Demenz ist eine der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft. Jedes Jahr erhalten etwa 300.000 Menschen in Deutschland die Diagnose, die oft mit Angst und Sorge verbunden ist. Doch trotz der Herausforderungen gibt es viele Möglichkeiten, das Leben mit Demenz aktiv zu gestalten und die Lebensqualität zu erhalten.
Die Diagnose Demenz: Ein neuer Lebensabschnitt
"Wenn man es verkraftet hat, kommt da ganz viel schönes Leben raus", sagte Frau Singer, die an Alzheimer erkrankt ist. Diese Aussage macht Mut und verdeutlicht, dass ein erfülltes Leben auch mit Demenz möglich ist. Christian Zimmermann, der mit 57 Jahren an Alzheimer erkrankte, begann nach der Diagnose mit dem Theaterspielen und sagte: „Es gibt ein Leben nach der Diagnose. Anfangs fiel ich in ein Loch. Doch jetzt traue ich mir Dinge zu, die ich vorher nicht gemacht hätte.“ Immer mehr Menschen sprechen öffentlich über ihre Demenz-Diagnose, werben für mehr Verständnis und wollen Mut machen.
Auch für Angehörige bedeutet die Diagnose eine Veränderung. Sie müssen unterstützende Aufgaben übernehmen und ihr Leben entsprechend organisieren. Die Beziehung verändert sich, wenn ein Ehepartner oder ein Kind Entscheidungen für den Betroffenen treffen muss.
Was ist Demenz?
Der Begriff "Demenz" umfasst über 50 verschiedene Krankheiten, wobei die Alzheimer-Krankheit die häufigste Form darstellt. Die Symptome entwickeln sich schleichend und äußern sich in gestörter Merkfähigkeit, Gedächtnisabbau und Verlust des Urteilsvermögens. Betroffene begeben sich auf eine Reise in eine eigene Gefühlswelt, zu der Angehörige irgendwann keinen Zugang mehr haben.
Den Alltag mit Demenz gestalten
Die Diagnose Demenz bedeutet nicht sofortige Unfähigkeit zur Selbstversorgung. Mit Unterstützung können Betroffene oft lange in ihrer vertrauten Umgebung bleiben. Praktische Tipps helfen, den Alltag zu gestalten und den Umgang mit Demenzkranken zu verbessern.
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Wohnung und Umfeld anpassen
Das Umfeld sollte so wenig wie möglich verändert werden, um Verwirrung zu vermeiden. Trotzdem sollte die Wohnung dem Bewegungsdrang angepasst und gefährliche Gegenstände entfernt werden.
- Überflüssige Möbel entfernen, um Platz zu schaffen.
- Stolperfallen wie Türschwellen, Kabel oder Teppichbrücken beseitigen.
- Anti-Rutsch-Matten im Bad und Haltegriffe anbringen.
- Schutzkappen an spitzen Möbelkanten anbringen.
- Einen Hausnotruf installieren.
- Leicht verständliche Symbole an Türen anbringen.
- Kräftige Farben und deutliche Kontraste für bessere Orientierung nutzen.
- Die Wohnung hell und schattenfrei beleuchten.
- Bewegungsmelder für sicheren Gang zur Toilette installieren.
- Elektrogeräte mit Zeitschaltuhr versehen und Steckdosensicherungen anbringen.
- Einen Elektroherd mit Abschaltautomatik anschaffen und wichtige Knöpfe farbig markieren.
- Gefährliche Haushaltsgeräte über die Sicherung abschalten, wenn man außer Haus ist.
- Angebote wie Essen auf Rädern nutzen.
- Gefährliche Gegenstände wegschließen.
- Rauchmelder installieren.
Beschäftigungen anbieten
Vorhandene Fähigkeiten bleiben länger erhalten, wenn sie geübt werden. Erfolgserlebnisse stärken das Selbstbewusstsein.
- Auf frühere Hobbys und Interessen zurückgreifen.
- Den Betroffenen in Alltagsaufgaben einbeziehen (kochen, spülen, Wäsche falten, Gartenarbeit).
- Kreativ sein: malen, basteln, tanzen, singen oder spielen.
- Gemeinsam einkaufen oder spazieren gehen.
Rituale schaffen
Feste Zeiten und Abläufe geben Orientierung und Sicherheit.
- Tägliche Aktivitäten ritualisieren.
- Den Tag mit den gleichen Worten und Gesten beginnen.
- Mahlzeiten stets zur selben Zeit am selben Ort einnehmen.
Kommunikation vereinfachen
Die Sprache verliert an Bedeutung, daher ist eine andere Art der Verständigung wichtig.
- Direkte Fragen stellen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden können.
- Geduldig sein und Zeit zum Antworten lassen.
- Einfache Worte und kurze Sätze verwenden.
- Langsam und deutlich sprechen.
- Immer nur eine Information auf einmal geben.
- Blickkontakt herstellen und Nähe durch Berührung zeigen.
- Die "Validation"-Methode anwenden, bei der man falsche Aussagen akzeptiert und nicht widerspricht.
Essen und Trinken
Manche Betroffene verspüren keinen Appetit oder vergessen zu essen und zu trinken.
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- Regelmäßig zum Trinken animieren.
- Gemeinsam essen, damit sich der Betroffene Abläufe abschauen kann.
- Lieblingsgerichte servieren.
- Speisen kräftig würzen und appetitlich anrichten.
- Mundgerechte Häppchen zubereiten, wenn der Betroffene nicht mehr mit Besteck essen kann.
- Sich bei den Mahlzeiten zuprosten und Trinksprüche verwenden.
Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte begleiten
Diese Situationen stellen eine große Herausforderung dar.
- In einfachen Worten erklären, was gemacht werden soll.
- Zusichern, dass man während des Gesprächs und der Untersuchungen dabei bleibt.
- Den Angehörigen im Krankenhaus so wenig wie möglich allein lassen.
- Eine Liste mit wichtigen Informationen für das Klinikpersonal erstellen (Tagesablauf, Medikamente).
Rechtliche und finanzielle Aspekte
Nach der Diagnose Demenz gibt es einiges zu erledigen.
Rechtliche Betreuung
Wenn eine Person krankheitsbedingt ihre rechtlichen Angelegenheiten nicht mehr selbstständig erledigen kann, bestellt das Gericht eine rechtliche Betreuung. Vorrangig übernehmen nahe Angehörige diese Aufgabe.
Selbstbestimmungsrecht
Das im Grundgesetz festgeschriebene Selbstbestimmungsrecht beinhaltet das Recht, das Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, sowie das Verbot medizinischer Eingriffe ohne Zustimmung der betroffenen Person.
Teilnahme an Wahlen
Auch Menschen mit Demenz dürfen an Wahlen teilnehmen und ihre Stimme abgeben. Unterstützung beim Ausfüllen des Wahlscheins ist erlaubt, Beeinflussung und Manipulation sind strafbar.
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Haftung bei Schäden
Wenn Menschen mit Demenz einen Schaden verursachen, stellt sich die Frage der Haftung. Angehörige haben möglicherweise eine Aufsichtspflicht. Eine Haftpflichtversicherung kann den Schaden ausgleichen.
Pflegeversicherung
Die Pflegeversicherung sichert seit 1994 einen Teil der Risiken bzw. Folgen der Pflegebedürftigkeit ab. Seit 2016 werden auch geistig und psychisch bedingte Einschränkungen der Selbstständigkeit bei der Einschätzung eines Pflegebedarfs berücksichtigt.
Palliative Versorgung und Kommunikation
Palliative Versorgung und Pflege richten sich an Menschen, die schwer und unheilbar erkrankt sind. Ziel ist eine möglichst gute Lebensqualität. Oftmals sind es Kleinigkeiten, die darüber entscheiden, ob der kommunikative Austausch verständlich erfolgt.
Projekte und Initiativen
Jeder kann Demenz Partner werden und an kostenlosen Kompaktkursen oder Online-Seminaren teilnehmen. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft beruft alle zwei Jahre neue Mitglieder in ihren Beirat "Leben mit Demenz".
Jung Erkrankte
Nach einer Depression, Angsterkrankung oder Suchttherapie erfolgt in der Regel eine Wiedereingliederung am Arbeitsplatz.
Medizin & Versorgung
Eine Demenz entwickelt sich häufig schleichend. Der Unterschied zwischen Alterszerstreutheit und beginnender Demenz ist oft schwer zu erkennen.
Wie lässt sich das Demenzrisiko präventiv beeinflussen?
Die Forschung bejaht diese Frage. Ein gesunder Lebensstil kann das Risiko reduzieren.
Geistig fit bleiben
- Kreativität mobilisieren: Hobbys wie Malen, Basteln, Rätseln, Handwerken, Singen, Kreuzworträtseln, Lesen, Gesellschaftsspiele oder Reisen.
- Im Dialog bleiben: Kommunizieren und philosophieren Sie über aktuelle Themen.
- Schreiben: Tagebuch führen, Gedichte verfassen oder ein Buch schreiben.
Körperlich fit bleiben
- Sport treiben und andere motivieren.
- Mit kleinen Spaziergängen anfangen und diese verlängern.
- Angebote für Senioren in Sportvereinen nutzen.
- Eine Haltestelle früher aussteigen oder weiter entfernt parken.
- Treppen statt Rolltreppen und Fahrstühle benutzen.
Gesunde Ernährung
- Ausgewogene und vollwertige Nahrung mit viel Gemüse und Obst.
- 1,5 Liter Wasser am Tag trinken.
- Gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz meiden.
- Kaffee und schwarzen Tee in Maßen trinken.
- Auf Alkohol und Nikotin verzichten.
Regelmäßige Gesundheits-Checks
- Regelmäßig zu medizinischen Untersuchungen gehen.
- Symptome frühzeitig mitteilen.
Symptome einer Demenzerkrankung
- Verlust des Kurzzeitgedächtnisses.
- Schwierigkeiten, gewohnte Tätigkeiten auszuführen.
- Sprachstörungen und Sprachfaulheit.
- Nachlassendes Interesse an Arbeit, Hobbys und Kontakten.
- Orientierungsschwierigkeiten in fremder Umgebung.
- Fehlender Überblick über finanzielle Angelegenheiten.
- Fehleinschätzung von Gefahren.
- Stimmungsschwankungen, Ängstlichkeit und Misstrauen.
- Hartnäckiges Abstreiten von Fehlern, Irrtümern oder Verwechslungen.
Was tun bei Verdacht auf Demenz?
Ruhe bewahren und den Verdacht medizinisch abklären lassen. Vergesslichkeit im Alter bedeutet nicht automatisch Demenz. Dennoch sollte ein Termin beim Hausarzt vereinbart werden, um Demenz und andere Krankheiten auszuschließen.
Hilfen für Betroffene und Angehörige
Die Diagnose Demenz ist eine emotionale Belastungsprobe. Es gibt jedoch Unterstützung.
Nationale Unterstützung
Die nationale Demenzstrategie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bietet wichtige Informationen und Unterstützung für Betroffene und Angehörige. Die Initiative "Wegweiser Demenz" und ein Forum für den Austausch unter Betroffenen wurden eingerichtet.
Austausch mit anderen Betroffenen
Sich mit anderen Betroffenen austauschen und von deren Erfahrungen lernen.
Versorgungsvollmachten und Patientenverfügung
Rechtzeitig Versorgungsvollmachten und eine Patientenverfügung erstellen.
Pflegeberatung
Ein Rechtsanspruch auf eine Pflegeberatung bei Ihnen zu Hause besteht.
Ambulanter Demenzdienst
Der Ambulante Demenzdienst der Malteser bietet Betreuung zu Hause und in Gruppen (Café Malta). Ehrenamtliche Helfer werden im Umgang mit Demenz geschult.
Umgang mit Demenz: Ratschläge für Angehörige
Friederike Coester vom Ambulanten Demenzdienst der Malteser rät:
- Das Wohlbefinden der Betroffenen in den Mittelpunkt stellen.
- Frühzeitig beobachten und lernen, die Reaktionen auf emotionale Trigger zu lesen.
- Die Malteser Demenzkompetenz (Haltung, Wissen, Handeln) berücksichtigen.
Ehrenamtliche Tätigkeit in der Demenzbetreuung
Die Malteser bieten Möglichkeiten für ehrenamtliches Engagement in der Demenzbetreuung.
Demenz: Ein positives Bild schaffen
Friederike Coester wünscht sich, dass das negative Bild der Demenz aufgebrochen wird: „Ich arbeite jetzt schon sehr lange mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, und erlebe immer wieder, dass sie durchaus auch ein glückliches und zufriedenes Leben führen können, auch mit der Familie zusammen.“
Vermeidung von Missverständnissen in der Öffentlichkeit
Durch eine Demenz kann die Wahrnehmung beeinträchtigt werden. In der Öffentlichkeit können sich Situationen ergeben, die Außenstehende irritieren. "Verständniskärtchen" können helfen, ohne lange Erklärungen über die Krankheit zu informieren.
Notfallplan
Es ist immer gut, einen Plan für den Notfall zu haben. Eine Liste mit wichtigen Telefonnummern und Informationen sollte gut sichtbar platziert werden.
Die AOK unterstützt Angehörige von Demenzpatienten
Die Angebote der AOK unterscheiden sich regional. Ziel ist es, Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen Perspektiven zu geben und sie dabei unterstützen, aktiv und mit Freude am Leben teilzunehmen.
Taschenlampe im Gefrierfach? Lichtblicke im Demenzalltag!
Ein Podcast über ein aktives Leben mit Demenz, der zeigt, wie durch vielfältige Aktivitäten der Alltag von Menschen mit Demenz und ihren Familien bereichert werden kann.