Der Leonberger, ein imposanter und sanftmütiger Riese, erfreut sich großer Beliebtheit als Familienhund. Doch wie bei vielen großen Rassen sind auch beim Leonberger bestimmte gesundheitliche Risiken zu beachten. Neben Hüft- und Ellbogendysplasie, dilatativer Kardiomyopathie und Osteosarkom spielen auch neurologische Erkrankungen eine Rolle. Dieser Artikel beleuchtet die wichtigsten neurologischen Erkrankungen, die beim Leonberger auftreten können, insbesondere die Polyneuropathie und die Leukoenzephalomyelopathie (LEMP).
Der Leonberger: Ein kurzer Überblick
Der Leonberger ist eine große Hunderasse, die im 19. Jahrhundert in Leonberg, Deutschland, entstand. Er wurde durch die Kreuzung von Bernhardinern, Neufundländern und Pyrenäenberghunden gezüchtet, um einen Hund mit dem Aussehen eines Löwen zu erhalten. Leonberger sind bekannt für ihr sanftes, ausgeglichenes und loyales Wesen. Sie sind freundlich, sozial und geduldig, was sie zu idealen Familienhunden macht. Trotz ihrer Größe sind sie nicht aggressiv, sondern wachsam und bauen eine enge Bindung zu ihren Besitzern auf.
Das Erscheinungsbild des Leonbergers ist geprägt von einem kräftigen, gut proportionierten Körperbau, einem dichten, wasserabweisenden Fell in Löwengelb bis Rotbraun und einer charakteristischen schwarzen Maske. Rüden haben oft eine ausgeprägte Mähne um Hals und Schultern.
Polyneuropathie (LPN) beim Leonberger
Was ist Polyneuropathie?
Als Polyneuropathie werden Erkrankungen der peripheren Nerven bezeichnet. Der Krankheitsprozess liegt im Bereich der peripheren Nerven außerhalb des Rückenmarks. Die Polyneuropathie beim Leonberger ist gekennzeichnet durch ein variables Auftreten verschiedener klinischer Symptome und unterschiedliche Erkrankungsalter.
Symptome der Polyneuropathie
Das Hauptsymptom aller Polyneuropathien ist Schwäche und Muskelatrophie. Der Besitzer bemerkt vor allem, dass der Hund nur noch kurze Strecken laufen kann, sich häufig hinsetzt und zunehmend Probleme beim Treppensteigen hat. Die Schwäche kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein. In geringgradig betroffenen Fällen wird nur eine unspezifische Lahmheit und gelegentliches Stolpern bemerkt. Bei hochgradig betroffenen Fällen kann es auch zu einer völligen Lähmung aller Gliedmaßen kommen. Die Tiere sind nicht mehr geh- und stehfähig. Häufig fällt auch zunehmender Verlust der Muskulatur auf. Die Kopfnerven können mit erkrankt sein. Zusätzlich kann es zu deutlichen Atemgeräuschen, verändertem Bellen und Schluckbeschwerden kommen.
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Diagnose der Polyneuropathie
Vom Tierarzt werden bei der neurologischen Untersuchung reduzierte oder fehlende Reflexe (Patellarreflex, Zwischenzehenreflex) an allen Gliedmaßen festgestellt. Häufig werden als nächste diagnostische Schritte dann weitere Untersuchungen in Narkose, nämlich Elektromyographie (EMG) und eine Muskel- und Nervenbiopsie vorgeschlagen. Das EMG ist eine Nadeluntersuchung der Muskulatur. Erkrankte Muskeln und Nerven werden identifiziert und die Verteilung des Krankheitsprozesses genauer beschrieben.
Genetische Ursachen der Polyneuropathie beim Leonberger
Es gibt verschiedene genetische Ursachen für Polyneuropathie beim Leonberger:
- Typ 1 Polyneuropathie (LPN1): Die LPN1 wird durch eine Mutation im ARHGEF10-Gen ausgelöst. Die Erkrankung beginnt in einem Alter von 2 - 4 Jahren und ist gekennzeichnet durch einen schweren Krankheitsverlauf. Die LPN1-Mutation erklärt circa 11% aller Polyneuropathie-Fälle beim Leonberger.
- Typ 2 Polyneuropathie (LPN2): Eine Mutation im GJA9-Gen konnte als Auslöser einer zweiten Polyneuropathie-Form beim Leonberger (LPN2) identifiziert werden. Das GJA9-Protein ist Mitglied der Connexin-Gap Junction-Familie, deren Mitglieder sich als wichtige Bestandteile peripherer myelinisierter Nervenfasern herausgestellt haben. Das durchschnittliche Erkrankungsalter beträgt hier etwa 6 Jahre. Dieser Typ verursacht circa 21% aller Polyneuropathie-Fälle beim Leonberger.
- Weitere Ursachen: Neben diesen beiden Mutationen gibt es weitere unbekannte ursächliche Mutationen.
Die Polyneuropathie wird autosomal-rezessiv vererbt. Das bedeutet, dass ein Hund nur dann erkrankt, wenn er von beiden Elternteilen das mutierte Gen geerbt hat. Träger der Mutation, die nur ein mutiertes Gen besitzen, sind klinisch gesund, können die Mutation aber an ihre Nachkommen weitergeben.
Behandlung der Polyneuropathie
Die Behandlungsmöglichkeiten sind bei angeborenen Polyneuropathien (z. B. beim Leonberger) eingeschränkt. Anders sieht es bei den erworbenen Polyneuropathien aus, die im Alter auftreten. Hier ist eine intensive Suche nach der Ursache angezeigt.
Erworbene Polyneuropathien können als Folge hormoneller Störungen, bei Autoimmunerkrankungen, bei bestimmten Infektionskrankheiten (Toxoplasmose, Neosporiose), als Komplikation schwerer Allgemeinerkrankungen oder als Begleitsymptom (sog. paraneoplastisches Symptom) bei einem Tumor auftreten. Polyneuropathien, die als Folge einer Schilddrüsenunterfunktion auftreten, können oft mit einer Langzeittherapie mit Schilddrüsenhormonen erfolgreich behandelt werden. Daher sollte bei jedem Hund, der an Polyneuropathie erkrankt ist, der Schilddrüsenhormonstatus erhoben werden. Dabei ist allerdings zu beachten, dass eine vorausgegangene Cortisontherapie die Werte verfälschen kann. Leider bleiben einige Fälle von Polyneuropathie trotz intensiver Suche nach der Ursache idiopathisch, d. h.
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Bedeutung der Zucht für die Vermeidung von Polyneuropathie
Da die Polyneuropathie beim Leonberger genetisch bedingt ist, spielt die Zucht eine entscheidende Rolle bei der Vermeidung dieser Erkrankung. Züchter sollten ihre Zuchttiere auf die bekannten Mutationen (LPN1 und LPN2) testen lassen, um zu vermeiden, dass Träger miteinander verpaart werden. Nur durch eine verantwortungsvolle Zucht kann die Häufigkeit der Polyneuropathie beim Leonberger reduziert werden.
Leukoenzephalomyelopathie (LEMP) beim Leonberger
Was ist Leukoenzephalomyelopathie?
Leukoenzephalomyelopathie (LEMP) ist eine neurodegenerative Erkrankung der weißen Substanz des zentralen Nervensystems (ZNS). Durch Läsionen in der Myelinscheide, welche die Nervenfasern schützend umgibt, kommt es zu Störungen in der Nervenleitung.
Symptome der LEMP
Typische Symptome von LEMP sind Koordinations- und Bewegungsstörungen. Nur wenige Monate nach den ersten Symptomen können die betroffenen Hunde weder aufstehen noch laufen. Die ersten Symptome treten bei LEMP im Alter von 1 - 3 Jahren auf.
Durch Lähmungen und Bewegungsstörungen ist die Selbstständigkeit und Handlungsfähigkeit oftmals stark eingeschränkt und die betroffenen Personen sind im Alltag meist auf fremde Hilfe angewiesen. Das selbstbestimmte Handeln ist eingeschränkt und der Alltag kann nicht mehr oder nicht mehr so gut gemeistert werden. Von Fall zu Fall werden durch die Hirnschädigung auch Funktionen wie das Sehen, die Konzentrationsfähigkeit, Gedächtnisleistung und weitere Fähigkeiten beeinträchtigt.
Genetische Ursachen der LEMP
Bei den Rassen Leonberger, Rottweiler und Deutsche Dogge wurden Varianten im NAPEPLD-Gen gefunden, die mit LEMP assoziiert werden können. NAPEPLD codiert für ein Enzym des Endocannabinoid-Systems und scheint sowohl eine Rolle bei der Myelin-Homöostase und der ZNS-Entwicklung zu spielen als auch eine neuroprotektive Funktion zu besitzen.
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Die Erkrankung wird autosomal-rezessiv vererbt. Da ca. 1% der untersuchten Hunde ohne Symptome als homozygot betroffen getestet wurden, geht man von einer unvollständigen Penetranz aus und vermutet den Einfluss von modifizierenden Genen oder Faktoren.
Bedeutung der Zucht für die Vermeidung von LEMP
Auch bei der LEMP spielt die Zucht eine entscheidende Rolle bei der Vermeidung der Erkrankung. Züchter sollten ihre Zuchttiere auf die bekannten Mutationen im NAPEPLD-Gen testen lassen, um zu vermeiden, dass Träger miteinander verpaart werden.
Weitere neurologische Erkrankungen beim Leonberger
Neben Polyneuropathie und LEMP können auch andere neurologische Erkrankungen beim Leonberger auftreten, wie z.B.:
- Degenerative Myelopathie: Eine fortschreitende Erkrankung des Rückenmarks, die zu Lähmungen der Hinterläufe führt.
- Epilepsie: Eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Krampfanfälle gekennzeichnet ist.
- Diskopathie: Erkrankungen der Bandscheiben, die zu Schmerzen und neurologischen Ausfällen führen können.
Genetische Vielfalt und Populationsstruktur der Leonberger Hunderasse
Die zunehmende Größe der Leonberger-Population ging nach dem Engpass in den 1940er Jahren mit einem beträchtlichen Verlust an genetischer Vielfalt einher, der auf den intensiven Einsatz von populären Vererbern zurückzuführen ist und zu einem hohen Inzuchtniveau führte. Dies könnte die hohe Prävalenz bestimmter Erkrankungen erklären; die genomischen Daten liefern jedoch keinen Beweis für fixe Kodierungsvarianten, die diese Veranlagungen erklären. Die Liste der Kandidaten für ursächliche Varianten der Polyneuropathie muss weiter ausgewertet werden.
Die Erhaltung der gegenwärtigen!!! genetischen Vielfalt ist möglich, indem man die Anzahl der Individuen für die Zucht erhöht und gleichzeitig die Anzahl der Würfe pro Vatertier/Muttertier einschränkt. Darüber hinaus würde die Auskreuzung helfen, die langfristige genetische Vielfalt zu optimieren und zur Nachhaltigkeit und Gesundheit der Population beizutragen.
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