Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die sowohl körperliche als auch kognitive Funktionen beeinträchtigen kann. Während die körperlichen Symptome oft im Vordergrund stehen, sind kognitive Störungen ein häufiges und oft unterschätztes Problem bei MS-Patienten. Diese Beeinträchtigungen können die Lebensqualität und die Berufsfähigkeit der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.
Einführung in die Thematik
Kognition ist ein Sammelbegriff für die höheren geistigen Fähigkeiten des Menschen, einschließlich Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Konzentration, Problemlösung und Entscheidungsfindung. Bei MS können diese kognitiven Prozesse beeinträchtigt sein, was sich auf verschiedene Aspekte des täglichen Lebens auswirken kann. Viele Betroffene berichten von einem "Brain Fog", einem Gefühl der mentalen Verwirrung und Verlangsamung.
Prävalenz und Bedeutung kognitiver Störungen bei MS
Etwa zwei Drittel aller MS-Betroffenen leiden unter kognitiven Einschränkungen. Diese Störungen werden in der ärztlichen Praxis oft unterschätzt oder bleiben unerkannt, obwohl sie für die Betroffenen eine hohe Relevanz haben. Studien zeigen, dass bis zu 50 % der MS-Patienten von kognitiven Störungen betroffen sind. Diese können unabhängig von der Behinderungsprogression auftreten und sollten daher als Warnsignal für eine symptomatische oder krankheitsmodifizierende Therapie gesehen werden.
Neuropsychiatrische Beschwerden
Im Verlauf der MS-Erkrankung können neuropsychiatrische Beschwerden auftreten, darunter Fatigue, Depressionen, Ängstlichkeit und kognitive Störungen. Stress, Krankheitsaktivität und MS-Medikation können diese Symptome zusätzlich verstärken. Daten zeigen, dass die Mehrheit der Patienten mit MS von neuropsychiatrischen Beschwerden betroffen ist:
- Fatigue: Bis zu 95 %
- Depressionen und Ängste: 35 bis 50 %
- Kognitive Störungen: 50 %
Auswirkungen auf Arbeitsfähigkeit
Eine europaweite Beobachtungsstudie mit 16.808 Befragten zeigte, dass Fatigue (70 %) und kognitive Störungen (34 %) Hauptgründe für eine verringerte Produktivität sind. Bereits Patienten mit geringer Behinderung (EDSS 0-3) wiesen einen mittleren Fatigue-VAS-Score von 4,9 und einen mittleren Kognitions-VAS-Score von 3,0 auf. Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass die Erkrankung eine starke Auswirkung auf die Arbeitsproduktivität hat, selbst bei geringen körperlichen Einschränkungen.
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Arten kognitiver Störungen bei MS
Die kognitiven Veränderungen bei Patienten mit MS fokussieren sich auf drei wesentliche Bereiche:
- Kognitive Verlangsamung: Einschränkung in der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit. Dies wird oft als erstes Zeichen kognitiver Störungen wahrgenommen und sollte als Warnsignal für eine Progression der Erkrankung gesehen werden.
- Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme: Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit anhaltend auf dem gleichen Niveau zu halten.
- Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen: Eingeschränktes Multitasking und eingeschränkte mentale Flexibilität. Patienten berichten davon, insbesondere bei der Arbeit nur noch eingeschränkt multitaskingfähig zu sein, was die Arbeitsfähigkeit in großem Maße beeinflussen kann.
Kognitive Defizite in verschiedenen MS-Verlaufsformen
Kognitive Störungen treten bei allen Verlaufsformen der MS in unterschiedlichem Ausmaß auf. Eine Studie zur Prävalenz zeigte folgende Ergebnisse:
- Klinisch isoliertes Syndrom (KIS): 27,3 %
- Schubförmig-remittierende MS (RRMS): 40 %
- Primär progrediente MS (PPMS): 56,5 %
- Sekundär progrediente MS (SPMS): 82,8 %
Demnach sind bei den progredienten Formen der MS kognitive Defizite häufiger zu finden. Verschiedene Studien berichteten zudem von einer Korrelation zwischen der Krankheitsdauer und dem Auftreten sowie dem Ausmaß der kognitiven Störungen.
Ursachen und Pathophysiologie kognitiver Störungen
Die konkreten Ursachen für das Auftreten kognitiver Störungen bei MS sind komplex und nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen:
- Läsionen: Die Lokalisation von Läsionen in strategischen Hirnregionen ist entscheidend. Auch wenige Läsionen in wichtigen kognitiven Arealen können zu Defiziten führen.
- Hirnatrophie: Das kortikale Gesamthirnvolumen ist bei kognitiv beeinträchtigten Patienten oft kleiner. Eine frühzeitig auftretende Atrophie kann ein Prädiktor für einen ungünstigen kognitiven Verlauf sein.
- Thalamus: Der Thalamus spielt eine zentrale Rolle für die Kognition. MS-Patienten können bereits in frühen Krankheitsstadien eine thalamische Atrophie entwickeln. Der Thalamus ist aufgrund seiner zahlreichen subkortikalen und kortikalen Verbindungen eine wichtige Schaltstelle für kognitive Leistungen im Gehirn und wird auch als „Tor zum Bewusstsein“ bezeichnet. Bei Patienten mit KIS wurde ein Zusammenhang zwischen einer thalamischen Atrophie und Läsionen der weißen Substanz beschrieben.
- Netzwerkkollaps: Schädigungen von weißer und grauer Substanz können dazu führen, dass bestimmte Strukturen im Gehirn nicht mehr miteinander kommunizieren können. Es wird vermutet, dass zu Beginn der MS der strukturelle Schaden gering ist, wodurch die Netzwerkeffizienz weiterhin relativ hoch bleibt. Mit steigendem strukturellen Schaden verringert sich die Netzwerkeffizienz drastisch, und es treten vermehrt kognitive Störungen auf.
Diagnostik kognitiver Störungen
Eine Überprüfung der Kognition von Patienten mit MS sollte Bestandteil der regelmäßigen Untersuchungen sein. Der kognitive Status kann bei der Bewertung der Krankheitsprogression hilfreich sein. Zur Bestimmung kognitiver Defizite stehen verschiedene Testbatterien zur Verfügung:
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- Brief International Cognitive Assessment in Multiple Sclerosis (BICAMS): Gilt derzeit als internationaler Standard und ist in kurzer Zeit umsetzbar (ca. 20 Minuten).
- Brief Repeatable Battery of Neuropsychological Tests (BRB-N)
- Minimal Assessment of Cognitive Function in Multiple Sclerosis (MACFIMS)
BICAMS-Testbatterie
Die BICAMS-Testbatterie besteht aus drei Tests:
- Symbol Digit Modalities Test (SDMT): Ermittelt die Prozessierungsgeschwindigkeit. Der Patient ordnet abstrakten Symbolen entsprechende Referenznummern zu.
- Brief Visuospatial Memory Test-Revised (BVMT-R): Untersucht das räumlich visuelle Kurzzeitgedächtnis und Lernen. Der Patient zeichnet aus dem Gedächtnis geometrische Figuren in ihrer Lokalisation.
- California Verbal Learning Test-II (CVLT-II) / Verbaler Lern- und Merkfähigkeitstest (VLMT): Erfasst die verbale Merk- und Lernfähigkeit. Dem Patienten wird eine Wortliste vorgelesen, die er sich merken soll. Im deutschsprachigen Raum kommt vor allem der VLMT zum Einsatz.
Verkürzte BICAMS-Testbatterie
Bei Zeitmangel kann die verkürzte BICAMS-Testbatterie (Zweitestkombination aus SDMT und BVMT-R) verwendet werden. Diese Kombination erreicht eine hohe Sensitivität und Spezifität bei der Bewertung von kognitiven Störungen und kann in zehn Minuten durchgeführt werden.
Therapie kognitiver Störungen bei MS
Die Behandlung der kognitiven Störungen bei MS ist eine große Herausforderung. Es gibt keine evidenzbasierte, pharmakologische Therapie zur Behandlung kognitiver Störungen.
Pharmakologische Therapie
In älteren Studien wurden verschiedene pharmakologische Therapieoptionen zur symptomatischen Behandlung geprüft, darunter:
- Inhibitoren von Kaliumkanälen (Fampridin, Amifampridin)
- Antidementiva (Donepezil, Rivastigmin, Memantin)
- Psychostimulanzien (Modafinil, Methylphenidate, L-Amphetamin)
Die Ergebnisse der Studien waren jedoch nicht überzeugend.
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Immuntherapie
Zu den verlaufsmodifizierenden Immuntherapien liegen nur wenige Daten zur Kognition vor. Für die Interferone und Glatiramerazetat konnte gezeigt werden, dass sie sich nicht nachteilig auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirken. Zu Natalizumab liegen Ergebnisse aus Studien vor, die eine signifikante Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit dokumentieren. Fingolimod und Dimetylfumarat wirken sich ebenfalls stabilisierend auf die Kognition aus, konnten aber in bisherigen Studien keine klinisch relevante Verbesserung zeigen. Eine solche Verbesserung konnte jüngst eindrücklich für Daclizumab vorgestellt werden.
Nicht-pharmakologische Interventionen
- Kognitives Training: Mithilfe von Computerprogrammen können kognitive Beeinträchtigungen trainiert werden. Regelmäßiges Training ist wichtig, um einen Effekt zu erzielen. Vorab sollte eine genaue neuropsychologische Diagnose erfolgen, um gezielt Schwächen zu erfassen.
- Ausdauertraining: Moderates Ausdauertraining wirkt sich positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit aus.
- Hirnleistungstraining: Sollte spezifisch auf die jeweiligen Defizite zugeschnitten sein.
- Zeitmanagementtraining und Erinnerungshilfen: Können eine wichtige Stütze im Alltag sein.
- Schaffung günstiger Bedingungen: Richten Sie z. B.
Frühzeitiges Screening auf isolierte kognitive Defizite
Eine Studie untersuchte die Häufigkeit, den Verlauf und die MRT-Daten von isolierten kognitiven Defiziten bei MS-Patienten. Die Ergebnisse zeigten, dass isolierte kognitive Defizite in einer Domäne häufig vorliegen und als Prädiktor für einen zunehmenden kognitiven Abbau anzusehen sind, vor allem wenn die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit zuerst betroffen ist. Dies bekräftigt die Notwendigkeit eines frühzeitigen Screenings und einer entsprechenden Therapie.
Die Rolle des Thalamus bei kognitiven Störungen
Im Verlauf der MS kommt es zu einer progressiven Schädigung des Hirns. Dabei ist die Ausbildung von Läsionen in der grauen und weißen Substanz sowie eine voranschreitende Hirnatrophie zu beobachten. Kognitive Störungen können ein Hinweis auf eine Schädigung von Hirnstrukturen sein. Lange Zeit wurde vermutet, dass die Anzahl der Läsionen ausschlaggebend dafür ist, ob ein Patient kognitive Störungen entwickelt oder nicht. Dies ist jedoch nicht der Fall: Kognitive Störungen sind unabhängig von der Anzahl der Läsionen; vielmehr beeinflusst die Lokalisation der Läsionen das Auftreten von kognitiven Störungen. Bei der Kognition spielt der Thalamus eine bedeutende Rolle: Er ist aufgrund seiner zahlreichen subkortikalen und kortikalen Verbindungen eine wichtige Schaltstelle für kognitive Leistungen im Gehirn und wird auch als „Tor zum Bewusstsein“ bezeichnet.
Fazit
Kognitive Defizite sind ernst zu nehmende Symptome der MS mit hoher Relevanz für den Alltag und die Berufsfähigkeit der Betroffenen. Das Erheben des kognitiven Status sollte bereits im Rahmen der Diagnosestellung erfolgen, um einen Verlauf über die Zeit und einen Vergleich zu einem Ausgangswert bei deutlicher Verschlechterung dokumentieren zu können. Es gibt Evidenz dafür, dass eine frühzeitige Immuntherapie auch als Benefit im Hinblick auf die kognitive Leistungsfähigkeit über die Zeit zu werten ist. Eine deutliche kognitive Verschlechterung kann Anzeichen eines Schubes sein und sollte Anlass dazu geben, die bestehende Therapie kritisch zu überdenken.
Es ist wichtig zu betonen, dass Patienten mit MS keine Angst vor einer klassischen Demenz haben müssen. Der Verlauf kognitiver Veränderungen bei MS unterscheidet sich deutlich von dem neurodegenerativer Erkrankungen. Eine frühzeitige Aufklärung der Patienten hinsichtlich der Entwicklung von kognitiven Teilleistungsstörungen ist daher sehr wichtig.
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