Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die vielfältige Symptome hervorrufen kann. Obwohl die Erkrankung primär das Gehirn und Rückenmark betrifft, können auch der Mund- und Kieferbereich in Mitleidenschaft gezogen werden. Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD), ein Sammelbegriff für Störungen im Kiefergelenk und den umliegenden Strukturen, kann bei MS-Patienten eine zusätzliche Belastung darstellen. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen MS und Kiefergelenkproblemen, mögliche Ursachen, Symptome und Therapieansätze.
Einführung in Multiple Sklerose und CMD
Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden der Nervenfasern angreift. Diese Myelinscheiden sind für die schnelle und reibungslose Weiterleitung von Nervenimpulsen verantwortlich. Durch die Schädigung der Myelinscheiden entstehen Entzündungen und Narben (Sklerosen) im Gehirn und Rückenmark, was zu vielfältigen neurologischen Ausfällen führen kann.
Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) umfasst eine Reihe von klinischen Symptomen, die das Kiefergelenk, die Kaumuskulatur und die dazugehörigen Strukturen im Kopf- und Mundbereich betreffen. CMD kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden, darunter Fehlbelastungen der Kiefergelenke, Zahnfehlstellungen, Stress und Zähneknirschen (Bruxismus).
Der Zusammenhang zwischen MS und CMD
Obwohl MS und CMD auf den ersten Blick unterschiedliche Erkrankungen sind, gibt es mehrere potenzielle Verbindungen zwischen ihnen:
- Neurologische Komponente: MS kann zu Fehlsteuerungen der Gesichtsmuskulatur führen, was wiederum CMD-Symptome verstärken kann. Schädigungen des Trigeminusnervs, der für die Sensibilität im Gesichtsbereich zuständig ist, können bei MS auftreten und zu intensiven Schmerzen im Kieferbereich führen (Trigeminusneuralgie).
- Chronischer Stress: Sowohl MS als auch CMD werden durch Stress verschlimmert. Stress kann zu Muskelverspannungen im Kieferbereich führen und Zähneknirschen begünstigen, was CMD-Symptome verstärken kann.
- Entzündungen: Es gibt Hinweise darauf, dass chronische Entzündungen im Körper, wie sie bei MS vorkommen, auch Entzündungen im Kieferbereich begünstigen können. Versteckte Entzündungen im Kiefer (FDOK) können bei MS-Patienten eine zusätzliche Belastung darstellen und Schübe auslösen oder verstärken.
- Medikamente: Einige Medikamente, die zur Behandlung von MS eingesetzt werden, können Nebenwirkungen haben, die den Mund- und Kieferbereich betreffen. Beispielsweise können bestimmte Medikamente zu Mundtrockenheit führen, was das Risiko für Karies und Zahnfleischentzündungen erhöht.
Symptome von Kiefergelenkproblemen bei MS-Patienten
MS-Patienten können eine Vielzahl von Symptomen im Zusammenhang mit Kiefergelenkproblemen entwickeln, darunter:
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- Kieferschmerzen: Schmerzen im Kiefergelenk oder in der Kaumuskulatur sind ein häufiges Symptom. Die Schmerzen könnendumpfer, stechender oder pochender Natur sein und sich bei Bewegung des Kiefers verstärken.
- Kiefergelenkgeräusche: Knacken, Knirschen oder Reiben im Kiefergelenk beim Öffnen oder Schließen des Mundes.
- Eingeschränkte Kieferbewegung: Schwierigkeiten beim Öffnen oder Schließen des Mundes, Blockaden des Kiefers oder eine eingeschränkte Beweglichkeit des Unterkiefers.
- Muskelverspannungen: Verspannungen in der Kaumuskulatur, die zu Kopfschmerzen, Nackenschmerzen oder Schulterschmerzen führen können.
- Zähneknirschen (Bruxismus): Unbewusstes Aufeinanderpressen oder Knirschen der Zähne, insbesondere nachts.
- Schluckbeschwerden: Schwierigkeiten beim Schlucken von Speisen oder Flüssigkeiten.
- Sprachstörungen: Veränderung der Sprache, z.B. ein Zischen bei S-Lauten oder eine undeutliche Aussprache.
- Zungenprobleme: Eine veränderte Zungenlage oder Zungenmotilitätsstörungen.
Diagnose von Kiefergelenkproblemen bei MS-Patienten
Die Diagnose von Kiefergelenkproblemen bei MS-Patienten erfordert eine sorgfältige Untersuchung durch einen Zahnarzt oder Kieferorthopäden mit Erfahrung in der Behandlung von CMD. Die Diagnose umfasst in der Regel:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich der MS-Diagnose, der aktuellen Symptome und der eingenommenen Medikamente. Der Fall von Patient "Klaus" zeigt, wie wichtig es ist, die Symptome und die Vorgeschichte des Patienten genau zu erfassen.
- Klinische Untersuchung: Untersuchung des Kiefergelenks, der Kaumuskulatur und der Zähne. Dabei wird auf Schmerzen, Verspannungen, Kiefergelenkgeräusche und Bewegungseinschränkungen geachtet.
- Funktionsanalyse: Beurteilung der Kieferfunktion, einschließlich der Beweglichkeit des Unterkiefers, der Okklusion (Zusammenbiss der Zähne) und der Kaumuskulatur.
- Bildgebende Verfahren: Röntgenaufnahmen, MRT oder DVT (digitale Volumentomographie) können eingesetzt werden, um den Zustand des Kiefergelenks und der umliegenden Strukturen zu beurteilen und andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen. Eine DVT-Tiefendiagnostik kann helfen, versteckte Entzündungsherde im Kiefer (FDOK) zu lokalisieren.
Therapieansätze bei Kiefergelenkproblemen und MS
Die Behandlung von Kiefergelenkproblemen bei MS-Patienten zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Kieferfunktion zu verbessern und die Lebensqualität zu erhöhen. Ein interdisziplinärer Ansatz, der Neurologen, Zahnärzte, Kieferorthopäden und Physiotherapeuten einbezieht, ist oft erforderlich. Zu den möglichen Therapieansätzen gehören:
- Physiotherapie: Sanfte Dehnübungen und Massagen können Muskelverspannungen im Kiefer- und Nackenbereich lösen. Spezielle Übungen zur Verbesserung der Kieferbeweglichkeit und Koordination können ebenfalls hilfreich sein.
- Zahnschienen: Eine Aufbissschiene kann helfen, unbewusstes Zähneknirschen zu verhindern und die Kiefergelenke zu entlasten. Die Schiene wird individuell angepasst und in der Regel nachts getragen.
- Schmerzmittel: Bei Bedarf können Schmerzmittel zur Linderung von Kieferschmerzen eingesetzt werden. Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen können Entzündungen reduzieren und Schmerzen lindern. Bei chronischen Schmerzen können auch andere Schmerzmittel, wie z.B. Antidepressiva oder Antikonvulsiva, eingesetzt werden.
- Medikamente gegen MS: Die Behandlung der MS selbst kann auch einen positiven Einfluss auf Kiefergelenkprobleme haben. Immunmodulierende Medikamente können Entzündungen reduzieren und das Fortschreiten der MS verlangsamen.
- Stressmanagement: Stressreduktionstechniken wie Entspannungsübungen, Yoga oder Meditation können helfen, Muskelverspannungen zu reduzieren und Zähneknirschen zu verhindern.
- Ernährung: Eine entzündungshemmende Ernährung kann dazu beitragen, Entzündungen im Körper zu reduzieren und die Symptome von MS und CMD zu lindern. Eine ausreichende Zufuhr von Vitamin D3 und Kalzium ist wichtig für die Knochengesundheit.
- Zahnärztliche Behandlung: Die Behandlung von Zahnfehlstellungen, Karies oder Zahnfleischentzündungen kann dazu beitragen, Kiefergelenkprobleme zu lindern. Amalgamfüllungen sollten gegebenenfalls entfernt werden, da Quecksilber aus Amalgamfüllungen im Zusammenhang mit neurologischen Erkrankungen stehen kann.
- Psychotherapie: Bei chronischen Schmerzen oder psychischen Belastungen kann eine Psychotherapie hilfreich sein, um den Umgang mit der Erkrankung zu erlernen und die Lebensqualität zu verbessern.
- Operation: In seltenen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um strukturelle Probleme im Kiefergelenk zu beheben.
Die Rolle der Zahnpflege bei MS
Eine gute Mundhygiene ist für MS-Patienten besonders wichtig, da Entzündungen im Mundraum MS-Symptome verstärken und das Schubrisiko erhöhen können. Regelmäßige professionelle Zahnreinigungen und Zahnsteinentfernungen sind empfehlenswert. MS-Patienten sollten auf eine zahngesunde Ernährung achten und zuckerhaltige Speisen und Getränke meiden. Bei Kau- und Schluckstörungen ist es wichtig, die Zähne besonders sorgfältig zu reinigen.
Fallbeispiel Klaus
Der Fall von Patient "Klaus" verdeutlicht den möglichen Zusammenhang zwischen MS und Kiefergelenkproblemen. Klaus leidet seit Jahren an MS und klagt über Kiefergelenkbeschwerden, Schluckbeschwerden, eine veränderte Zungenlage und Sprachstörungen. Sein Zahnarzt diagnostizierte eine Funktionsstörung des Kiefergelenks. Dr. Schneider, der behandelnde Neurologe, hält eine Zungenmotilitätsstörung bei MS zwar für unwahrscheinlich, empfiehlt aber eine MRT-Kontrolle, um den Verlauf der MS zu überwachen. Die Dentalexperten weisen darauf hin, dass versteckte Entzündungen im Kiefer (FDOK) MS-Symptome auslösen oder verstärken können.
Die Auflösung des Falls zeigt die Bedeutung einer gründlichen zahnärztlichen Untersuchung. Durch Zufall wurde festgestellt, dass unter einer Krone zwei Zähne abgebrochen waren, wobei eine Zahnwurzel bereits entzündet war. Nach der Entfernung der Zähne verschwanden die Gelenkschmerzen von Klaus.
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Neue Erkenntnisse in der MS-Forschung
Die MS-Forschung hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Neue Medikamente, die oral eingenommen werden können und weniger Nebenwirkungen haben, sind auf dem Markt gekommen. Wissenschaftler haben den Wirkmechanismus von Dimethylfumarat entschlüsselt, einem Medikament, das zur Basistherapie von MS eingesetzt wird. Forscher der Harvard University haben herausgefunden, dass Myelin nicht nur die Nervenbahnen schützt, sondern auch an der Kommunikation und Vernetzung der Hirnzellen beteiligt ist. Diese Erkenntnisse eröffnen neue Möglichkeiten für die Entwicklung von Therapien zur Behandlung von MS.
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