Die Komplexität des Nervensystems: Definition, Funktion und Störungen

Das Nervensystem ist ein komplexes Netzwerk, das die Grundlage für alle Steuerungs- und Regelungsprozesse im menschlichen Körper bildet. Es koordiniert sämtliche Körperfunktionen und ermöglicht es uns, unsere Umwelt wahrzunehmen. Die Neurowissenschaften haben sich zum Ziel gesetzt, die Funktionsweise des Nervensystems, die Speicherung und Verarbeitung von Informationen sowie die Auswirkungen von Krankheiten oder Verletzungen auf seine Funktion zu verstehen. Aufgrund der Komplexität des Nervensystems sind diese Fragen bisher nur in Details beantwortet worden.

Aufbau und Funktion des Nervensystems

Das Nervensystem ist die zentrale Informations- und Kommunikationsplattform unseres Körpers. Es durchzieht unseren gesamten Organismus und dient der Erfassung, Weiterleitung und Verarbeitung von Informationen. Das Nervensystem besteht aus etwa 100 Milliarden Nervenzellen, die untereinander vernetzt sind und dadurch zu komplexen Rechenleistungen in der Lage sind. Es besteht aus spezialisierten Sensoren, die die vom Nervensystem gesammelten Informationen in elektrische Impulse umwandeln und über Nervenfasern mit einer Geschwindigkeit von rund 400 km/h an das Gehirn weiterleiten, wo sie verarbeitet und gespeichert werden.

Zentrales Nervensystem (ZNS)

Das zentrale Nervensystem (ZNS) besteht aus dem Gehirn und dem Rückenmark. Es fungiert als Kontrollzentrum für den Körper und ist verantwortlich für alle Bewusstseins-, Denk- und Kontrollfunktionen. Das Gehirn ist das Steuerungs- und Verarbeitungszentrum, das Empfindungen und Lernen, Verhalten und die Kontrolle der Körperfunktionen ermöglicht. Das Rückenmark verbindet das Gehirn mit dem Rest des Körpers und leitet Anweisungen vom Gehirn an die Körperzellen und umgekehrt.

Das Gehirn besteht aus drei Hauptbereichen:

  1. Das Großhirn ist für kognitive Fähigkeiten wie Lernen, Denken und Wahrnehmung verantwortlich.
  2. Das Kleinhirn spielt eine wesentliche Rolle bei der Regulation und Koordination von Bewegungen, Gleichgewicht und Körperhaltung.
  3. Der Hirnstamm ist unerlässlich für das Überleben und verbindet das Gehirn mit dem Rückenmark. Er regelt viele automatisierte Prozesse wie Atmung und Herzschlag.

Das Rückenmark, das dem Gehirn nachgeordnet ist, leitet die Informationen zwischen Gehirn und Körper und ermöglicht Reflexreaktionen.

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Peripheres Nervensystem (PNS)

Das periphere Nervensystem (PNS) besteht aus allen Nerven, die außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks liegen. Es verbindet das ZNS mit den restlichen Teilen des Körpers und ermöglicht die Kommunikation zwischen ihnen. Das PNS ist in zwei Hauptteile unterteilt:

  1. Das somatische Nervensystem ist für willkürliche Aktivitäten wie Bewegungen verantwortlich.
  2. Das autonome Nervensystem übernimmt die Leitung von unbewussten Prozessen wie der Kontrolle von Blutdruck und Herzfrequenz.

Nervenzellen (Neuronen)

Als kleinste funktionelle Einheit bilden die Nervenzellen (med.: Neuron) mit ihren umgebenden Gliazellen die Grundbausteine unseres Nervensystems. Die Nervenzellen bestehen aus einem Zellkörper mit Dendriten zur Reizaufnahme und einem Axon zur Reizweiterleitung. Die kleinen, meist stark verästelten Dendriten empfangen Signale, während das längere Axon, die elektrische Erregung zum Ende der Nervenzelle weiterleitet. Dort angekommen wird der Reiz durch die sogenannten Synapsen (Schaltstelle der Nervenzelle) zur nächsten Zelle transportiert.

Synapsen

Die Synapsen sind zentrale Schaltstellen des Nervensystems. Sie sind die Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen, an denen Signale in Form von Botenstoffen übertragen werden. Der Übertragungsprozess läuft in mehreren Schritten ab:

  1. Ein ankommendes Aktionspotenzial führt zur Öffnung spannungsgesteuerter Calciumkanäle in der präsynaptischen Membran.
  2. Die Calcium-Ionen strömen in das Innere der Synapse und aktivieren eine molekulare Maschine, die sich zwischen der Membran der Vesikel und der Plasmamembran befindet.
  3. Diese Maschine bewirkt, dass die Membran der Vesikel, die sich in der Startposition befinden, mit der Plasmamembran verschmilzt.
  4. Die Botenstoffe werden freigesetzt und diffundieren durch den synaptischen Spalt zur postsynaptischen Membran.
  5. Auf der anderen Seite des synaptischen Spaltes treffen die Botenstoffe auf Andockstellen in der Membran des Empfänger-Neurons, die die elektrischen Eigenschaften dieser Membran regulieren.
  6. Dadurch ändert sich der Membranwiderstand. Die Empfängerzelle kann die Spannungsänderung, die dadurch entsteht, in einem rasanten Tempo verarbeiten.

Die Funktionsweise der synaptischen Vesikel auf molekularer Ebene zu verstehen, ist eine aufwendige Arbeit. Wissenschaftler haben dazu ein umfassendes Inventar aller Vesikelbestandteile erstellt und die Proteinmaschine, die die Membranfusion bewerkstelligt, in ihren funktionellen Details untersucht.

Reflexbogen

Der Reflexbogen ist ein fundamentaler Bestandteil des Nervensystems und ermöglicht unserem Körper blitzschnelle, automatische Reaktionen ohne Einbeziehung des Gehirns. Die Funktionsweise des Reflexbogens lässt sich am besten anhand des Kniesehnenreflexes erklären:

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  1. Wenn der Arzt mit dem Reflexhammer unterhalb der Kniescheibe klopft, wird die Muskelspindel im Streckmuskel gedehnt.
  2. Diese Dehnung wird von speziellen Rezeptoren registriert und in ein elektrisches Signal (Rezeptorpotenzial) umgewandelt.
  3. Das Signal wird über sensorische Neuronen zum Rückenmark geleitet.
  4. Im Rückenmark erfolgt die entscheidende Umschaltung: Das ankommende Signal wird über Synapsen auf motorische Neuronen übertragen.
  5. Gleichzeitig werden über Interneuronen mit hemmenden Synapsen die antagonistischen Muskeln (hier: die Beugemuskeln) gehemmt.
  6. Dies verhindert, dass sich gegensätzlich wirkende Muskeln gleichzeitig anspannen.
  7. Die motorischen Neuronen senden ein Signal an den Streckmuskel, der sich daraufhin zusammenzieht und das Bein streckt.

Überlastung und Störungen des Zentralnervensystems

Das Zentralnervensystem ist ein komplexes Netzwerk, das für die Kontrolle der meisten körperlichen Funktionen und kognitiven Fähigkeiten verantwortlich ist. Es ist ein lebenswichtiges System, welches jedoch anfällig für viele Arten von Störungen und Überlastungen ist. Diese Probleme können aus einer Vielzahl von Gründen auftreten, darunter genetische Faktoren, Umweltauslöser, Infektionen, Autoimmunerkrankungen, Verletzungen oder altersbedingte Abnutzung.

Symptome einer Störung des Zentralnervensystems

Ein gestörtes Zentralnervensystem kann eine Reihe spezifischer Symptome und Zeichen hervorrufen, die aufgrund ihrer Komplexität von individuellen Faktoren wie Alter, Geschlecht und allgemeinem Gesundheitszustand abhängen. Hier sind einige der häufigsten Anzeichen, die auf eine Störung des ZNS hindeuten können:

  • Schwierigkeiten bei der Koordination: Probleme mit Gleichgewicht und Bewegung, Zittern oder unwillkürliche Bewegungen können auf eine Störung im Zentralnervensystem hinweisen.
  • Veränderungen der geistigen Fähigkeiten: Verwirrtheit, Gedächtnisverlust, reduzierte Aufmerksamkeit und Schwierigkeiten beim Lernen können Symptome für eine Erkrankung des ZNS sein.
  • Emotionale Veränderungen: Stimmungsschwankungen, Depression und Angst sind häufige Anzeichen für neurologische Störungen.
  • Körperliche Symptome: Beispiele sind chronische Müdigkeit, Sehstörungen, Schwierigkeiten beim Sprechen und Schlucken, Schmerzen und Muskelschwäche.

Anzeichen und Folgen einer Überlastung

Das Zentralnervensystem kann aus vielfältigen Gründen überlastet werden. Dies kann zu einer Vielzahl von Symptomen führen:

  • Erhöhter Stress: Chronischer Stress kann das ZNS erheblich belasten und Probleme wie Schlafstörungen, Depressionen, Angstzustände und Konzentrationsstörungen verursachen.
  • Ständige Informationsflut: Unsere moderne Technologie-basierte Gesellschaft stellt uns oft vor einen Überfluss an Informationen, und dieser anhaltende „Informationsstress“ kann zur Überlastung des ZNS führen.
  • Toxische Substanzen: Drogen, Alkohol und bestimmte Medikamente können das ZNS überlasten und so Schädigungen hervorrufen.

Diese Überlastung kann erhebliche Folgen für das Wohlbefinden und die Lebensqualität haben und kann das Risiko für zahlreiche Gesundheitsprobleme erhöhen, einschließlich neurologischer Störungen, psychische Gesundheitsprobleme und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Erkrankungen des Zentralnervensystems

Es gibt viele verschiedene Erkrankungen, die das Zentralnervensystem betreffen können. Einige der häufigsten sind:

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  • Parkinson-Krankheit: Eine neurodegenerative Störung, die durch das Absterben von Gehirnzellen verursacht wird, welche den Neurotransmitter Dopamin produzieren.
  • Multiple Sklerose: Eine chronische Erkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden - die Schutzschicht um die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark - angreift und schädigt.
  • Alzheimer-Krankheit: Eine fortschreitende Erkrankung, die Nervenzellen im Gehirn schädigt und zu Gedächtnisverlust, Verwirrtheit und anderen kognitiven Problemen führt.
  • Epilepsie: Eine neurologische Störung, die durch anhaltende Anfälle gekennzeichnet ist, die durch eine übermäßige und abnormale Gehirnaktivität verursacht werden.

Das Nervensystem und das Hormonsystem

Das zentrale Nervensystem arbeitet eng mit dem Hormonsystem zusammen, um wichtige Körperfunktionen zu regulieren. Die negative Rückkopplung ist ein wichtiges Prinzip in hormonellen Regelkreisen. Der Regelkreis Hormone Schilddrüse funktioniert nach dem Prinzip der negativen Rückkopplung. Die Ausschüttung des Hormons Thyroxin wird durch das übergeordnete Thyreoidea-stimulierende Hormon (TSH) aus der Hypophyse gesteuert. Thyroxin erhöht den Grundumsatz, die Herzfrequenz und beeinflusst das Wachstum.

Komplexität und Kybernetik

Die Schwierigkeiten mit der Komplexität des Nervensystems führen zu der Frage, ob es an Kybernetik fehlt. Systeme haben eine Anatomie und eine Physiologie, aber auch ein Nervensystem, die Steuerungsebene. In sozialen Systemen sind das die Managementprozesse. Die Sensorik spielt eingehende Daten Richtung Gehirn, die Reaktion kommt per Motorik. Doch es ist alles ganz anders und viel komplizierter. Stichworte sind active sensing und predictive coding.

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