Die Übernahme einer neurologischen Praxis ist ein bedeutender Schritt für jeden Arzt, der sich im Bereich der Neurologie selbstständig machen möchte. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Aspekte, die bei der Kostenkalkulation einer solchen Praxisübernahme zu berücksichtigen sind. Dabei werden sowohl einmalige als auch laufende Kosten beleuchtet, um ein realistisches Bild der finanziellen Aufwendungen zu vermitteln.
Einführung in die Praxisübernahme
Die Praxisübernahme ist eine gängige Methode für Ärzte, sich niederzulassen. Laut einer Analyse der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (Apobank) und des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung (Zi) erfolgen 94 Prozent aller ärztlichen Niederlassungen durch die Übernahme einer bestehenden Praxis. Dies hat den Vorteil, dass der Standort etabliert ist, ein Patientenstamm vorhanden ist und idealerweise ein eingespieltes Team zur Verfügung steht.
Aktuelle Angebote für Neurologiepraxen
Im Anzeigenmarkt der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz (RLP) werden regelmäßig Angebote zur Praxisübernahme veröffentlicht. Diese Angebote richten sich an Mitglieder und solche, die es werden möchten. Sie bieten eine Plattform, um kostenfrei Angebote und Gesuche rund um die ärztliche oder psychotherapeutische Tätigkeit zu schalten.
Einige Beispiele aus dem Jahr 2025 (diese Daten dienen nur zur Illustration und sind nicht aktuell):
- Limburg: Ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) mit einer halben Zulassung für Neurologie bietet verschiedene Optionen, darunter die Übernahme des MVZ oder die Überleitung in eine Gemeinschaftspraxis.
- Mainz: Eine Praxis für Neurologie und Psychiatrie in zentraler Lage mit Kooperationen zu Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und einem Neuropsychologen steht zur Abgabe. Die Räumlichkeiten eignen sich auch für eine Sitzteilung.
- Emmerich (Kreis Kleve): In einer Gemeinschaftspraxis werden ein Neurologe/eine Neurologin sowie ein Psychiater/eine Psychiaterin gesucht. Die Praxis befindet sich im Eingangsbereich des St.-Willibrord-Krankenhauses.
Zusammensetzung der Kosten bei einer Praxisübernahme
Die Kosten einer Praxisübernahme setzen sich aus verschiedenen Faktoren zusammen, die sowohl einmalige als auch laufende Aufwendungen umfassen. Es ist wichtig, diese Kosten detailliert zu analysieren, um eine realistische Finanzplanung zu erstellen.
Lesen Sie auch: Kosten und Optionen bei Epilepsie-Überwachungsgeräten
Einmalige Kosten
Zu den einmaligen Kosten gehören vor allem:
- Preis für den KV-Sitz: Dies ist der Betrag, der an den Praxisabgeber für die Übertragung der kassenärztlichen Zulassung gezahlt wird. Es ist wichtig zu beachten, dass der Zulassungsausschuss der zuständigen KV letztendlich über die Zuteilung des Vertragsarztsitzes entscheidet.
- Patientenstamm: Der Wert des bestehenden Patientenstamms wird ebenfalls in die Kosten einkalkuliert.
- Verträge von Mitarbeitern: Die Übernahme der Mitarbeiterverträge gemäß § 613a Abs. 1 BGB ist verpflichtend und beeinflusst die finanzielle Planung.
- Geräte und Innenausstattung: Der Zustand und Wert der vorhandenen medizinischen Geräte und der Praxiseinrichtung spielen eine wesentliche Rolle.
- Anwalts- und Notargebühren: Für die rechtliche Beratung und die notarielle Beurkundung des Kaufvertrags fallen Gebühren an.
- Praxisräumlichkeiten: Falls die Praxisräume gekauft werden, sind die Kosten entsprechend höher.
- Renovierungen: Eventuell notwendige Renovierungsarbeiten sollten im Vorfeld kalkuliert werden.
- Gesellschaftsanteile: Gegebenenfalls sind Anteile an einer Gesellschaft wie einer GmbH zu übernehmen.
Laufende Kosten
Die laufenden Kosten können je nach Lage, Größe der Praxis und Anzahl der Mitarbeiter stark variieren. Hierzu gehören insbesondere:
- Personalkosten: Löhne und Gehälter der Mitarbeiter sind ein wesentlicher Kostenfaktor.
- Miete für die Praxisräume: Die Mietpreise variieren je nach Lage und Größe der Praxis.
- Lizenzgebühren für Software: Für die Nutzung von Praxisverwaltungssoftware und anderer medizinischer Software fallen Lizenzgebühren an.
- Steuerberatung: Die Kosten für die steuerliche Beratung und Erstellung der Steuererklärungen sind zu berücksichtigen.
- Buchhaltung: Die laufende Buchhaltung verursacht ebenfalls Kosten.
- Wärme und Strom: Die Energiekosten sind abhängig von der Größe der Praxis und den jeweiligen Tarifen.
- Versicherungen: Es sind verschiedene Versicherungen notwendig, wie z.B. Berufshaftpflichtversicherung.
Was kostet eine Praxisübernahme in der Neurologie?
Die Kosten für die Übernahme einer neurologischen Praxis können stark variieren. Es gibt nur wenige spezifische Daten zu den Kosten für die Übernahme eines Kassensitzes für Neurologie. Die Preise für Facharztpraxen hängen massiv von der Facharztrichtung ab. Das Einkommen operativer Fachärzte ist oft höher, was die Nachfrage und damit die Preise beeinflusst.
Allgemeine Kostenübersicht nach Fachrichtung (Stand 2020)
Die folgenden Zahlen (aus dem Jahr 2020) geben einen allgemeinen Überblick über die Kosten nach medizinischer Fachrichtung. Es ist wichtig zu beachten, dass diese Werte Durchschnittswerte sind und die tatsächlichen Kosten je nach individueller Situation abweichen können:
| Fachrichtung | Praxisübernahme-Kosten¹ | Investitionskosten² | Gesamtkosten |
|---|---|---|---|
| Psychiatrie und Psychotherapie | 40.800 Euro | 12.300 Euro | 53.100 Euro |
| Hausarztmedizin | 103.800 Euro | 65.500 Euro | 169.300 Euro |
| Innere Medizin | 167.400 Euro | 78.900 Euro | 246.300 Euro |
| Gynäkologie | 223.600 Euro | 79.800 Euro | 303.400 Euro |
| Orthopädie | 292.200 Euro | 111.500 Euro | 403.700 Euro |
¹Beinhaltet Kosten für Kassensitz und Patientenstamm. ²Beinhaltet Ausgaben für medizinisch-technische Geräte, IT, die Inneneinrichtung und notwendige Umbaumaßnahmen.
Lesen Sie auch: Was kostet ein Pflegeheimplatz?
Standortfaktoren
Der Standort der Praxis spielt eine entscheidende Rolle bei der Preisgestaltung. Die Ablösesumme für eine Niederlassung in ländlichen Gebieten ist oft geringer als in Ballungsgebieten. Landarztpraxen können im Schnitt sogar ertragreicher sein.
Die Kosten für eine Praxisübernahme als Hausarzt (Kassensitz und Patientenstamm) variieren je nach Umfeld wie folgt:
- Ländlich (weniger als 5.000 Einwohner): ca. 70.000 Euro
- Kleinstadt (5.000 bis 20.000 Einwohner): ca. 91.300 Euro
- Mittelstadt (20.000 bis 100.000 Einwohner): ca. 92.400 Euro
- Großstadt (mindestens 100.000 Einwohner): ca. 117.600 Euro
Klug verhandeln und Kosten senken
Die Preisvorstellung des Praxisabgebers ist nicht in Stein gemeißelt. Es gibt verschiedene Strategien, um den Kaufpreis zu senken:
- Frühzeitige Kontaktaufnahme: Suchen Sie rechtzeitig nach potenziellen Praxen, idealerweise zwei Jahre vor der geplanten Selbstständigkeit.
- Mehrere Angebote einholen: Verhandeln Sie parallel mit mehreren Praxen, um einen Marktüberblick zu erhalten und die Angebote gegeneinander auszuspielen.
- Praxisabgeber anstellen: Bieten Sie dem Praxisinhaber an, ihn nach dem Kauf weiterhin als Angestellten zu beschäftigen, um Kontinuität zu gewährleisten und von dessen Erfahrung zu profitieren.
- Verkaufsdruck ausnutzen: Nutzen Sie den Zeitdruck des Praxisabgebers, um den Preis zu senken.
Finanzierungsmöglichkeiten
Die Finanzierung einer Praxisübernahme ist ein wichtiger Aspekt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die in Anspruch genommen werden können:
- Darlehen: Die gängigste Methode ist ein Darlehen von der Apobank oder einer Hausbank.
- Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW): Die KfW bietet Förderprogramme mit günstigen Konditionen.
- Landesförderbanken: Die einzelnen Bundesländer bieten finanzielle Unterstützung in Form von Zuschüssen.
Förderprogramme der Bundesländer
Fast jedes Bundesland gewährt Zuschüsse für Investitionskosten zwischen 5.000 und 90.000 Euro für Einzelpraxen. Sachsen bietet bis zu 100.000 Euro, sofern man sich verpflichtet, die Niederlassung eine bestimmte Zeit zu betreiben. Im Falle von ärztlichen Kooperationsformen wie etwa MVZ oder Praxisgemeinschaften ist noch deutlich mehr möglich.
Lesen Sie auch: Epilepsie bei Katzen verstehen: Ein umfassender Leitfaden
Regelmäßige Zuschüsse geben mehr Planungssicherheit bezüglich der Liquidität. Das ist gerade in den ersten Jahren der Niederlassung sehr wichtig.
Checkliste für die Praxisübernahme
Um bei der Praxisübernahme nichts zu vergessen, ist es ratsam, eine Checkliste zu verwenden:
- Wertermittlung: Lassen Sie den Wert der Praxis professionell ermitteln.
- Beratung: Lassen Sie sich von einem spezialisierten Rechtsanwalt und/oder Steuerberater beraten.
- Business Plan: Erstellen Sie einen Business Plan, der die Entwicklung der Praxis für die kommenden Jahre skizziert.
- Finanzplanung: Planen Sie die Finanzierung der Praxis und prüfen Sie Fördermöglichkeiten.
- Praxisübernahmevertrag: Lassen Sie den Vertrag anwaltlich prüfen.
- Ärztekammer: Legen Sie den Praxisübernahmevertrag bei Ihrer Ärztekammer vor.
- Versicherungen: Prüfen Sie, welche Versicherungen Sie benötigen.
- Praxisverträge: Verhandeln Sie die Übernahme des Mietvertrags, Telefon- und Internetanschluss.
- Übergabeplan: Erstellen Sie einen detaillierten Plan für die Übergabe.
- Patientenkartei: Achten Sie auf Datenschutz und Schweigepflicht.
- Information des Personals: Informieren Sie das Personal schriftlich über die Übernahme.
- Information der Patienten: Informieren Sie die Patienten über den Inhaberwechsel.
Nach der Praxisübernahme
Nach der Übernahme ist es wichtig, sich über grundlegende Aspekte des Praxisablaufs Gedanken zu machen und Entscheidungen zu treffen, insbesondere im Hinblick auf die Digitalisierung der Praxis. Moderne digitale Praxismanagementsysteme sowie Signatur- und Abrechnungstools können die Verwaltung wichtiger Prozesse erleichtern und Zeit sparen.
Alternative zur Praxisübernahme: Privatpraxis
Eine weitere Alternative zur Übernahme einer Kassenarztpraxis ist die Gründung einer Privatpraxis. Hierbei entfallen die Kosten für den KV-Sitz, jedoch müssen die Patienten privat versichert sein oder die Behandlung selbst bezahlen.
tags: #kosten #praxisubernahme #neurologie