Liquor cerebrospinalis Entzündung: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Die Entzündung des Liquor cerebrospinalis, auch bekannt als Hirn-Rückenmarks-Flüssigkeit, ist ein komplexes medizinisches Problem, das verschiedene Ursachen haben kann und eine umfassende diagnostische und therapeutische Herangehensweise erfordert. Dieser Artikel bietet einen detaillierten Überblick über die Entzündung des Liquor cerebrospinalis, einschließlich der Ursachen, Diagnoseverfahren und Behandlungsoptionen.

Einführung in den Liquor cerebrospinalis

Der Liquor cerebrospinalis (Zerebrospinalflüssigkeit), oft als "Nervenwasser" oder "Hirnwasser" bezeichnet, ist eine klare, farblose Flüssigkeit, die das zentrale Nervensystem (ZNS) umspült. Er befindet sich im Subarachnoidalraum und in den Ventrikeln des Gehirns. Diese Flüssigkeit schützt das Gehirn und das Rückenmark vor Erschütterungen und Stößen, dient als Transportmittel für Nährstoffe und Abfallprodukte und trägt zur Aufrechterhaltung eines stabilen Milieus im ZNS bei.

Die Gesamtmenge des Liquors beträgt etwa 120-200 ml und wird kontinuierlich durch den Plexus choroideus (80 %) sowie durch das zerebrale Parenchym und die Ependymzellen der Ventrikel und des Spinalkanals (20 %) gebildet. Täglich werden ca. 500 ml Liquor produziert und über die Arachnoidalzotten resorbiert, was einen ständigen Austausch und eine Zirkulation gewährleistet.

Ursachen einer Liquor cerebrospinalis Entzündung

Eine Entzündung des Liquor cerebrospinalis kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden. Dazu gehören:

  • Infektiöse Erkrankungen des ZNS: Bakterielle, virale, mykotische und parasitäre Infektionen können eine Entzündung des Liquors auslösen. Beispiele hierfür sind Meningitis (Hirnhautentzündung) und Enzephalitis (Gehirnentzündung), die durch Erreger wie Bakterien (z. B. Pneumokokken, Meningokokken, Borrelien, Treponema pallidum), Viren (z. B. HSV, VZV, Masern, FSME, EBV) oder Parasiten (z. B. Toxoplasma gondii) verursacht werden können.
  • Autoimmunerkrankungen: Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift, können ebenfalls zu einer Entzündung des Liquors führen. Beispiele hierfür sind Multiple Sklerose (MS) und Autoimmunenzephalitis.
  • Neoplasien des ZNS: Tumore im Gehirn oder Rückenmark können eine Entzündung des Liquors verursachen, insbesondere wenn sie die Hirnhäute infiltrieren (Meningeosis carcinomatosa).
  • Neurodegenerative Erkrankungen: Einige neurodegenerative Erkrankungen, wie z. B. Demenzen, können mit Entzündungsprozessen im ZNS einhergehen, die sich auch im Liquor widerspiegeln.
  • Weitere Ursachen: Blutungen im Gehirn oder Rückenmark, traumatische Verletzungen des ZNS und die intrathekale Applikation von Medikamenten (z. B. Zytostatika) können ebenfalls eine Entzündung des Liquors auslösen.

Diagnostik der Liquor cerebrospinalis Entzündung

Die Diagnostik einer Liquor cerebrospinalis Entzündung umfasst verschiedene Schritte, die darauf abzielen, die Ursache der Entzündung zu identifizieren und den Schweregrad der Erkrankung zu beurteilen.

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Liquorpunktion

Die Liquorpunktion (Lumbalpunktion) ist ein zentrales diagnostisches Verfahren zur Gewinnung von Liquor cerebrospinalis. Dabei wird eine feine Hohlnadel im Bereich der Lendenwirbelsäule (meist zwischen dem 3. und 4. oder 4. und 5. Lendenwirbel) in den Wirbelkanal eingeführt, um eine kleine Menge Liquor zu entnehmen. Die Punktion wird in der Regel in einer Klinik oder neurologischen Praxis durchgeführt und dauert etwa eine Viertelstunde. Vor der Punktion wird die Blutgerinnung des Patienten überprüft, um Blutungen vorzubeugen. Nach der Punktion sollte der Patient für mindestens eine Stunde liegen und sich für etwa 24 Stunden schonen.

Liquoranalytik

Die gewonnene Liquorprobe wird anschließend im Labor untersucht. Die Liquoranalytik umfasst ein 3-teiliges Stufenprogramm:

  1. Makroskopische Beurteilung: Beurteilung der Farbe und Klarheit des Liquors. Normalerweise ist der Liquor klar wie Wasser. Eine Trübung oder blutige Verfärbung kann auf eine Entzündung oder Blutung hinweisen.
  2. Zellzahl und Zelldifferenzierung: Bestimmung der Anzahl der Zellen im Liquor und Differenzierung der verschiedenen Zelltypen (z. B. Leukozyten, Lymphozyten, Monozyten). Eine erhöhte Zellzahl (≥ 5/µl) kann auf eine Entzündung, Tumorinfiltration oder Reizreaktion hinweisen.
  3. Biochemische Analyse: Messung verschiedener Substanzen im Liquor, wie z. B. Glukose, Laktat, Proteine und Immunglobuline. Veränderungen in diesen Parametern können Hinweise auf die Ursache der Entzündung geben.

Detaillierte Analyse der Liquorbestandteile

  • Zellprofil: Die zytologische Untersuchung des Liquors sollte uneingeschränkt bei jeder Punktion unabhängig von der Gesamtzellzahl durchgeführt werden. Das normale Zellbild besteht aus mononukleären Zellen mit deutlichem Überwiegen von Lymphozyten gegenüber Monozyten.
  • Laktat und Glukose: Die Bestimmung des Liquorlaktats ist vorteilhaft, da sie auch ohne Kenntnis des korrespondierenden Serumwertes diagnostisch relevant ist. Ein Anstieg des Liquorlaktats kommt es insbesondere bei Infektionen durch Bakterien und Mycobakterium tuberculosis sowie auch bei Meningeosis carcinomatosa. Die Liquorglukose muss stets in Bezug zur Serumglukose beurteilt werden (normal: Liquor-/Serumquotient > 0,5).
  • Proteinprofil: Liquor und Serum müssen für die Proteinanalytik im selben Test und im vergleichbaren Konzentrationsbereich gemessen werden, um methodischen Impräzisionen vorzubeugen. Für die Beurteilung der Blut-Liquor-Schrankenfunktion (BLS) und einer möglichen intrathekalen Produktion von Immunglobulinen müssen für Albumin (Referenzprotein für die BLS) und Immunglobuline die Liquor-/Serumkonzentrationsquotienten berechnet werden.
  • Quotientendiagramme: Die Relation der Immunglobulin-Quotienten zum Albumin-Quotienten wird anhand von Quotientendiagrammen dargestellt. Diese Diagramme ermöglichen eine quantitative Aussage darüber, ob sich mehr IgG, IgA oder IgM im Kompartiment Liquor befindet, als dies theoretisch durch reine Diffusion zu erwarten wäre.
  • Oligoklonale Banden (OKB): Der qualitative Nachweis liquorspezifischer OKB mittels isoelektrischer Fokussierung weist gegenüber den auf der Grundlage quantitativer Messungen ermittelten Quotientendiagrammen mit höherer Empfindlichkeit das Vorliegen einer intrathekalen IgG-Synthese nach.
  • Erregerspezifische Antikörperindizes (AI): AI ermöglichen den Nachweis einer intrathekalen Synthese von IgG-Antikörpern mit Spezifität für diverse Erregerantigene. Werte ≥ 1,5 zeigen an, dass der Anteil des spezifischen IgG am Gesamt-IgG im Kompartiment Liquor größer ist als der Anteil des spezifischen IgG am Gesamt-IgG im Serum und belegen eine intrathekale Synthese des spezifischen IgG.
  • Demenzmarker: Gegenwärtig sind die Biomarker Amlyoid-β1-42 (Aβ1-42), Amlyoid-β1-40 (Aβ1-40), Gesamt-Tau und Phospho-Tau-181 (pTau) sowie 14-3-3-Protein und der PrPSc-Aggregationsassay klinisch validiert und etabliert und können vor allem zur Positivdiagnostik verwendet werden.

Weitere diagnostische Maßnahmen

Neben der Liquoranalytik können weitere diagnostische Maßnahmen erforderlich sein, um die Ursache der Entzündung zu identifizieren. Dazu gehören:

  • Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können helfen, systemische Entzündungszeichen, Infektionen oder Autoimmunerkrankungen nachzuweisen.
  • Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) und Computertomographie (CT) des Gehirns und Rückenmarks können strukturelle Veränderungen, Tumore oder Entzündungsherde darstellen.
  • Elektrophysiologische Untersuchungen: Elektroenzephalographie (EEG) und evozierte Potentiale können dieFunktion des Gehirns und des Nervensystems beurteilen.

Behandlung der Liquor cerebrospinalis Entzündung

Die Behandlung einer Liquor cerebrospinalis Entzündung richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.

Antibiotische Therapie

Bei bakteriellen Infektionen des ZNS ist eine frühzeitige antibiotische Therapie entscheidend. Die Auswahl des Antibiotikums richtet sich nach dem identifizierten Erreger und seiner Antibiotikaempfindlichkeit. Die Antibiotika werden in der Regel intravenös verabreicht, um eine hohe Konzentration im ZNS zu erreichen.

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Antivirale Therapie

Virale Infektionen des ZNS können mit antiviralen Medikamenten behandelt werden. Zum Beispiel wird Aciclovir bei Herpes-simplex-Enzephalitis eingesetzt.

Antimykotische Therapie

Bei Pilzinfektionen des ZNS ist eine antimykotische Therapie erforderlich. Die Auswahl des Antimykotikums richtet sich nach dem identifizierten Pilz und seiner Empfindlichkeit.

Immunsuppressive Therapie

Bei Autoimmunerkrankungen des ZNS, wie z. B. Multipler Sklerose oder Autoimmunenzephalitis, kann eine immunsuppressive Therapie erforderlich sein, um die Entzündung zu reduzieren und das Immunsystem zu modulieren. Zum Einsatz kommen Kortikosteroide, Immunglobuline, Plasmapherese und andere Immunsuppressiva.

Symptomatische Therapie

Zusätzlich zur spezifischen Behandlung der Ursache können symptomatische Maßnahmen erforderlich sein, um die Beschwerden des Patienten zu lindern. Dazu gehören Schmerzmittel, Antiemetika und Antikonvulsiva.

Chirurgische Intervention

In einigen Fällen kann eine chirurgische Intervention erforderlich sein, um die Ursache der Entzündung zu beseitigen. Zum Beispiel kann ein Tumor im Gehirn oder Rückenmark operativ entfernt werden. Bei einem Hydrocephalus kann ein Shunt-System implantiert werden, um den Liquorabfluss zu gewährleisten.

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Spezifische Erkrankungen und ihre Behandlung

Multiple Sklerose (MS)

Die Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des ZNS, die durch eine Entzündung des Liquors gekennzeichnet sein kann. Die Behandlung der MS umfasst immunmodulatorische Therapien, die darauf abzielen, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und die Häufigkeit von Schüben zu reduzieren.

Autoimmunenzephalitis

Autoimmunenzephalitiden sind seltene, aber potenziell behandelbare Erkrankungen, die durch antineuronale Antikörper verursacht werden. Die Behandlung umfasst Immuntherapien wie Kortikosteroide, Immunglobuline und Plasmapherese. In einigen Fällen kann eine Tumortherapie erforderlich sein, wenn die Enzephalitis paraneoplastisch bedingt ist.

Hydrocephalus

Ein Hydrocephalus ist eine Erkrankung, bei der sich übermäßig viel Liquor im Schädelinneren ansammelt. Die Behandlung des Hydrocephalus umfasst in der Regel eine chirurgische Intervention, um den Liquorabfluss zu gewährleisten. Dies kann durch eine endoskopische Ventrikulostomie oder die Implantation eines Shunt-Systems erreicht werden.

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