Kunsttherapie bei neurologischen Erkrankungen: Ein kreativer Weg zur Regeneration

Die Kunsttherapie bietet einen vielversprechenden Ansatz zur Behandlung neurologischer Erkrankungen. Sie nutzt die kreativen Ressourcen des Menschen, um Gewohnheiten zu verändern, neue Nervenverbindungen zu knüpfen und brachliegende Teile des Gehirns zu aktivieren. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Kunsttherapie im Kontext neurologischer Erkrankungen, von den Grundlagen und Anwendungsbereichen bis hin zu den spezifischen Therapieformen und ihrer Wirkung.

Grundlagen der Kunsttherapie

Kunsttherapie ist ein ressourcen-, erlebnis-, handlungs- und beziehungsorientiertes therapeutisches Verfahren, das die Potenziale der bildenden Kunst zur Entfaltung bringt. Sie dient als Hilfe bei der Bewältigung von Leiden, Krisen und Krankheiten. Im Kern zielt die Kunsttherapie darauf ab, die schöpferischen Kräfte eines Menschen in der therapeutischen Begegnung zu reaktivieren, um Selbstheilungskräfte zu stärken und eine identitätsstiftende Selbstregulierung zu fördern.

Die Kunsttherapeutische Triade

Die Grundlage der Gestaltungstherapie bildet die sogenannte kunsttherapeutische Triade. Somit unterscheidet sich die Gestaltungstherapie in mehreren Bereichen von anderen Therapieformen. Nicht allein die Beziehung zwischen Patient und Therapeut, sondern auch die Beziehung zwischen Patient und Kunstwerk spielt eine große Rolle. Das Kunstwerk stellt somit eine nonverbale Kommunikationsmöglichkeit zwischen Patient und Therapeut dar.

Kompetenzen des Kunsttherapeuten

Eine Besonderheit der Kunsttherapeuten ist die konstruktive Verbindung von künstlerischen und therapeutischen Kompetenzen. Künstlerische Kompetenzen resultieren unter anderem aus Erfahrungen, dem persönlichen Kunstverständnis und einer praktischen und theoretischen Auseinandersetzung mit Kunst und Kunstgeschichte. Therapeutische Kompetenzen umfassen die Fähigkeit zur Beziehungsgestaltung und das bewusste Wahrnehmen und Verstehen des psychodynamischen Geschehens. Darüber hinaus zählen medizinisches Grundwissen und entwicklungspsychologische Kenntnisse über bildnerische Entwicklung und Symbolbildung dazu. Bei den therapeutischen Kompetenzen setzen die einzelnen kunsttherapeutischen Konzepte unterschiedliche Schwerpunkte. Zentrale Bezüge für die Gestaltung der kunsttherapeutischen Beziehung entstammen der Psychoanalyse, der analytischen Psychologie, der Gestalttherapie und dem anthroposophischen Weltbild.

Salutogenese: Das Gesunde in den Mittelpunkt stellen

Was wir als schön empfinden, was wir als angenehm erleben, ist etwas, das wir anstreben, weil es uns mit unseren gesunden Anteilen verbindet. Dabei ist das Gesunde, wie der Soziologe Aaron Antonovsky in seinem Konzept der Salutogenese (Gesundheitsentstehung) ausführt, nicht das Normale, sondern ein labiler Gleichgewichtszustand, den wir aktiv immer wieder neu herstellen müssen.

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Anwendungsbereiche der Kunsttherapie bei neurologischen Erkrankungen

Die Kunsttherapie findet Anwendung in verschiedenen Bereichen der präventiven, akuten und rehabilitativen Medizin. Insbesondere bei neurologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Bewusstseinsstörungen, ALS oder Morbus Parkinson kann die Kommunikationsfähigkeit der Betroffenen eingeschränkt sein. Die Gestaltungstherapie ermöglicht den Patienten neue Kommunikationswege aufzubauen. Auch ohne Worte können sich die Betroffenen durch das kreative und selbstständige Arbeiten ausdrücken.

Konkrete Anwendungsgebiete:

  • Rehabilitation
  • Psychiatrische Erkrankungen
  • Neurologische Erkrankungen
  • Psychosomatische Erkrankungen

Ziel der psychologischen Gestaltungstherapie

Ziel der psychologischen Gestaltungstherapie ist die Ausführung des kreativen und künstlerischen Gestaltens im Rahmen der individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten des Patienten. So soll die Gestaltungstherapie dem Patienten nicht nur die Möglichkeit bieten etwas Neues zu schaffen, sondern auch bereits Geschaffenes zu verändern oder zu verwerfen. Der künstlerische Prozess trägt somit zur Heilung verschiedener Krankheitsbilder bei.

Formen der neurologischen Kunsttherapie

Die Formen der neurologischen Kunsttherapie werden in der Regel von speziell ausgebildeten Kunsttherapeuten durchgeführt, die Ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten berücksichtigen und Sie in Ihrem künstlerischen Prozess unterstützen. Der genaue Ansatz und die gewählten Methoden variieren je nach Krankheitsbild, individuellen Zielen und Ihrer allgemeinen Situation.

  • Maltherapie: Malen wird angewendet, um den Ausdruck von Emotionen zu fördern und die kreative Selbstentfaltung zu unterstützen. Dabei können verschiedene Materialien wie Pinsel, Farben und Papier verwendet werden.
  • Musiktherapie: Durch das Spielen von Musikinstrumenten oder das Hören und Reflektieren von Musik werden verschiedene kognitive, motorische und emotionale Funktionen stimuliert. Die Musiktherapie kann auch dazu beitragen, Stress abzubauen und die Stimmung zu verbessern.
  • Tanz- und Bewegungstherapie: Diese Form der neurologischen Kunsttherapie beinhaltet Bewegungsübungen, die speziell auf Ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Sie kann dazu beitragen, die motorischen Fähigkeiten zu verbessern, das Gleichgewicht zu schulen und das Körperbewusstsein zu stärken.
  • Dramatherapie: Durch Rollenspiele, Improvisation und andere theaterbasierte Techniken können Sie Ihre Emotionen ausdrücken und Ihre sozialen Fähigkeiten verbessern. Die Dramatherapie wird auch zur Förderung der Kommunikation und zur Bewältigung von Ängsten eingesetzt.
  • Bildhauerei und Plastizieren: Das Arbeiten mit verschiedenen Materialien wie Ton oder Holz kann dazu beitragen, die Feinmotorik und die Handgeschicklichkeit zu verbessern.

Kunsttherapie bei Morbus Parkinson

Die Kunsttherapie kann auch bei der Behandlung von Morbus Parkinson eingesetzt werden. Im Helios Klinikum Bad Saarow arbeitet Kunsttherapeutin Anja Laux mit stationären Parkinsonpatient:innen. Sie stellt den Patient:innen verschiedene Gestaltungsmaterialien zur Verfügung, welche individuell ausgewählt werden können. Um sich auf sich selbst fokussieren zu können, beginnt jede Therapieeinheit mit einer kurzen Aufwärm- oder Einfühlübung. Daran schließt sich dann das Gestalten. Patientinnen berichten, dass die Therapie ihnen sehr hilft, an ihrem Schriftbild zu arbeiten und es zu verbessern, und dass sie durch das Malen ruhiger und entspannter werden.

Die Wirkung der Kunsttherapie auf neurologische Patienten

Die Kunsttherapie ergänzt bzw. verstärkt als interdisziplinärer Teil des gesamten Therapiekonzeptes andere Therapieansätze und regt dazu an, die vorhandenen Fähigkeiten mit unterschiedlichsten Materialien ins Spiel kommen zu lassen. Voraussetzung hierfür ist, dass die verwendeten Materialien ein attraktives und niederschwelliges Einsteigen in die Materie ermöglichen und dass der Therapeut behutsam an die Materialien heranführt.

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Neue Wege beschreiten, Entspannung erfahren

Der Patient stellt sich der Herausforderung, seine Aufmerksamkeit dem gegenwärtigen kreativen Spiel zu widmen und verlässt die Enge des Kreisens seiner Gedanken um die Erkrankung und den damit zusammenhängenden Problemen. Immer wieder gelangt er dabei zu überraschenden und ungeahnten gestalterischen Einfällen und Lösungen.

Spielen, Experimentieren, Herausfinden was angenehm ist, stimuliert die sinnliche Wahrnehmung, entspannt und lässt die Gedanken zur Ruhe kommen. Aus diesem spielerischen Umfeld entstehen neue Einsichten und Erfahrungen, die letztlich zu einem veränderten Verhalten im Alltag anregen, und die im gestalterischen Prozess konkretisiert, variiert und ausprobiert werden können.

Vertrauen in die eigene Stärke entwickeln

Mit Materialien und Techniken wie Farbe, Papier, Ton, Wolle, Stein etc. trainiert der Patient zugleich auch seine Problemlösefähigkeiten. Das Werk ist dabei zum einen Ausdruck neuer Perspektiven und Anregungen, zum anderen ist es aber auch der sichtbare Beweis, dass man etwas "schaffen" kann, wenn man an sich glaubt (Selbstwirksamkeit). So bekommt der Gestaltende eine unmittelbare Rückmeldung über sein Tun und lernt mit Hilfe des Therapeuten, sich von seinen Stress erzeugenden Bewertungen und Vorstellungen zu distanzieren, damit er offener für neue Lösungen werden kann. Dies ist im Falle einer chronischen Erkrankung, die den Betroffenen oft vor neue Herausforderungen stellt, von elementarer Bedeutung. Denn mit dem Verlust seiner Flexibilität verliert der Erkrankte auf Dauer seine Auseinandersetzung mit seiner Erkrankung.

Studien belegen die Wirksamkeit

Dass Kunsttherapie zu einer Verbesserung der Lebensqualität von MS-Betroffenen führen kann, konnte im Neurologischen Rehabilitationszentrum Quellenhof in einer 2010 durchgeführten randomisierten, kontrollierten Studie mit 69 Patienten nachgewiesen werden. In den Bereichen Stimmung, Sozialverhalten, Selbstwirksamkeit und Fatigue zeigten sich in der Kunsttherapiegruppe deutliche Verbesserungen, die auch noch ein halbes Jahr nach dem Aufenthalt in der Klinik in leicht abgeschwächter Form zu erkennen waren. Aus den qualitativen Befragungen der Studie meldeten insbesondere die Teilnehmer der Kunsttherapie eine Zunahme an subjektivem Wohlbefinden, Veränderungsbereitschaft und geistiger Flexibilität.

Regeneration auf hirnorganischer Ebene

Neues auszuprobieren, neue Erfahrungen zu machen, sich neue Denk- und Verhaltensweisen zu erarbeiten, bedeutet, neue Fähigkeiten zu erlernen und damit auf hirnorganischer Ebene das neuronale Netzwerk zu erweitern. So betrachtet kann die Kunsttherapie einen direkten Zugang zu regenerativen Prozessen im Gehirn ermöglichen, die durch eine Vermehrung der Synapsen und Verstärkung der Myelinschichten gekennzeichnet sind.

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Achtsamkeit lernen und leben

Hierfür sind Neugierde und die Bereitschaft zum Lernen nötig, aber keine Vorerfahrungen. Im Gegenteil: zu viel Wissen steht dem kreativen Prozess eher entgegen. Wissen und enge Vorstellungen verhindern die Erfahrungen des achtsamen Voranschreitens, bei dem man Fehler macht, um daraus zu lernen. Achtsamkeit bedeutet, jeden Moment bewusst wahrzunehmen. Hirnforscher wie etwa der international renommierte Neurologe und Psychiater Daniel J.

Ausbildung zum Kunsttherapeuten

In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich in Deutschland ein vielfältiges Angebot kunsttherapeutischer Ausbildungen etabliert. Heute werden drei Ausbildungen unterschieden:

  1. Aufbaustudiengänge an Kunsthochschulen
  2. Grundständige Diplomstudiengänge an Fachhochschulen
  3. Private Ausbildungsinstitute, die sich im Rahmen berufsbegleitender Weiterbildung der Ausbildung auf Hochschulniveau verpflichten.

Die meisten dieser Anbieter sind in kunsttherapeutischen Berufsverbänden zusammengeschlossen, zum Beispiel in der Deutschen Gesellschaft für Künstlerische Therapieforschung und Therapie mit kreativen Medien, im Deutschen Fachverband für Kunst- und Gestaltungstherapie und im Berufsverband anthroposophisch orientierter Kunsttherapeuten. Daneben gibt es zahlreiche, nicht in den Berufsverbänden erfasste, private Ausbildungsinstitute, die keiner Ausbildungskontrolle unterliegen. Da die Berufsbezeichnung „Kunsttherapeut“ nicht geschützt ist, können sich auch die Absolventen der letztgenannten Ausbildungen so nennen. Die sehr unterschiedlichen Grund- und Zusatzqualifikationen von Kunsttherapeuten belastet die tarifliche Eingruppierung in der Besoldung erheblich. Daher wird noch einige Zeit vergehen, bis sich Kunsttherapie als anerkanntes und - im weitesten Sinn - psychotherapeutisches Verfahren angemessen etabliert.

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