Die Vorstellung von einer dominanten linken oder rechten Gehirnhälfte, die unsere Persönlichkeit und Fähigkeiten bestimmt, ist weit verbreitet. Doch was steckt wirklich hinter den Unterschieden zwischen den beiden Hemisphären und wie beeinflussen sie unsere Kreativität? Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Mythen rund um die kreative Gehirnhälfte.
Mythen und Fakten über die Gehirnhälften
Auf Social Media kursieren Tests, die angeblich zeigen, ob wir eher "rechts-" oder "linkshirnig" denken. Die Annahme dahinter: Die linke Gehirnhälfte ist für analytische Aufgaben zuständig, die rechte für kreative. Neurowissenschaftler betonen jedoch, dass diese Tests nichts über angebliche Hirntypen aussagen. Stattdessen zeigen sie, wie visuelle Informationen im Gehirn verarbeitet werden, was von Person zu Person unterschiedlich sein kann.
Die Vorstellung, dass die linke Gehirnhälfte nur für analytische Aufgaben und die rechte nur für kreative Aufgaben zuständig ist, ist wissenschaftlich überholt. Diese Annahme stammt aus einer Zeit, als bei Epilepsie-Patienten der Balken durchtrennt wurde, der die beiden Hirnhälften verbindet. Experimente mit diesen Patienten führten zu dem Kurzschluss, dass die linke Hirnhälfte für sprachliche, analytische Aufgaben zuständig ist und die rechte für kreative.
Die Zusammenarbeit der Gehirnhälften
Das Gehirn arbeitet nicht isoliert, sondern großflächig. Die beiden Gehirnhälften sind ständig im Austausch miteinander. Henning Beck, Neurowissenschaftler, vergleicht die Gehirnhälften mit Stadtvierteln: Sie ermöglichen es, Prozesse schnell ablaufen zu lassen, indem unterschiedliche Aufgaben vorwiegend in bestimmten Arealen stattfinden. Aufgaben sind komplex und erfordern in den meisten Fällen die Aktivierung unterschiedlicher Gehirnareale aus beiden Hirnhälften.
Sprache ist ein gutes Beispiel: Wir erkennen Wörter mit der linken Gehirnhälfte, interpretieren aber ihre Betonung mit der rechten. Gerade für kreative oder analytische Aufgaben benötigen wir diesen Austausch. Ob wir eher kreativ oder eher analytisch denken, können wir über solche Kurztests jedenfalls nicht herausfinden. Aber wir können unsere Hirnaktivität ganzheitlich fördern: Durch Musizieren, Sport machen und allen Aufgaben, die uns zum Denken und Lernen anregen.
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Aufgaben der linken und rechten Gehirnhälfte
Die linke Gehirnhälfte ist zuständig für Sprache, Lesen und Rechnen. Sie arbeitet nach Regeln und Gesetzen und konzentriert sich auf Details. Sie verarbeitet verbale und mathematische Informationen und steuert die mündliche Darstellung sowie Grammatik und Wortstellung. Die rechte Gehirnhälfte ist zuständig für Körpersprache, Bildersprache und Intuition. Sie ist kreativ und spontan und interessiert sich für Neugier, Spielen und Risiko. Sie besitzt den Überblick und verarbeitet Informationen ganzheitlich. Sie kontrolliert die Körpersprache, Mimik und Gestik und steuert Bewegungen und physische Aktivität sowie künstlerische Leistungen und Erlebnisse wie Musik, Zeichnen und Malen.
Prof. Onur Güntürkün von der Universität Bochum betont, dass es durchaus Asymmetrien gibt: Nicht beide Hirnhälften sind für alles gleichermaßen zuständig. Die linke Hemisphäre ist spezialisiert auf viele - aber nicht alle - Sprachprozesse. Auch für abstrakte Begriffe ist überwiegend die linke Hirnhälfte zuständig. Unser Lexikon für konkrete Begriffe ist dagegen in beiden Gehirnhälften in etwa gleich gut repräsentiert. Und es gibt auch einige rechtshemisphärische Komponenten von Sprache, etwa die Sprachmelodie oder das Lesen zwischen den Zeilen. Räumliches Denken, Zahlenverständnis oder Gesichtserkennung sind eher rechts angesiedelt, die Messung kleiner Zeitabstände und Wahrnehmung kleiner Details eher links.
Die Vernetzung der Gehirnhälften
Einige Wissenschaftler vermuten, dass erfolgreiche und kreative Menschen besonders gut zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte kommunizieren können. Die Großhirnrinde ist verantwortlich für die Vernetzung der beiden Gehirnhälften. Um das Gedächtnis zu verbessern, müssen Synapsen verstärkt werden. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, ist die Verbindung zwischen systematischem Denken und Intuition.
Um die Zusammenarbeit und Synchronisation beider Gehirnhälften zu stärken, gibt es verschiedene Möglichkeiten:
- Multisensorische Aktivitäten: Durchführen von Tätigkeiten, die mehrere Sinne ansprechen und somit beide Gehirnhälften gleichzeitig aktivieren.
- Kinesiologische Übungen: Übungen, die die Koordination zwischen beiden Gehirnhälften verbessern sollen.
Es ist wichtig zu beachten, dass Übungen, die angeben, lediglich eine Gehirnhälfte zu trainieren, wissenschaftlich nicht fundiert sind. Bei jeglicher Art von Gehirntraining werden immer beide Hälften aktiv, jedoch in unterschiedlicher Form.
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Kreativität und die Gehirnhälften
Die kreativsten Menschen sind wohl jene, deren Hirnhälften besonders gut miteinander verknüpft sind. Denn Kreativität ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Neuronennetzwerke. Bei Jazzmusikern hing es in erster Linie von der Erfahrung ab, welche der beiden aktiven Gehirnhälften die andere beim kreativen Improvisieren ein wenig übertraf: Profis improvisierten mit einer aktiveren linken Gehirnhälfte.
Es gibt verschiedene Techniken, die wir anwenden können, um die rechte Gehirnhälfte zu aktivieren und kreative Ideen zu finden. Dazu gehören zum Beispiel Meditation, Visualisierung oder Kreativitätstechniken wie Brainstorming und Assoziationsschreiben. Diese Methoden regen unser kreatives Denken an.
Linkshänder und Kreativität
Tatsächlich sind Linkshänder in künstlerischen Berufen überrepräsentiert, und statistisch scheint es durchaus Unterschiede zwischen Links- und Rechtshändern zu geben. Bei schwierigen Aufgaben, etwa der Zuordnung von mathematischen Funktionen zu gegebenen Daten, schneiden Linkshänder in der Regel ein wenig besser ab. Doch ob daran eine größere rechte Hirnhälfte oder ein dickerer Nervenstrang zwischen beiden Gehirnhälften schuld ist, ist nicht klar.
Forscher aus den Niederlanden ließen gut 20 000 Testpersonen Informationen zu sich und ihrer bevorzugten Hand angeben und danach einige Kreativitätstests absolvieren. Das Ergebnis: Linkshänder hielten sich zwar für kreativer, waren es aber nicht.
Chris McManus verweist auf Paul McCartney, den Ober-Beatle und Linkshänder: Auf jeden berühmten Musik-Linkshänder, so McManus, kämen etwa neun ebenso kreative rechtshändige Rockmusiker mit Chart-Erfolgen.
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Weitere Faktoren, die Kreativität beeinflussen
Einen erheblichen Teil unserer Kreativität bestimmen die Gene. Sie beeinflussen Eigenschaften, die besonders häufig mit hoher Kreativität einhergehen - etwa Intelligenz oder Offenheit für neue Erfahrungen. Das Abschneiden in Kreativitätstests ist eher erlernt als durch die Gene bestimmt. Dieser Teil der Kreativität lässt sich daher trainieren.
Wissenschaftler der Duke University in den USA zeigten Probanden ein Bild eines Hauses und fragten: Für wie kreativ halten Sie den Architekten dieses Gebäudes? Die Antwort fiel sehr unterschiedlich aus - je nachdem, ob die Wissenschaftler zuvor behauptet hatten, dass der Entwurf von einer Frau oder von einem Mann stamme. Bei gleicher Leistung wird die Arbeit von Frauen im Schnitt als weniger kreativ wahrgenommen. Haltbare Belege für ein kreativeres Geschlecht gibt es derweil keine.
Wer beispielsweise beim Brainstorming Gute-Laune-Musik hört, dem fallen mehr ungewöhnliche Ideen ein. Das fanden Forscher heraus.
Besonders kreative Geister grübeln nicht allzu viel und stürzen sich neugierig ins Unbekannte, heißt es oft. Doch wer den Mut für einen Bungee-Sprung aufbringt, gründet deshalb noch lange kein Start-up. In fast allen Bereichen zeigten sich die besonders kreativen Probanden als nicht risikofreudiger. Einzige Ausnahme waren Risiken in der Kategorie Soziales.
Die Bedeutung des Arbeitsumfelds
Forscher zeigten am Beispiel der Konkurrenz, welchen Einfluss das Arbeitsumfeld haben kann: Sie gaben gemischtgeschlechtlichen Teams eine kreative Aufgabe, die sie einmal gegeneinander, einmal miteinander lösen sollten. Standen die Teams in direktem Wettkampf, liefen die Männer zu Höchstform auf; Frauen zogen sich in Diskussionen immer weiter zurück.
Substanzen und Kreativität
Forscher aus Graz fanden heraus, dass Bier in kleinen Mengen helfen kann, Probleme einfallsreich zu lösen. Allerdings schnitten die Probanden nicht besser ab, wenn es ums Finden völlig neuer Ideen ging. Am besten untersucht ist wohl der kreativitätssteigernde Effekt von Halluzinogenen wie LSD. Verschiedene Studien belegen: Ein Trip kann durchaus kreativ machen, aber eben nicht selten zu einem hohen Preis. Wer seine Kreativität mithilfe von Substanzen fördern möchte und zugleich seiner Gesundheit nicht schaden will, der sollte: Tee trinken.
Die rechte Gehirnhälfte und Emotionen
Die Valenzhypothese besagt, dass eine Hyperaktivität der rechten Gehirnhälfte dazu führe, dass negative Gefühle stärker verarbeitet werden, pessimistische Gedanken auftauchen und unkonstruktive Denkmuster entstehen. Aktivität in der rechten Hirnhälfte sei außerdem verknüpft mit Selbstreflektion, die bei depressiven Patienten häufig intensiver ist als bei gesunden Menschen. Die rechte Hirnhälfte spielt auch eine wichtige Rolle bei der Anpassung unseres Erregungszustands. Das könnte erklären, wieso depressive Menschen häufig an Schlafproblemen leiden.
Neglect: Wenn die rechte Gehirnhälfte nicht mehr funktioniert
Menschen mit einer Schädigung in der rechten Hirnhälfte, meist am Scheitellappen, zeigen einen sogenannten Neglect. Bei diesem Krankheitsbild wird die linke Hälfte der Welt normal wahrgenommen, aber kaum verarbeitet und deshalb ignoriert. Die rechte Gehirnhälfte ist hauptverantwortlich für einen Großteil der Wahrnehmung von linksseitigen Sinneseindrücken und Bewegung unserer linken Körperhälfte. Daher führt eine Schädigung in der rechten Hirnhälfte zu Beeinträchtigungen in der Aufmerksamkeit für die linke Hälfte der Umwelt, genannt linksseitiger Neglect.
Gehirntraining für mehr Aufmerksamkeit
Obwohl die rechte Gehirnhälfte eine Dominanz für räumliche Aufmerksamkeit hat, arbeiten im gesunden Gehirn die Hälften immer zusammen. Ihre Aufmerksamkeit zu trainieren ist aber trotzdem möglich. Regelmäßiges Training kann die Aufmerksamkeitsspanne verlängern und den Fokus verbessern.
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