Der Kniesehnenreflex, auch Patellarsehnenreflex genannt, ist ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Untersuchung. Er gibt Aufschluss über die Funktion des Nervensystems und kann Hinweise auf verschiedene Erkrankungen liefern. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für Veränderungen des Kniesehnenreflexes, von abgeschwächten bis hin zu verstärkten Reaktionen, und bietet einen umfassenden Überblick über die zugrunde liegenden Mechanismen.
Einführung in den Kniesehnenreflex
Ein Reflex ist eine angeborene, schnelle und unwillkürliche Reaktion des Nervensystems auf einen bestimmten Reiz. Reflexe sind lebenswichtig, da sie uns ermöglichen, quasi augenblicklich und ohne bewusste Steuerung auf Veränderungen in der Umgebung zu reagieren. Der Kniesehnenreflex ist ein klassischer Eigenreflex, bei dem die Reizaufnahme und die motorische Antwort im selben Organ erfolgen. Er dient der Überprüfung der Integrität des monosynaptischen Reflexbogens, insbesondere der sensiblen und motorischen Verschaltungen im Bereich des Rückenmarks (Segmente L2-L4).
Wie funktioniert der Kniesehnenreflex?
Der Kniesehnenreflex wird durch einen Schlag auf die Patellarsehne unterhalb der Kniescheibe ausgelöst. Dadurch dehnt sich der Musculus quadriceps femoris, der vierköpfige Oberschenkelmuskel. Diese Dehnung aktiviert Muskelspindeln, die als Dehnungsrezeptoren fungieren und die Spannung in der Muskulatur messen. Das Signal über die Dehnung wird afferent über den Nervus femoralis zum Rückenmark (Segment L3-L4) geleitet. Dort findet eine monosynaptische Verschaltung auf das α-Motoneuron statt. Dieses Motoneuron leitet ein Signal efferent zurück zum Musculus quadriceps femoris und veranlasst eine Kontraktion des Muskels, was zu einer Streckung des Kniegelenks führt.
Der Reflexbogen des Kniesehnenreflexes besteht aus folgenden Komponenten:
- Rezeptor: Muskelspindeln im Musculus quadriceps femoris
- Afferenter Nerv: Nervus femoralis (sensorische Ia-Fasern)
- Reflexzentrum: Rückenmark (Segmente L2-L4)
- Efferenter Nerv: Nervus femoralis (α-Motoneuron)
- Effektor: Musculus quadriceps femoris
Ursachen für Veränderungen des Kniesehnenreflexes
Veränderungen des Kniesehnenreflexes können auf verschiedene neurologische Störungen hinweisen. Man unterscheidet zwischen einem abgeschwächten oder fehlenden Reflex (Hypo- oder Areflexie) und einem verstärkten Reflex (Hyperreflexie).
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Abgeschwächter oder fehlender Kniesehnenreflex (Hypo- oder Areflexie)
Ein abgeschwächter oder fehlender Kniesehnenreflex kann verschiedene Ursachen haben:
- Schädigung des Nervus femoralis oder der Wurzeln L2-L4: Eine Läsion des Nervus femoralis oder der Nervenwurzeln im Bereich der Lendenwirbelsäule kann die Reizweiterleitung unterbrechen und zu einem verminderten oder fehlenden Reflex führen.
- Bandscheibenvorfall: Ein Bandscheibenvorfall im Bereich der Lendenwirbelsäule (insbesondere L3/L4) kann die Nervenwurzeln komprimieren und den Reflex beeinträchtigen.
- Polyneuropathie: Eine Polyneuropathie ist eine Erkrankung, bei der mehrere periphere Nerven geschädigt sind. Dies kann durch Diabetes mellitus, Alkoholmissbrauch oder andere Ursachen verursacht werden.
- Erkrankungen des peripheren Nervensystems: Neuropathien, beispielsweise die diabetische Polyneuropathie, können den Reflex vermindern.
- Verletzung oder Einengung von Nerven: Verletzungen oder Einengungen von Nerven im Bereich der Lendenwirbelsäule können ebenfalls zu einem verminderten Reflex führen.
- Muskelerkrankungen: Auch Erkrankungen der Muskulatur können den Reflex abschwächen.
- Chronisch-entzündliche demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP): Diese seltene neurologische Erkrankung führt zu chronischen Nervenschädigungen. Die Symptome treten in der Regel unerwartet und ohne Vorzeichen auf. Typisch sind Kribbeln und Taubheitsgefühle in Händen oder Füßen, die sich über Wochen zum Köperstamm hin ausbreiten. Hinzu kommen Muskelschwäche und Lähmungen in den gleichen Bereichen. Häufig sind auch die Reflexe betroffen, wie der Kniesehnenreflex, was dann zu Gangunsicherheiten führen kann.
Verstärkter Kniesehnenreflex (Hyperreflexie)
Ein verstärkter Kniesehnenreflex kann auf eine zentrale Nervenschädigung hinweisen, insbesondere auf eine Schädigung der Pyramidenbahn. Die Pyramidenbahn ist ein Bündel von motorischen Nervenfasern, die vom Gehirn zum Rückenmark laufen und unsere Bewegungen koordinieren. Eine Schädigung der Pyramidenbahn kann beispielsweise durch einen Schlaganfall, Multiple Sklerose oder Amyotrophe Lateralsklerose verursacht werden.
- Schlaganfall: Nach einem Schlaganfall kann es zu einer gesteigerten Reflexantwort kommen, wenn die Pyramidenbahn geschädigt ist.
- Multiple Sklerose: Diese chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems kann ebenfalls zu einer Hyperreflexie führen.
- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): ALS ist eine degenerative Erkrankung des Nervensystems, die zu einer fortschreitenden Muskelschwäche und Hyperreflexie führen kann.
- Zentrale Schädigung: Eine Verletzung, die, anders als bei abgeschwächten Reflexen, wo der Nerv nach dem Austritt aus dem Rückenmark geschädigt wird, zentraler nämlich im Gehirn oder im Rückenmark liegt.
Diagnostische Bedeutung des Kniesehnenreflexes
Die Prüfung des Kniesehnenreflexes ist ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Untersuchung. Sie ermöglicht es dem Arzt, die Funktion des Nervensystems zu beurteilen und Hinweise auf mögliche Erkrankungen zu erhalten.
- Neurologische Untersuchung: Der Kniesehnenreflex ist ein wichtiger Teil der neurologischen Untersuchung, um die Funktion des Nervensystems zu überprüfen.
- Früherkennung neurologischer Erkrankungen: Die Reflexuntersuchung ermöglicht die frühe Erkennung neurologischer Erkrankungen.
- Überprüfung der Nervenfunktion: Die Untersuchung des Kniesehnenreflexes dient der Überprüfung der Nervenfunktion.
- Hinweis auf Bandscheibenvorfall: Ein aufgehobener Patellasehnenreflex kann ein Zeichen für einen Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule sein.
- Differentialdiagnose: Die Beurteilung des Kniesehnenreflexes hilft bei der Differentialdiagnose verschiedener neurologischer Erkrankungen.
Weitere Reflexe und ihre Bedeutung
Neben dem Kniesehnenreflex gibt es noch weitere Reflexe, die in der neurologischen Diagnostik eine wichtige Rolle spielen:
- Achillessehnenreflex: Dieser Reflex wird durch einen Schlag auf die Achillessehne ausgelöst und dient der Überprüfung der Funktion des Nervus tibialis und des Rückenmarkssegments S1.
- Tibialis-posterior-Reflex: Dieser Reflex wird durch einen Schlag unterhalb des Innenknöchels ausgelöst und kann einen Bandscheibenvorfall im Bereich L5 aufdecken.
- Pupillenreflex: Dieser Reflex dient dem Schutz des Auges vor zu viel Lichteinfall. Eine Störung des Pupillenreflexes kann auf eine Schädigung des Sehnervs oder des Gehirns hinweisen.
- Lidschlussreflex: Dieser Reflex schützt das Auge vor Fremdkörpern. Eine Störung des Lidschlussreflexes kann auf eine Lähmung des Gesichtsnervs hindeuten.
- Würgereflex: Dieser Reflex schützt die Atemwege vor Fremdkörpern.
Therapie und Wiederherstellung des Kniesehnenreflexes
Die Möglichkeit der Wiederherstellung des Kniesehnenreflexes hängt von der Ursache ab. Daher sollte in jedem Fall die Grunderkrankung behandelt werden.
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- Behandlung der Grunderkrankung: Die Behandlung der Ursache, wie z.B. eine konservative Entlastung bei Bandscheibenvorfall, ist entscheidend.
- Physiotherapie und Trainingstherapie: Zusätzlich lohnt sich Physiotherapie und Trainigstherapie zur Stärkung der Muskulatur und Verbesserung der Nervenfunktion.
- Interventionelle Schmerztherapie: In manchen Fällen kann eine Radikulopathie durch die interventionelle Schmerztherapie gelindert werden. Dabei spritzt der Arzt unter Röntgenkontrolle ein Gemisch aus Kortison und Betäubungsmitteln in die Nähe der gereizten Nervenwurzel.
- Chirurgische Maßnahmen: Bei einem Bandscheibenvorfall kann in einigen Fällen eine Operation erforderlich sein, um den Druck auf die Nervenwurzel zu entlasten.
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