Hirntumoren stellen nach Leukämien die zweithäufigste Krebserkrankung bei Kindern und Jugendlichen dar. Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 400 bis 450 Kinder und Jugendliche an Hirntumoren. Im Folgenden werden die verschiedenen Aspekte der Behandlung von Hirntumoren in der Kinderonkologie umfassend dargestellt.
Krebs im Kindes- und Jugendalter: Besonderheiten
Krebs im Kindes- und Jugendalter unterscheidet sich wesentlich von Krebserkrankungen bei Erwachsenen. Bei Kindern und Jugendlichen treten andere Krebsarten auf, und auch die Behandlungsmethoden weisen deutliche Unterschiede auf. Karzinome, die bei Erwachsenen über 90 Prozent aller Krebserkrankungen ausmachen, sind bei Kindern und Jugendlichen nur für etwa ein Prozent der Neuerkrankungen verantwortlich.
Häufige Krebserkrankungen im Kindes- und Jugendalter sind:
- Leukämien (32 Prozent)
- Hirntumoren (25 Prozent)
- Lymphome (11 Prozent)
Diagnostik von Hirntumoren im Kindesalter
Die Diagnostik von Hirntumoren im Kindesalter umfasst eine klinische Untersuchung und eine anschließende bildgebende Untersuchung des Kopfes. Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist aufgrund ihrer sehr guten Weichteilauflösung die Methode der Wahl. Vor allem durch neu entwickelte Diagnoseverfahren, die ein sehr genaues Bild von Gehirn und Tumor erlauben, konnte die Planung des operativen Eingriffs sowie die Operation selbst, deutlich verbessert werden.
Symptome von Hirntumoren im Kindesalter
Die Symptome von Hirntumoren im Kindesalter können sehr unspezifisch sein. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
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- Kopfschmerzen
- Übelkeit und Brechreiz
- Gleichgewichtsstörungen und Schwindel
- Störungen der Augenbewegung
- Müdigkeit und vermehrtes Schlafbedürfnis
- Entwicklungsrückschritte bei Kindern
- Aufstau des Nervenwassers, bedingt durch eine Verlegung der natürlichen Abflusswege
- Funktionseinbußen (z.B. Lähmungen, Sehstörungen)
- Krampfanfälle
Da das Gehirn selbst schmerzunempfindlich ist, machen sich Tumore des Gehirns und Rückenmarks in der Regel durch Funktionseinbußen oder Krampfanfälle bemerkbar.
Ursachen von Hirntumoren im Kindesalter
Über die Ursachen der Entstehung von Hirntumoren im Kindesalter ist wenig bekannt. Es gibt keine sicher nachgewiesenen Risikofaktoren, jedoch einige prädisponierende Erkrankungen, die das Risiko, einen Hirntumor zu entwickeln, potenziell erhöhen. Dazu gehören unter anderem:
- Neurofibromatose
- Tuberöse Sklerose
- Von Hippel-Lindau-Syndrom
Behandlungsspektrum in der Kinderonkologie
Kinderonkologische Zentren bieten das komplette Spektrum der pädiatrischen Onkologie an. Behandelt werden Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 18 Jahren mit Leukämien, Lymphomen und anderen Krebserkrankungen. Besondere Schwerpunkte sind die Therapie von Hirntumoren und Leukämie-Rezidiven sowie Stammzell-Transplantationen.
Ein besonderer Schwerpunkt ist die Neuroonkologie, wobei in der Neurochirurgischen Klinik eine eigene Abteilung für Kinderneurochirurgie existiert, die auf die Behandlung kindlicher Hirntumoren spezialisiert ist.
Therapieansätze bei Hirntumoren
Die Therapie von Hirntumoren im Kindesalter ist ein interdisziplinärer Ansatz, der verschiedene Behandlungsmodalitäten umfasst. Die wichtigsten Therapieansätze sind:
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- Operation: Bei den meisten kindlichen Hirntumoren steht die Operation an erster Stelle der Behandlungskette. Ziel der Operation ist die sichere, größtmögliche Entfernung des Tumors unter Erhalt oder Verbesserung betroffener neurologischer Funktionen. Die OP ist immer noch die erfolgversprechendste Behandlungsmethode und bedarf einer langjährigen Erfahrung und Expertise.
- Chemotherapie: Bei malignen Tumoren erfolgt nach der Operation in der Regel eine Chemotherapie, auch wenn der Tumor im MRT postoperativ nicht mehr nachweisbar ist. Bei einigen hochmalignen Tumoren kann eine Chemotherapie vor der Operation sinnvoll sein.
- Strahlentherapie: Bei malignen Tumoren erfolgt nach der Operation in der Regel eine Bestrahlung, auch wenn der Tumor im MRT postoperativ nicht mehr nachweisbar ist. Eine Bestrahlung sollte jedoch bei Kindern unter 3 Jahren möglichst vermieden werden, da sie erhebliche Langzeittoxizität auf das sich entwickelnde Gehirn hat.
- Zielgerichtete Therapien und Immuntherapien: Auch zielgerichtete und immuntherapeutische Therapien finden heutzutage Anwendung mit dem Ziel, den Patienten eine maßgeschneiderte Behandlung bieten zu können.
Die Therapie erfolgt nach den aktuellen Therapieprotokollen des Hirntumornetzwerks HIT der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH) sowie nach innovativen Phase I/II Studien.
Spezielle Tumorarten und ihre Behandlung
Im Folgenden werden einige spezielle Tumorarten und ihre Behandlungsmöglichkeiten näher erläutert:
- Pilozytische Astrozytome: Dies sind gutartige, langsam wachsende Tumoren, die häufig im Kleinhirn vorkommen. Die Operation ist die Therapie der Wahl. Meist ist eine vollständige Tumorentfernung möglich, und die Patienten sind geheilt.
- Optikusgliome: Dies sind Sonderformen der pilozytischen Astrozytome, die sich entlang der Sehnerven bzw. Sehbahn ausbreiten. Die Therapieempfehlungen sind sehr widersprüchlich, da der Spontanverlauf der Erkrankung nicht vorhersehbar ist. Bei raumfordernden Tumoren ist eine Teilresektion sinnvoll.
- Ependymome: Dies sind Tumoren, die von der Auskleidung der Hirnkammern oder des Zentralkanals im Rückenmark ausgehen. Die Operation ist die Therapie der Wahl. Ependymome lassen sich meist sehr gut vom normalen Hirngewebe abgrenzen, was für die operative Entfernung sehr hilfreich ist.
- Kraniopharyngeome: Dies sind gutartige Missbildungstumoren, die meist am Hypophysenstiel ihren Ursprung haben. Sie verursachen häufig Sehstörungen durch Kompression der Sehnerven. Die operative Tumorentfernung ist die Therapie der Wahl.
- Medulloblastome: Dies sind maligne Tumoren, die meist vom Kleinhirnwurm ausgehen. Diese Tumoren neigen zu Absiedlungen in den Nervenwasserraum. Nach der Operation erfolgt in der Regel eine Bestrahlung und/oder Chemotherapie.
- Gangliogliome: Dies sind niedrig maligne Mischtumoren, die eine gliale und neurale Komponente haben. Die Operation ist die Therapie der Wahl.
Rolle der Kinderneurochirurgie
Da bei fast allen Gehirn- und Rückenmarkstumoren das Ergebnis der Operation über den weiteren Behandlungserfolg und das Leben des Kindes entscheidet, ist die Kinderneurochirurgie vor allem an einer Verbesserung der Sicherheit und der Entfernbarkeit auch schwierigster Hirntumore engagiert, wobei die Komplikationsraten aufgrund der hohen Expertise bei komplexen Eingriffen sehr gering ist.
Hierbei spielt neben der Verbesserung des intraoperativen Monitorings, der Neuronavigation und auch der präoperativen Kernspin-Bildgebungen vor allem auch die Etablierung der Fluoreszenztechnik (Gliolan, 5-ALA) eine grosse Rolle.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Die Therapie der Hirn- und Rückenmarktumoren erfolgt interdisziplinär und in enger Absprache unter den beteiligten Abteilungen (Kinderonkologie, Neuropädiatrie, Strahlentherapie, Neuropathologie, Neurochirurgie und gegebenenfalls Augenheilkunde und Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie). In regelmäßig durchgeführten interdisziplinären Hirntumorboards werden stationäre und ambulante Patienten diskutiert und individuell beraten.
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Bedeutung von Studien und Netzwerken
Durch die enge Zusammenarbeit im bundesweiten kinderonkologischen Netzwerk ist das Zentrum maßgeblich an der Entwicklung innovativer Therapien sowie internationaler Behandlungskonzepte beteiligt. Die Kinderonkologie ist Studienzentrum für bösartige Hirntumore im Kindesalter (HIT-HGG Studienleitung, Hirntumornetzwerk Deutschland).
Kinderonkologische Zentren
Die Kinderonkologischen Zentren sind zertifiziert von der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) bzw. in Vorbereitung auf den Zertifizierungsprozess. Sie bieten ihren Patienten eine interdisziplinäre Behandlung nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Psychoonkologische Betreuung
Die Krebserkrankung eines Kindes betrifft alle Familienmitglieder. Das familiäre und soziale Leben wird durch die oft lang andauernde Behandlung meistens gravierend verändert. Daher ist eine psychoonkologische Betreuung der Patienten und ihrer Familien von großer Bedeutung. Neben einer psychosozialen und schulischen Betreuung wird ein umfangreiches Programm mit Musik- und Sporttherapie angeboten. Ein besonderes Anliegen ist die individuelle Beratung inklusive neuropsychologischer Testung in der Nachsorge der Patienten mit Hirntumoren.
Forschung
Im Kinderonkologischen Zentrum wird intensiv an der Entwicklung neuer Strategien zur Behandlung von Hirntumoren geforscht. Ein besonderes Anliegen ist es, neueste Erkenntnisse zu den molekularen Ursachen von kindlichen Hirntumoren, deren Risikoabschätzung sowie neue Therapiemöglichkeiten in innovative, individualisierte und zielgerichtete Therapiekonzepte zu übersetzen.
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