Die Kreuzverarbeitung des Gehirns: Funktion, Störungen und Rehabilitation

Einführung

Das menschliche Gehirn ist eine komplexe Struktur, die für die Steuerung einer Vielzahl von Funktionen verantwortlich ist, von grundlegenden Prozessen wie Atmung und Herzschlag bis hin zu komplexen kognitiven Fähigkeiten wie Denken, Gedächtnis und Sprache. Eine der faszinierendsten Eigenschaften des Gehirns ist seine Fähigkeit zur Kreuzverarbeitung, bei der die beiden Hemisphären des Gehirns zusammenarbeiten, um Informationen zu verarbeiten und Verhalten zu steuern. Dieser Artikel untersucht die Kreuzverarbeitung des Gehirns, ihre Funktionen, die Auswirkungen von Störungen und die Rolle der neurologischen Rehabilitation.

Grundlagen der Gehirnstruktur und -funktion

Bevor wir uns mit der Kreuzverarbeitung befassen, ist es wichtig, die grundlegende Struktur und Funktion des Gehirns zu verstehen. Das Gehirn besteht aus dem Großhirn, dem Kleinhirn und dem Hirnstamm.

  • Großhirn (Cerebrum): Der größte Teil des Gehirns, der in zwei Hemisphären unterteilt ist. Es ist verantwortlich für höhere kognitive Funktionen wie Denken, Gedächtnis, Sprache und bewusste Bewegungen. Die Großhirnrinde (Kortex) bedeckt die Oberfläche des Großhirns und beherbergt Nervenzellen (Neuronen) und Gliazellen. Die Großhirnhälften lassen sich ihrer Lage entsprechend in die sogenannten Frontal- (Stirn-), Parietal- (Schläfen-), Temporal- (Scheitel-) und Okzipitallappen (Hinterkopf-Lappen) unterteilen.
  • Kleinhirn (Cerebellum): Befindet sich unterhalb des Okzipitallappens und ist wichtig für die Steuerung der Motorik, die Koordination willkürlicher Bewegungen und die Kontrolle unwillkürlicher Bewegungen. Es speichert auch komplexe Bewegungsabläufe.
  • Hirnstamm: Verbindet das Gehirn mit dem Rückenmark und steuert lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Herzschlag und Blutdruck.

Die Rolle der Hirnlappen

Jeder der vier Lappen des Großhirns spielt eine spezifische Rolle bei der Verarbeitung von Informationen:

  • Frontallappen (Stirnlappen): Verantwortlich für höhere Gehirnfunktionen, Bewegungskontrolle, Planung, Entscheidungsfindung und Persönlichkeit. Einen Teil des Frontallappens an der Stirnseite des Gehirns nennt man den präfrontalen Kortex. Für uns ist er deshalb wichtig, weil er eng mit den sensorischen Assoziationsgebieten des Kortex zusammenarbeitet. Er empfängt sensorische Signale und bewertet Gedächtnisinhalte nach ihrer emotionalen Bedeutung. Seine Aktivität steht in engem Verhältnis zur Handlungsplanung und emotionalen Prozessen.
  • Temporallappen (Schläfenlappen): Beteiligt am Hören, an Lern- und Gedächtnisprozessen sowie an der Verarbeitung von Emotionen.
  • Parietallappen (Scheitellappen): Steuert unter anderem Tastgefühl und Körperwahrnehmung.
  • Okzipitallappen (Hinterhauptlappen): Verantwortlich für die Verarbeitung visueller Informationen.

Die Bedeutung der Kreuzverbindung

Sensorische und motorische Prozesse werden im Gehirn über Kreuz gesteuert. Das bedeutet, dass die rechte Gehirnhälfte hauptsächlich für die linke Körperseite verantwortlich ist und umgekehrt. Diese Kreuzverbindung ermöglicht eine effiziente Verarbeitung von Informationen und Koordination von Bewegungen.

Kreuzverarbeitung im Gehirn

Die Kreuzverarbeitung des Gehirns bezieht sich auf die Art und Weise, wie die beiden Hemisphären des Gehirns zusammenarbeiten, um Informationen zu verarbeiten und Verhalten zu steuern. Obwohl jede Hemisphäre spezialisierte Funktionen hat, arbeiten sie ständig zusammen und tauschen Informationen aus, um eine kohärente und integrierte Erfahrung zu ermöglichen.

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Spezialisierung der Hemisphären

Traditionell wird angenommen, dass die linke Hemisphäre für logisches Denken, Sprache und analytische Fähigkeiten zuständig ist, während die rechte Hemisphäre für Kreativität, räumliches Denken und emotionale Verarbeitung zuständig ist. Neuere Forschungsergebnisse haben jedoch gezeigt, dass diese Unterscheidung nicht so klar ist, wie einst angenommen. Tatsächlich arbeiten beide Hemisphären zusammen, um die meisten Aufgaben zu bewältigen, wobei jede Hemisphäre einen einzigartigen Beitrag leistet.

Informationsaustausch zwischen den Hemisphären

Der Austausch von Informationen zwischen den Hemisphären erfolgt hauptsächlich über den Corpus callosum, eine dicke Nervenfaserbrücke, die die beiden Hemisphären verbindet. Der Corpus callosum ermöglicht es den Hemisphären, Informationen auszutauschen und zu koordinieren, was für eine Vielzahl von Funktionen unerlässlich ist, darunter:

  • Sprache: Obwohl die linke Hemisphäre oft als das Sprachzentrum des Gehirns bezeichnet wird, ist die rechte Hemisphäre auch an der Sprachverarbeitung beteiligt, insbesondere bei der Verarbeitung von Metaphern, Ironie und emotionalen Nuancen.
  • Aufmerksamkeit: Beide Hemisphären spielen eine Rolle bei der Aufmerksamkeit, wobei die rechte Hemisphäre besonders wichtig für die räumliche Aufmerksamkeit und die Erkennung von Neuem ist.
  • Motorische Kontrolle: Obwohl jede Hemisphäre hauptsächlich die gegenüberliegende Körperseite steuert, arbeiten beide Hemisphären zusammen, um komplexe Bewegungen zu koordinieren.

Plastizität des Gehirns

Dank seiner Plastizität kann sich das Gehirn je nach Verwendung in seinen Eigenschaften anpassen. Das bedeutet, dass es stark von Input und Training bestimmt wird, was sich wiederum auf das Lern- und Denkvermögen auswirkt. Die Regelkreise der Botenstoffe beeinflussen dabei u. a.

Störungen der Kreuzverarbeitung

Schädigungen des Gehirns, wie z.B. ein Schlaganfall, ein Hirntumor oder ein Schädel-Hirn-Trauma, können die Kreuzverarbeitung beeinträchtigen und zu einer Vielzahl von Störungen führen.

Hemineglect

Eine besondere Form der Aufmerksamkeitsstörung ist der sogenannte Hemineglect. “Neglect” bedeutet Vernachlässigung, Hemi bedeutet in diesem Falle „halbseitig“. Betroffene vernachlässigen eine Seite der Welt, in der sie sich bewegen. Neglect ist häufig eine Störung, die oft nach einer Schädigung des rechten Patrietallappens auftritt, einer für die Aufmerksamkeit wichtigen Hirnregion. Der Patrietallappen hat unter anderem die Aufgabe, Sinneseindrücke für die weitere Verarbeitung zu bündeln. Unser Gehirn ist über Kreuz mit unserer Peripherie verbunden, die rechte Gehirnhälfte steuert die linke Körperhälfte und umgekehrt. Bei einer rechtsseitigen Hirnschädigung vernachlässigen Menschen mit Hemineglect meist die linke Seite ihrer Umgebung oder ihres Körpers. Durch andere Gehirnschädigungen in der linken Hemisphäre kann jedoch auch rechtsseitiger Neglect auftreten. Im Extremfall nehmen die Betroffenen die linke Seite ihrer Umgebung, manchmal sogar ihrer selbst, nicht mehr wahr. Die fehlende Krankheitseinsicht, auch „Anosognosie” genannt, kann die Therapie erschweren.

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Aufmerksamkeitsstörungen

Das häufigste Störungsbild nach neurologischen Ereignissen wie Schlaganfällen oder Hirntumoren sind Aufmerksamkeitsstörungen. 80 Prozent der Patientinnen und Patienten leiden an entsprechenden Problemen, die sich z.B. darin äußern, dass die Betroffenen Schwierigkeiten haben, Texte zu lesen, Fernsehsendungen zu folgen oder in Gesprächen aufzupassen. Sie schweifen leicht ab, sind schneller erschöpft und brauchen mehr Ruhe. Aufmerksamkeit ist eine grundlegende Voraussetzung für andere psychische Funktionen. Fällt es uns schwer, uns auf die Reize unserer Umwelt zu konzentrieren, werden diese nicht richtig wahrgenommen, als irrelevant bewertet und somit auch nicht im Gedächtnis gespeichert. Die Folge kann Vergesslichkeit sein, die keine grundsätzliche Fehlfunktion unseres eigentlichen Gedächtnissystems ist. Ohne Aufmerksamkeit können abstrakte oder anspruchsvollere Denkprozesse nicht durchgeführt werden, z.B. das Erlernen neuer Fertigkeiten, das Erinnern wichtiger Informationen oder das Planen von Aktivitäten. Aufmerksamkeit umfasst viele einzelne Aufmerksamkeitsfunktionen. Dazu zählen unter anderem: Selektive Aufmerksamkeit, Daueraufmerksamkeit, Visuell-räumliche selektive Aufmerksamkeit.

Weitere Störungen

Weitere Störungen, die durch eine beeinträchtigte Kreuzverarbeitung entstehen können, sind:

  • Sprachstörungen (Aphasie): Schwierigkeiten beim Sprechen, Verstehen, Lesen oder Schreiben.
  • Gedächtnisstörungen: Schwierigkeiten beim Erinnern von Informationen oder beim Erlernen neuer Dinge.
  • Motorische Störungen: Schwierigkeiten bei der Bewegungskoordination oder Lähmungen.
  • Emotionale Störungen: Depressionen, Angstzustände oder Stimmungsschwankungen.

Neurologische Rehabilitation

Die neurologische Rehabilitation ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Menschen mit Hirnschädigungen. Ziel der Rehabilitation ist es, den Betroffenen zu helfen, ihre Fähigkeiten wiederzuerlangen und ihren Alltag bewältigen zu können. In einer stationären neurologischen Rehabilitationseinrichtung arbeiten viele Berufsgruppen zusammen, mit dem Ziel, die Patientinnen und Patienten individuell und optimal zu versorgen.

Neuropsychologie

Eine dieser Berufsgruppen ist die Klinische Neuropsychologie (kurz: Neuropsychologie). Die Neuropsychologie befasst sich mit den Auswirkungen von Hirnschädigungen auf die Psyche, die Fähigkeiten und das Verhalten der Betroffenen. Sie umfasst die genaue Diagnostik und Therapie der auftretenden Störungen. Zu den relevanten Funktionen, die untersucht werden, gehören unter anderem das Denkvermögen, die Aufmerksamkeit und Konzentration, das Gedächtnis, die Sprache, die motorischen Fähigkeiten, die möglicherweise veränderte Persönlichkeit und die Wahrnehmung. Auch emotionale oder dementielle Störungen sind relevant. Die Neuropsychologie wendet das Wissen, das wir über unser Gehirn und unsere Kognitionen haben, an, um genau zu identifizieren, welche Einbußen mit welcher Hirnschädigung an welcher Stelle unseres Gehirns einhergehen. Sie nutzt die Erkenntnisse der Psychologie, um gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten daran zu arbeiten, die eingeschränkten Fähigkeiten zu identifizieren, zu trainieren, im besten Fall wiederherzustellen.

Therapieansätze

Es gibt eine Vielzahl von Therapieansätzen, die in der neurologischen Rehabilitation eingesetzt werden können, darunter:

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  • Kognitives Training: Übungen zur Verbesserung von Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Problemlösung und anderen kognitiven Fähigkeiten.
  • Sprachtherapie: Behandlung von Sprachstörungen (Aphasie).
  • Physiotherapie: Übungen zur Verbesserung von Kraft, Koordination und Beweglichkeit.
  • Ergotherapie: Training von Alltagsaktivitäten wie Essen, Anziehen und Körperpflege.
  • Psychotherapie: Behandlung von emotionalen Störungen wie Depressionen und Angstzuständen.

Behandlung von Hemineglect

Bei Patientinnen und Patienten mit Hemineglect kann eine Markierung am linken Bildrand bei dem Training, immer wieder nach links zu schauen, helfen. Wird mit den Betroffenen geübt, Objekte oder Bilder als Ganzes wahrzunehmen, indem auf der linken Seite nach Reizen gesucht wird, spricht man von visuellem Explorationstraining. Es können systematisch Augen- und Kopfbewegungen geübt werden, die auf die linke Seite gerichtet sind. Vibrationsgeräte, die die Haut auf der linken Seite stimulieren, können die Wahrnehmung zusätzlich fördern. Bei den meisten Patientinnen und Patienten bildet sich der Neglect so zurück. Es ist wie bei allen neuropsychologischen Störungsbildern wichtig, frühzeitig mit der neuropsychologischen Behandlung zu beginnen, um das Gehirn gezielt in seinem Heilungsprozess zu unterstützen.

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