Migräne: Ursachen, Symptome, Behandlung und Tipps für den Alltag

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. In Deutschland sind etwa 10 Millionen Menschen von Migräne betroffen, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Migräne, einschließlich ihrer Ursachen, Symptome, Behandlungsmöglichkeiten und Tipps für den Alltag.

Was Migräne wirklich ist

Migräne ist eine neurologische Reizverarbeitungsstörung, bei der das Gehirn auf alltägliche Reize wie Licht, Geräusche und Stress überempfindlich reagiert. Dies führt zu einer Reizüberflutung, bei der bestimmte Bereiche des Gehirns überaktiv sind, während andere unterversorgt sind. Besonders betroffen sind der Hirnstamm, das Brechzentrum und der Trigeminusnerv.

Migräne ist:

  • Neurologisch, nicht psychisch
  • Chronisch, nicht eingebildet
  • Komplex, nicht "nur Kopfschmerz"
  • Unberechenbar, auch wenn man sie kennt
  • Anstrengend, zerstörerisch, einschränkend, aber nicht besiegbar

Migräne ist nicht:

  • Eine Ausrede
  • Eine Modekrankheit
  • Ein bisschen empfindlich sein
  • Mit Hausmitteln heilbar
  • Für Außenstehende verständlich ohne Zuhören zu wollen

Ursachen und Auslöser von Migräne

Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt, aber es gibt eine Reihe von Faktoren, die eine Attacke auslösen können. Diese sogenannten Trigger sind sehr individuell. Was bei einer Person einen Anfall auslöst, kann bei einer anderen Person keine Wirkung haben.

Typische Migräne-Trigger können sein:

  • Stress (und/oder die plötzliche Entspannung danach!)
  • Wetterumschwünge / Luftdruckveränderungen
  • Zu wenig oder zu viel Schlaf
  • Grelles Licht oder Flimmern
  • Grelle Farben oder starke Kontraste
  • Bildschirmzeit ohne Pause
  • Hunger oder unregelmäßige Mahlzeiten
  • Bestimmte Lebensmittel (z. B. Schokolade, Rotwein, Käse, Zitrusfrüchte)
  • Alkohol
  • Gerüche (Parfüm, Putzmittel, Rauch, Blumen …)
  • Lärm oder Geräuschkulisse
  • Hormonschwankungen (Zyklus!)
  • Körperliche Anstrengung
  • Flüssigkeitsmangel
  • Bestimmte Medikamente oder Reize durch Medikamentenentzug
  • Reizüberflutung (Menschenmengen, Supermärkte, …)
  • Zu enge Kleidung, Haarreifen, Sonnenbrille…
  • Oder einfach: ohne erkennbaren Grund

Migräne ist wie ein Chamäleon auf Speed. Kaum denkt man, man hat sie durchschaut, ändert sie die Spielregeln.

Symptome von Migräne

Migräne verläuft typischerweise in verschiedenen Phasen, die unterschiedlich lange dauern und nicht zwingend alle auftreten müssen.

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Prodromalphase (Vorbotenphase)

In vielen Fällen kündigen Gereiztheit, Müdigkeit, Heißhunger und Lichtempfindlichkeit eine Migräne an. Diese Vorbotenphase kann mehrere Stunden bis zwei Tage vor dem Kopfschmerz auftreten.

Mögliche Vorboten (Prodromalsymptome) bei Migräne:

  • Körperliche Anzeichen:
    • Gähnen (häufig und unkontrollierbar)
    • Heißhunger (z. B. auf Schokolade, Süßes, Fettiges)
    • Häufiges Wasserlassen
    • Verstopfung oder Durchfall
    • Frösteln oder Hitzewallungen
    • Verändertes Temperaturempfinden
    • Blähbauch / Völlegefühl
    • Druckgefühl im Kopf
    • Übelkeit
    • Müdigkeit oder extremer Schlafdrang
    • Rastlosigkeit, körperliche Unruhe
    • Muskelverspannungen (v. a. Nacken/Schulter)
    • Zuckungen (z. B. Augenlid, Gesicht)
  • Sensorische Veränderungen:
    • Lichtempfindlichkeit
    • Geräuschempfindlichkeit
    • Geruchsempfindlichkeit
    • Sehstörungen (z. B. flackerndes Sehen ohne Aura)
    • Gesteigerte Sinneswahrnehmung allgemein
    • Kribbeln in Gesicht oder Gliedmaßen
    • Koordinationsprobleme
    • Gleichgewichtsstörungen / Schwindel
  • Kognitive & sprachliche Veränderungen:
    • Konzentrationsprobleme
    • Denkblockaden
    • Wortfindungsstörungen
    • Probleme, sich auf etwas zu fokussieren
    • Verlangsamtes Denken ("Gehirnnebel")
    • Verwirrtheit
  • Emotionale Veränderungen:
    • Reizbarkeit
    • Stimmungsschwankungen
    • Depressive Verstimmung
    • Kurzzeitige Euphorie
    • Rückzugsbedürfnis
    • "Das Gefühl, nicht ganz da zu sein"

Aura

Bei etwa 15 bis 20 % der Migränebetroffenen tritt eine Aura auf. Die Aura ist ein neurologisches Vorzeichen der Migräne und kann verschiedene Symptome umfassen:

  • Bunte Lichtblitze
  • Flimmernde Zickzackmuster (sog. Fortifikationen)
  • Pulsierende Punkte oder "Schneeflocken"
  • Sehstörungen, Tunnelblick oder Verschwommensehen
  • Wahrnehmungen bei geschlossenen Augen
  • Manchmal auch: Kribbeln, Sprachprobleme oder Taubheitsgefühle

Die Aura dauert meist 10 bis 60 Minuten und geht oft direkt in die Kopfschmerzphase über. Bei manchen Betroffenen hört es nach der Aura auf - ohne Kopfschmerzen (sog. "Migräne ohne Kopfschmerz").

Die Symptome der Aura werden durch eine sogenannte Cortical Spreading Depression (CSD) verursacht. Dies ist eine langsame, wandernde Welle aus Nervenzell-Stilllegung, die sich quer über die Großhirnrinde ausbreitet und für ein paar Minuten die Lichter dimmt - und dabei bizarre Signale erzeugt.

Kopfschmerzphase

Die heftigste Phase geht mit starken, einseitigen Kopfschmerzen einher, die bis zu drei Tage anhalten können. Die Schmerzen werden als pulsierend oder stechend beschrieben und treten meist im Bereich von Stirn, Schläfen und den Augen auf. Kinder und Jugendliche haben typischerweise kürzere Migräneanfälle. Sie nehmen die Kopfschmerzen meist beiderseitig im Bereich von Stirn und Schläfen wahr.

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Typische Symptome einer Migräne:

  • Aura: Bunte Lichtblitze, flimmernde Zickzacklinien, Sehstörungen (auch bei geschlossenen Augen)
  • Sprachstörung: Satzbau = weg. Worte = falsch. Schreiben = verdreht.
  • Geräuschempfindlichkeit: Besteck? Bohrmaschine! Türklinke? Explosion!
  • Lichtempfindlichkeit: Vorhänge zu. Sonnenbrille im Bett.
  • Kälte-/Wärmegefühl: 4 Grad im Raum? Immer noch zu warm. Kleidung brennt.
  • Erbrechen & Durchfall: Manchmal gleichzeitig.
  • Schwindel: Ich schwanke, obwohl ich liege.
  • Hautausschläge & Juckreiz: Migräne liebt die Überraschung.
  • Geschwollene Gliedmaßen: Füße plötzlich zu dick für die Hausschuhe?
  • Verspannungen: Nacken wie aus Beton - meist auf der Schmerzseite.

Rückbildungsphase (Erholungsphase)

In der Rückbildungsphase der Migräne-Attacke entwickeln sich die pochenden oder pulsierenden Kopfschmerzen zu gleichbleibendem Schmerz, der allmählich abklingt. Häufig haben Betroffene ein erhöhtes Schlafbedürfnis, bis die Migräne-Attacke vollends beendet ist.

Diagnose von Migräne

Um eine Migräne zu diagnostizieren, erkundigt sich der Arzt zunächst nach den Beschwerden des Patienten. Unter anderem wird nach der Häufigkeit und Dauer der Anfälle, Art und Stärke der Kopfschmerzen und nach Begleitsymptomen gefragt. Auch ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, diese Fragen zu beantworten. Meist kann bereits auf diese Weise Migräne diagnostiziert werden. Es ist wichtig, die Erkrankung von anderen Kopfschmerzen oder weiteren Krankheiten abzugrenzen. Ist das allein anhand der Beschwerden nicht möglich, können eine bildgebende Untersuchung oder weitere Tests nötig werden.

Behandlung von Migräne

Da die Migräne eine chronische Erkrankung ist, deren Ursachen noch nicht genau bekannt sind, ist bislang keine Heilung möglich. Jedoch stehen heute Arzneimittel zur Verfügung, die die Symptome rund um die Migräne-Attacke effektiv lindern und so im Vergleich zu früheren Therapiemöglichkeiten die Lebensqualität von Betroffenen deutlich verbessern können.

Akut-Therapie

Zur Linderung akuter Migräne-Anfälle werden Schmerzmittel wie Ibuprofen, Paracetamol oder Acetylsalicylsäure sowie koffeinhaltige Kombinationspräparate eingesetzt. Migränespezifische Medikamente wie Triptane oder Ditane sind wirksam gegen starke Symptome und sollten frühzeitig eingenommen werden. Gegen Übelkeit helfen zum Beispiel Metoclopramid und Domperidon.

Die neue Wirkstoffgruppe der Gepante kann eingesetzt werden, wenn Schmerzmittel oder Triptane nicht wirksam sind oder nicht vertragen werden. Außerdem ist die Remote Electrical Neuromodulation eine Ergänzung oder Alternative zur Standardtherapie - etwa dann, wenn etwas gegen Medikamente spricht.

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Vorbeugung von Migräne

Bei häufiger Migräne sind möglicherweise vorbeugende Maßnahmen sinnvoll - etwa regelmäßiger Sport oder Entspannungsübungen. Die Daten zur Wirksamkeit von Akupunktur sind widersprüchlich.

Bei häufigen oder schweren Migräne-Attacken können Medikamente helfen vorzubeugen (Prophylaxe). Dafür kommen beispielsweise bestimmte Betablocker oder Krampflöser wir Topiramat oder das Antidepressivum Amitriptylin infrage. Welche Mittel wann helfen, erfahren Sie hier.

Seit einigen Jahren ist in Deutschland eine besondere Antikörpertherapie zur Vorbeugung von Attacken bei chronischer Migräne zugelassen. Die ist gut wirksam, kommt aber nicht für jeden infrage. Ähnlich verhält es sich mit der neuen Wirkstoffgruppe der Gepante.

Die sogenannte Remote Electrical Neuromodulation (REN) ist eine weitere Möglichkeit, einer Migräne vorzubeugen oder sie zu behandeln. Dabei werden Nervenfasern außerhalb der Migräneschmerzregion stimuliert. In der Folge schüttet das Gehirn Botenstoffe aus - und der eigentliche Migränekopfschmerz wird unterdrückt.

Auch Migräne-Apps können dabei helfen, Trigger zu meiden und Migräne-Attacken vorzubeugen.

Tipps für den Alltag mit Migräne

  • Höre auf deinen Körper: Lerne, die Signale deines Körpers zu erkennen und reagiere rechtzeitig.
  • Führe ein Kopfschmerztagebuch: Notiere, wann und wo die Schmerzen auftreten, welche Symptome du hast und welche Faktoren die Attacke ausgelöst haben könnten.
  • Vermeide Trigger: Versuche, deine individuellen Trigger zu identifizieren und zu vermeiden.
  • Sorge für einen regelmäßigen Tagesablauf: Achte auf ausreichend Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten und genügend Flüssigkeit.
  • Reduziere Stress: Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen.
  • Treibe regelmäßig Sport: Ausdauersportarten wie Schwimmen, Radfahren oder Joggen können die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken reduzieren.
  • Suche dir professionelle Hilfe: Sprich mit deinem Arzt über deine Migräne und lass dich beraten, welche Behandlungsmöglichkeiten für dich infrage kommen.

Migräne bei Kindern

Auch Kinder können von Migräne betroffen sein. Bei Kindern äußert sich Migräne oft anders als bei Erwachsenen. So sind Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit bei Erwachsenen sehr typische Migränesymptome, können aber bei Kindern fehlen oder geringer ausgeprägt sein. Zudem sind sie auch nur sehr schwer in der Lage, Begriffe für solche Überempfindlichkeiten zu bilden und dies zu kommunizieren. Migräneattacken bei Kindern sind häufiger in stärkerem Ausmaß von Geruchsüberempfindlichkeit, Schwindel und Bauchschmerzen begleitet.

Zur Behandlung von Migräneattacken bei Kindern wird in erster Linie Ibuprofen 10 mg/kg Körpergewicht empfohlen. Ab dem 12. Lebensjahr kann auch Acetylsalicylsäure in einer Dosierung von 500 mg eingesetzt werden. Besteht Übelkeit oder Erbrechen kann Domperidon ab dem 12. Lebensjahr eingesetzt werden.

Wann zum Arzt?

  • Wenn die Aura neu und ungewohnt stark ist
  • Wenn du plötzlich Sprachstörungen bekommst oder Lähmungen (das kann auch ein Schlaganfall sein!)
  • Wenn du dir unsicher bist, ob das noch Migräne ist - sicher ist sicher!
  • Wenn Kopfschmerzen im Leben neu auftreten und noch keine Klarheit zur Entstehung und Art der Kopfschmerzen besteht.

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