Der Mythos der rechten und linken Gehirnhälfte: Fakten und Fiktionen

Um das menschliche Gehirn ranken sich diverse Geschichten, Sprichwörter und Mythen. Manche sind wissenschaftlich belegt, andere nicht. Die Vorstellung, dass das Gehirn in eine logische linke und eine kreative rechte Hälfte aufgeteilt ist, ist ein weit verbreiteter Mythos. Dieser Artikel untersucht diesen Mythos und beleuchtet die wissenschaftlichen Fakten hinter der Funktionsweise unseres Gehirns.

Einführung

Die Idee, dass die linke Gehirnhälfte für logisches und analytisches Denken zuständig ist, während die rechte Gehirnhälfte Kreativität und Emotionen steuert, ist in der Populärwissenschaft weit verbreitet. Diese Vorstellung hat sich hartnäckig gehalten, obwohl sie von der modernen Neurowissenschaft widerlegt wurde. Der Artikel beleuchtet die Ursprünge dieses Mythos, seine Verbreitung und die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns.

Ursprünge des Mythos

Der Mythos der lateralisierten Gehirnfunktionen hat seine Wurzeln in den Forschungen des US-amerikanischen Neurobiologen Roger Sperry in den 1960er-Jahren. Sperry führte Experimente mit Epilepsiepatienten durch, bei denen das Corpus Callosum, die Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften, durchtrennt wurde. Diese Studien zeigten, dass jede Gehirnhälfte spezialisierte Funktionen hat. So wurde beispielsweise festgestellt, dass Patienten Objekte, die nur im linken Gesichtsfeld gezeigt wurden, nicht benennen konnten. Daraus wurde der Schluss gezogen, dass die linke Gehirnhälfte für Sprache zuständig ist.

Diese Erkenntnisse wurden jedoch oft überinterpretiert und verallgemeinert. Die Idee, dass die linke Gehirnhälfte für analytische Aufgaben und die rechte Gehirnhälfte für kreative Aufgaben zuständig ist, wurde populär, obwohl sie wissenschaftlich nicht haltbar ist.

Die Widerlegung des Mythos

Moderne bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) haben gezeigt, dass das Gehirn viel integrativer arbeitet als ursprünglich angenommen. Studien haben gezeigt, dass sowohl kreatives als auch logisches Denken über das gesamte Gehirn verteilt sind und nicht nur in einer bestimmten Hirnhälfte lokalisiert werden können.

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Eine Studie der University of Utah aus den 2000er-Jahren untersuchte die Gehirnaktivität von über 1.000 Menschen mithilfe von MRT-Scans. Die Ergebnisse zeigten, dass keine der beiden Gehirnhälften bevorzugt genutzt wurde und beide Hälften gleich aktiv waren. Dies widerlegt die Vorstellung, dass Menschen entweder links- oder rechtshemisphärisch dominieren.

Die Zusammenarbeit der Gehirnhälften

Das Gehirn ist ein komplexes Netzwerk von Neuronen, die miteinander kommunizieren. Die beiden Gehirnhälften sind durch das Corpus Callosum miteinander verbunden, das einen ständigen Informationsaustausch ermöglicht. Diese Zusammenarbeit ist entscheidend für komplexe kognitive Prozesse wie Sprache, Kreativität und Problemlösung.

Neurowissenschaftler Henning Beck vergleicht die Zusammenarbeit der Gehirnhälften mit einer Stadt: "Gäbe es nur einen riesigen Stadtkern und keine Viertel, dann kann es unter Umständen sehr lange dauern, von einem Standort zum nächsten zu kommen. In den einzelnen Vierteln sind die Wege zum nächsten Bäcker, Supermarkt oder Arbeitsplatz dagegen sehr kurz. Das ist im Gehirn ähnlich: Es gibt zwei Hirnhälften, in denen unterschiedliche Prozesse vorwiegend stattfinden, um die Prozesse schnell ablaufen lassen zu können."

Spezialisierung vs. Dominanz

Obwohl die beiden Gehirnhälften zusammenarbeiten, gibt es dennoch eine gewisse Spezialisierung. So ist beispielsweise die linke Gehirnhälfte bei den meisten Menschen für die Sprachverarbeitung zuständig, während die rechte Gehirnhälfte eine wichtige Rolle bei der räumlichen Wahrnehmung und der Verarbeitung von Emotionen spielt. Diese Spezialisierung bedeutet jedoch nicht, dass eine Gehirnhälfte "dominant" ist oder dass Menschen in "Links-" oder "Rechtsdenker" eingeteilt werden können.

Wie Prof. Onur Güntürkün von der Universität Bochum erklärt: "Richtig ist, dass es durchaus Asymmetrien gibt: Nicht beide Hirnhälften sind für alles gleichermaßen zuständig. So ist die linke Hemisphäre spezialisiert auf viele - aber nicht alle - Sprachprozesse… Und es gibt auch einige rechtshemisphärische Komponenten von Sprache, etwa die Sprachmelodie oder das Lesen zwischen den Zeilen. Und auch außerhalb der Sprache gibt es Asymmetrien in der Aufgabenverteilung: Räumliches Denken, Zahlenverständnis oder Gesichtserkennung sind etwa eher rechts angesiedelt, die Messung kleiner Zeitabstände und Wahrnehmung kleiner Details eher links."

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Neuromythen und ihre Auswirkungen

Der Mythos der rechten und linken Gehirnhälfte ist ein Beispiel für einen sogenannten "Neuromythos". Neuromythen sind Fehlvorstellungen über das Gehirn, die oft auf Missverständnissen oder Fehlinterpretationen wissenschaftlicher Erkenntnisse beruhen. Diese Mythen können negative Auswirkungen auf die Bildung und das Lernen haben, wenn sie zu ineffektiven oder sogar schädlichen Praktiken führen.

Ein Beispiel für eine solche Praxis ist die Idee, dass der Unterricht an den vermeintlichen Lernstil einer Person angepasst werden sollte (z. B. visuell, auditiv oder kinästhetisch). Obwohl viele Menschen eine Präferenz für einen bestimmten Lernstil haben, gibt es keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass das Lernen effektiver ist, wenn der Unterricht an diesen Stil angepasst wird.

Weitere Gehirn-Mythen

Neben dem Mythos der rechten und linken Gehirnhälfte gibt es noch weitere populäre Mythen über das Gehirn. Zu diesen gehören:

  • Der 10-Prozent-Mythos: Die Vorstellung, dass wir nur 10 Prozent unserer Gehirnkapazität nutzen.
  • Der Mozart-Effekt: Die Annahme, dass das Hören von klassischer Musik die Intelligenz steigert.
  • Die Idee, dass Traubenzucker beim Lernen hilft: Traubenzucker oder Schokolade liefer nur kurzfristig Energie - nicht länger als gerade mal 20 Minuten.

Alle diese Mythen sind wissenschaftlich widerlegt.

Die Plastizität des Gehirns

Obwohl bestimmte Funktionen in bestimmten Bereichen des Gehirns stärker verortet sind als in anderen, ist das Gehirn dennoch unglaublich anpassungsfähig. Studien beweisen, dass sich Gehirne an neue Umstände anpassen. Durch Schwangerschaften oder beispielsweise auch neue Jobs verändern sich Gehirne, wie eine Studie an Taxifahrern aus London aufzeigt: Das Einprägen von Straßennetzen führte dazu, dass sich bestimmte Bereiche für räumliche Orientierung im Gehirn vergrößerten. Die Wissenschaft spricht von einem plastischen Gehirn.

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Diese Plastizität bedeutet, dass das Gehirn ein Leben lang lernen und sich verändern kann. Es ist nie zu spät, neue Fähigkeiten zu erlernen oder das Gehirn durch geistige Herausforderungen zu trainieren.

Förderung der Gehirnaktivität

Anstatt sich auf Mythen über die rechte und linke Gehirnhälfte zu verlassen, sollten wir uns darauf konzentrieren, die Gehirnaktivität ganzheitlich zu fördern. Dies kann durch eine Vielzahl von Aktivitäten erreicht werden, darunter:

  • Musizieren: Forscher der Duke University in den USA zeigten Probanden ein Bild eines Hauses und fragten: Für wie kreativ halten Sie den Architekten dieses Gebäudes? Die Antwort fiel sehr unterschiedlich aus - je nachdem, ob die Wissenschaftler zuvor behauptet hatten, dass der Entwurf von einer Frau oder von einem Mann stamme. Diese und viele andere Studien belegen: Bei gleicher Leistung wird die Arbeit von Frauen im Schnitt als weniger kreativ wahrgenommen. Haltbare Belege für ein kreativeres Geschlecht gibt es derweil keine.
  • Sport treiben: Studien beweisen, dass sich Gehirne an neue Umstände anpassen. Durch Schwangerschaften oder beispielsweise auch neue Jobs verändern sich Gehirne, wie eine Studie an Taxifahrern aus London aufzeigt: Das Einprägen von Straßennetzen führte dazu, dass sich bestimmte Bereiche für räumliche Orientierung im Gehirn vergrößerten. Die Wissenschaft spricht von einem plastischen Gehirn.
  • Geistige Herausforderungen annehmen: Viele ältere Menschen trainieren mit Logikrätseln, Knobelaufgaben und Zahlenspielen, um geistig fit zu bleiben und Alterskrankheiten wie Demenz oder Alzheimer aufzuhalten. Unternehmen versprechen mit täglichem "Gehirnjogging" sogar eine Steigerung der Gehirnleistung von bis zu 40 Prozent. Doch hier ist Vorsicht geboten.

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