Viele Menschen mit Multipler Sklerose (MS) verspüren den Wunsch, aktiv etwas gegen ihre Erkrankung unternehmen zu können. Dies führt oft zur Suche nach komplementärmedizinischen Verfahren, die zusätzlich zur klassischen Schulmedizin eingesetzt werden. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieser Verfahren, ihre Anwendung, wissenschaftliche Evidenz und potenzielle Risiken.
Einführung in die Komplementärmedizin bei MS
Selbst etwas gegen die MS tun zu können - ein Wunsch, den viele Patienten haben. Viele MS-Patienten haben Interesse an solchen Methoden, die allerdings nicht zur klassischen Schulmedizin gehören. Unter komplementär versteht man Methoden, die zusätzlich zur Schulmedizin eingesetzt werden. In Deutschland leben nach neuen Zahlen des Bundesversicherungsamtes mehr als 280.000 MS-Erkrankte. Jährlich wird bei mehr als 15.000 Menschen MS neu diagnostiziert.
Was sind komplementäre und alternative Therapien (KAT)?
Eine allgemein akzeptierte Definition von KAT existiert nicht. Als alternativ wird eine Therapie bezeichnet, die als Ersatz zu konventionellen Verfahren gedacht ist. Dagegen versteht sich eine komplementäre Therapie nicht im Widerspruch, sondern als Ergänzung zur konventionellen Medizin. Die Grenzen zwischen KAT und schulmedizinischer Therapie sind nicht immer leicht zu ziehen. Der wissenschaftliche Wirkungsnachweis ist kein stringentes Unterscheidungsmerkmal, da keineswegs alle schulmedizinischen Therapien wissenschaftlich gut belegt sind. Dies trifft vor allem für die symptomatische konventionelle Therapie der MS zu, die oft nicht durch heutigen Kriterien genügende wissenschaftliche Untersuchungen validiert ist. So sind beispielsweise Effekte der physikalischen Therapie, obwohl sie allgemein empfohlen wird, bei MS kaum untersucht.
Wir benutzen die pragmatische Definition der CAM-Konsensus-Konferenz von 1995: “Complementary and alternative medicine (CAM) is a broad domain of healing resources … other than those intrinsic to the politically dominant health system of a particular society or culture in a given historical period … Boundaries within the CAM domain and that of the dominant system are not always sharp or fixed”. Ob eine Therapie unkonventionell ist, wird nach dieser Begriffsbestimmung nicht objektiv, sondern von der Konvention des jeweils vorherrschenden Gesundheitssystems festgelegt.
Als repräsentativ für die gegenwärtige Definition der konventionellen Therapie gelten die Empfehlungen der Multiple- Sklerose-Therapie-Konsensus-Gruppe (MSTKG) zur symptomatischen und immunologischen Behandlung der MS.
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Häufigkeit und Motive der Anwendung von KAT bei MS
KAT werden in den westlichen Industrienationen zunehmend eingesetzt. Eine Studie der Deutschen Medizinischen Wochenschrift zeigt, dass circa 70 Prozent aller MS-Erkrankten Naturheilkunde und Komplementärmedizin anwenden. An der Spitze des Spektrums mit 30 bis 35 Prozent stehen Entspannungsverfahren sowie Mineralien- und Spurenelemente, gefolgt von Diäten, Akupunktur und Homöopathie (20 Prozent). Meist werden diese als Ergänzung zu den Standard-Therapien genutzt. Einige Erkrankte probieren vor allem bei geringer Symptomatik zunächst diese Verfahren.
Die meisten Untersuchungen stimmen überein, dass ein Hauptmotiv der Patienten ist, nichts unversucht zu lassen und keine Chance zu verpassen. Ein wichtiges Motiv ist auch, im Sinne einer Coping-Strategie mithilfe von KAT Eigeninitiative und Kontrolle über die Erkrankung zu erlangen. Generelles Misstrauen gegenüber der konventionellen Medizin spielt dagegen eine untergeordnete Rolle. Die meisten Patienten, die KAT verwenden, führen die Therapie in Eigenregie durch oder erhalten sie von praktischen Ärzten oder anderen Therapeuten, jedoch nur selten von Neurologen. Die behandelnden Neurologen erhalten häufig keine Kenntnis von der Anwendung von KAT. Die Patienten geben hierfür unterschiedliche Gründe an: Viele Patienten setzen eine negative Grundeinstellung oder Unkenntnis des Schulmediziners gegenüber unkonventionellen Verfahren voraus und vermeiden deshalb ein Gespräch über dieses Thema. Andere Patienten gaben an, dass sie beim Neurologen nicht genügend Redezeit hatten, um das Thema ansprechen zu können. So berichteten in unserer eigenen Befragung 52% der Patienten, dass das Aufklärungsgespräch über die Erkrankung insgesamt weniger als 15Minuten betragen habe.
Die große Mehrheit der Patienten berichtet einen positiven Therapieeffekt der KAT. Bei einer Erkrankung mit einem individuell so variablen Spontanverlauf wie der MS haben positive Erfahrungsberichte unabhängig vom wissenschaftlichen Evidenzgrad der Methode aber nur eine äußerst eingeschränkte Aussagekraft, zudem Plazebo-kontrollierte Studien regelmäßig auch bei anscheinend rein „organischen“ Symptomen wie Spastik oder Gehfähigkeit einen erheblichen Plazebo-Effekt zeigen. Dies trifft in besonderem Maß für das Zielkriterium Schmerz zu, bei dem Plazebo-Effekte besonders ausgeprägt sind. Die positive Erwartung der Patienten spielt hierbei eine wesentliche Rolle, wie anhand von Studien zur Wirkung von Akupunktur bei Rückenschmerzen, die ganz oder zumindest weitgehend auf Plazebo-Effekten beruht, überzeugend demonstriert werden konnte.
Nebenwirkungen von KAT werden selten berichtet. Dies steht im Gegensatz zu den konventionellen immunmodulatorischen Therapien, die eine hohe Rate unerwünschter Wirkungen aufweisen, die zudem oft als schwerwiegend empfunden werden. Dagegen sind die Therapieeffekte der konventionellen Medizin subjektiv oft nicht erlebbar: Der Patient nimmt wahr, dass die Krankheit trotz Therapie fortschreitet, während die in Studien belegte und im Vergleich zum Spontanverlauf deutliche Verminderung der Krankheitsaktivität nicht erlebt wird und im Einzelfall ja auch ausbleiben kann. So ist es nicht verwunderlich, dass die subjektive Lebensqualität unter einer Interferon-Therapie abnehmen kann, obwohl der Nutzen objektiv unumstritten ist.
Die häufig mangelhafte Aufklärung der behandelnden Ärzte in Verbindung mit nicht unmittelbar wahrnehmbaren positiven Effekten der konventionellen Therapie bildet somit die Basis für die Häufigkeit der Verwendung alternativer Verfahren.
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Beispiele für komplementärmedizinische Verfahren bei MS
Von Akupunktur bis Yoga reicht die Palette an komplementären (die Schulmedizin ergänzenden) oder alternativen (anstelle der schulmedizinischen Behandlung) Therapien und Produkten. Grob gliedern kann man sie in die Bereiche „Sport und Bewegung“, „Physikalische Therapien“ (zum Beispiel Massagen, Elektrotherapie oder Kältetherapie), „Entspannungstechniken“, „Ernährung“, „traditionelle Heilverfahren“ (unter anderem Akupunktur und Pflanzenheilkunde), sowie weitere Verfahren (zum Beispiel Amalgamentfernung, Homöopathie, Musik- und Kunsttherapie, Osteopathie, tiergestützte Therapien etc.).
Sport und Bewegung
Individuell angepasste körperliche Aktivität kann MS-Betroffenen viel nützen: Die Beweglichkeit bleibt länger erhalten; die allgemeine Müdigkeit (Fatigue) bessert sich bei gezielter Bewegung, wie sie in der Physiotherapie erlernt wird; das Training kann Fehlbelastungen und falsche Bewegungen, die durch Schmerzen, Spastiken oder Muskelblockierungen entstehen, beseitigen und Gangstörungen beheben. Bei einer Ataxie fällt es MS-Patient*innen schwer, das Gleichgewicht zu halten.
Yoga, Tai-Chi, Heileurythmie, Feldenkrais und Qigong sind Beispiele für Bewegungstherapien mit Aufmerksamkeitskomponente, die ebenfalls zur Stressreduktion beitragen können.
Entspannungstechniken
Therapien, die helfen können, Stress zu vermeiden, können daher für MS-Erkrankte wirkungsvoll sein. Gute Methoden der Stressreduktion sind unter anderem Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR), Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung sowie Bewegungstherapien mit Aufmerksamkeitskomponente (Yoga, Tai-Chi, Heileurythmie, Feldenkrais, Qigong).
Ernährung und Diäten
Es gibt zwar keine spezielle Diät für MS-Erkrankte, aber es wird vermutet, dass die Ernährungsweise MS-Symptome beeinflussen kann. Eine gesunde, ausgewogene Ernährung ist deshalb besonders wichtig. Essen Sie abwechslungsreich mit viel Gemüse und Obst und nehmen Sie sich genügend Zeit für die Mahlzeiten. Sowohl die vegane (ausschließlich pflanzliche Kost) als auch die ketogene (viele tierische Fette und Eiweiße) Diät tauchen im Zusammenhang mit MS immer wieder auf. Studien zeigen, dass vegane Ernährung Müdigkeitserscheinungen und seelisches Befinden verbessern kann. Ihr Gegenstück, die ketogene Ernährung, weist laut einer aktuellen Studie an der Berliner Charité allerdings ähnlich positive Effekte auf. Auch intermittierendes Fasten, entzündungshemmende Ernährung sowie die Paleo-Diät können für mehr psychisches und körperliches Wohlbefinden trotz MS sorgen.
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Wer sich vegan ernährt, sollte auf jeden Fall regelmäßig den Vitamin-B12-Wert überprüfen lassen. Untergewicht oder Übergewicht sollten vermieden werden.
Traditionelle chinesische Medizin (TCM)
Als Teil der Traditionellen chinesischen Medizin ist fachkundig ausgeführte Akupunktur eine Option bei der funktionellen und regulativen Therapie zur Symptomlinderung bei MS. Die Wirkungsmechanismen der Akupunktur sind wissenschaftlich umstritten. Allerdings wurden mehrfach positive Effekte in der Behandlung von MS-Erkrankten mit chronischen Schmerzen beobachtet. Auch positive Wirkungen auf Darmfunktion und Fatigue sind möglich und können insgesamt zu einer Verbesserung der Lebensqualität führen.
Vitamin D
Ein Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Spiegel und MS wird vermutet, denn MS-Erkrankte haben häufig einen zu niedrigen Vitamin-D-Spiegel. Die Leitlinie zur Diagnostik und Therapie bei MS empfiehlt, einen solchen Mangel auszugleichen.
Pflanzliche Präparate
Drei pflanzliche Wirkstoffe haben sich mit ermutigenden Studienergebnissen hervorgetan. Ginseng, über drei Monate verabreicht im Vergleich zu Placebo, zeigte bei den beteiligten MS-Erkrankten eine Besserung von Müdigkeit und allgemeiner Lebensqualität. Die in der Cannabis-Pflanze enthaltenen Wirkstoffe THC und CBD können MS-Symptome wie Spastik und Schmerzen lindern sowie das Gangbild verbessern. Allerdings wirkt Cannabis von Mensch zu Mensch unterschiedlich und kann Nebenwirkungen, wie Schwindel oder psychische Beeinträchtigungen, haben. Mut macht auch eine frühe Phase-II-Studie aus Deutschland, die zeigt, dass Weihrauch die Entzündungsaktivität bei MS signifikant senken kann. Auch bei Omega-Fettsäuren kann die entzündungshemmende Wirkung positive Effekte bei MS-Erkrankten haben, das gilt nachweisbar für die pflanzlich basierten Omega-6-Fettsäuren, die in Borretsch- oder Nachtkerzenöl vorkommen.
Cranio-Sacrale-Therapie
Cranio-Sacrale-Therapie ist eine sanfte, nicht invasive Therapie. Durch einfache Berührung und Mobilisationsbewegungen der cranio-sacralen Strukturen können Blockierungen im CSS und am ganzen Körper erkannt und gelöst werden. Dadurch wird es den von Blockaden befreiten Gebieten des Körpers möglich, sich der in der CSF innewohnenden Heilkraft und Ordnung neu zu öffnen.
Feldenkrais-Methode
Ziel der Feldenkrais-Methode ist es nicht, Probleme zu korrigieren, sondern das Bewusstsein zu schulen, eine klarere Empfindung von sich selbst zu entwickeln. Dadurch kann eine leichtere und freudvollere Art entstehen, sich zu bewegen.
Wissenschaftliche Evidenz und Forschungslage
Konkret heißt das, dass es für die Wirksamkeit von klassischer Homöopathie, Präparaten aus der Pflanzenheilkunde oder von bestimmten Anwendungen aus der Traditionellen Chinesischen Medizin keine wissenschaftlichen Nachweise durch Studien gibt. Das gilt auch für ein breites Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln in Form von Tabletten, Pulvern und Kapseln. Die alternative Medizin boomt, obwohl es oft an wissenschaftlichen Erkenntnissen fehlt. In vielen Fällen ist die Komplementärmedizin keine reine Alternative, dennoch kann sie eine nützliche Ergänzung zur Schulmedizin sein. Der Effekt alternativer Therapieansätze ist meist auch nicht immer hinreichend erforscht - was nicht bedeutet, dass sie nicht wirksam sind oder sein können.
Die bei der MS eingesetzte immunmodulierende und immunsuppressive Therapie kann, durch mögliche alternative Therapieansätze, durchaus unterstützt werden (sofern die Wirksamkeit belegt ist). Die Schulmedizin kann sie aber keinesfalls ersetzen.
Die Datenlage ist für ungesättigte Fettsäuren, Vitamin D und Calcium sowie für Cannabinoide am günstigsten; allerdings steht auch für diese Therapien der Wirkungsnachweis aus.
Einige Untersuchungen deuten darauf hin, dass - ähnlich wie bei Tumorerkrankungen - KAT sich weniger auf objektiv messbare Befunde der MS auswirken als auf die Selbstwahrnehmung, das psychische Wohlbefinden und die Lebensqualität. Auch diese Wirksamkeitshypothesen müssen mit geeigneten Zielkriterien geprüft werden.
Das PEMS-Projekt
Data Saves Lives Deutschland unterstützt eine internationale Online-Befragung des PEMS Projekts Delphi Survey anlässlich des Welt MS Tages am 30. Mai 2024. "PEMS" steht für das Forschungsprojekt „Participatory Evidence Synthesis in MS and Complementary Therapies“. Es gilt für die Forschenden herauszufinden, welche komplementärmedizinischen Verfahren, also zusätzlich zur Therapie angewendete Verfahren wie Akupunktur, Einfluss auf die Menschen mit MS haben und auf welche Verfahren ein besonderes Augenmerk gelegt werden sollte.
Das Projekt wird vom Institut für komplementäre und integrative Medizin am Universitätsspital Zürich und dem Schweizer MS-Register an der Universität Zürich durchgeführt, und von der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft unterstützt. Das PEMS-Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, die Relevanz und den Zugang zur klinischen Forschung in Bezug auf komplementärmedizinische Verfahren im Bereich MS zu verbessern.
Ziel des Forschungsprojektes besteht in der Untersuchung der Inanspruchnahme von alternativen und komplementären Therapien (AKT) bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) und der Identifizierung potenzieller Einflussfaktoren.
Risiken und unerwünschte Wirkungen
Von welchen Therapien muss abgeraten werden? Definitionsgemäß können KAT aus wissenschaftlicher Sicht nicht empfohlen werden. Angesichts des belegten Nutzens der zugelassenen Immuntherapien ist es aber nicht vertretbar, einem Patienten KAT anstelle von konventioneller Therapie zu empfehlen, solange die wissenschaftlich fundierten Therapiemöglichkeiten noch nicht ausgeschöpft sind.
Daten zur Sicherheit der KAT sind kaum verfügbar. Von Patienten und Anbietern werden KAT üblicherweise als harmlos angesehen. Dieses Vorurteil kann nicht mehr aufrechterhalten werden, nachdem sich Berichte über Nebenwirkungen von Phytotherapeutika häuften und große Studien gezeigt haben, dass selbst von generell als ungefährlich betrachteten Vitaminen, Multivitaminpräparaten oder Mineralien bei langfristiger Anwendung als Nahrungsergänzungsmittel negative Effekte zu erwarten sind. Bei MS gibt es in der Tat nur vereinzelt Fallberichte über relevante Nebenwirkungen von KAT. Abschätzungen über die Dunkelziffer nicht erkannter oder berichteter Nebenwirkungen von KAT sind uns nicht bekannt. Es kann angenommen werden, dass die Anbieter von KAT unerwünschte Nebenwirkungen meist nicht publizieren. Bei einer Erkrankung mit einer so hohen inter- und intraindividuellen Variabilität des Krankheitsverlaufs wie der MS sind im Einzelfall unerwünschte Wirkungen auf den Krankheitsverlauf schwer nachweisbar, was selbstverständlich auch für die positive Wirkung gilt. Aus diesem Grund sind gerade bei MS positive Erfahrungsberichte einzelner Patienten mit größter Vorsicht zu interpretieren, zudem auch bei dieser Erkrankung massive Plazebo-Effekte bekannt sind.
Viele KAT sind teuer. So kostet - ein Beispiel unter vielen - der von der Firma Seviton für MS-Patienten vorgeschlagene Jahresbedarf an diversen Nahrungsergänzungsmitteln 1795,52 Euro - deutlich mehr als ein durchschnittliches Monatseinkommen. Der hohe Preis hält viele Patienten nicht ab, aufgrund unbewiesener Versprechungen diese und noch weit höhere Summen auszugeben, was in Einzelfällen bis zum finanziellen Ruin der finanziell oft nicht gut gestellten chronisch Kranken führen kann. Neben dem ernsthaften Wunsch vieler Anbieter von KAT, den Patienten eine zusätzliche Behandlung anzubieten, sind leider Geschäftemacherei und Profitgier gelegentlich unverkennbare Motive - unter Ausnutzung der Verzweiflung schwer kranker Menschen, die bereit sind, jeden Strohhalm zu ergreifen. Gemessen an den niedrigen Herstellungskosten vieler Substanzen sind die Preise und damit die Gewinnspanne bei KAT oft unverhältnismäßig hoch, was von vielen Patienten aber klaglos hingenommen wird.
Die meisten KAT gelten in Deutschland als Nahrungsergänzungsmittel und fallen damit nicht unter das Arzneimittelgesetz. Sie sind frei verkäuflich, unterliegen keinen Qualitätskontrollen und benötigen vor der Vermarktung keinen Wirksamkeitsnachweis. Substanzen, die in Apotheken, Supermärkten oder frei verkauft werden, gelten im Allgemeinen als unbedenklich, obwohl sowohl die Qualität des Produkts als auch mögliche Verunreinigungen kaum überprüfbar sind. Für einzelne Substanzen (z.B. Vitamine A, E, D) sind Höchstmengen vorgeschrieben. Abzuraten ist von Käufen im Internet, vor allem von ausländischen Quellen oder wenn die Quelle nicht genau bekannt ist.
Zu den gefährlichen Behandlungsmethoden, die zudem in der Regel nicht wissenschaftlich untersucht worden sind, zählen die Verstärkung der Immunreaktion (sogenannte Immunaugmentation), die Frischzelltherapie, bei der Zellen von Kalbsföten oder jungen Kälbern gespritzt werden, die Behandlung mit Schlangen- oder Bienengift, die schwere Allergien nach sich ziehen kann sowie die intrathekale Stammzellentherapie, bei der dem Patienten eigene Stammzellen in den Rückenmarkskanal gespritzt werden und die tödlich verlaufen kann. Auf diese Behandlungen sollten MS-Erkrankte in jedem Fall verzichten. Auch die Amalgamsanierung kann nach heutigem Kenntnisstand nicht empfohlen werden.
Kommunikation mit dem Arzt
Egal, ob Massage, Akupunktur oder Ernährung: Wenn Du Dich für einen Ansatz interessiert, solltest Du auf jeden Fall mit Deinem Arzt darüber sprechen. Viele Schulmediziner stehen solchen Verfahren durchaus offen gegenüber - vorausgesetzt, sie werden komplementär, also ergänzend, zur klassischen MS-Therapie eingesetzt. Vielleicht hat Dein Arzt durch andere Patienten schon Erfahrungen mit der einen oder anderen Methode gemacht und kann Dir seriöse Ansprechpartner in Deiner Nähe nennen. Ein ebenso wichtiger Punkt: Nur wenn Dein Arzt weiß, dass Du einen anderen Ansatz ausprobieren möchtest, kann er Dich zu möglichen Risiken, Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit Medikamenten, die Du einnimmst, beraten.
Generell gilt die Empfehlung, sich bei allen Therapieformen vorab umfassend zu informieren.
Kostenübernahme durch Krankenkassen
Krankenkassen bezahlen in der Regel all jene Therapien, die verschreibungspflichtig sind. Je nachdem, bei welcher Kasse Sie versichert sind und - im Fall einer Privatversicherung - welchen Tarif Sie abgeschlossen haben, können mitunter auch komplementäre Verfahren wie Akupunktur oder Homöopathie übernommen werden. Am besten klären Sie mit Ihrer Krankenkasse vor Beginn einer Therapie, welche Kosten bezahlt werden, damit Sie keine bösen Überraschungen erleben.
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