Leinöl und seine Wirkung bei Multipler Sklerose: Ein umfassender Überblick

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch vielfältige Symptome und Verläufe gekennzeichnet ist. Seit Jahrzehnten wird der Zusammenhang zwischen Ernährung und MS intensiv erforscht. Besonders die Rolle von Fettsäuren, insbesondere Omega-3-Fettsäuren und Leinöl, steht dabei im Fokus.

Historische Beobachtungen und frühe Studien

Schon in den 1950er-Jahren gab es erste Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Fettsäuren in der Ernährung und dem Auftreten von MS. Eine wegweisende Beobachtung war, dass die Inzidenz von MS im Inland von Norwegen sechsmal höher war als an den Küsten. Da die Bevölkerung genetisch homogen war, mussten Umweltfaktoren für diesen Unterschied verantwortlich sein. Die Inlandsbevölkerung konsumierte hauptsächlich Fleisch und Milchprodukte, während an der Küste vorwiegend Fisch verzehrt wurde.

Ein ähnliches Muster zeigte sich auf den Shetland- und den Färöer-Inseln, deren Bevölkerung dänischen Ursprungs ist. Auf den Shetland-Inseln bevorzugte man eine "englische Diät" mit viel Rind- und Schaffleisch sowie Milchprodukten, während auf den Färöer-Inseln eine "nordische Kost" mit einem hohen Anteil an Fisch vorherrschte.

Diese frühen Beobachtungen legten den Grundstein für weitere Forschungen über den Einfluss von Ernährung, insbesondere von Fettsäuren, auf den Verlauf von MS.

Die Swank-Diät: Ein Pionieransatz

Basierend auf seinen Erkenntnissen entwickelte Dr. Swank eine spezielle Diät mit einem geringen Anteil an gesättigten Fettsäuren, um die Progredienz der MS zu verlangsamen. Die Probanden sollten maximal 20 g gesättigte Fettsäuren pro Tag zu sich nehmen.

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Die Ergebnisse dieser 34-jährigen Studie waren bemerkenswert:

  • Probanden, die sich an die Diät hielten (weniger als 20 g gesättigte Fettsäuren), wiesen am Ende der Studie mit einem Grad von 1,9 immer noch relativ leichte Behinderungen auf. 68 von 72 Probanden lebten noch und waren überwiegend körperlich aktiv. Die durchschnittliche Zufuhr an gesättigten Fettsäuren betrug 16 g.
  • Probanden, die sich nicht an die Diätempfehlungen hielten (38 g gesättigte Fettsäuren), wiesen am Ende der Studie einen Grad von 5,3 auf. Nur 14 von 72 Probanden hatten überlebt, die meisten davon waren bettlägerig.

Diese Studie zeigte, dass ein Unterschied von nur 22 g gesättigter Fettsäuren in der täglichen Ernährung einen erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität, die Progredienz der MS und die Gesamtmortalität haben kann. Trotz dieser beeindruckenden Ergebnisse fand die Swank-Studie wenig Beachtung, da zur gleichen Zeit die ersten Studien über die Erfolge von Interferonen in der Schubvermeidung bei MS veröffentlicht wurden. Zudem wurde die Swank-Studie aufgrund des fehlenden Randomisierungsverfahrens kritisiert.

Omega-3-Fettsäuren und ihre entzündungshemmende Wirkung

Weitere Studien konnten belegen, dass Omega-3-Fettsäuren, insbesondere EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure), Entzündungsmediatoren senken können.

Eine Studie zeigte, dass die Gabe von 4 g EPA/DHA über ein Jahr zu signifikanten Senkungen von TNF-α, IL-1β, IL-6 und nitrooxidativen Metaboliten führte. In einer anderen Studie verbesserten 2000 mg Omega-3 täglich sowie 50 000 IE Vitamin D wöchentlich über 12 Wochen den EDSS-Score (Expanded Disability Status Scale) und weitere Entzündungsparameter.

Auch die Matrixmetalloproteinase-9 (MMP-9), die neutrophile Granulozyten und Interleukine proinflammatorisch beeinflusst, konnte durch die Gabe von Fischöl gesenkt werden. In einer Studie führte die tägliche Einnahme von 9,6 g Fischöl (ca. 2 g EPA/DHA) zu einer 58%igen Absenkung von MMP-9.

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Leinöl als Quelle für Alpha-Linolensäure (ALA)

Im Zusammenhang mit Omega-3-Fettsäuren wird häufig Leinöl als eine gute pflanzliche Quelle genannt. Leinöl enthält einen hohen Anteil an Alpha-Linolensäure (ALA), einer Omega-3-Fettsäure. ALA ist eine essentielle Fettsäure, die der Körper nicht selbst herstellen kann und daher über die Nahrung aufgenommen werden muss.

ALA kann im Körper theoretisch in EPA und DHA umgewandelt werden. Allerdings ist die Umwandlungsrate begrenzt und hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. dem individuellen Stoffwechsel, dem Alter und der Ernährung.

Die Bedeutung von DHA für das zentrale Nervensystem

Die wichtigste Fettsäure im zentralen Nervensystem (ZNS) ist DHA. DHA wird strukturell für die Nervenzellen und deren Regeneration benötigt. EPA und ALA spielen mengenmäßig im ZNS eine untergeordnete Rolle.

Studien zu Leinöl und ALA bei MS

Trotz des hohen ALA-Gehalts in Leinöl gibt es nur wenige klinische Studien, die die Wirkung von ALA bei MS untersucht haben. Eine Studie zeigte, dass die tägliche Einnahme von 22,3 g Leinöl (mit einem ALA-Gehalt von 58 %) über 12 Wochen bei gesunden Versuchspersonen keinen signifikanten Einfluss auf Entzündungsmarker hatte.

Dies deutet darauf hin, dass die alleinige Zufuhr von Leinöl möglicherweise nicht ausreichend ist, um den Bedarf an EPA und DHA bei MS-Patienten zu decken.

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Expertenmeinungen und Empfehlungen

Viele Experten empfehlen MS-Patienten eine Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren ist. Dabei sollte jedoch nicht ausschließlich auf Leinöl als ALA-Quelle gesetzt werden.

Einige Experten empfehlen die zusätzliche Zufuhr von EPA und DHA über Fischöl oder Algenöl, um eine ausreichende Versorgung sicherzustellen. Gleichzeitig kann Leinöl als ergänzende Quelle für ALA sinnvoll sein.

Berücksichtigung von Umweltgiften in Fisch

Aufgrund der Belastung von Fischen mit Schwermetallen und anderen Umweltgiften empfehlen einige Experten, den Fischkonsum auf ein bis zwei Portionen pro Woche zu beschränken. In diesem Fall kann Algenöl eine gute Alternative sein, um den Bedarf an EPA und DHA zu decken.

Individuelle Anpassung der Fettsäurezufuhr

Einige Ärzte führen bei MS-Patienten eine Fettsäureanalyse durch, um den individuellen Bedarf an Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren zu ermitteln. Anhand der Konzentrationen von ALA, EPA, DHA und dem AA/EPA-Quotienten kann die Zufuhr von Ölen individuell angepasst werden, um optimale Werte zu erreichen.

Weitere Ernährungsempfehlungen für MS-Patienten

Neben der Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren gibt es weitere Ernährungsempfehlungen, die sich positiv auf den Verlauf von MS auswirken können:

  • Antientzündliche Ernährung: Eine Ernährung, die reich an Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten ist, kann Entzündungsprozesse im Körper reduzieren.
  • Antioxidantien: Antioxidantien schützen die Zellen vor Schäden durch freie Radikale. Sie sind in vielen pflanzlichen Lebensmitteln enthalten, wie z.B. Beeren, Brokkoli und Spinat.
  • Ballaststoffe: Ballaststoffe fördern eine gesunde Verdauung und können das Wachstum von nützlichen Darmbakterien unterstützen.
  • Vermeidung von gesättigten Fettsäuren: Gesättigte Fettsäuren, die vor allem in tierischen Produkten vorkommen, können Entzündungsprozesse fördern.
  • Vermeidung von stark verarbeiteten Lebensmitteln: Stark verarbeitete Lebensmittel enthalten oft viele ungesunde Fette, Zucker und Zusatzstoffe, die sich negativ auf den Körper auswirken können.

Die Rolle des Darms bei MS

Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass der Darm eine wichtige Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf von MS spielt. Ein Ungleichgewicht der Darmflora (Dysbiose) kann Entzündungsprozesse im Körper fördern und das Immunsystem beeinflussen.

Daher ist es wichtig, auf eine gesunde Darmflora zu achten. Dies kann durch eine ballaststoffreiche Ernährung, den Verzehr von fermentierten Lebensmitteln (z.B. Joghurt, Kefir, Sauerkraut) und gegebenenfalls die Einnahme von Probiotika erreicht werden.

Fazit

Die Ernährung spielt eine wichtige Rolle bei der Multiplen Sklerose. Eine Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren, Antioxidantien und Ballaststoffen ist und arm an gesättigten Fettsäuren und stark verarbeiteten Lebensmitteln, kann sich positiv auf den Verlauf der Erkrankung auswirken.

Leinöl kann als Quelle für ALA in die Ernährung integriert werden, sollte aber nicht die einzige Quelle für Omega-3-Fettsäuren sein. Eine zusätzliche Zufuhr von EPA und DHA über Fischöl oder Algenöl kann sinnvoll sein, um den Bedarf zu decken.

Es ist wichtig, die Ernährungsempfehlungen individuell anzupassen und gegebenenfalls eine Fettsäureanalyse durchführen zu lassen, um den persönlichen Bedarf zu ermitteln. Eine gesunde Darmflora ist ebenfalls wichtig für MS-Patienten.

Es ist wichtig zu betonen, dass Ernährung keine "Zauberei" bewirken kann und keine alleinige Heilung der MS verspricht. Eine ausgewogene Ernährung kann jedoch eine wertvolle Ergänzung zu den medizinischen Therapien sein und dazu beitragen, die Lebensqualität von MS-Patienten zu verbessern.

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