Einführung
Essstörungen wie Anorexia nervosa und Bulimie sind komplexe psychische Erkrankungen, die tiefgreifende Auswirkungen auf Körper und Geist haben. In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend die Rolle des limbischen Systems, einem wichtigen Bereich des Gehirns, bei der Entstehung und Aufrechterhaltung dieser Störungen beleuchtet. Dieser Artikel untersucht die Verbindung zwischen dem limbischen System und Essstörungen, wobei sowohl neurobiologische Aspekte als auch mögliche Therapieansätze berücksichtigt werden.
Das limbische System: Schaltzentrale der Emotionen
Das limbische System ist ein Netzwerk von Hirnstrukturen, das eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen, dem Gedächtnis und dem Verhalten spielt. Zu den wichtigsten Bestandteilen des limbischen Systems gehören:
- Amygdala: Verantwortlich für die Verarbeitung von Angst, Furcht und anderen negativen Emotionen.
- Hippocampus: Spielt eine wichtige Rolle bei der Bildung und dem Abruf von Gedächtnisinhalten, insbesondere im Zusammenhang mit Emotionen.
- Gyrus cinguli: Beteiligt an der Aufmerksamkeitssteuerung, der Entscheidungsfindung und der emotionalen Regulation. Insbesondere der subgenuale cinguläre Gyrus (ein vorderster Abschnitt des Gyrus cinguli unterhalb des Corpus callosum) ist ein wichtiger Bestandteil des limbischen Systems, der für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist.
- Hypothalamus: Reguliert wichtige Körperfunktionen wie Hunger,Durst, Körpertemperatur und den Schlaf-Wach-Rhythmus.
Die Rolle des limbischen Systems bei Anorexia nervosa
Anorexia nervosa ist eine Essstörung, die durch einen starken Gewichtsverlust, die Vermeidung von Essen und eine verzerrte Körperwahrnehmung gekennzeichnet ist. Studien haben gezeigt, dass das limbische System bei Menschen mit Anorexia nervosa eine veränderte Aktivität aufweist.
Tiefenhirnstimulation des subgenualen cingulären Gyrus
Eine Studie der Universität Toronto unter der Leitung von Neurochirurg Andres Lozano untersuchte die Auswirkungen der tiefen Hirnstimulation (DBS) des subgenualen cingulären Gyrus bei Patientinnen mit Anorexia nervosa. Diese Region des Gehirns ist auch Zielgebiet bei der Behandlung von Depressionen, was darauf hindeutet, dass es eine Verbindung zwischen emotionaler Regulation und Essverhalten geben könnte.
In der Studie wurden bei 16 Patientinnen beidseitig Sonden in den "subcallosal cingulate" implantiert und mit einem Steuergerät verbunden, das Impulse aussendet. Die Ergebnisse zeigten, dass sich zunächst die Depressionen und Angstzustände der Patientinnen besserten. Danach veränderte sich auch das Essverhalten, und sie begannen langsam an Körpergewicht zuzunehmen. Nach 12 Monaten war der Body-Mass-Index (BMI) von 13,83 auf 17,34 kg/m2 angestiegen. Obwohl die Patientinnen damit immer noch unter der Grenze zum Untergewicht lagen, stellte die Zunahme um 3,5 Punkte eine deutliche Verbesserung dar.
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Die Studie untersuchte auch die Veränderungen des Hirnstoffwechsels mittels Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Entgegen den Erwartungen kam es nicht zu Veränderungen der Glukoseaufnahme in der Insula und der Parietalregion, die mit dem Essverhalten und der Körperwahrnehmung assoziiert werden. Stattdessen wurde ein Mehrverbrauch im Übergang vom temporalen und parietalen Lappen und dem Gyrus fusiformis festgestellt, Regionen, die eher die soziale Wahrnehmung und das Verhalten beeinflussen. Dies könnte bedeuten, dass es sich bei der Anorexie um ein sekundäres Phänomen handelt, dem eine andere Störung zugrunde liegt.
Veränderungen der Hirnstruktur bei Magersucht
Eine deutsche Studie ergab, dass magersüchtige Jugendliche etwa 18 Prozent weniger Volumen an grauer Substanz im Gehirn haben als gesunde Gleichaltrige. Zugleich haben die Magersüchtigen rund 27 Prozent mehr Hirnflüssigkeit als die Gesunden. Eine mögliche Erklärung für diesen Hirnschwund ist, dass wegen der Mangelernährung die Protein-Biosynthese im zentralen Nervensystem niedriger ist. Wenn die magersüchtige Person wieder zunimmt, dann normalisiert sich auch die Größe ihres Hirns. Allerdings besteht gerade bei Jugendlichen die Gefahr, dass sich der Hippocampus und die Amygdala wegen der Magersucht nicht richtig entwickeln können - und die Patienten deswegen später leichter depressiv werden oder Angststörungen entwickeln.
Leptin als möglicher Therapieansatz
Hat eine magersüchtige Person auch die Diagnose Hirn-Atrophie bekommen, dann könnte das Hormon Leptin ein Ansatzpunkt für die Therapie sein. Leptin ist ein Hormon, das von Fettzellen hergestellt wird. Schon kurzes Fasten lässt den Leptin-Spiegel im Blut sinken, bei akut Magersüchtigen ist der Leptin-Spiegel noch niedriger. Das ergaben verschiedene Studien. Wenn zu wenig Leptin im Blut ist, dann geht ein Signal an den Hypothalamus, also an die Schaltstelle im Hirn, die den Appetit und das Gewicht regelt: Achtung, zu wenig Leptin im Blut - der Appetit muss angeregt werden. Es gibt aber Studien, die zeigten: Wenn man Mäusen und magersüchtigen Menschen mit Leptin-Mangel das Hormon extra gab, dann wurde mehr graue Substanz gebildet und das Gehirn wurde schwerer.
Die Rolle des limbischen Systems bei Bulimie
Bulimie ist eine Essstörung, die durch wiederholte Essanfälle gefolgt von kompensatorischen Verhaltensweisen wie Erbrechen oder dem Missbrauch von Abführmitteln gekennzeichnet ist. Auch bei Bulimie spielen Veränderungen im limbischen System eine Rolle.
Emotionale Regulation und Essanfälle
Emotionen können das Essverhalten beeinflussen. Emotionales Essen ist eine sehr beliebte Strategie, um mit verschiedenen Emotionen und zu viel Druck klarzukommen. Mit Essen schlucken wir Frust und Co. im wahrsten Sinne des Wortes hinunter. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit Bulimie Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen zu regulieren, und dass Essanfälle oft eine Reaktion auf negative Gefühle wie Stress, Trauer oder Wut sind. Das limbische System, insbesondere die Amygdala, spielt eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung dieser Emotionen.
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Körperbildstörung und Amygdala-Aktivität
Eine Studie, die mit funktioneller Kernspintomographie (fMRI) im Grönemeyer-Institut durchgeführt wurde, zeigte, dass bei Personen mit Essstörungen eine deutlich erhöhte Aktivität des Amygdala-Areals beim Betrachten fremder Körper im Vergleich zu Personen ohne Essstörung festgestellt werden konnte. Die Amygdala, der Mandelkern, ist Bestandteil des limbischen Systems, das bei Angst und unangenehmen Gefühlen aktiviert wird. Dies deutet darauf hin, dass Menschen mit Bulimie eine erhöhte Sensibilität für Körperbilder haben und dass diese Bilder negative Emotionen auslösen können.
Therapieansätze unter Berücksichtigung des limbischen Systems
Die Erkenntnisse über die Rolle des limbischen Systems bei Essstörungen haben zu neuen Therapieansätzen geführt, die darauf abzielen, die emotionale Regulation zu verbessern und die Hirnaktivität zu normalisieren.
Körperbildtherapie
Durch eine spezielle Körperbildtherapie kann die Körperbildwahrnehmung bei Patienten mit den Essstörungen Magersucht und Bulimie nachweislich verändert werden. Eine Studie zeigte, dass bei magersüchtigen Essgestörten die Anzahl der grauen Zellen in der EBA (Extrastriate Body Area, eine Hirnregion, die für die Verarbeitung von Körperbildern zuständig ist) geringer ist. Die Aktivierung der EBA konnte durch die Therapie erhöht werden.
Achtsamkeit und emotionale Regulation
Achtsamkeitspraktiken können helfen, die emotionale Regulation zu verbessern und emotionales Essen zu reduzieren. Achtsames Essen bedeutet, dass man bewusst und ohne Ablenkung isst, jede Mahlzeit genießt und auf die Signale des Körpers hört.
Polyvagale Therapie
Die Polyvagal-Theorie beschreibt, wie das Autonome Nervensystem (ANS) eigenständig und konstant unsere Umgebung nach potenziell gefährdenden Stimuli „scannt“. Traumata können zu falschen Situationseinschätzungen führen, wobei das ANS zu einer falsch-negativen Einschätzung der Umgebung kommt. Aus einer polyvagalen Perspektive heraus erscheinen viele Verhaltensweisen und Symptome plötzlich in dem Licht von nachvollziehbaren Stressreaktionen, die einmal durchaus eine äußerst sinnvolle Funktion aufwiesen. In der Therapie gilt es vor allem, Sicherheit zu vermitteln. Dies geschieht über die Möglichkeit der Orientierung (räumlich wie zeitlich, feste Absprachen müssen getroffen sein) sowie der passiven und aktiven Aktivierung des ventralen Vagus.
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Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Die Forschungsergebnisse zeigen die Bedeutung und den Nutzen interdisziplinärer Teams in der Medizin. Die Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen, Ingenieuren, Mathematikern, Natur- und Geisteswissenschaftlern kann zu einem besseren Verständnis und einer effektiveren Behandlung von Essstörungen führen.
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