Die Frage, was den Menschen einzigartig macht, beschäftigt Wissenschaftler seit Jahrhunderten. Während Charles Darwin die Gene als den Motor der Evolution identifizierte, rückt die moderne Forschung das Gehirn in den Fokus, um die rasante Entwicklung des Menschen zu verstehen. Dieser Artikel beleuchtet die komplexe Wechselwirkung zwischen kultureller Evolution und Gehirnforschung und zeigt, wie neue Erkenntnisse unser Verständnis der Menschheitsentwicklung verändern.
Die Rolle des Gehirns in der Evolution
Traditionell galten Gene als die alleinige treibende Kraft der Evolution, getreu dem Motto "Survival of the Fittest". Sie bestimmten über Jahrmillionen die Entstehung neuer Arten. Doch mit dem Aufkommen des Menschen vollzog sich eine beispiellose Beschleunigung der Evolution. Um diese Entwicklung zu begreifen, reicht es nicht mehr aus, sich ausschließlich auf die Gene zu konzentrieren. Das Gehirn, mit seinen 100 Milliarden Neuronen, spielt eine entscheidende und bisher unterschätzte Rolle. Es entscheidet darüber, wie die genetischen Vorgaben umgesetzt werden. Gene schaffen lediglich die Voraussetzungen für Fähigkeiten wie Sprechen, Hören und Sehen. Werden diese Möglichkeiten jedoch nicht aktiv genutzt, verkümmern sie. Die menschliche Evolution ist somit viel komplexer als bisher angenommen.
Ein neues Drehbuch für die Evolution
Um die rasante Entwicklung des Menschen innerhalb weniger Jahrtausende zu verstehen, bedarf es einer Erweiterung der gängigen Evolutionstheorien. Wolfgang Wieser plädiert für ein neues "Drehbuch" der Evolution, das weg vom reinen Gen-Determinismus führt. Dieser Ansatz stützt sich auf Erkenntnisse aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen wie Soziologie, Archäologie und Anthropologie, um ein umfassenderes Bild zu zeichnen. Ein Beispiel hierfür ist die genetisch bedingte Laktoseresistenz, die in südlichen Ländern weniger verbreitet ist als im Norden. Trotzdem wird überall Käse konsumiert, wobei die Wahl der Käsesorten je nach genetischer Veranlagung variiert. Dies verdeutlicht, dass Gene über das Gehirn in direktem Austausch mit der Umwelt stehen und die Fähigkeiten des Gehirns eine entscheidende Rolle in der Evolution spielen.
Die Entstehung des menschlichen Gehirns
Wie der Mensch zu seinem leistungsfähigen Gehirn kam, ist noch nicht vollständig geklärt. Wolfgang Wieser vermutet ein einzelnes Gen, das zu Beginn der Menschheitsgeschichte eine Art "Turbogang" im Denkapparat des Homo sapiens auslöste. Die Erfindung von Sprache, Kultur, Wissenschaft, Religion und Kriegen könnte die Folge dieses einen Gens sein. Dieser Ansatz ist zwar spekulativ, aber dennoch vielversprechend und verdient weitere Untersuchungen.
Kulturelle und genetische Evolution: Zwei Seiten einer Medaille
Neben der genetischen Evolution findet zeitgleich eine kulturelle Evolution statt. Beide Prozesse müssen zusammen betrachtet werden, um ein vollständiges Bild der menschlichen Entwicklungsgeschichte zu erhalten. Die Veränderungen des Großhirns könnten frühe Menschen zum präzisen Einsatz von Werkzeugen befähigt und somit die biokulturelle Evolution in Gang gesetzt haben. Eine Studie unter der Leitung von Dr. Alexandros Karakostis untersuchte die Hirnströme von Probanden während der Nutzung von Steinwerkzeugen. Dabei zeigte sich, dass die Aktivität in den Scheitel- und Stirnlappen des Großhirns, insbesondere in der Planungsphase, eine entscheidende Rolle spielt. Der Einsatz von Schneidewerkzeugen erforderte dabei umfangreichere Hirnaktivitäten als das Nussknacken, was die kognitiven Leistungen bei Präzisionsaufgaben verdeutlicht.
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Die späte Entwicklung des modernen Gehirns
Entgegen der bisherigen Annahme, dass die moderne Gehirnstruktur am Anfang der Entwicklung der Gattung Homo stand, zeigen neue Forschungsergebnisse, dass sie sich erst später entwickelte. Eine Studie von Marcia Ponce de León und ihrem Team untersuchte fossile Schädel von Frühmenschen, die vor ein bis zwei Millionen Jahren in Afrika und Eurasien lebten. Die Analyse der Schädel mittels Computertomographie ergab, dass die modernen menschlichen Gehirnstrukturen erst vor 1,5 bis 1,7 Millionen Jahren entstanden sind, und zwar in afrikanischen Homo-Populationen. Die frühesten Homo-Populationen außerhalb Afrikas, die im heutigen Georgien lebten, hatten demnach noch kleinere, affenartige Gehirne. Typisch menschliche Hirnregionen im Stirnbereich, die für Planung, komplexe Denk- und Handlungsmuster sowie Sprache zuständig sind, entwickelten sich erst später. Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die biologische und kulturelle Evolution Hand in Hand verliefen und sich gegenseitig bedingten.
Die Bedeutung der Kindesentwicklung für die Gehirnstruktur
Das Gehirnvolumen heutiger Menschen ist etwa dreimal so groß wie das von Schimpansen. Diskussionen über die kognitiven Fähigkeiten unserer Vorfahren drehen sich daher oft um archäologische Funde und Schädelvolumen. Allerdings kann das Volumen allein die herausragenden Fähigkeiten des menschlichen Gehirns nicht hinreichend erklären. Für die kognitiven Fähigkeiten ist die innere Struktur des Gehirns wichtiger als dessen Größe. Diese Vernetzung des Gehirns wird in den ersten Lebensjahren angelegt. Im Vergleich zu Menschenaffen nimmt das Gehirn des Menschen im Laufe der Kindesentwicklung deutlich schneller an Volumen zu und wächst über einen längeren Zeitraum. Bereits bei der Geburt hat das Gehirn eines menschlichen Babys mit circa 400 ml etwa die Größe eines erwachsenen Schimpansengehirns. Die ersten Lebensjahre sind entscheidend für die Vernetzung des Gehirns. Klinische Studien haben gezeigt, dass in der frühen Kindheit selbst geringfügige Abweichungen im Muster der Gehirnentwicklung die Struktur des Gehirns und damit Kognition und Verhalten beeinflussen können.
Unterschiede in der Gehirnentwicklung zwischen Neandertalern und modernen Menschen
Die Frage, ob es zwischen Neandertalern und modernen Menschen Unterschiede in geistigen und sozialen Fähigkeiten gab, ist ein viel diskutiertes Thema in der Anthropologie und Archäologie. Da Neandertaler und moderne Menschen ähnlich große Gehirne hatten, gehen einige Forscher davon aus, dass auch die kognitiven Fähigkeiten dieser Spezies ähnlich gewesen sein mussten. Manche archäologischen Befunde deuten allerdings auf Unterschiede im Verhalten zwischen modernen Menschen und Neandertalern hin. So konnten Wissenschaftler nachweisen, dass sich das Muster der endocranialen Gestaltveränderung direkt nach der Geburt zwischen Neandertalern und modernen Menschen unterscheidet. Das wichtigste Indiz dafür waren die fossilen Fragmente der Schädel von zwei Neandertalern, die bei der Geburt oder kurz danach verstorben waren. Die gut dokumentierten Unterschiede in der Gehirngestalt zwischen erwachsenen modernen Menschen und Neandertalern entwickeln sich erst nach der Geburt. Sowohl Neandertaler als auch Homo sapiens haben bei der Geburt längliche Schädel mit etwa gleich großen Gehirnen. Erst im Laufe des ersten Lebensjahres entwickelt sich bei modernen Menschen die charakteristisch runde Schädelform. Diese Entwicklungsunterschiede direkt nach der Geburt könnten Auswirkungen auf die neuronale und synaptische Organisation des Gehirns haben.
Der Einfluss der kulturellen Evolution auf die biologische Entwicklung
Die kulturelle Evolution, die durch unsere ausgeprägte Fähigkeit zum sozialen Lernen in Gang gesetzt wurde, hat auch mit biologischen Prozessen interagiert. Wer komplexe Zusammenhänge lernen und sozial mit anderen interagieren will, braucht dafür ein großes Gehirn. Umgekehrt braucht ein großes Gehirn viel Energie und ausreichend Zeit, um mit Wissen befüllt zu werden. Ein kultureller Faktor, der hier zum Tragen kommt, war es, die Last auf mehrere Schultern zu verteilen. Großeltern und andere Verwandte halfen mit, die konstante Energiezufuhr für das sich entwickelnde Gehirn des Kindes zu stemmen. Das ermöglichte mehr Freiraum für ein noch größeres Gehirn. Das große Gehirn und unser komplexer werdendes Sozialverhalten haben sich also in einer Positiv-Schleife gegenseitig verstärkt.
Die Bedeutung von Spiegelneuronen für kulturelles Lernen
Die Entdeckung der sogenannten "Spiegelneuronen" in den 1990er Jahren revolutionierte das Verständnis der kulturellen Fähigkeiten des Menschen. Spiegelneuronen "feuern" nicht nur, wenn eine Handlung tatsächlich ausgeführt wird, sondern auch dann, wenn man lediglich beobachtet, dass eine Handlung ausgeführt wird. Diese Fähigkeit ermöglicht es Menschen, andere nachzuahmen und eine Art "innere Simulation von Handlungen" durchzuführen. Zudem ermöglichen Spiegelneuronen ein Verständnis dessen, wie es sich anfühlt, wenn andere eine Handlung ausführen. Sie werden gemeinhin als das neuronale Korrelat der kulturellen Kompetenz des Menschen beschrieben und sind die Grundlage dafür, dass Menschen Sprache über akustische und optische Nachahmung lernen können.
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Kulturelle Bildung als mitgängige Bildung
Kulturelle Bildung ist mitgängige Bildung: Kultur lernt man durch Beobachtung und Nachahmung bzw. Mitmachen. Kulturelle Bildung ist vor diesem Hintergrund mitgängige Bildung. Sie ist auf soziale Zusammenhänge angewiesen und vollzieht sich in sozialen Prozessen. Eine Theorie Kultureller Bildung hat also in besonderer Weise das mitgängige kulturelle Lernen in der Familie oder der Gruppe der Gleichaltrigen in den Blick zu nehmen. Empirisch dürfte es von besonderem Interesse sein, die dabei sich ereignenden intergenerationellen Transmissionsprozesse in den Blick zu nehmen. Für die Praxis der Kulturellen Bildung würde dieses bedeuten, besonders auf die Organisation mitgängiger Lernprozesse, z.B. in Jugendzentren, Jugendgruppen, Theatergruppen, Orchester etc.
Die Grenzen der genetischen Anpassung
Inzwischen schafft sich der Mensch im Zuge der kulturellen Evolution selbst immer neue Umweltbedingungen - und zwar in einem Tempo, bei dem die genetische Anpassung nicht mehr hinterherkommt. Da ist es nicht verwunderlich, wenn manche Gen-Relikte, die früher einmal von Vorteil waren, nicht mehr zu dem modernen Lebensstil passen. Ein einfaches Beispiel ist unser genetisch programmierter Heißhunger auf Zucker. Über Millionen Jahre der Evolution waren leicht verfügbare Energiequelle für unsere jagenden und sammelnden Vorfahren selten und äußerst wertvoll. Heute bewegen wir uns viel weniger und Zucker ist auf einmal im Überfluss verfügbar - unser genetisches Make-up passt nicht mehr zu den Umständen.
Die Zukunft der Gehirnentwicklung
Wird unser Gehirn nochmals einen Sprung in seiner Entwicklung erfahren? Das stellt sich schwierig vor. Es ist kaum vorstellbar, dass sich eine einzige Mutation im Genpool von sechs Milliarden Menschen durchsetzt. Je größer eine Population, desto unwahrscheinlicher ist das. Das haben wir von Darwin gelernt. Die kleinen Populationen auf den Galapagos-Inseln konnten mutieren und neue Charakterzüge ausbilden. Aber wo haben wir noch abgeschiedene bewohnte Inseln ohne Reiseverkehr und Heiratsmigration? Menschen mit besonderen kognitiven Gaben entstehen natürlich andauernd, aber einen Sprung für die intellektuellen Fähigkeiten der gesamten Menschheit sehen Wissenschaftler aktuell eher nicht.
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