Lars Ruppel und die Demenzforschung: "Weckworte" und die Kraft der Poesie

In der Demenzforschung spielt die Suche nach neuen Wegen, um Menschen mit Demenz zu erreichen und ihre Lebensqualität zu verbessern, eine zentrale Rolle. Ein innovativer Ansatz ist das Projekt "Weckworte", initiiert von Lars Ruppel, das die Kraft der Poesie nutzt, um Erinnerungen zu wecken und positive Emotionen hervorzurufen.

Alzpoetry: Ein Schlüssel zur Welt der Erinnerungen

Alzpoetry, eine Wortneuschöpfung aus "Alzheimer" und "Poetry", beschreibt ein Projekt, das von Gary Glazner in den USA ins Leben gerufen wurde. Glazner beobachtete in seiner Arbeit in einem New Yorker Altenheim in den 90er Jahren, wie positiv demenzkranke Menschen auf Gedichte reagierten, insbesondere auf altbekannte Kindergedichte. Dies liegt daran, dass Alzheimer in erster Linie das Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigt, während das Langzeitgedächtnis oft noch intakt ist. Das gemeinsame Aufsagen von Gedichten, der vertraute Klang und der Rhythmus können Erinnerungen aktivieren und selbst Menschen, die sonst teilnahmslos wirken, öffnen sich.

Lars Ruppel und die "Weckworte"

Inspiriert von Glazners Ansatz, übernahm Lars Ruppel die Schirmherrschaft für das Projekt in Deutschland und entwickelte es unter dem Namen "Weckworte" weiter. Ruppel, ein Poetry Slammer, der 2009 die hessischen Poetry Slam Meisterschaften in Marburg organisierte und dafür finanzielle Unterstützung vom hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst erhielt, lud Gary Glazner nach Deutschland ein. Der Workshop, den Glazner in Deutschland gab, hinterließ Eindruck. Ruppel, der vor dieser Begegnung keinerlei Erfahrungen mit Demenzkranken hatte, begann seine Arbeit am Deutschen Alzheimer Poesie Projekt „Weckworte“.

Als jahrelanger Workshopleiter zur Leseförderung von Schülern verknüft er seine Arbeit an Schulen mit der in Seniorenheimen. „Die Arbeit mit Menschen mit Demenz ist für unsere Schüler ein ganz besonderes Erlebnis. Es vermittelt nicht nur Verantwortungebewusstsein und Respekt für ältere Generationen, es zeigt ihnen auch, dass sie anderen Menschen helfen können. Dabei entdecken sie die Möglichkeiten ihrer eigenen Stimme und die Kraft der Poesie“, so Lars. „Gleichzeitig bereichert die Energie der Schüler den Alltag der Menschen in Pflegeheimen.

Die Umsetzung von "Weckworte"

Bei den "Weckworte"-Sessions besuchen Ruppel und seine Schüler Pflegeheime und tragen Gedichte vor. Besonders geeignet sind humorvolle Gedichte von Heinz Erhardt, Ringelnatz, Morgenstern und Hüsch, da sie leicht verständliche Pointen und schöne Bilder enthalten. Ein „Weckworte“-Gedicht muss unterhalten. Zu ernste Gedichte können die Menschen traurig stimmen. Zwar wollen wir etwas in den Menschen bewegen und Emotionen hervorrufen, allerdings muss der Vortragende sensibel und sich der Wirkung des Gedichtes bewusst sein. Rilkes Herbsttag weckt Gefühle, mit denen wir die Menschen nicht allein lassen dürfen. Hingegen stimmt Mondnacht von Eichendorff die Menschen melancholisch, aber nicht traurig. Dieses Gefühl der Melancholie gilt es aufzufangen und in ein positives Gefühl von Freude an der Erinnerung umzuwandeln. Darüberhinaus erklärt Lars, dass ein Alzpoetry-Gedicht im besten Fall rhytmisch sein sollte. So können sich die Zuhörenden dazu bewegen. „Der Bekanntheitsgrad der Gedichte ist wichtig, damit sie wiedererkannt werden können.“ Der Vortrag muss lebendig sein. Der Gruppenleiter trägt eine Zeile vor, die die Gruppe wiederholt. Am Ende der Session wird ein eigenes Gedicht kreiert. Die Teilnehmer beantworten Fragen wie: „Was war das Schönste in ihrem Leben?“.

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Die Schüler werden zuvor auf ihre Besuche vorbereitet. Immer alle direkt ansprechen und mit Handschlag vorstellen, empfiehlt er. Körperkontakt hält der Poetry Slammer im Umgang mit Menschen, denen im Heim oft die Emotionen abgehen, für sehr wichtig. Bei der nicht einfachen Begegnung mit der Seniorengruppe beweisen dann einige der Schülerinnen Einfühlungsvermögen und Spontaneität. Andere wiederum können sich noch nicht so richtig auf dieses Experiment einlassen.

Ziele und Wirkung von "Weckworte"

Auch wenn die Demenzkranken die Besuche oft schnell wieder vergessen, geht es bei "Weckworte" um den Moment. Die Teilnehmer haben eine gute Zeit, öffnen sich und interagieren. Alzpoetry setzt Erinnerungsprozesse in Gang, führt zu Erfolgserlebnissen und hilft Angehörigen sowie Pflegern einen Zugang zu den Menschen zu finden, die sich in ihre Krankheit zurückgezogen haben.

Ruppel betont, dass er kein Mediziner ist und keine Beweise für eine medizinische Wirkung seines Projekts hat. Sein Anspruch ist vielmehr das kurzzeitige Erreichen des Menschen und das Ermöglichen eines würdevollen Alterns in einer Pflegeeinrichtung.

"Weckworte" als Fortbildungsprojekt für Pflegekräfte

Ein wichtiger Aspekt von "Weckworte" ist die Fortbildung von Pflegekräften. Ruppel zeigt ihnen, wie sie Gedichte in die tägliche Pflege integrieren können. Er bietet Schulungen über Bühnenpräsenz, Performance und Poetry Slam an. Ruppel: Über eine ganz normale klassische Schulung, die ich anbiete über Bühnenpräsenz, über Performanz, über Poetry Slam, und da waren eben Pflegefachkräfte.

Ruppel möchte den Pflegekräften die Angst vor Poesie nehmen und ihnen zeigen, dass Sprache ein wichtiges Werkzeug in ihrem Beruf ist. Denn Pflege ist ein so intimer, so ein zwischenmenschlich intensiver Beruf, dass Sprache eines der wichtigsten und hauptsächlichsten Werkzeuge ist im Pflegeberuf. Er ermutigt sie, Gedichte auszuwählen, die sie selbst mögen und die zu den individuellen Bedürfnissen der Bewohner passen.

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Die Vielfalt der Reaktionen

Die Reaktionen der Demenzkranken auf die "Weckworte"-Sessions sind vielfältig: Mal steht jemand auf und tanzt, mal ruft jemand "aufhören!". Mal schläft jemand ein, weil er sich so entspannt. Mal weint jemand vor Freude, mal lacht jemand laut. Das ist ja das Tolle an diesem Publikum. Aber da sind es eben einfach bei 200 Leuten im Raum 200 verschiedene Bedürfnisse, momentane Gefühlszustände und Reaktionsmöglichkeiten.

Ruppel betont, dass es wichtig ist, die Stimmung der Menschen zu erkennen und die Gedichte entsprechend auszuwählen. Wenn jemand traurig ist, sollte man nicht auch noch die "Mondnacht" vortragen. Wenn jemand total glücklich ist, dann kann ich das natürlich auffangen, kann mit ihm vielleicht ein bisschen tanzen, kann etwa Heinz Erhardt vortragen: "Das Reh springt hoch, das Reh springt weit/ Warum auch nicht, es hat ja Zeit" - damit kann man hervorragend tanzen! Oder wenn ich merke, da braucht jemand Nähe, braucht jemand Zuneigung, dann trage ich "Kindersand" von Joachim Ringelnatz vor. Da kann man so schön über die Hand streicheln: "Das Schönste für Kinder ist Sand/ Ihn gibt's immer reichlich/ Er rinnt unvergleichlich/ Zärtlich durch die Hand". Wenn jemand Hunger hat, kann ich ihm vom "Ribbeck von Ribbeck aus dem Havelland" erzählen, kann ihm eine Birne besorgen, das Gedicht vortragen, während ich in die Küche gehe, zum Kühlschrank gehe, komme mit einer Birne zurück. Wenn ich jemanden wasche - gut, ich bin natürlich keine examinierte Pflegekraft, ich wasche niemanden - aber ich zeige Menschen, wie sie, wenn sie jemanden waschen, vielleicht Verkrampfungen lösen, wenn sie zum Beispiel die "Morgenwonne" vortragen und damit gemeinsam Bewegungen ausführen und dann dadurch den Krampf ein bisschen lösen.

"Geblitzdingst": Slam Poetry über Demenz

Neben seiner praktischen Arbeit hat sich Ruppel auch literarisch mit dem Thema Demenz auseinandergesetzt. In dem von ihm herausgegebenen Sammelband "Geblitzdingst" finden sich Slam Poetry Texte über Demenz. Die einfühlsame Textsammlung konnte ich nicht am Stück durchlesen. „ … Wenn Erika spazieren geht, geht sie immer im Kreis und pflückt dabei Grashalme. Die kommen dann auf den Braten. Der ist heute zäh wie Juchtenleder, und an der Seite steht ‚Reebok’. Wildbret hat Erika anders in Erinnerung. Die Schuhe im Kühlschrank, das nicht endende „Hallo!“-Rufen die halbe Nacht, der Mann mit den Steinen an den Füßen im Bett und die Frage, wann gibt’s Essen nach dem Essen. Absurdes Theater. Keinen Sinn? Dekonstruktion, Destruktion, ohne Aussicht auf einen Restart. Keine Neu-Komposition. Mancher verborgene Sinn im Tun lässt sich nur schwer entschlüsseln. „Schmier dir Scheiße ins Gesicht, sagt die Mutter, aber sie holen sie trotzdem. Das Alter in die Selbstauflösung ist kein Pony-Schlecken. In Ruppels Sammelband erhält es eine bisher nicht gekannte Würdigung. „Das schlimmste ist, dass die Erinnerungen immer mehr verblassen. Mir ist damals nichts geblieben außer den vielen kleinen Anekdoten, den Gerüchen, den Aromen, den Farben, den Klängen und den Formen, die im Gedächtnis haften geblieben sind. Doch eines Tages wachst du auf, und die ersten winzigen Details sind nicht mehr da. Zuerst vergisst du, wie sich das Kleid anfühlte. Dann erinnerst du dich nicht mehr daran, welche Farbe es hatte. Irgendwann fehlt auch der besonderer Anlass, zu dem du es getragen hast. Die weißen Flecken breiten sich aus, verstehst du? Weiße Flecken, die bald zu riesigen Flächen werden. Flächen, so still und unberührt wie frisch gefallener Schnee. Es ist doch aber nur irgendein Kleid gewesen, versuchst du, dich dann zu beruhigen. Aber nach dem Kleid kommen die Häuser, und nach den Häusern kommen die Menschen, und nach den Menschen kommt nichts mehr.

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