Der Kniesehnenreflex, auch Patellarsehnenreflex (PSR) genannt, ist ein unwillkürlicher Reflex, der eine wichtige Rolle in der neurologischen Diagnostik spielt. Er ist ein Beispiel für einen monosynaptischen Eigenreflex und dient als Schutzmechanismus des Körpers. Dieser Artikel beleuchtet die medizinischen Grundlagen des Kniesehnenreflexes, seine Durchführung, klinische Bedeutung und mögliche Ursachen für Veränderungen.
Grundlagen der Reflexe
Reflexe sind blitzschnelle, angeborene Reaktionen unseres Körpers auf bestimmte Reize, die wir nicht willentlich steuern können. Sie laufen automatisch ab und haben häufig eine Schutzfunktion für den Körper. Man unterscheidet grundsätzlich zwischen angeborenen (unbedingten) und erlernten (bedingten) Reflexen. Wenn von Reflexen die Rede ist, sind jedoch meist die angeborenen Reflexe gemeint.
Unbedingte Reflexe
Unbedingte Reflexe sind angeboren und dienen häufig dem Schutz des Körpers. Ein Beispiel ist der Lidschlussreflex, der durch einen Reiz wie ein Insekt vor dem Auge ausgelöst wird.
Bedingte Reflexe
Bedingte Reflexe werden im Laufe des Lebens erlernt, beispielsweise durch klassische Konditionierung. Ein bekanntes Beispiel ist der Pawlowsche Hund, bei dem ein neutraler Reiz (Glockenton) mit einem unbedingten Reiz (Futter) verknüpft wird.
Frühkindliche Reflexe
Eine Unterkategorie der unbedingten Reflexe bilden die frühkindlichen Reflexe. Diese treten bei Säuglingen in bestimmten Lebenswochen und -monaten auf und verschwinden im Laufe der Entwicklung wieder. Ein Beispiel ist der Saugreflex, der durch Berührung der Lippen ausgelöst wird.
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Der Reflexbogen
Die anatomische Grundlage für Reflexe bildet der Reflexbogen. Dieser besteht aus:
- Rezeptor: Nimmt den Reiz auf (z. B. Muskelspindeln im Muskel).
- Sensorische Nervenfaser (afferent): Leitet das Signal zum Rückenmark.
- Rückenmark: Schaltzentrale, in der das Signal umgeschaltet wird.
- Motorische Nervenfaser (efferent): Leitet das Signal zum Erfolgsorgan (Muskel).
- Effektor: Führt die Reaktion aus (z. B. Muskelkontraktion).
Je nachdem, wie der Reflexbogen aufgebaut ist, unterscheidet man zwischen monosynaptischen und polysynaptischen Reflexen sowie zwischen Eigen- und Fremdreflexen.
Monosynaptische Reflexe
Bei monosynaptischen Reflexen erfolgt die Umschaltung von afferenten auf efferente Nervenbahnen in einer einzelnen Synapse im Vorderhorn des Rückenmarks. Sie sind die am schnellsten ablaufenden Reflexe. Der Kniesehnenreflex ist ein Beispiel für einen monosynaptischen Reflex.
Polysynaptische Reflexe
Bei polysynaptischen Reflexen erfolgt die Umschaltung über ein oder mehrere Interneurone. Ein Beispiel ist der Rückziehreflex bei Berührung einer heißen Herdplatte.
Eigenreflexe
Bei Eigenreflexen liegen Rezeptor und Effektor im selben Organ. Der Kniesehnenreflex ist ein Eigenreflex, da die Muskelspindeln und der Streckmuskel des Oberschenkels im selben Muskel liegen.
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Fremdreflexe
Bei Fremdreflexen liegen Rezeptor und Effektor in unterschiedlichen Organen. Ein Beispiel ist der Pupillenreflex, bei dem Licht auf das Auge fällt und sich die Pupille verengt.
Der Kniesehnenreflex im Detail
Der Kniesehnenreflex ist ein Eigenreflex, der durch einen Schlag auf die Patellasehne unterhalb der Kniescheibe ausgelöst wird. Dadurch wird der Musculus quadriceps femoris (Oberschenkelstreckmuskel) gedehnt.
Ablauf des Kniesehnenreflexes
- Reiz: Schlag auf die Patellasehne.
- Rezeptor: Muskelspindeln im Musculus quadriceps femoris werden gedehnt.
- Sensorische Nervenfaser: Leitet das Signal zum Rückenmark (Segmente L3 und L4).
- Rückenmark: Umschaltung des Signals auf eine motorische Nervenfaser.
- Motorische Nervenfaser: Leitet das Signal zurück zum Musculus quadriceps femoris.
- Effektor: Kontraktion des Musculus quadriceps femoris, wodurch der Unterschenkel nach vorne schnellt.
Klinische Bedeutung des Kniesehnenreflexes
Der Kniesehnenreflex ist ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Untersuchung. Er ermöglicht die Überprüfung der Funktion des Nervus femoralis und der Rückenmarksegmente L3 und L4. Veränderungen des Reflexes können auf verschiedene neurologische Erkrankungen hinweisen.
Durchführung des Kniesehnenreflexes
Um den Kniesehnenreflex zu testen, sitzt der Patient idealerweise mit frei hängenden Beinen auf einer Untersuchungsliege oder einem Stuhl. Der Arzt klopft mit einem Reflexhammer auf die Patellasehne unterhalb der Kniescheibe. Bei intaktem Reflexbogen kommt es zu einer Streckung des Unterschenkels.
Beurteilung des Reflexes
Der Kniesehnenreflex wird in der Regel wie folgt beurteilt:
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- 0: Kein Reflex auslösbar (Areflexie)
- +: Reflex nur mit Mühe auslösbar (Hyporeflexie)
- ++: Normaler Reflex
- +++: Lebhafter Reflex (Hyperreflexie)
- ++++: Sehr lebhafter Reflex mit Klonus (wiederholte, unwillkürliche Muskelzuckungen)
Veränderungen des Kniesehnenreflexes und ihre Ursachen
Veränderungen des Kniesehnenreflexes können verschiedene Ursachen haben und auf unterschiedliche neurologische Probleme hinweisen.
Abgeschwächter oder fehlender Kniesehnenreflex (Hyporeflexie/Areflexie)
Ein abgeschwächter oder fehlender Kniesehnenreflex kann auf eine Schädigung des peripheren Nervensystems hindeuten. Mögliche Ursachen sind:
- Bandscheibenvorfall: Insbesondere im Bereich der Lendenwirbelsäule (L3/L4) kann ein Bandscheibenvorfall die Nervenwurzeln komprimieren und den Reflex abschwächen oder aufheben.
- Polyneuropathie: Eine Erkrankung, bei der mehrere Nerven geschädigt werden, z. B. durch Diabetes mellitus oder Alkoholmissbrauch.
- Schädigung des Nervus femoralis: Verletzungen oder Einengungen des Nervus femoralis können ebenfalls zu einem abgeschwächten oder fehlenden Reflex führen.
- Muskelerkrankungen: In seltenen Fällen können auch Muskelerkrankungen den Reflex beeinträchtigen.
Verstärkter Kniesehnenreflex (Hyperreflexie)
Ein verstärkter Kniesehnenreflex kann auf eine Schädigung des zentralen Nervensystems hindeuten, insbesondere auf eine Schädigung der Pyramidenbahn. Mögliche Ursachen sind:
- Schlaganfall: Eine Schädigung des Gehirns durch einen Schlaganfall kann zu einer Hyperreflexie führen.
- Multiple Sklerose: Eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu einer Schädigung der Myelinscheiden der Nervenfasern führt.
- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems.
- Rückenmarkverletzungen: Verletzungen des Rückenmarks können ebenfalls zu einer Hyperreflexie führen.
Weitere Reflexe und ihre Bedeutung
Neben dem Kniesehnenreflex gibt es weitere Reflexe, die in der neurologischen Untersuchung eine wichtige Rolle spielen:
- Achillessehnenreflex: Überprüft die Funktion des Nervus tibialis und der Rückenmarksegmente S1 und S2.
- Bizepssehnenreflex: Überprüft die Funktion des Musculus biceps brachii und der Nervenwurzeln C5 und C6.
- Trizepssehnenreflex: Überprüft die Funktion des Musculus triceps brachii und der Nervenwurzeln C7 und C8.
- Radiusperiostreflex: Überprüft die Funktion des Nervus radialis und der Nervenwurzeln C6 und C7.
- Bauchhautreflexe: Überprüfen die Funktion der Rückenmarksegmente Th5 bis Th12.
- Babinski-Reflex: Ein pathologischer Reflex, der auf eine Schädigung der Pyramidenbahn hindeutet.
Spezielle Reflexe im Zusammenhang mit dem Cauda-Equina-Syndrom
Das Cauda-Equina-Syndrom ist ein neurologischer Notfall, bei dem es zu einer Schädigung der Nervenwurzeln des unteren Rückenmarks kommt. Neben anderen Symptomen können auch Veränderungen der Reflexe auftreten.
- Analreflex: Überprüft die Funktion der Spinalnerven S3 bis S5 und des Conus medullaris. Ein fehlender Analreflex ist ein wichtiger Hinweis auf eine Schädigung in diesem Bereich.
- Kremasterreflex: Überprüft die Funktion der Rückenmarkssegmente L1 und L2. Ein fehlender Kremasterreflex kann auf eine Schädigung in diesem Bereich hindeuten.
Diagnostik bei Veränderungen des Kniesehnenreflexes
Bei Veränderungen des Kniesehnenreflexes ist eine umfassende neurologische Untersuchung erforderlich, um die Ursache zu ermitteln. Dazu gehören:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte des Patienten, einschließlich Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme und aktueller Beschwerden.
- Klinisch-neurologische Untersuchung: Überprüfung der Reflexe, Sensibilität, Motorik und Koordination.
- Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) der Wirbelsäule, um Bandscheibenvorfälle, Spinalkanalstenosen oder andere Ursachen zu erkennen.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Elektroneurographie (ENG) und Elektromyographie (EMG) zur Überprüfung der Nerven- und Muskelfunktion.
- Liquoruntersuchung: Entnahme und Analyse von Nervenwasser, um entzündliche Erkrankungen oder Infektionen auszuschließen.
Therapie bei Veränderungen des Kniesehnenreflexes
Die Therapie richtet sich nach der Ursache der Veränderungen des Kniesehnenreflexes.
- Bandscheibenvorfall: Konservative Therapie mit Schmerzmitteln, Physiotherapie und Entlastung oder operative Entfernung des Bandscheibenvorfalls.
- Polyneuropathie: Behandlung der Grunderkrankung (z. B. Diabetes mellitus), Schmerztherapie und Physiotherapie.
- Multiple Sklerose: Immunmodulatorische Therapie, Schubtherapie und symptomatische Behandlung.
- Schlaganfall: Akuttherapie zur Wiederherstellung der Durchblutung des Gehirns, Rehabilitation und Physiotherapie.
- Cauda-Equina-Syndrom: Notfallmäßige operative Dekompression der Nervenwurzeln.