Die Auswirkungen von Alkohol auf das Gehirn: Eine umfassende Analyse

Alkohol ist in der europäischen Kultur tief verwurzelt, wobei der durchschnittliche Europäer ab 15 Jahren jährlich über 13 Liter reinen Alkohol konsumiert. Trotz der gesellschaftlichen Akzeptanz ist es wichtig zu verstehen, dass Alkoholmissbrauch das Gehirn schädigt und weitreichende Folgen für die Gesundheit hat.

Alkohol und das Gehirn: Eine schädliche Beziehung

Betroffene Hirnstrukturen

Die weiße Substanz, die fast die Hälfte des Gehirns ausmacht, ist besonders anfällig für die schädlichen Auswirkungen von Alkohol. Dieser Teil des zentralen Nervensystems besteht hauptsächlich aus Leitungsbahnen und Nervenfasern, die für die Kommunikation zwischen verschiedenen Hirnregionen unerlässlich sind. Schädigungen der weißen Substanz können zu zahlreichen Einschränkungen führen, einschließlich einer verminderten Kontrolle über die eigene Handlungsfähigkeit.

Darüber hinaus kann bereits eine Flasche Bier pro Tag über einen längeren Zeitraum die graue und weiße Substanz im Gehirn schrumpfen lassen. Die graue Substanz, die die Großhirnrinde (Cortex) bildet, beherbergt etwa 20 Milliarden Nervenzellkörper, während die weiße Substanz aus ihren Zellfortsätzen (Axonen) besteht. Beide Substanzen sind entscheidend für die normale Funktion des Gehirns.

Auch der Hippocampus, der für das Gedächtnis und die räumliche Orientierung zuständig ist, kann durch Alkoholkonsum beeinträchtigt werden. Studien haben gezeigt, dass das Risiko einer Schrumpfung des Hippocampus bei Männern und Frauen, die über Jahrzehnte hinweg fünf bis sieben Flaschen Bier pro Woche konsumieren, doppelt bis dreimal so hoch ist wie bei Nichttrinkern.

Der Teufelskreis der Sucht

Die durch Alkohol verursachten Hirnschäden können die Sucht selbst verstärken. Die verminderte Kontrolle über die eigene Handlungsfähigkeit kann dazu führen, dass Betroffene immer häufiger zum Alkohol greifen, um die negativen Auswirkungen des Entzugs zu lindern. Dies führt zu einem Teufelskreis, der schwer zu durchbrechen ist.

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Toleranzentwicklung und Entzugserscheinungen

„Je mehr und regelmäßiger ein Suchtmittel konsumiert wird, desto stärker steuern Körper und Gehirn entgegen“, erklärt Dr. Ann-Katrin Stock. Dieser Prozess führt zur Toleranzentwicklung, bei der der Körper sich an die Anwesenheit von Alkohol anpasst und höhere Mengen benötigt, um die gleiche Wirkung zu erzielen.

Alkohol dämpft die Hirnaktivität, indem er die hemmende Wirkung des Botenstoffs Gamma-Aminobuttersäure (GABA) verstärkt und gleichzeitig die erregende Wirkung von Glutamat reduziert. Um dies zu kompensieren, passen sich bei dauerhaftem Konsum die Art und Anzahl der entsprechenden Rezeptoren im Gehirn an. Wenn das Botenstoffsystem aufgrund dieser Toleranzbildung jedoch nicht mehr richtig funktioniert, kommt es beim Entzug wegen der Übererregbarkeit des nüchternen Gehirns zum Absterben von Hirngewebe, insbesondere der weißen Substanz.

Der Entzug ist umso gefährlicher, je mehr Alkoholtoleranz der Körper im Laufe der Zeit entwickelt hat. Um die teils lebensbedrohlichen Konsequenzen zu behandeln, kommen Medikamente zum Einsatz, die die Wirkung des Alkohols am GABA-Rezeptor ersetzen.

Neuere Forschungsergebnisse

Nach neuesten Erkenntnissen treten Hirnschäden nicht nur beim Rauschtrinken selbst auf, sondern verstärken sich insbesondere während der ersten Phasen des Entzugs. Laut Stock tragen die entzugsbedingten Schäden wiederum dazu bei, bestehende Suchtstörungen aufrechtzuerhalten - umso stärker, je mehr Entzüge notwendig sind.

Dr. Ann-Kathrin Stock vom Dresdner Universitätsklinikum erforscht in einem von der Daimler und Benz Stiftung geförderten Projekt die Hirnschäden, die während des Rauschtrinkens, aber auch während eines Alkoholentzugs auftreten können. Ihre Studien konzentrieren sich auf den Zusammenhang zwischen Handlungskontrolle und bestimmten Bruchstücken der weißen Gehirnsubstanz, die sich mithilfe eines innovativen Verfahrens im Blut nachweisen lassen.

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Alkohol als Nervengift

Alkohol ist ein Nervengift, das die Balance der Neurotransmitter im Gehirn stört. Er hemmt bestimmte Glutamatrezeptoren und verändert die Gehirnmasse, wodurch das Gehirnvolumen kleiner wird. Die Auswirkungen können je nach Substanz und Person unterschiedlich sein.

Ein Forschungsteam der Universität Heidelberg hat nachgewiesen, dass Alkohol rasch Veränderungen im Gehirn verursacht. Bereits nach sechs Minuten zeigen sich erste Veränderungen in den Gehirnzellen, wobei die Konzentration von zellschützenden Stoffen abnimmt.

Langzeitfolgen von Alkoholkonsum auf das Gehirn

Neurologische und psychische Erkrankungen

Regelmäßiger Alkoholkonsum kann zu einer Vielzahl neurologischer und psychischer Erkrankungen führen, darunter:

  • Alkoholabhängigkeit
  • Nervenschäden mit Taubheit, Kribbeln und Schmerzen in Händen und Füßen (Polyneuropathie)
  • Verstärkung von Depressionen und Angststörungen
  • Erhöhtes Suizidrisiko
  • Schrumpfung des Hirngewebes mit Beeinträchtigung der Gedächtnisleistung, des Konzentrationsvermögens, des Urteilsvermögens und der Intelligenz
  • Beschleunigter kognitiver Abbau und erhöhtes Demenzrisiko
  • Persönlichkeitsveränderungen wie Unzuverlässigkeit, Reizbarkeit, Unruhe und übertriebene Eifersucht

Alkoholisches Kleinhirndegeneration (AKD)

Die alkoholische Kleinhirndegeneration (AKD) ist eine neurologische Erkrankung, die durch chronischen Alkoholmissbrauch verursacht wird. Sie führt zu einer Schädigung des Kleinhirns, das für die Koordination von Bewegungen und das Gleichgewicht verantwortlich ist. Symptome der AKD sind Gangunsicherheit, Koordinationsstörungen und Zittern.

Korsakow-Syndrom

Das Korsakow-Syndrom ist eine weitere neurologische Erkrankung, die durch chronischen Alkoholmissbrauch und einen Mangel an Thiamin (Vitamin B1) verursacht wird. Es führt zu Gedächtnisverlust, Desorientierung und Konfabulation (Erfinden von Geschichten, um Gedächtnislücken zu füllen).

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Alkoholdemenz

Langfristiger und regelmäßiger Alkoholkonsum kann zur Schrumpfung des Hirngewebes führen. Zuerst nehmen die Gedächtnisleistung und das Konzentrationsvermögen ab. Auch das Urteilsvermögen und die Intelligenz werden dauerhaft beeinträchtigt. Alkoholkonsum beschleunigt auch den kognitiven Abbau. Personen mittleren Alters, die täglich mehr als 24 Gramm reinen Alkohol konsumieren, haben ein erhöhtes Risiko einer Demenzerkrankung bzw. eines frühzeitigen Beginns der Erkrankung.

Polyneuropathie

Die Polyneuropathie entsteht durch Schädigung der peripheren Nerven durch den Alkohol. Anfänglich äußert sie sich durch ein unangenehmes Kribbeln in den Beinen, im Vollbild bringt sie Dauerschmerzen mit sich und beeinträchtigt die Lebensqualität enorm.

Vorzeitiges Altern des Gehirns

Schon eine Flasche Bier am Tag kann bei regelmäßigem Konsum über einen längeren Zeitraum die graue sowie die weiße Substanz im Gehirn schrumpfen lassen. Die Veränderungen, die Alkohol in den Gehirnsubstanzen verursacht, sind jedoch nicht linear: Je mehr man trinkt, desto schneller schrumpft das Gehirn.

Die Folgen der Hirnalterung machen sich vor allem durch ein geschwächtes Erinnerungsvermögen bemerkbar. Aber der Alkohol beeinträchtigt auch andere kognitive Fähigkeiten: Aufmerksamkeit, Orientierung oder die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung.

Erhöhtes Demenzrisiko

Im Gehirn verursacht ein regelmäßiger Konsum hoher Alkoholmengen außerdem Veränderungen, die das Risiko einer Demenzerkrankung stark erhöhen. Studien zeigen, dass sich das Demenzrisiko deutlich erhöht, wenn man regelmäßig viel Alkohol trinkt. Personen ab 45 Jahren, die mehr als 24 Gramm reinen Alkohol (ca. 250 ml Wein) am Tag trinken, sind besonders gefährdet.

Moderater Alkoholkonsum: Gibt es eine sichere Grenze?

Die Frage, wie viel Alkohol als moderat gilt, ist umstritten. Während einige Studien nahelegen, dass geringe Mengen Alkohol positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben können, zeigen andere Studien, dass bereits geringe Mengen Alkohol schädlich sein können.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont, dass es keinen risikofreien Alkoholkonsum gibt. Auch geringe Trinkmengen können zu gesundheitlichen Problemen beitragen. Sowohl die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) als auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfehlen daher, am besten gar keinen Alkohol zu konsumieren.

Die DGE legte 2024 den aktuellen Schwellenwert für einen risikoarmen Alkoholkonsum mit weniger als 27 Gramm reinen Alkohol pro Woche fest. Das entspricht etwas mehr als einem Liter Bier oder 0,3 Liter Wein. Dieser Wert kann aber nur zur groben Orientierung dienen und gilt nur für gesunde Erwachsene.

Was tun bei Alkoholproblemen?

Wer bei sich selbst feststellt, dass er zu viel trinkt oder von einer Droge loskommen möchte, muss nicht sofort in die Klinik. Es gibt zahlreiche Suchthilfe- und ambulante Angebote sowie Selbsthilfegruppen, die Unterstützung bieten können.

Suchtexperte Markus Salinger rät jedem, sich einen Maikäfer ins Gedächtnis zu rufen, um vor einem Missbrauch von Suchtmitteln gefeit zu sein. Der Maikäfer steht auf sechs Beinen (Beruf, Familie/Partnerschaft, Gesundheit, soziale Kontakte, Individualität/Hobbys und Glaube/Spiritualität) und hält so seine Balance. Je ausgeglichener die Balance dieser Bereiche ist, desto sicherer sei man vor einem Suchtmittelmissbrauch.

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