Parkinson-Patienten leiden häufig unter einer eingeschränkten Lungenfunktion, die ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigen kann. Atemtherapeutische Interventionen, insbesondere die reflektorische Atemtherapie (RAT), können hier eine wertvolle Ergänzung zur medikamentösen Behandlung darstellen. Dieser Artikel beleuchtet die Grundlagen, Anwendungsbereiche und Wirkungsweise der RAT bei Parkinson, um ein umfassendes Verständnis dieser Therapieform zu ermöglichen.
Einführung in die Reflektorische Atemtherapie (RAT)
Die reflektorische Atemtherapie (RAT) ist eine ganzheitliche, neurophysiologische Behandlungsmethode, die bei neurologischen, psychosomatischen und internistischen Erkrankungen sowie in der Intensivmedizin Anwendung findet. Sie basiert auf dem Konzept der reflektorischen Beeinflussung der Atmung über gezielte Reize auf den Körper.
Ursprünge und Entwicklung der RAT
Die Wurzeln der Reflektorischen Atemtherapie reichen bis in die 1920er Jahre zurück und sind eng mit dem Namen Dr. med. Johannes Ludwig Schmitt verbunden. Dr. Schmitt entwickelte ein ganzheitliches Behandlungskonzept, das neben der Atemtherapie auch Homöopathie, Kneipp'sche Anwendungen, asiatische Heilmethoden, Phytotherapie und Yoga umfasste. Er betrachtete Atmung, Haltung, Bewegung und Ernährung als zusammenhängende Prozesse, die Körper und Seele als untrennbare Einheit verbinden.
Ein wesentlicher Meilenstein in der Entwicklung der RAT war die Zusammenarbeit von Dr. Schmitt mit der Krankengymnastin Liselotte Brüne ab 1949. Gemeinsam wandelten sie die von Dr. Schmitt entwickelte "Atemmassage" zu einer eigenständigen physiotherapeutischen Technik um.
Das Konzept der Atempumpe
Ein zentraler Aspekt der RAT ist das Konzept der "Atempumpe". Diese umfasst die Atemmuskulatur, insbesondere das Zwerchfell, sowie die knöchernen Strukturen des Brustkorbs. Das Zwerchfell spielt als Hauptatemmuskel eine entscheidende Rolle bei der Entfaltung der Lunge während der Einatmung. Die Ausatmung erfolgt passiv durch die elastische Rückstellung des Lungengewebes.
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Die RAT zielt darauf ab, die Funktion der Atempumpe zu optimieren, indem sie die Atemmuskulatur mobilisiert, aktiviert und reguliert. Dadurch soll ein physiologischer Atemrhythmus und ein ausreichendes Atemzugvolumen erreicht werden.
Wirkungsweise der Reflektorischen Atemtherapie
Die RAT nutzt gezielte Druck-, Schmerz- und Dehnreize auf die Muskulatur, die Faszien und das Skelettsystem, um eine reflektorische Vergrößerung des Atemzugvolumens und eine Regulation des Atemmusters hervorzurufen.
Beeinflussung verschiedener Organsysteme
Neben der direkten Wirkung auf die Atmung nimmt die RAT auch Einfluss auf andere Organsysteme:
- Herz-Kreislauf-System: Regulation des Blutdrucks und der Herzfrequenz
- Vegetatives Nervensystem: Ausgleich von Dysregulationen und Förderung der Entspannung
- Immunsystem: Aktivierung der Immunabwehr
- Gelenkstrukturen: Verbesserung der Beweglichkeit und Reduktion von Schmerzen
- Innere Organe: Über Reflexzonen auf der Haut und im Bindegewebe können Organfunktionen positiv beeinflusst werden.
Körperwahrnehmung und psychische Auswirkungen
Die RAT fördert die Körperwahrnehmung und kann somit auch körperpsychotherapeutisch wirken. Patienten erleben und erfahren durch die Reize des Therapeuten Veränderungen ihres körperlichen Befindens und ihrer Atmung. Dies kann zu einer verbesserten Körperwahrnehmung und einem gesteigerten Wohlbefinden führen.
Anwendungsbereiche der Reflektorischen Atemtherapie
Die RAT kann bei einer Vielzahl von Erkrankungen eingesetzt werden, die mit Atemfunktionsstörungen oder Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates einhergehen. Dazu gehören:
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- Erkrankungen der Atemwege (z.B. COPD, Asthma, Mukoviszidose, Bronchitis)
- Neurologische Erkrankungen (z.B. ALS, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose)
- Erkrankungen des Bewegungsapparates (z.B. Rheuma, Lumboischialgien, Morbus Bechterew, degenerative Gelenkveränderungen)
- Somatoforme autonome Funktionsstörungen (z.B. Reizdarmsyndrom, Herzneurose)
- Psychische Störungen (z.B. leichte Depressionen, neurotische Störungen)
Reflektorische Atemtherapie bei Parkinson
Bei Parkinson-Patienten kann die RAT dazu beitragen, die durch die Krankheit verursachten Lungenfunktionsstörungen zu verbessern.
Lungenfunktionsstörungen bei Parkinson
Trotz optimaler medikamentöser Behandlung leiden viele Parkinson-Patienten unter einer eingeschränkten Lungenfunktion. Dies kann verschiedene Ursachen haben:
- Muskelrigidität: Die für Parkinson typische Muskelsteifigkeit kann auch die Atemmuskulatur betreffen und die Atembewegung einschränken.
- Bradykinese: Die Verlangsamung der Bewegungen kann auch die Atemmuskulatur betreffen und zu einer flachen und ineffektiven Atmung führen.
- Haltungsstörungen: Viele Parkinson-Patienten entwickeln eine gebeugte Haltung, die die Ausdehnung des Brustkorbs behindern und die Atmung erschweren kann.
- Schluckstörungen: Schluckstörungen können zu einer Aspiration von Speichel oder Nahrung in die Atemwege führen und das Risiko von Atemwegsinfektionen erhöhen.
- Eingeschränkter Hustenreflex: Ein beeinträchtigter Hustenreflex kann die Reinigung der Atemwege erschweren und das Risiko von Lungenentzündungen erhöhen.
Ziele der RAT bei Parkinson
Die RAT kann bei Parkinson-Patienten folgende Ziele verfolgen:
- Verbesserung der Lungenfunktion: Erhöhung des Atemzugvolumens und Verbesserung der Atemmechanik
- Optimierung des Muskeltonus: Reduktion der Muskelrigidität in der Atemmuskulatur
- Verbesserung der Bewegungsfunktion: Förderung einer physiologischen Atembewegung
- Steigerung der Ventilation: Verbesserung des Gasaustauschs in der Lunge
- Verbesserung der Lebensqualität: Reduktion von Atemnot und Steigerung des Wohlbefindens
Studienergebnisse zur RAT bei Parkinson
Eine einarmige klinische Pilotstudie untersuchte die Anwendbarkeit der RAT bei Patienten mit idiopathischem Parkinson-Syndrom (IPS). An der Studie nahmen neun Patienten (4 Frauen, 5 Männer) teil. Die Ergebnisse zeigten, dass sich die krankheitsbezogene Lebensqualität bei fünf Patienten verbesserte und sieben Patienten im Sechs-Minuten-Gehtest eine größere Distanz zurücklegen konnten. Die Autoren der Studie schlussfolgerten, dass die RAT eine sinnvolle Ergänzung zur Behandlung von Parkinson-Patienten sein kann.
Durchführung der Reflektorischen Atemtherapie
Die RAT wird von speziell ausgebildeten Physiotherapeuten durchgeführt. Die Behandlung umfasst in der Regel folgende Elemente:
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- Anamnese und Befund: Der Therapeut erfasst die Krankengeschichte des Patienten und untersucht die Atemfunktion, die Körperhaltung und die Beweglichkeit des Brustkorbs.
- Heiße Kompressen: Zu Beginn der Behandlung werden in der Regel heiße Kompressen aufgelegt, um die Muskulatur zu entspannen und das Gewebe auf die manuellen Techniken vorzubereiten.
- Manuelle Techniken: Der Therapeut setzt gezielte Druck-, Schmerz- und Dehnreize auf die Muskulatur, die Faszien und das Skelettsystem. Dabei kommen verschiedene Grifftechniken zum Einsatz, die an die individuellen Bedürfnisse des Patienten angepasst werden.
- Atemgymnastik: Im Anschluss an die manuellen Techniken können Atemübungen durchgeführt werden, um die Atembewegung zu vertiefen und die Atemmuskulatur zu stärken.
- Therapeutische Körperstellungen: Übungen aus dem Yoga oder andere therapeutische Körperstellungen können eingesetzt werden, um die Atmung zu reflektorisch zu beeinflussen und die Körperwahrnehmung zu verbessern.
Die Behandlung findet in der Regel einmal wöchentlich statt. Die Kombination mit anderen Therapieformen, wie z.B. Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie, ist empfehlenswert.
Kontraindikationen
Die RAT darf bei akuten Infektionskrankheiten mit sehr hohem Fieber über 40 °C nicht angewandt werden. Bei Menschen mit Neuritiden (Nervenentzündung) ist die Behandlung eher kontraproduktiv. Menschen mit schweren Psychosen oder manischen Depressionen (bipolaren Erkrankungen) sollten nicht behandelt werden. Bei einigen Erkrankungen muss individuell entschieden werden, ob und in welchem Umfang die Reflektorische Atemtherapie angewandt wird. So müssen ggf. bei Hauterkrankungen Areale ausgelassen werden, das gleiche gilt für Patienten nach Bestrahlungen.
Atemtipps für den Alltag
Neben der professionellen Atemtherapie können Parkinson-Patienten auch im Alltag einfache Atemübungen durchführen, um ihre Atmung zu verbessern:
- Bewusste Bauchatmung: Legen Sie die Hände auf den Bauch und atmen Sie tief in den Bauch ein, so dass sich die Bauchdecke hebt. Atmen Sie langsam wieder aus.
- Wechselatmung: Halten Sie ein Nasenloch zu und atmen Sie durch das andere Nasenloch ein. Halten Sie dann das andere Nasenloch zu und atmen Sie durch das erste Nasenloch aus. Wiederholen Sie dies einige Male.
- Tiefes Seufzen: Seufzen Sie hin und wieder tief, um die Lungen vollständig zu belüften und Stress abzubauen.
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