Krankengymnastik bei neurologischen Erkrankungen: Ein Vergleich von PNF und Bobath

Bei der Behandlung von neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall, Multipler Sklerose, Morbus Parkinson oder Schädel-Hirn-Trauma spielen physiotherapeutische Maßnahmen eine zentrale Rolle. Neben der Vojta-Therapie sind vor allem das Bobath-Konzept und die PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation) weit verbreitet. Ziel dieser Therapieformen ist es, die Selbstständigkeit und Lebensqualität der Patienten zu verbessern, indem die Eigenaktivität gefördert und die Umorganisationsfähigkeit des Gehirns genutzt wird.

Grundlagen neurologischer Erkrankungen und ihre Auswirkungen

Erkrankungen oder Schädigungen des zentralen Nervensystems (ZNS) haben häufig motorische Beeinträchtigungen und Störungen bei der Aufnahme und Verarbeitung von Sinneseindrücken zur Folge. Ursachen hierfür können Schlaganfälle, Schädel-Hirn-Traumata oder Erkrankungen wie Morbus Parkinson und Multiple Sklerose sein. Diese komplexen Krankheitsbilder erfordern eine umfassende Therapie, bei der die Bedürfnisse des Patienten und sein soziales Umfeld im Mittelpunkt stehen. Oftmals sind Betroffene und ihr persönliches Umfeld mit besonderen Herausforderungen konfrontiert, da alltägliche Verrichtungen plötzlich Unterstützung erfordern.

Therapiekonzepte im Überblick

Für die physiotherapeutische Behandlung neurologischer Erkrankungen gibt es verschiedene Therapiekonzepte, darunter die Bobath-Therapie, die Vojta-Therapie und die PNF-Therapie. Jede dieser Behandlungsformen hat unterschiedliche Schwerpunkte und Therapieansätze. Ein wichtiger Aspekt ist die eingehende Befundung zu Beginn der Behandlung sowie die enge Zusammenarbeit zwischen Therapeut und Patient.

Das Bobath-Konzept: Förderung der Eigenaktivität im Alltag

Das Bobath-Konzept wurde von Dr. Karel Bobath und seiner Frau, der Physiotherapeutin Dr.h.c. Berta Bobath, entwickelt. Es wird häufig als physiotherapeutische Behandlung nach Schlaganfällen oder Schädel-Hirn-Verletzungen verordnet, kann aber auch Patienten mit Morbus Parkinson und Multipler Sklerose zugutekommen.

Prinzipien des Bobath-Konzepts

Im Gegensatz zu anderen Therapieansätzen ist Bobath ein handlungsorientiertes Konzept ohne standardisierte Übungsfolgen. Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung ist die konsequente Förderung und Stimulation des Patienten, idealerweise durch alle betreuenden Personen. Das Konzept beruht auf der Annahme der "Umorganisationsfähigkeit" des Gehirns, wodurch gesunde Hirnregionen Aufgaben übernehmen können, die zuvor von erkrankten Regionen ausgeführt wurden.

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Schwerpunkte der Bobath-Therapie

Die Bobath-Therapie ist ein bewegungstherapeutisches Behandlungskonzept, bei dem das handlungsorientierte Training körperlicher, geistiger, emotionaler und sozialer Fähigkeiten im Mittelpunkt steht. Vorrangiges Behandlungsziel ist es, die Selbstständigkeit und Handlungsfähigkeit im Alltag durch Eigenaktivität so gut wie möglich wiederherzustellen. Die mehr betroffene Körperseite wird immer wieder in Alltagsbewegungen einbezogen, um sie sensorisch zu stimulieren und in ihren Bewegungen mit der weniger betroffenen Körperhälfte in Einklang zu halten.

Integration des Umfelds

Ein wichtiger Aspekt des Bobath-Konzepts ist die Einbeziehung des Umfelds des Patienten in die Therapie. Angehörige und Betreuer erlernen individuell auf den Patienten zugeschnittene Unterstützungsmöglichkeiten. Auch die patientengerechte Anpassung des Umfelds, wie z.B. Lagerungs-, Sitz-, Steh- und Fortbewegungshilfen, wird gemeinsam mit den Bezugspersonen erarbeitet.

Zielgruppen und Anwendungsbereiche

Die Bobath-Therapie wird vor allem bei Patienten angewendet, deren Motorik, Wahrnehmung oder Gleichgewicht aufgrund neurologischer Funktionsstörungen beeinträchtigt sind. Sie ist das weltweit in allen pflegerischen Bereichen erfolgreich angewandte Pflege- und Therapiekonzept zur Rehabilitation von Menschen mit Erkrankungen des ZNS, die mit Bewegungsstörungen, Lähmungserscheinungen und Spastik einhergehen.

Besonderheiten des Bobath-Konzepts

Im Bobath-Konzept gibt es keine standardisierten Übungen. Im Vordergrund stehen individuelle und alltagsbezogene therapeutische Aktivitäten, die den Patienten in seinem Tagesablauf begleiten. Die Entwicklung des Menschen wird als ein Prozess betrachtet, der ständigen Veränderungen unterworfen ist. Durch eine enge Verbindung von Befund und Therapie werden Fortschritte und Veränderungen beobachtet und die Therapie entsprechend angepasst.

PNF: Förderung des Zusammenspiels von Nerven und Muskeln

PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation) kann in vielen klinischen Bereichen eingesetzt werden, insbesondere in Neurologie, Orthopädie und Chirurgie. Ziel der Therapie ist es, durch gezielte Stimulation das Zusammenspiel zwischen Nerven und Muskeln zu erleichtern und zu verbessern.

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Grundlagen der PNF

PNF nutzt vorhandene Fähigkeiten des Patienten und setzt sie gezielt zur Verbesserung der Bewegungs- und Haltungskontrolle ein. Die Therapie basiert auf neurophysiologischen Grundprinzipien und wurde in den 1940er und 1950er Jahren von Dr. Kabat und Margaret Knott entwickelt.

Propriozeptoren im Fokus

Bei der PNF-Therapie werden Propriozeptoren gezielt angeregt. Diese Rezeptoren befinden sich in Muskeln, Gelenken und Sehnen und leiten Informationen über die Haltung und Bewegung des Körpers an das zentrale Nervensystem weiter. Durch gezielte Stimulation der betroffenen Körperabschnitte werden natürliche Bewegungsmuster, die im zentralen Nervensystem abgespeichert sind, angeregt.

Anwendungsbereiche der PNF

Angewendet wird die Therapie vor allem bei Bewegungsstörungen aufgrund Multipler Sklerose, Morbus Parkinson, eines Schädel-Hirn-Traumas oder Schlaganfalls, ebenso nach Sportunfällen und Gelenkoperationen.

Prinzipien der PNF-Therapie

Die PNF-Therapie verbessert die bewusste und unbewusste Steuerung der Körperhaltung und Bewegung, indem sie die Reizübertragung durch die Nerven fördert. Sie erkennt bestimmte Bewegungsmuster und fördert diese gezielt. Die Therapie erfasst den Menschen als Gesamtsystem und setzt immer bei den stärksten Körperabschnitten an, um gezielt auf Schwächen einwirken zu können und hier motorisch normale Funktionen zu fördern.

Techniken der PNF-Therapie

In der PNF-Therapie werden verschiedene Techniken angewendet, darunter Druck, Zug, Dehnung und Widerstand. Extero- und Propriozeption werden genutzt, um die erwarteten Reaktionen zu erzielen, wie z.B. eine stärkere Muskelkontraktion oder eine Muskelentspannung. Die Auswahl der Pattern und Techniken richtet sich immer nach der individuellen Situation des Patienten.

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Ziel der PNF-Therapie

Das übergeordnete Ziel der PNF-Therapie ist immer die Anbahnung bzw. Förderung der dynamischen Stabilität, Ausdauer und Kraft.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Bobath und PNF

Obwohl sowohl das Bobath-Konzept als auch die PNF-Therapie in der neurologischen Rehabilitation eingesetzt werden, gibt es einige wesentliche Unterschiede:

  • Ansatz: Das Bobath-Konzept ist ein handlungsorientierter Ansatz, der den Patienten in seinem Alltag begleitet und individuelle, alltagsbezogene therapeutische Aktivitäten in den Vordergrund stellt. PNF hingegen ist eine Methode, die gezielt das Zusammenspiel von Muskeln und Nerven durch Stimulation bestimmter Bewegungsmuster erleichtert.
  • Übungen: Im Bobath-Konzept gibt es keine standardisierten Übungen, während PNF auf definierten Bewegungsmustern (Pattern) und spezifischen Techniken basiert.
  • Fokus: Das Bobath-Konzept betrachtet den Menschen mit einer Schädigung des Nervensystems individuell und ganzheitlich, während PNF sich auf die Verbesserung der Bewegungs- und Haltungskontrolle durch Stimulation der Propriozeptoren konzentriert.

Trotz dieser Unterschiede haben beide Therapieformen auch Gemeinsamkeiten:

  • Ziel: Beide Therapieformen zielen darauf ab, die Selbstständigkeit und Lebensqualität der Patienten zu verbessern.
  • Grundlage: Beide Therapieformen basieren auf neurophysiologischen Grundlagen und berücksichtigen die Plastizität des Gehirns.
  • Anwendung: Beide Therapieformen werden von speziell ausgebildeten Physiotherapeuten angewendet.

Vojta-Therapie: Aktivierung angeborener Bewegungsmuster

Die Vojta-Therapie wird zur physiotherapeutischen Behandlung von Haltungs- und Bewegungsstörungen sowie bei Störungen des zentralen Nervensystems eingesetzt. Grundprinzip der von Prof. Dr. Václav Vojta entwickelten Therapie ist die Aktivierung von automatischen Bewegungsmustern, die von Geburt an im zentralen Nervensystem angelegt sind.

Prinzipien der Vojta-Therapie

Durch wiederholtes Auslösen dieser Muster werden Blockaden innerhalb der nervlichen Netzwerke zwischen Gehirn und Rückenmark gelöst oder neue nervliche Verbindungen gebahnt. Auslöser ist stets ein gezielter Druck des Therapeuten auf eine spezifische Körperzone.

Techniken der Vojta-Therapie

Die Vojta-Therapie umfasst verschiedene Techniken, darunter:

  • Reflexlokomotion: Aktivierung von Reflexmustern, die zu Fortbewegungsbewegungen führen.
  • Ventrale und dorsale Reaktionen: Auslösen von Reaktionen auf der Bauch- und Rückenseite.
  • Kriechreflex-Aktivierung: Aktivierung des Kriechreflexes, insbesondere bei Kindern.

Eigenübungen für Patienten

Ein wesentlicher Teil der Vojta-Therapie besteht darin, Eltern oder Pflegepersonen zu zeigen, wie sie bestimmte Reize zu Hause anwenden können, um die Therapie fortzusetzen.

Wer darf mit den KG-ZNS-Konzepten behandeln?

Neurologische Behandlungsformen sind Teil der physiotherapeutischen Berufsausbildung. Nach dem Abschluss des Staatsexamens müssen die Physiotherapeuten mindestens ein Jahr mit mindestens 30 Wochenstunden in einer Einrichtung gearbeitet haben. Die Weiterbildung zum Thema neurologische Behandlungen wählt der/die Therapeut/in dann selbst. Alle neurologischen Behandlungstechniken sind von den Krankenkassen zugelassen. Sie teilen sich eine Überschrift im Heilmittelkatalog, KG-ZNS.

Die KG-ZNS ist demnach eine Zusammenfassung mehrerer neurologischen Behandlungskonzepte. Neurologische Patienten/innen können sich ausschließlich demnach von fortgebildeten Physiotherapeuten auf ärztliches Rezept behandeln lassen. Die Fachärzte, die am häufigsten neurologische Behandlungen verschreiben, sind Neurologen, Rehabilitationsmediziner und Orthopäden. Da in der Regel ein langer Behandlungszeitraum anstehen kann, sind auch einige Hausärzte dazu bereit, sie bei ihrer Behandlung zu unterstützen

Wer kann von neurologischen Behandlungen (KG-ZNS) profitieren?

Es ist etwas irreführend, dass die KG-ZNS nur zur Behandlung von zentralen Beeinträchtigungen geeignet ist. Medizinisch trennt man das Zentralnervensystem (Hirn und Rückenmark) von dem peripheren Nervensystem (Alle Nerven, die nach dem austreten, aus der Wirbelsäule im Körper verlaufen). Ärzte/innen und Therapeuten/innen trennen die zwei Bereiche in ihrer Therapie nicht. Alle neurologischen Erkrankungen können mit der KG-ZNS gut behandelt werden. Die häufigsten haben wir zusammen gefasst:

  • Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
  • Morbus Parkinson
  • Multiple Sklerose (MS)
  • Querschnittslähmungen
  • Schlaganfall
  • Schädel-Hirn Trauma
  • Zentrale Bewegungsstörungen
  • Zerebralparesen
  • Lähmungen
  • Polyneuropathien Fußheberparesen / Fußheberschwächen

Ist die KG-ZNS schmerzhaft?

Alle neurologischen Behandlungsformen der KG-ZNS sind schmerzfrei. Viel mehr müssen sie schmerzfrei sein. Gerade bei zentralen Störungen unseres Nervensystems kann es durch Schmerzen zu Krämpfen oder noch gravierender zu Spastiken kommen. Die Spastiken behindern erheblich die Therapie und verhindern das der/die Patient/in seine/ihre Übungen korrekt ausüben kann.

Ebenfalls ist es möglich, dass das gestörte Nervensystem Schmerzen verstärkt weitergibt oder in manchen Fällen gar nicht. Wenn der/die Patient/in Schmerzen nicht mehr wahrnimmt, kann es sogar gefährlich werden. Es ist möglich, dass Verletzungen an Haut, Muskulatur oder Skelett nicht wahrgenommen werden. Schmerzen sind also zu jeder Zeit zu vermeiden.

Verordnung und Kostenübernahme

Soweit eine medizinische Notwendigkeit beim Patienten besteht, können alle niedergelassenen Ärzte aller Fachrichtungen ein Rezept zur Physiotherapie ausstellen. Dazu zählen z.B. Hausärzte, Orthopäden, Durchgangsärzte, Neurologen, Zahnärzte, aber auch Dermatologen und Lymphologen. Dabei werden manche Heilmittel von manchen Fachrichtungen der Ärzte häufiger verordnet. So verschreiben Neurologen z.B. häufiger Krankengymnastik ZNS. Die meisten Verordnungen für Physiotherapie stellen jedoch Hausärzte und Orthopäden aus.

Die Kosten sind im Heilmittelkatalog festgelegt und richten sich nach der verordneten Maßnahme. In der Regel beträgt die Zuzahlung für Patienten 10 % der Behandlungskosten zuzüglich 10 Euro pro Rezept. Bei Patienten, die eine Bescheinigung über eine Befreiung von der Zuzahlung von ihrer Krankenkasse haben, übernimmt die Krankenkasse 100 % der Kosten. Bei Arbeitsunfällen übernimmt die Berufsgenossenschaft die gesamten Kosten für die verordneten Therapien. Bei Privatpatienten richten sich die Kosten für eine Behandlungseinheit nach dem gewählten Leistungssatz.

Pro Rezept können maximal 10 Einheiten verordnet werden. Der Gesamtumfang der Behandlung richtet sich nach der Diagnose und kann bei Erwachsenen bis zu 30 Einheiten und bei Kindern (bis zum vollendeten 18. Lebensjahr) bis zu 50 Einheiten betragen. Therapeutisch sinnvoll sind dabei 1 bis 3 Behandlungen pro Woche. Genaueres legt Ihr behandelnder Arzt fest. Eine Therapieeinheit dauert ca. 25 Minuten; bei doppelter KG-ZNS sind es ca.

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