Vagusnerv und Kiefergelenk: Behandlung und Zusammenhänge

Viele Menschen leiden unter Spannungen im Kiefergelenk, die oft mit dem Vagusnerv in Verbindung stehen. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen dem Vagusnerv, dem Kiefergelenk und möglichen Behandlungsansätzen.

Einführung

Das Kiefergelenk ist eines der beweglichsten Gelenke im menschlichen Körper. Es ermöglicht uns zu sprechen, zu essen und zu gähnen. Aufgrund seiner Komplexität und der ständigen Beanspruchung ist es jedoch auch anfällig für Störungen. Spannungen in der Muskulatur und den Faszien rund um das Kiefergelenk sind weit verbreitet und können zu Kieferschmerzen und Kieferverspannungen führen.

Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD)

Die craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) ist ein häufiges, aber oft unterschätztes Problem, das nicht nur Schmerzen im Kieferbereich verursacht, sondern auch zahlreiche andere Beschwerden nach sich ziehen kann. CMD bezeichnet strukturelle, funktionelle, biochemische und psychische Fehlregulationen der Muskel- oder Gelenkfunktion der Kiefergelenke. Die Ursachen sind oft multifaktoriell und können von Stress, Überbelastung der Kiefermuskulatur bis hin zu Zahnfehlstellungen oder Bruxismus (Zähneknirschen) reichen.

Zusammenhänge zwischen Kiefergelenk und Körper

In der Physiotherapie wird der Patient als Ganzes betrachtet. Es ist wichtig, die Wechselwirkungen zwischen Kiefer, Nacken, Rücken und dem restlichen Körper zu verstehen. Eine enge Kooperation mit Zahnärzten ist entscheidend, insbesondere bei der Anfertigung und Anpassung von Schienen zur Behandlung von Bruxismus.

Ein asymmetrischer Aufbiss kann über dysfunktionale Verkettungen, z.B. der Schlund- und vorderen Halsmuskulatur, bei der Untersuchung der Patienten häufig zu einer Verhärtung und Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule führen. Ebenso kann man häufig darunter liegende Dysfunktionen am Übergang von der Halswirbelsäule zur Brustwirbelsäule, Dysfunktionen im Übergang der Lendenwirbelsäule zum Kreuzdarmbeingelenk und somit zum Becken ertasten. Häufig haben CMD Patient*innen eine Funktionsstörung der 12. Rippe, die Bauchschmerzen verursachen kann. Ebenfalls kann es zu inneren Schmerzen im Bauchbereich der Dünndarmaufhängung kommen, was ebenfalls Bauchschmerzen macht. Übergreifend einbezogen wird u.a. Dr. A.K.

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Nicht nur die Höhe und Stellung der Zähne spielen eine wichtige Rolle für das Kiefergelenk, sondern auch Spannungen im gesamten Haltungssystem können die Funktion belasten. Ein sehr wichtiger Faktor für die CMD sind neben Zahnstellung die Verspannungsmuster der kurzen Hals- und Kiefermuskeln. Bei länger andauernder Kieferfehlfunktion zeigen sie oft Myofasziale Triggerpunkte, die den Erfolg anderer Therapiekonzepte wie z.B. Der Muskeltest der FMD hilft uns dabei, zu erkennen, welche Behandlungen im Einzelfall an welcher Stelle des craniomandibulären Systems gebraucht werden.

Körperschiefhaltungen können sowohl von oben nach unten absteigen (z.B. durch eine CMD), oder sich von unten nach oben aufbauen. Hierbei wird zunächst die Kieferebene schief - darauf folgt eine Ausgleichsbewegung der Schultern, darauf wiederum reagiert das Becken mit einer ausgleichenden Schiefhaltung. An vielen Punkten der schiefen Körperhaltung können sich aufgrund der Spannungen Symptome zeigen. Eine große Hilfe für die Unterscheidung und damit die Therapie bietet die 3-Dimensionale Wirbelsäulenvermessung, bei der wir die Effekte einer Kieferveränderung (z.B. durch den Biss auf Watterollen während der Messung) und einer Beckenkorrektur auf das gesamte Haltungssystem darstellen können.

Die Verbindung zum Vagusnerv

Der Vagusnerv ist der längste Nerv im menschlichen Körper und verläuft vom Gehirn bis in den Bauchraum. Sein Name „Vagus“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „umherschweifend“, was gut zu seinen zahlreichen Verzweigungen und Verbindungen zu verschiedenen Organen und Systemen passt: er ist mit fast allen inneren Organen verbunden. Außerdem ist er ein zentraler Bestandteil des parasympathischen Nervensystems, das für die Funktionen Ruhe und Verdauung verantwortlich ist.

Der Vagusnerv leitet wichtige Informationen von Organen und Systemen an das Gehirn und den Hirnstamm weiter. Bei bestimmten Symptomen oder Erkrankungen kann es daher sinnvoll sein, diese Verbindung entweder zu verstärken oder zu hemmen.

Entwicklungsgeschichtlich ist der Mensch ein Raubtier. In der Gelenkkapsel der beiden Kiefergelenke ist ein wichtiger Hirnnerv verschaltet, der Nervus Trigeminus. Beim Kauen wird dieser über die Dehnung und Spannungsänderung der Kiefergelenke aktiviert. Ein weiterer sehr wichtiger Hirnnerv, der Nervus Vagus, wird durch den sensiblen Ast des N.

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Vagusnerv und Verdauung

Eine Dysfunktion des Kiefergelenks kann über den Vagusnerv auch zu Verdauungsproblemen führen. Der Magen-Darm-Trakt und das Gehirn stehen in ständigem Austausch, man spricht hier auch von der Darm-Hirn-Achse. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Vagusnerv. Unter anderem wird so das Sättigungsgefühl und der Blutzuckerspiegel während der Nahrungsaufnahme reguliert. Dies ist einer der Gründe, warum es ratsam ist, dass du dich beim Essen nicht von äußeren Einflüssen ablenken lässt. Wenn du beispielsweise während dem Essen am Handy bist oder Zeitung liest, kann sich dein Körper nicht richtig auf die Verdauung fokussieren. Unter Umständen werden dann sogar weniger Verdauungssäfte produziert und dein Verdauungssystem ist nicht ausreichend auf die Nahrungsaufnahme vorbereitet. Ähnlich verhält es sich, wenn du unter Stress isst.

Vagusnerv und Beckenboden

Viele Menschen sind sich nicht bewusst, dass der Beckenboden und das Kiefergelenk eng miteinander verbunden sind. Diese Verbindung entsteht durch fasziale und nervale Strukturen, die beide Regionen beeinflussen. Der menschliche Körper ist von einem Netz aus Faszien durchzogen. Diese bindegewebsartigen Strukturen umhüllen Muskeln, Organe und Knochen und sorgen für Stabilität und Beweglichkeit. Eine der Hauptfaszien, die vom Becken bis zum Kopf reicht, ist die sogenannte „tiefe Frontallinie“. Ist der Beckenboden verspannt, kann sich dies entlang dieser Linie nach oben fortsetzen und zu Kieferproblemen führen. Neben den Faszien gibt es auch eine nervale Verbindung. Der Vagusnerv beeinflusst sowohl die Funktion des Kiefers als auch die des Beckenbodens. Ein verspannter Beckenboden ist nicht nur für den Kiefer problematisch, sondern kann eine Vielzahl weiterer Beschwerden verursachen. Schmerzen im unteren Rücken: Der Beckenboden ist ein wichtiger Bestandteil des Rumpfes. Verdauungsprobleme: Verspannungen wirken sich negativ auf die Darmfunktion aus - z. B. Stress fördert unbewusste Anspannung in Kiefer und Beckenboden.

Stress und der Vagusnerv

Wie du siehst, spielt für deinen Vagusnerv dein Stresslevel eine sehr große Rolle. Für deine allgemeine Gesundheit ist es deshalb sinnvoll, wenn du regelmäßig für einen Ausgleich zwischen Sympathikus und Parasympathikus sorgst. Denn wenn nur das System des Sympathikus ständig unter Strom steht, kommt der Körper in eine Überforderung. Viele Menschen sind heutzutage vorwiegend im Stressmodus - die Entspannung kommt zu kurz. Es bleibt keine Zeit für den Abbau der Stresshormone, das kann den Körper auf Dauer schädigen. Laut der Seuchenschutzbehörde in Atlanta entstehen 90% aller Krankheiten aufgrund von Stress. Eine Forschungsarbeit von Dr. Lipton (Stanford University) erhöht diese Anzahl nochmals auf 95%. Die restlichen 5% sind genetisch veranlagt. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Studien, die belegen, dass Krankheit eine Erscheinungsform von dauerhaftem Stress ist.

Kein Wunder also, dass Stress der Histamintrigger Nummer 1 ist. Bei Stress schüttet der Körper das Hormon Cortisol aus, das das Nervensystem (hauptsächlich den Sympathikus) aktiviert und den Körper in den „Kampf-oder-Flucht“-Modus versetzt. In diesem Zustand schaltet der Körper auf Energiesparmodus um, wodurch alle nicht unmittelbar überlebenswichtigen Funktionen wie Verdauung und Zellreparatur eingestellt werden, beispielsweise auch unsere Verdauung und Entgiftung. Gleichzeitig werden Neurotransmitter wie Adrenalin und Noradrenalin freigesetzt, um den Körper in Alarmbereitschaft zu halten und das Immunsystem zu aktivieren. Das Immunsystem reagiert auf den Alarmzustand, indem es Mastzellen triggert, die Histamin freisetzen. Histamin unterstützt das Immunsystem, erhöht den Puls und weitet die Blutgefäße, was den Körper weiterhin im Alarmzustand hält. Der „Kampf-oder-Flucht“-Modus kann in Gefahrensituationen lebensrettend sein, führt aber bei dauerhafter Aktivierung zu ernsthaften Problemen. Diesen anhaltenden Stress nennt man physiologischen Stress. Chronischer physiologischer Stress verursacht eine kontinuierliche Histaminausschüttung, die das Immunsystem und andere Organsysteme überlastet und schwächt, was die Selbstheilung des Körpers verhindert. Wenn das „Stressfass“ überläuft, können schwache Bereiche im Körper wie Darm, Herz, Haut oder Psyche krank werden, was zu Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Histaminintoleranz, Allergien und anderen Krankheiten führen kann.

Diverse Forschungen zeigen, dass der „Kampf-oder-Flucht“-Modus durch unbewusste Erinnerungen ausgelöst wird. Diese Erinnerungen sind in allen Körperzellen gespeichert, nicht nur im Gehirn. Etwa 90% unserer Erinnerungen sind unbewusst und können in bestimmten Situationen das Nervensystem aktivieren und den „Kampf-oder-Flucht“-Modus einschalten, ohne dass wir es kontrollieren können. In diesem Zustand übernimmt der reaktive Verstand die Führung und umgeht das logische Denken.

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Die Polyvagaltheorie

Der amerikanische Neurowissenschaftler Stephen Porges ordnet den beiden Ästen des Vagusnervs nicht nur bestimmte Körperregionen und Organfunktionen, sondern auch verschiedene emotionale Zustände zu. Jeder dieser Nervenwege führt zu unterschiedlichen Verhaltensweisen. Zusammen mit der Sympathikus-Aktivität unterscheidet Porges drei hierarchisch aufgebaute, vegetative Schaltkreise, die ständig in uns aktiv sind. Die Traumatherapeutin Deb Dana beschreibt diese Hierarchie in ihrem Buch zur Polyvagaltheorie als „autonome Leiter“, da die Zustände sowohl aufeinander aufbauen als auch abgebaut werden können.

  1. Sicherheit und Wohlbefinden: Im ersten Modus der autonomen Leiter ist der ventrale Vagus aktiv, und wir fühlen uns sicher. Dies sollte unser bevorzugter, „normaler“ Zustand sein. Ohne Bedrohung fühlen wir uns wohl, sind anderen Menschen zugewandt und kommunizieren offen. Positive Gefühle wie Freude, Liebe und Zufriedenheit haben Raum.
  2. Mobilisierung von Energie: Das autonome Nervensystem überwacht ständig unsere Sicherheit. Schon das kleinste Unbehagen aktiviert den Sympathikus im zweiten vegetativen Schaltkreis, oft unbewusst. Die Aktivität des ventralen Vagus wird gedrosselt: Das Herz schlägt schneller, die Atmung wird flacher, der Blutdruck steigt, um mehr Blut in die Muskeln zu pumpen. Wir bereiten uns darauf vor, auf die Situation zu reagieren, indem wir zusätzliche Energie mobilisieren. Unser Verhalten verändert sich - wir fühlen uns angespannt, gestresst und weniger verbindungsfähig. Starke Emotionen wie Zorn oder Angst können zu Kampf- oder Fluchtreaktionen führen.
  3. Abschottung und Trennung: Wenn die Situation so intensiv wird, dass weder Kampf noch Flucht eine Option sind, aktiviert sich die dritte Verteidigungsstrategie: der dorsale Vagus. Dieser reagiert auf extreme Gefahr, indem er jedes Gefühl der Verbundenheit und des Bewusstseins unterbricht, was zu einem Zustand der „Empfindungslosigkeit“ führt, der uns schützen soll. Es kommt zu einem Verlust des Muskeltonus und einem Abfall des Blutdrucks, was bis zur Ohnmacht führen kann.

Die vegetativen Schaltkreise und ihre unterschiedlichen emotional-körperlichen Zustände wechseln sich im Alltag ab und halten das dynamische System des Körpers im Gleichgewicht (Homöostase). Solange diese Zustände abwechseln und wir immer wieder in den bevorzugten ventralen Vagus-Zustand der sozialen Zugewandtheit zurückkehren, bleiben wir gesund. Verharren wir jedoch im aktivierten sympathischen System oder im hinteren Vagus-Ast, kann dies langfristig zu Unwohlsein und deutlichen Symptomen führen.

Da der vordere Vagus das System beruhigt, können vielfältige Beschwerden auftreten, wenn diese Nervenbahn nicht regelmäßig aktiv wird und stattdessen der Sympathikus oder hintere Vagus dominiert. Dazu gehören:

  • chronische Verspannungen, wie verhärtete Muskeln, zusammengebissene Zähne, nächtliches Zähneknirschen, verspannte Gesichts-, Nacken- und Schultermuskulatur
  • kalte Hände und Füße oder grundloses Schwitzen
  • wandernde Schmerzen im Körper (deuten auf einen dauerhaft aktivierten hinteren Vagus hin)
  • Herz- und Lungenbeschwerden wie Brustschmerzen, Asthma, Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck
  • Magen-Darm-Probleme wie Durchfall, Verstopfung, Sodbrennen
  • Appetitlosigkeit oder übermäßiges Essen
  • Migräne oder Spannungskopfschmerzen aufgrund ungesunder Schlafmuster
  • Auch seelisch-geistige Probleme können auf ein aus der Balance geratenes vegetatives Nervensystem zurückzuführen sein, wie Groll, Energiemangel, Weinerlichkeit, Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen, übermäßige Besorgnis oder Entscheidungsunfähigkeit.

Ein chronisch, aber nicht extrem aktiver hinterer Vagus kann depressive Gefühle hervorrufen, was zu verminderter Lebensfreude, Produktivität und Klarheit führt. Traumatherapeuten sehen in einem Schockerlebnis oft den Grund dafür, dass die Aktivierungsfähigkeit des ventralen Vagus-Asts stark reduziert ist, was zu entsprechenden Dysregulationen im Nervensystem führt.

Behandlungsmöglichkeiten

Es gibt verschiedene Ansätze zur Behandlung von Kiefergelenksproblemen, die oft mit dem Vagusnerv in Verbindung stehen.

Dehnübungen

Viele Menschen leiden unter hohen Spannungen in Muskeln und Faszien rund ums Kiefergelenk. In vielen Fällen von Kieferschmerzen hilft es, das verspannte Gewebe ausgiebig zu dehnen. Weil das Kiefergelenk so beweglich und vergleichsweise klein ist, empfehlen wir: Behalte die Dehnungsintensität bei allen Übungen im Blick. Du solltest den Dehnungsschmerz bei jeder Übung gut aushalten können, ohne innerlich gegenspannen zu wollen.

  • Übung 1 (Kieferretter): Stelle zunächst den Kieferretter auf die richtige Höhe ein, indem du die passenden Korkaufsätze auf den Keramikhalter setzt. Setze den Kieferretter zwischen deine Schneidezähne und halte diese Position für etwa 2 Minuten. Mit der Zeit lässt sich dein Mund immer weiter öffnen.
  • Übung 2: Lege die Hand nun um deinen Unterkiefer, damit du leicht am Kinn ziehen kannst.
  • Übung 3: Ziehe danach mit deiner Hand den Unterkiefer vorsichtig weiter nach rechts. Die andere Hand kannst du an die Nase setzen. Setze die Spitze des anderen Zeigefingers an deine Nase.

Vagusnerv-Stimulation

Die Forschung weiß aktuell noch zu wenig darüber, wie und wann man die Vagusnervstimulation bei grundsätzlich gesunden Menschen gezielt einsetzen kann, um das Wohlbefinden zu steigern. Den Versprechungen sollte man also nicht ohne weiteres glauben.

Die Aktivierung des Vagusnervs soll von der Grundidee her bei der Entspannung helfen und den Parasympathikus aktivieren. Dieser ist Teil des vegetativen Nervensystems und steuert unbewusste Körperfunktionen, die für Erholung und Regeneration wichtig sind. Er ist der Gegenspieler des Sympathikus, der den Körper in Stress- oder Gefahrensituationen aktiviert. Im oft stressigen und eng getakteten Alltag ist unser Sympathikus häufig stärker aktiviert als der Parasympathikus. Wie die Vagusnervstimulation wirkt, hängt allerdings vom gesundheitlichen Zustand und der Situation ab. Wenn wir hungrig sind, kann die Stimulation eher aktivierend wirken und unsere Motivation steigern. Haben wir gerade gegessen und sind satt, verstärkt die Stimulation vermutlich eher die Verdauung. Pauschal zu sagen, dass die Stimulation immer die Entspannung fördert, wäre also falsch.

Am Uniklinikum Tübingen erforschen wir die Vagusnervstimulation in Studien und nutzen dafür eine elektronische Stimulation über das Ohr. Über die Elektrode läuft ein spezielles Programm ab, das eine gewisse Abfolge an Impulsen vorgibt. In einigen Studien kombinieren wir die Stimulation auch mit einem funktionellen MRT, das die Aktivität des Gehirns in Echtzeit sichtbar macht. So können wir überprüfen, ob die Stimulation das Gehirn wie gewünscht über den Hirnstamm beeinflusst und tatsächlich der Vagusnerv stimuliert werden. Derzeit gehen wir aufgrund der Studienlage davon aus, dass diese professionelle Vagusnervstimulation Personen helfen kann, die unter Antriebslosigkeit, Depressionen, Epilepsie oder auch Störungen im Stoffwechsel oder der Verdauung leiden. Zudem könnte die Stimulation bei Trägheit oder Fatigue helfen. Bei diesen Erkrankungen kann es sinnvoll sein, die Informationsweiterleitung im Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Übungen zur Selbsthilfe

Wie bereits erwähnt gibt es glücklicherweise einige Dinge, die du hier selbst unternehmen kannst, um dein Wohlbefinden zu steigern!

  1. Atemübungen: Tiefes, langsames Atmen aktiviert den Vagusnerv und fördert Entspannung. Atemübungen eignen sich zu jeder Tageszeit. Vor allem wenn du kurz vor dem Essen unter Stress bist, ist es sinnvoll, vor Beginn der Nahrungsaufnahme kurz inne zu halten und ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen, um deine Nerven zu beruhigen und dein Verdauungssystem vorzubereiten.
  2. Meditation und Achtsamkeit: Regelmäßige Meditation und Achtsamkeitsübungen können dein parasympathisches System aktivieren. Setze dich beispielsweise an einen ruhigen Ort, konzentriere dich auf deinen Atem und lasse Gedanken wie Wolken an dir vorbeiziehen, ohne ihnen nachzugehen. Du kannst dies beispielsweise auch mit Yogaübungen kombinieren.
  3. Bewegungsübungen: Drehe den Kopf langsam nach links und fixiere dabei mit den Augen einen nahen Gegenstand. Drehe dann den Kopf langsam nach rechts und stelle ebenfalls einen Gegenstand scharf. Wiederhole diese Bewegung mehrmals. Diese Übung stimuliert nicht nur den Vagusnerv, sondern auch die Ziliarmuskulatur der Augen, die mit dem Vagusnerv verbunden ist. Eine weitere Übung: Hebe die Augenbrauen und versuche gleichzeitig, die Ohren zu bewegen. So wird der Schläfenmuskel und der siebte Hirnnerv (Nervus facialis) aktiviert, der wiederum den Vagusnerv beeinflusst.
  4. Kältereiz: Kälteanwendungen können beruhigend wirken. Hier kannst du zum Beispiel einen kalten Umschlag auf deine Stirn legen. Eine weitere Option sind Wechselduschen. Passt sich unser Körper an Kälte an, übernimmt der Parasympathikus, wir entspannen also. Hier solltest du dich allerdings vorsichtig herantasten. Gerade, wenn deine Histaminintoleranz sehr ausgeprägt ist oder du Probleme mit deinen Mastzellen hast (z. B. Mastzellaktivierungssyndrom) kann dies deine Zellen durch zu starke Reize triggern und zur Histaminausschüttung führen.
  5. Gesang und Summen: Singen, Summen oder Gurgeln kann den Vagusnerv durch Vibrationen im Halsbereich stimulieren. Singe oder summe deine Lieblingslieder oder gurgle täglich für ein paar Minuten.
  6. Gesunde Ernährung: Nicht nur eine allgemein ausgewogene Ernährung ist hier gemeint. Besonders mit Intoleranzen, egal welcher Art, solltest du versuchen, unnötige Trigger aus der Nahrung zu vermeiden. Achte darauf, dass du ausreichend stilles Wasser über den Tag verteilt trinkst. Außerdem bieten sich (histaminarme) Kräutertees an. Nicht nur das Ritual des Tee Trinkens kann eine beruhigende Wirkung haben, auch ausgewählte Teezutaten wie beispielsweise Passionsblume wirken entspannend auf das Nervensystem.
  7. Massagen: Sanftes Streichen mit den Fingern entlang der Seiten des Halses kann entspannend wirken. Leichte, kreisende Fingerbewegungen am Kiefergelenk können dabei helfen, Verspannungen im Nacken zu lösen. Auch Ohrmassagen können helfen, insbesondere eine Massage der sogenannten Ohrtasche, das Hautareal an der Innenseite der Ohrmuschel unterhalb der charakteristischen Knorpelfalte.

Weitere Tipps zur Aktivierung des Vagusnervs

  • Moderate Bewegung: Viele Arten leichter und wohltuender Bewegung können den Vagus stärken, z.B. Spazieren gehen oder Walken, Tanzen, Schwimmen, Yoga, Pilates oder Trampolin hüpfen.
  • Schwingübung: Arme angewinkelt, die Hände halten jeweils den anderen Ellbogen, Schultern drehen rasch und ohne Unterbrechung nach rechts und links, die Hüfte bleibt in der Mitte.
  • Darmflora stärken: Darm und Vagusnerv sind über das Gehirn verbunden.
  • Grundübung zur Regulation des Nervensystems (Stanley Rosenberg): Finger verschränken und die Hände locker an den Hinterkopf legen. Augen bewegen sich so weit wie möglich nach rechts und bleiben dort für 30 - 60 Sekunden bis der Körper einen Impuls für Entspannung gibt, z.B. Augen bewegen sich möglichst weit nach links, der Kopf bleibt still. Zu Beginn kann es sein, dass die Entspannungsreaktion nicht bereits nach einer Minute, sondern erst nach der Übung eintritt.

Was man von freiverkäuflichen Systemen zur Stimulation erhoffen darf

Im Internet werden freiverkäufliche Systeme mit großen Versprechen beworben, allerdings gibt es keine nennenswerten Studien zur Wirksamkeit vieler Geräte. Viele Firmen haben ein größeres Budget für Marketing, stellen Forschenden kostenlos die Geräte zur Verfügung und schreiben dann, dass das Gerät von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einer bestimmten Universität verwendet wird. Das klingt natürlich gut. In die Forschung investieren sie allerdings weniger Geld als ins Marketing. Viele Geräte sind nicht gefährlich, aber auch nicht als Medizinprodukte zur wirksamen Behandlung zertifiziert. Eine Garantie, dass sie den Vagusnerv tatsächlich stimulieren und eine therapeutische Wirkung haben, gibt es somit nicht. Für unsere Studien setzen wir deswegen zertifizierte Geräte ein, die nachweislich den Hirnstamm stimulieren können. Bei Herz- oder Kreislaufproblemen oder in der Schwangerschaft sollten alle Geräte nicht ohne ärztliche Rücksprache angewendet werden.

Einige dieser Systeme nutzen elektrische Impulse, die über die Haut abgegeben werden und darunterliegende Nerven stimulieren. Das ist generell nichts Neues. Auch einfache TENS-Geräte nutzen diese Technik. Neu ist eher die Elektrode, die den richtigen Punkt am Ohr stimuliert. Manche Firmen setzen allerdings auf einfache und günstige Clip-Elektroden, die sich nur ungenügend am Ohr anbringen lassen und vermutlich nicht immer den Vagusnerv stimulieren. Andere Geräte nutzen mechanische Stimulation. Ob so der Vagusnerv tatsächlich stimuliert wird, hängt auch vom individuellen Verlauf des Vagusnervs ab. Ich würde mir wünschen, dass diese Geräte nicht mit diesen Heilsversprechen vermarktet werden, bevor ihre Wirksamkeit bewiesen werden konnte.

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