Kommandozentrale Gehirn: Gefühle und Funktionen im Überblick

Das menschliche Gehirn ist eine faszinierende Kommandozentrale, die unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen steuert. Dieses komplexe Organ besteht aus Milliarden von Nervenzellen, die in ständiger Kommunikation miteinander stehen. Die Hirnforschung hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht und uns ein immer besseres Verständnis der verschiedenen Gehirnbereiche und ihrer Funktionen ermöglicht. In diesem Artikel werden wir uns genauer mit den Assoziationsfeldern, dem motorischen Kortex, der Rolle von Emotionen und einigen weiteren spannenden Aspekten der Gehirnfunktion befassen.

Die Assoziationsfelder: Integration von Sinnessystemen und Motorik

Die Assoziationsareale, auch Assoziationskortex genannt, sind Bereiche der Hirnrinde (Neokortex, Gehirn), die keine eindeutigen sensorischen (Wahrnehmung), sensiblen oder motorischen (Motorik) Funktionen aufweisen. Stattdessen integrieren sie das Zusammenwirken zwischen den einzelnen Sinnessystemen und den motorischen Arealen. Erst beim Menschen haben die Assoziationsfelder ihre außerordentlich starke Entwicklung erfahren.

Man unterscheidet drei Hauptassoziationsareale:

  1. Präfrontales Assoziationsfeld: Dieses Feld liegt vor dem motorischen Kortex und steuert motorisch-motivationale Verhaltensweisen. Es ist an der Planung und Entscheidungsfindung beteiligt und spielt eine wichtige Rolle bei der Steuerung komplexer Verhaltensmuster.
  2. Limbisches Assoziationsfeld: Dieses Feld liegt zwischen dem oberen Gyrus temporalis und dem limbischen Kortex. Hier werden primäre Gedächtnisfunktionen gesteuert. Es ist eng mit dem limbischen System verbunden, das für die Verarbeitung von Emotionen und die Bildung von Erinnerungen zuständig ist.
  3. Parietal-temporal-occipitales Assoziationsfeld: Dieses Feld liegt zwischen dem somatästhetischen und dem visuellen Kortex. Ihm sind vor allem sensorisch-kognitive Funktionen zugeordnet, wie die Steuerung komplexer sensorischer Reizverarbeitung, visuelle Aufmerksamkeit und räumliche Funktionen.

Der parietale Kortex, der über das eng mit ihm verbundene posteriore Striatum indirekt mit den präfrontalen Regionen verbunden ist, hat aufgrund seiner multisensorischen Integrationsfunktion auch als «Kommandozentrale» eine entscheidende Bedeutung für motivierte zielgerichtete Bewegungsabläufe.

Die Assoziationsfelder sind Teile eines komplexeren Assoziationssystems, in das auch andere Gehirnteile, z. B. das limbische System, einbezogen sind. Die Assoziationsfelder beider Seiten des Kortex sind miteinander mit motorischen und sensorischen Feldern, mit entsprechenden Arealen auf der gegenüberliegenden Seite und mit tieferen Teilen des Gehirns verbunden.

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Die Informationsverarbeitung in den einzelnen Assoziationsarealen verläuft zumeist parallel (parallele Signalverarbeitung). So ist z. B. die visuelle Objekterkennung («Was ist das für ein Gegenstand?») eine Leistung der Assoziationsfelder des unteren Temporallappens. Die gleichzeitig ablaufende räumliche Lokalisation und Orientierung («Wo befindet sich und in welche Richtung bewegt sich der Gegenstand?») erfolgt dagegen in den parietalen (Wo?) und präfrontalen (Wohin?) Assoziationsfeldern, die zugleich auch die eigene visuell gesteuerte Greifbewegung (Auge-Hand-Koordination) kontrollieren (ventraler Pfad). Dagegen erfolgt die emotionale Bewertung des gesehenen Gegenstandes («Wozu ist er gut?») in den assoziativ verknüpften Strukturen des limbischen Systems.

Beim Ausfall eines Assoziationsfeldes im frühen Kindesalter kann seine Funktion im Laufe der Zeit von anderen Gehirnstrukturen weitgehend übernommen werden. Beim Erwachsenen besteht nur bei systematischer Übung und nur teilweise eine Kompensierbarkeit (Plastizität der Assoziationsgebiete).

Moralische Urteile und Emotionen: Das ventromediale präfrontale Cortex (VMPC)

Die Frage, ob die Ratio oder Emotionen das moralische Empfinden lenken, ist ein jahrhundertealter Streit. Während ethischer Entscheidungen leuchten auf Hirn-scan-Bildern sowohl kognitive Areale im präfrontalen Kortex als auch etliche Areale im limbischen System, dem Sitz der Emotionen, auf. Aber daraus werden die Beziehungen von Ursache und Wirkung nicht klar: Lenken die Gefühle moralische Urteile - oder sind sie nur eine Folge davon?

Eine Möglichkeit, diese Frage zu beantworten, besteht darin, Versuchspersonen zu untersuchen, deren ventromedialer präfrontaler Cortex (VMPC) zerstört ist, eine Hirnregion hinter Nase und Stirn, die als Mittler zwischen Gefühl und Verstand gilt. Solche Menschen sind wenig einfühlsam und empfinden kaum Schuld oder Scham.

Eine Studie von Koenigs, Damasio und Young konfrontierte solche Probanden mit moralischen Dilemmata. Es zeigte sich, dass Probanden mit einem geschädigten VMPC bei der Beurteilung von Szenarien, die direkte Gewaltanwendung erforderten, weniger zögerten und diese Handlungen als rational gerechtfertigt absegneten. Der einzige Maßstab, der sie offenbar zu interessieren schien, waren die Folgen einer Aktion, nicht die Handlung selbst.

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Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der VMPC eine wichtige Rolle bei der Verknüpfung von Emotionen und moralischen Urteilen spielt. Wenn diese Verbindung gestört ist, können Menschen utilitaristischere Entscheidungen treffen, bei denen sie sich stärker auf die Konsequenzen einer Handlung als auf die Handlung selbst konzentrieren.

Der primäre Motorcortex: Steuerung von Bewegungen

Der primäre Motorcortex löst Bewegungen aus und steuert den räumlich-zeitlichen Ablauf von Bewegungen. Seine Neurone sind größtenteils Ausgangspunkt für die Pyramidenbahn. Bestimmte Areale auf dem primären Motorcortex sind für bestimmte Körperteile zuständig. Überproportional stark vertreten sind vor allem Hände und Zunge.

Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass nicht einzelne Muskeln, sondern vielmehr Bewegungen selbst repräsentiert sind, beispielsweise das Heben der Hand zum Mund und das gleichzeitige Öffnen des Mundes. Kurz vor einer Bewegung, etwa dem Greifen der Hand nach einem Glas, lässt sich in vielen Gehirnregionen eine erhöhte Aktivität messen.

Der primäre Motorcortex ist der Startpunkt von weiten Teilen der Pyramidenbahn, mit einer Million Axonen einer der längsten und größten Bahnen unseres zentralen Nervensystems. Hier entspringen also Nervenzellfortsätze, die ohne Unterbrechung durch den Hirnstamm und weiter bis ins Rückenmark ziehen, um von dort dann über so genannte Motoneurone Befehle an die Muskulatur weiterzugeben.

Die Entscheidung, beispielsweise den einen Muskel zu strecken und gleichzeitig einen anderen zu beugen, treffen jedoch hauptsächlich andere Gehirnareale: Der prämotorische und der supplementär-​motorische Cortex planen und initiieren Bewegungen und komplexe Bewegungsmuster - der Motorcortex ist zwar ebenfalls Teil der Entscheidungsfindung, spielt aber eine untergeordnete Rolle. Diese Hirnareale sind daher intensiv mit dem primären Motorcortex verschaltet. Ist die Entscheidung für eine Bewegung einmal gefallen, übernimmt der primäre Motorcortex: Er gibt letztendlich den Startschuss für eine Bewegung. Seine Neurone feuern aber auch schon in Erwartung einer Bewegung, also beispielsweise wenn ein Sprinter auf das Signal zum Losrennen wartet. Sogar, wenn wir uns nur vorstellen, einen Ball zu werfen, ist der primäre Motorcortex aktiv. Allerdings ist die Erregung dann geringer, als wenn wir diesen Bewegungsablauf tatsächlich ausführen.

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Eine Bewegung ist aber keine Einbahnstraße: Sie wird nicht einmal in Gang gesetzt, um dann ohne Korrektur abzulaufen. So registriert der somatosensorischer Cortex über Propriozeptoren Parameter wie die Lage der einzelnen Körperteile, die Gelenkstellung und die Muskelanspannung und tauscht sich laufend mit dem primären Motorcortex aus.

Penfields Homunculus: Eine Karte des Motorcortex

Der kanadische Neurochirurg Wilder Penfield (1891 - 1976) beschäftigte sich sehr eingehend mit dem motorischen Cortex - und zwar nicht an Versuchstieren, sondern am Menschen. Im Zuge von Operationen am Gehirn reizte er vorsichtig Stück für Stück des Gehirns um den betroffenen Bereich herum mit Platinelektroden. Dabei beobachtete er den Kranken genau und ließ sich von ihm berichten, was er fühlte: Traf er Teile des somatosensorischen Cortex, hatte der Patient das Gefühl, jemand habe beispielsweise seine Wange gestreichelt. Wurde der motorische Cortex gereizt, bewegte sich hingegen ein bestimmtes Körperteil.

Dabei notierte sich Penfield genau, welches Areal jeweils für welches Körperteil zuständig war. Das Ergebnis: Eine Karte des primären Motorcortex, in der verzeichnet war, welcher Bereich für welches Körperteil zuständig ist. Bekannt wurden solche Gehirn-​Landkarten als Homunculus, lateinisch für „kleiner Mensch“. Zeichnet man auf, wie der menschliche Körper auf der zweidimensionalen Hirnrindenoberfläche des Motorcortex repräsentiert ist, entsteht ein grotesk verzerrtes Männchen mit riesigen Händen und einer überproportional großen Zunge. Das zeigt: Nicht die Größe eines Körperteils entscheidet darüber, wie stark es auf dem Motorcortex repräsentiert ist, sondern das Ausmaß der Feinmotorik. Die Hände können besonders diffizile Bewegungen ausführen, bei Menschen ebenso die Zunge, weil das wichtig ist, um sprechen zu können. Daher sind diese Körperteile stark im Motorcortex vertreten.

Bewegungskategorien statt einzelner Muskeln

Heute weiß man: So simpel und schematisch funktioniert der Motorcortex nicht. Die Hirnareale, die bei einer einfachen Beugung und Streckung der ersten drei Finger jeweils aktiv sind, überlappen zu einem großen Teil. Nervenzellen, die einen bestimmten Muskel reizen können, liegen zwar alle innerhalb eines gewissen Areals, sind aber meist über eine relativ große Cortexoberfläche ausgebreitet und nicht in einem eng umschriebenen Bereich zusammengedrängt.

Auch die Untersuchungen anderer Forscher weisen in diese Richtung: Nicht einzelne Muskeln, sondern vielmehr Bewegungskategorien sind im primären Motorcortex repräsentiert. So konnten die Forscher um Michael Graziano an der US-​amerikanischen Princeton University durch die gezielte Stimulation von Cortexarealen ganz bestimmte Bewegungsabfolgen auslösen, an denen verschiedene Körperteile beteiligt sind - etwa das Schließen der Hand zum Zugreifen, dann das Führen der Hand zum Mund und gleichzeitiges Öffnen des Mundes.

Empathie und Psychopathie: Die Rolle der Spiegelneurone

Die Fähigkeit, die Gefühle eines Gegenübers mitzuerleben, äußert sich - aus Sicht eines Hirnforschers - in der Aktivität bestimmter Hirnareale. Oft handelt es sich dabei um dieselben Regionen, die auch auf den Plan treten, wenn wir die beobachteten Emotionen selbst erleben: Man nimmt daher das Gefühl eines anderen in gewissen Grenzen so wahr, wie man es selbst erlebt hätte. Wie stark die entsprechenden Regionen bei Hirnscans aufleuchten, liefert dabei nach Meinung von Forschern ein Maß für das empathische Empfinden eines Probanden.

Seit Langem wird vermutet, dass bei Psychopathen dieses Einfühlungsvermögen besonders schwach ausgeprägt ist, was erklären würde, warum sie ohne schlechtes Gefühl oder Mitleid mit dem Opfer gezielt Gewalt einsetzen können.

Eine Hirnscanneruntersuchung eines Teams von Forschern um Christian Keysers von der niederländischen Universität Groningen entdeckte jedoch ein unerwartetes Phänomen: Anders als vielfach angenommen, scheint den Psychopathen nicht generell die Fähigkeit abzugehen, sich in andere einzufühlen. Denn als die Forscher sie im Experiment gezielt aufforderten, mit anderen Personen mitzufühlen, verschwanden die zuvor gemessenen Unterschiede zur Kontrollgruppe weit gehend. Offenbar sind die Psychopathen durchaus empathiefähig, nur zeigen sie diese Reaktion nicht von sich aus.

Die Ergebnisse könnten einige Auswirkungen auf die Therapie von psychopathischen Störungen haben, spekulieren die Wissenschaftler. Denn womöglich genüge es, die Patienten dazu zu bringen, das Hineindenken in andere zu automatisieren - anders als von manchen gedacht, muss man ihnen Mitgefühl offenbar nicht grundsätzlich beibringen. Der Unterschied zu Nichtpsychopathen könnte dann vielleicht darin bestehen, dass diese entsprechende empathiefördernde Lernprozesse seit frühester Kindheit durchlaufen haben, während das bei den Psychopathen - aus welchen Gründen auch immer - unterblieben ist.

Schizophrene Psychosen: Störungen der Nervenzellverbindungen

Sie hören Stimmen, vermuten Botschaften in bedeutungslosen Ereignissen oder fühlen sich ferngesteuert: Die Symptome von Menschen mit einer schizophrenen Erkrankung sind für Außenstehende befremdlich.

Schizophrene Psychosen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Sie manifestieren sich typischerweise in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter und haben für die Betroffenen gravierende psych osoziale Folgen. Zudem gehören sie zu den Erkrankungen mit den höchsten direkten und indirekten Behandlungskosten. Zu den Symptomen zählen Wahnideen, Halluzinationen, Ich-Störungen und formale Denkstörungen. Der Krankheitsverlauf ist in vielen Fällen durch wiederkehrende akute psychotische Episoden gekennzeichnet.

Bislang ist die Pathophysiologie schizophrener Psychosen nur teilweise verstanden. Deswegen gibt es lediglich Therapien, welche die Symptome bessern. Inzwischen belegen eine Vielzahl von Studien mit bildgebenden Verfahren und an den Gehirnen Verstorbener, dass die Verbindungen von Nervenzellen im Gehirn und deren Kommunikation untereinander bei schizophrenen Psychosen grundlegend gestört sind.

Typische Wahnsymptome wie Beziehungsideen, bei denen die Betroffenen vollkommen alltägliche und für sie eigentlich bedeutungslose Ereignisse auf sich beziehen, erklärt die Forschung inzwischen durch die übermäßige Ausschüttung von Dopamin. Sie führt dazu, dass äußere Reize in ihrer Bedeutung überbewertet werden. Schließlich erklärt die Forschung Symptome wie Stimmenhören oder das Gefühl, „ferngesteuert“ zu werden, durch die Fehlregulation einer Gehirnfunktion, die es gesunden Menschen ermöglicht, zwischen inneren und äußeren Sinnesreizen zu unterscheiden.

Mit dem Erklärungsmodell der Informationsverarbeitungsstörung können Psychiater also die fremdartig oder bizarr anmutenden psychotischen Symptome der Schizophrenie zunehmend erklären. Das hilft nicht nur bei der Entwicklung neuer Therapien, sondern erleichtert es auch, den Betroffenen die Ursache ihrer Erkrankung zu erklären.

Liebe und Lernen: Gemeinsame neuronale Grundlagen

Die Freude am Lernen und die Liebe - sie wohnen beide am gleichen Fleck im Gehirn. Forscher haben festgestellt: die Freude am Lernen und die Liebe sind im selben Gehirnbereich angesiedelt.

Je länger und sonniger die Tage sind, umso stärker steigt der Serotoninspiegel im Gehirn. Dieser Botenstoff schärft die Sinne: Wir erleben Farben, Gerüche, Geräusche und Gefühle viel intensiver, bewusster und präziser als zuvor. Außerdem schürt Serotonin Unternehmungslust und Neugier - zum Beispiel auf eine neue Liebe.

Liebe ist keineswegs eine Herzensangelegenheit, auch wenn sie mit Herzklopfen daher kommt. Emotionen entstehen im Gehirn und bewirken Veränderungen im Körper. Bei akuter Verliebtheit wird zum Beispiel Adrenalin ausgeschüttet. Davon bekommt man Herzklopfen. Die Aktivität des Insellappens bei Verliebtheit sorgt für die "Schmetterlinge im Bauch".

Viele Menschen verstehen unter Liebe die sogenannte romantische Liebe, das akute Verliebtsein: Bauchflattern, sich selbst vergessen, alle Gedanken kreisen nur noch um diese eine Lichtgestalt der Leidenschaft. Um dieses so subjektive, typisch menschliche Erlebnis zu begreifen, haben Forscher etlichen Verliebten mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (MRT) in den Kopf geblickt und festgestellt: "Die romantische Liebe ist eine Sucht erzeugende Droge."

Wie die Sucht spielt sich auch die Verliebtheit im Belohnungszentrum des Gehirns ab. Die Fixierung auf den Partner, das Kreisen aller Gedanken um ihn, trifft auch beim Süchtigen auf den Suchtstoff zu. "Nicht nur von der Beschreibung her liegen Liebe und Sucht nahe beieinander, im Kopf sind sie praktisch identisch", erläutert der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer. "Denn es geht in beiden Fällen um das Dopaminsystem und bestimmte Gehirnzentren, das Corpus striatum in den Basalganglien."

Londoner Forscher haben ebenso wie Fisher "total verknallte" Probanden in den MRT gelegt und ihnen Fotos des Partners gezeigt. Sie stellten fest, dass nur vier kleine, eng begrenzte Hirnregionen das mächtige und aufwühlende Gefühl der Liebe hervorrufen: der vordere cinguläre Kortex, der beim Erkennen der eigenen Emotionen und der von anderen hilft, der Insellappen, der Sinneseindrücke verarbeitet und beispielsweise um so aktiver ist, je attraktiver wir ein Gesicht finden. Den Nucleus caudatus und den Putamen machten Bartels und Zeki für das erotische Element der Verliebtheit aus. Außerdem drosseln romantische Glücksgefühle Aktivitäten in Regionen, die für negative Emotionen zuständig sind wie im rechten vorderen Stirnlappen und im Mandelkern, Ort der Trauer, Angst und Wut. Im Hirnscann konnten Bartels und Zeki auch pure sexuelle Erregung von Liebe trennen. Lust stimuliert beispielsweise Areale im Hypothalamus, die bei ihren Verliebten aber untätig blieben.

Seit rund fünf Jahren weiß die Forschung, dass dieselben Gehirnbereiche und das Dopamin ebenfalls für das Lernen zuständig sind. Auch beim Lernen und Entdecken von etwas, was unerwartet und gut für uns ist, und dem erfolgreichen Lösen von Problemen springt das Belohnungssystem an: Aha-Erlebnisse machen glücklich. Auch Verliebte lernen eine neue Gefühlswelt und eine neue Person kennen, möchten mehr über sie erfahren und das eigene Leben verändern. "Verliebtheit, Lernen und Glück sind sozusagen verschiedene Seiten des gleichen Funktionszusammenhangs", meint Spitzer. "Der Botenstoff Dopamin wird immer dann im Gehirn ausgeschüttet, wenn etwas Gutes passiert, das zunächst unerwartet, aber besonders gut für uns ist. Akutes Verliebtsein gehört sicherlich zu diesen Erlebnissen, ist vielleicht sogar das Wichtigste, das uns Menschen widerfahren kann. Es mag unromantisch klingen: Sich verlieben und lernen sind aus der Sicht des Gehirns kaum voneinander zu unterscheiden."

Oxytocin und Bindung

Ein weiterer Stoff, aus dem die Liebe ist, heißt Oxytocin. Bei der Geburtshilfe wird es schon länger eingesetzt, da das Hormon die Wehen einleitet. Beim Stillen steigen dann die Oxytocin-Werte sowohl der Mutter als auch des Säuglings. "Oxytocin bewirkt auch etwas im Gehirn: Die Mutter verliebt sich unsterblich in den kleinen Knirps", erklärt Spitzer. Die Kinder bauen ebenfalls eine starke Bindung zur Mutter auf. Funktioniert das nicht, sind sie ihr ganzes Leben eher scheu, verschlossen und wenig neugierig.

Da das Glückssystem der ersten Verliebtheit nicht auf Dauer angelegt ist, ist für die bleibende Liebe zwischen Mann und Frau Bindung äußerst wichtig. Auch hier kommt Oxytocin ins Spiel. Es wird vom Hypothalamus nicht nur beim Stillen ausgeschüttet sondern auch durch zärtliche Streicheleinheiten, sanfte Massagen und beim Sex.

Vor allem beim Mann wirft Sexualität Bindungsprozesse an, die langfristig für eine stabile Paarbeziehung sorgen und somit dafür, dass das Kind Eltern hat, die sich um es kümmern.

Stress und Trading: Die Rolle der Amygdala

Im Trading verlieren etwa 90 Prozent der Trader dauerhaft Geld. Wissenschaftler gehen davon aus, dass gut 90 Prozent unseres Verhaltens unbewusst passiert. Alles, was der Mensch wahrnimmt, läuft über eine Kommandozentrale im Gehirn: das Angst- und Panikzentrum. Dieses liegt in den sogenannten Mandelkernen (Amygdalae). Ihr Gegenspieler ist das Glücks- und Belohnungszentrum. Beide können wir nicht bewusst kontrollieren.

Nehmen wir Signale im Außen wahr, gelangen diese Informationen zunächst in diese emotionale Überprüfungszentrale unseres Gehirns. Hier werden sie auf Gefahr oder Freude analysiert. Noch bevor uns die Bedeutung bewusst wird, werden diese Eindrücke als Gefühl verpackt und veranlassen uns zu Handlungen.

Am Beispiel Trading: Sie nehmen wahr, dass Sie gerade bei einem Trade Geld verlieren, weil der Markt gegen Ihre Position läuft. Diese Information gelangt zur emotionalen Kommandozentrale Ihres Gehirns, zum Angst- und Panikzentrum, sowie zum Belohnungszentrum. Da Geldverlust für den modernen Menschen in der Regel Gefahr bedeutet, nämlich Existenzverlust, gehen nun alle Reaktionen vom Angst- und Panikzentrum aus. Ihr Gehirn will Sie vor Schaden schützen und verursacht eine Handlung: kämpfen, fliehen oder erstarren. Der gesamte Ablauf geschieht unbewusst.

Um sich beim Trading vor solchen Fallstricken zu schützen, benötigt man stabile Handlungsabläufe. Diese müssen förmlich unbewusst abgespult werden.

Trading ist gerade zu Beginn für viele eine emotionale Achterbahnfahrt. Der ständige Wechsel zwischen Gewinn und Verlust lässt beim Trader Gefühle von Wut, Freude, Hoffnungslosigkeit, Euphorie, Aussichtslosigkeit, Übermut und vieles mehr entstehen. Da Menschen dazu neigen, ihre Gefühle in Handlungen umsetzen zu wollen, können starke Emotionen beim Trading schnell zu einem Problem werden.

Der Begriff „Stress" kommt aus dem englischen und bedeutet ursprünglich Druck, Zug oder hohe Beanspruchung eines Materials. Entscheidend ist also, wie wir eine Situation, die stressen könnte, bewerten und darauf reagieren. Stress ist beim Trading immer gegenwärtig. Denn jeder Trade wird von Unsicherheit begleitet.

Die bekanntesten Stressarten sind der „Adrenalinstress" und der „Cortisolstress'.' Adrenalinstress wird sehr schnell ausgelöst. Anders beim Cortisolstress, den man auch als Dauerstress bezeichnen kann. Neben dem zeitlichen Aspekt gibt es zwei Arten von Stress: Bei „Eustress" handelt es sich um positiven Stress, bei „Distress" um negativen. Eustress kann man auch als Motivator sehen, der die Leistungsfähigkeit steigert. Beim Distress kommt es eher zur Leistungsminderung.

Der Hypothalamus: Schaltzentrale für lebenswichtige Funktionen

Mit gerade einmal vier Gramm ist der Hypothalamus ein Leichtgewicht, vor allem im Vergleich zum 350-mal schwereren Gehirn im Gesamten. Und dennoch enthält dieser winzige Hirnbereich neuronale Netzwerke, die lebenswichtige Funktionen unseres Körpers steuern. So sitzt im Hypothalamus mit dem suprachiasmatischen Nukleus die Schaltzentrale unserer inneren Uhr, die unseren Wach-Schlaf-Zyklus überwacht.

Außerdem koordiniert der Hypothalamus den Salz- und Wasserhaushalt und damit auch unseren Blutdruck, er reguliert Körpertemperatur sowie Stress-, Gefühls- und Sexualverhalten und sorgt dafür, dass wir über unsere Nahrung ausreichend Energie erhalten. Dabei wirken Rückkopplungsschleifen: Etwas geschieht im Körper, der Hypothalamus nimmt dies wahr und reagiert darauf.

Vereinfacht gesagt: Der Hypothalamus sorgt dafür, dass unser Körper sich im Gleichgewicht befindet, etwas, das Fachleute als Homöostase bezeichnen. Das macht der neuronale Winzling aber nicht allein, sondern mithilfe von anderen Nervenzellen und Hirnregionen, etwa der Hypophyse, sowie einer Schar von Botenstoffen.

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