Migräne und Körpergeruch: Ursachen und Zusammenhänge

Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die weit mehr als nur pochende Kopfschmerzen verursacht. Viele Betroffene leiden zusätzlich unter Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Ein weniger bekanntes, aber dennoch relevantes Symptom ist die Geruchsempfindlichkeit oder Osmophobie. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Zusammenhänge zwischen Migräne und Körpergeruch, basierend auf aktuellen Forschungsergebnissen.

Osmophobie: Wenn Gerüche zur Qual werden

Ein signifikanter Anteil von Migränepatienten, insbesondere solche mit schwerer und langjähriger Migräne, weist eine permanente Geruchsüberempfindlichkeit auf - selbst zwischen den Attacken. In einer Studie des UniversitätsSchmerzCentrums (USC) und des Interdisziplinären Riechzentrums des Universitätsklinikums Dresden gaben die Teilnehmer an, dass sie am häufigsten süßes Parfüm, Essensgerüche und Zigarettenrauch als störend empfinden. Je länger und stärker die Patienten unter ihrer Migräne leiden, desto ausgeprägter ist diese Osmophobie.

Es ist wichtig zu betonen, dass diese Geruchsempfindlichkeit nicht nur eine Begleiterscheinung der Migräne ist. Bei etwa 30 Prozent der Patienten können Gerüche sogar Migräneattacken auslösen. Diese Erkenntnisse unterstreichen die enge Verbindung zwischen Geruchswahrnehmung und Migräne.

Die Rolle des Trigeminusnervs

Die Forschung legt nahe, dass die unangenehmen Gerüche nicht nur den Riechnerv (N. olfactorius) aktivieren, sondern auch den Trigeminusnerv, der für die Schmerzwahrnehmung am Kopf verantwortlich ist. Das olfaktorische und das trigeminale System sind auf neuronaler Ebene eng miteinander verbunden. Eine Reizung des Trigeminusnervs kann Aktivitäten in den für die Geruchswahrnehmung zuständigen Hirnarealen auslösen. Auch die Riechschleimhaut ist von sensorischen Fasern des Trigeminus durchzogen.

Diese enge Vernetzung erklärt, warum Düfte Kopfschmerzen auslösen können. Jegliche Sensibilisierung trigeminaler Afferenzen kann bis in den spinalen Trigeminuskern weitergeleitet werden und Kopfschmerzen begünstigen.

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Osmophobie und Migräne mit Aura

Patienten mit Migräne mit Aura scheinen besonders anfällig für Osmophobie zu sein. In der Dresdner Studie trat die Geruchsempfindlichkeit bei dieser Gruppe doppelt so häufig auf wie bei Patienten ohne Aura. Dies deutet darauf hin, dass Migräne mit Aura eine stärkere Beeinträchtigung der sensorischen Verarbeitung mit sich bringt.

Die spezifischen Gerüche

Die am häufigsten als störend empfundenen Gerüche sind:

  • Süßes Parfüm
  • Essensgerüche
  • Zigarettenrauch
  • Abgase
  • Abgestandene Raumluft
  • Blumenduft
  • Lack- und Gasgeruch

Diese Duftmischungen stimulieren nicht nur olfaktorische sensorische Neurone, sondern reizen auch das trigeminale System.

Riechvermögen und Migräne

Interessanterweise haben Migränepatienten oft eine höhere Riechschwelle als gesunde Menschen. Das bedeutet, dass sie Gerüche erst in höheren Konzentrationen wahrnehmen. Dies gilt besonders für Patienten mit Migräne mit Aura. Gleichzeitig zeigen sie aber eine höhere Diskriminationsfähigkeit, d.h. sie können Gerüche besser unterscheiden als Migränepatienten ohne Aura.

Ein reduziertes Volumen des Bulbus olfactorius, des Riechkolbens im Gehirn, könnte eine Erklärung für das geringere Riechvermögen sein. Eine linksbetonte Riechkolbenatrophie korreliert mit dem Ausmaß der Osmophobie bei Patienten mit episodischer Migräne. Es wird vermutet, dass diese Atrophie eine Folge des Vermeidungsverhaltens ist: Aus Angst, durch einen Geruch eine Migräneattacke auszulösen, wird das Riechen vermieden, was zu einer Verkleinerung des Nervenareals führt, das für die Verarbeitung der Riechsignale zuständig ist.

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Therapeutische Ansätze: Desensibilisierung durch Riechtraining

Da Migränepatienten vielen unangenehmen Gerüchen im Alltag kaum ausweichen können, wird an alternativen Strategien geforscht. Ein vielversprechender Ansatz ist die Desensibilisierung durch Riechtraining.

In der Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Dresden wird ein strukturiertes Riechtraining getestet. Dabei trainieren Versuchspersonen ihren Geruchssinn regelmäßig mit angenehmen Düften wie Rosen- und Zitronendüften. Studien haben gezeigt, dass dadurch die Schmerzwahrnehmungsschwelle erhöht werden kann. Die Betroffenen sind also weniger empfindlich für Schmerzreize.

Eine Pilotstudie mit Kindern und Jugendlichen mit Kopfschmerzen zeigte, dass ein solches Riechtraining die Wahrnehmungsschwelle für den Schmerz steigerte und die gefühlten Kopfschmerztage reduzierte. Eine Folgestudie bestätigte diese Effekte. Mit der verbesserten Duftwahrnehmung ging ein Anstieg der allgemeinen Wahrnehmungsschwelle für Schmerzen einher.

Riechen, Migräne und Depression

Studien zeigen, dass eine erworbene Riechstörung die Lebensqualität erheblich senken kann. Die Ausprägung depressiver Symptome korreliert mit dem Riech- und Schmeckvermögen, und ein strukturiertes Riechtraining kann auch die Symptome einer Depression bessern.

Das Risiko, eine Depression zu entwickeln, ist bei Migränepatienten erhöht. Eine Gemeinsamkeit bei Migräne und Depression ist die Verkleinerung des Bulbus olfactorius. Da das Riechtraining zu einer neuroplastischen Zunahme des Bulbus-Volumens und seiner Konnektivität mit afferenten und efferenten Strukturen führt, können möglicherweise beide Krankheiten gleichzeitig adressiert werden.

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Praktische Tipps für den Alltag

Auch wenn die Forschung noch nicht alle Fragen beantwortet hat, gibt es einige praktische Tipps, die Migränepatienten mit Osmophobie im Alltag umsetzen können:

  • Geruchstrigger vermeiden: Identifizieren Sie Ihre persönlichen Geruchstrigger und versuchen Sie, diese zu meiden.
  • Für gute Belüftung sorgen: Sorgen Sie für eine gute Belüftung in Innenräumen, um die Konzentration von störenden Gerüchen zu reduzieren.
  • Natürliche Duftstoffe bevorzugen: Verwenden Sie natürliche Duftstoffe wie ätherische Öle anstelle von synthetischen Parfüms.
  • Riechtraining ausprobieren: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die Möglichkeit eines Riechtrainings zur Desensibilisierung.
  • Stress reduzieren: Da Stress ein bekannter Auslöser für Migräne ist, sollten Sie auf Stressabbau achten. Entspannungstechniken wie Yoga oder progressive Muskelentspannung können helfen.
  • Regelmäßiger Schlaf: Achten Sie auf einen regelmäßigen Schlafrhythmus, da Schlafstörungen Migräneattacken auslösen können.

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