ansprechpartner bei Beschwerden im Kiefergelenkbereich ist der Zahnarzt. Bei Verdacht auf Craniomandibuläre Dysfunktion kann dieser eine Diagnose stellen und eine entsprechende Therapieempfehlung geben.

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Behandlungsmöglichkeiten

So unterschiedlich die Ursachen für Kiefergelenksprobleme sind, so vielfältig sind die Therapiemöglichkeiten. Die Behandlung der funktionellen Kiefergelenksbeschwerden besteht zunächst aus konservativen Maßnahmen. Besteht die Behandlung der funktionellen Kiefergelenksbeschwerden zunächst aus konservativen Maßnahmen, so beinhaltet das Therapiekonzept anderer Erkrankungen häufig eine operative Therapie. Entsprechend der Erkrankung des Kiefergelenkes bieten sich unterschiedliche Verfahren zur Behandlung an. Hierbei kann sowohl eine Symptomlinderung im Vordergrund stehen als auch die vollständige Resektion des Kiefergelenks, beispielsweise bei Vorliegen einer Tumorerkrankung.

Konservative Therapie

Die Therapie der genannten myofunktionellen Beschwerden richtet sich nach der Symptomatik und beinhaltet in der Regel ein konservatives Vorgehen. Neben der Schmerztherapie bewirkt die manuelle Therapie und Physiotherapie des Kiefergelenkes häufig eine Beschwerdereduktion und Verbesserung der Kiefergelenksfunktion. Ebenso bewirken Aufbiss-Schienen in den überwiegenden Fällen eine Reduktion der Beschwerden. Die Indikationsstellung für die entsprechenden Behandlungsformen, insbesondere ab wann eine chirurgische Maßnahme notwendig wird, stellen wir meist gemeinsam in unserer interdisziplinären Kiefergelenksprechstunde gemeinsam mit der Klinik für Kieferorthopädie (Direktor Univ.-Prof. Dr. med. dent. Michael Wolf).

Operative Therapie

Die Indikation für eine Operation (OP) im Bereich des Kiefergelenkes sollte dabei streng gestellt werden. Neben der Gefahr der Gefäßverletzung besteht die Gefahr einer Nervschädigung. Insbesondere eine Verletzung des für die Mimik verantwortlichen Gesichtsnervs (Nervus facialis) ist aufgrund seiner engen topographischen Lagebeziehung zum Operationsgebiet eine häufige Komplikation. Auf ein ausreichendes intraoperatives Nerv-Monitoring wird bei offenen Eingriffen am Kiefergelenk daher stets geachtet. Eine Eröffnung der Kiefergelenkskapsel beinhaltet als Risiko stets die Gefahr einer Infektion, eines Absterbens von Knochen und Knorpel im Gelenk oder Wundheilungsstörung und Vernarbung. Eine Operation am Kiefergelenk mit Eröffnung der Kapsel muss stets unter streng sterilen Bedingungen erfolgen, beispielsweise sollte nach Möglichkeit nicht parallel in der Mundhöhle operiert werden. Ebenso besteht die Möglichkeit der Verletzung benachbarter Strukturen wie die Perforation des äußeren Gehörganges sowie eine Schädigung des Trommelfells und des Innenohrs. Eine entsprechende Abwägung der Indikation und Aufklärung über die möglichen Risiken ist vor einer Kiefergelenks-OP im Rahmen eines ausführlichen differenzialtherapeutischen Patientengespräches unbedingt erforderlich. Gerne beraten wir Sie hierzu im Rahmen eines persönlichen Termins in unserer Sprechstunde.

Kiefergelenk-Operationen werden im Allgemeinen in Vollnarkose und stationär durchgeführt. In der Regel erfolgt die chirurgische Therapie hier im Sinne eines Stufenschemas:

  • Arthrozentese
  • Arthroplastik
  • Kiefergelenksluxation
  • Verriegelungsplastik
  • Eminektomie
  • Fehlbildungen und Tumorerkrankungen des Kiefergelenks
  • Kondylotomie und Kondylektomie
  • Rekonstruktion des Kiefergelenkes
  • Totaler Kiefergelenksersatz durch alloplastische Totalendoprothesen

Zusätzliche Therapieansätze

  • Physiotherapie: In der Physiotherapie kommen manualtherapeutische Maßnahmen und Übungen zur Verbesserung der Koordination des Kiefergelenkes sowie des funktionellen Zusammenspiels zwischen Kiefer, Halswirbelsäule und Schultergürtel zum Einsatz. Auch die Körperhaltung wird, wenn nötig, korrigiert.
  • Osteopathie: Der Osteopath beschäftigt sich mit der Anatomie und Funktion der Knochengrenzen sowie der umgebenden Weichgewebe. Die Osteopathie dient ebenfalls der Beseitigung oder Linderung einer CMD-Symptomatik sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen.
  • Kieferorthopädie: Der Kieferorthopäde kann Fehlbisse, die häufig mit einer CMD korrelieren, mithilfe einer Zahnspange korrigieren und damit einer sich potentiell entwickelnden CMD vorbeugen.

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