Logopädie bei Morbus Parkinson: Erhalt der Kommunikationsfähigkeit und Lebensqualität

Morbus Parkinson, auch bekannt als Idiopathisches Parkinson-Syndrom (IPS), ist nach den Demenzerkrankungen die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. Die Logopädie spielt eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Menschen mit Morbus Parkinson, da die Erkrankung häufig Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen verursacht. Ziel der logopädischen Therapie ist es, die Kommunikationsfähigkeit und die Lebensqualität der Betroffenen so lange wie möglich zu erhalten.

Was ist Morbus Parkinson?

Morbus Parkinson ist durch vier Hauptsymptome gekennzeichnet:

  • Rigor: Muskelsteife
  • Tremor: Muskelzittern, oft als Ruhetremor in den Fingern oder Armen sichtbar
  • Bradykinese/Akinese: Bewegungsverlangsamung bzw. Bewegungsarmut
  • Posturale Instabilität: Haltungsinstabilität, die zu Unsicherheit beim Stehen und Gehen führt

Im Laufe der Erkrankung können weitere Symptome auftreten, darunter Konzentrationsstörungen, Sprechstörungen, Schluckstörungen und psychische Störungen. Diese Symptome können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen und zu Funktionseinschränkungen und Abhängigkeit führen.

Wie entsteht Morbus Parkinson?

Die genauen Ursachen von Morbus Parkinson sind noch nicht vollständig geklärt. Früher ging man davon aus, dass nur die Basalganglien, ein Teil des Gehirns, der motorische Programme abstimmt, von der Degeneration betroffen sind. Neuere Studien haben jedoch gezeigt, dass die Degeneration bereits im Hirnstamm beginnt und sich von dort aus bis ins Großhirn ausbreitet. Die typischen Kardinalsymptome treten erst auf, wenn der neuronale Untergang in der Substantia nigra (einem Teil der Basalganglien) begonnen hat. Dieser Untergang führt zu einem Dopaminmangel, der die Bewegungsabläufe empfindlich stört.

Logopädische Auswirkungen von Morbus Parkinson

Morbus Parkinson kann zu einer Reihe von logopädischen Problemen führen, darunter:

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  • Dysarthrie (Sprechstörung): Verringerte artikulatorische Präzision (verwaschene, nuschelige Sprache), eingeschränkte Dynamikbreite (leises Sprechen), reduzierte Stimmqualität (behauchte, raue oder heisere Stimme). Die Sprechstörung äußert sich oft in einer zunehmend leisen und monotonen Sprechweise.
  • Dysphagie (Schluckstörung): Reduzierte Zungenbeweglichkeit, -kraft und -koordination, verzögerte Auslösung des Schluckreflexes. Dies kann zu Aspiration (Verschlucken) und in der Folge zu einer Lungenentzündung (Aspirationspneumonie) führen. Schwierigkeiten bei der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme treten auf, begleitet von Störungen bei der oralen Nahrungsverarbeitung (Kauen) und dem Abtransport (Schlucken). Die Muskelschwäche im Kehlkopf kann die Schutzmechanismen (Schließen des Kehldeckels beim Schlucken) beeinträchtigen.
  • Hypophonie: Leiser werdende Stimme, die oft mit monotonem und verwaschenem Sprechen sowie einer verminderten Mimik einhergeht. Betroffene bemerken ihre unzureichende Sprechlautstärke oft nicht.

90 % aller Betroffenen leiden an einer Veränderung des Sprechens, was dazu führt, dass sie zunehmend schlechter verstanden werden. Die abnehmende Amplitude ist die Ursache für das leise Sprechen, was aber häufig nicht bemerkt und akzeptiert wird.

Ablauf der logopädischen Therapie

Nach der Diagnose von Morbus Parkinson sollten Betroffene so schnell wie möglich in logopädische Behandlung überwiesen werden.

  1. Anamnese und Zielsetzung: Zunächst erfolgt eine ausführliche Anamnese, um die Therapieschwerpunkte zu ermitteln und gemeinsam mit dem Patienten Therapieziele zu definieren.
  2. Diagnostik: Es folgt eine umfassende Diagnostik, um die spezifischen Probleme des Patienten zu identifizieren.
    • Dysarthrie: Ein standardisiertes Diagnostikinstrument zur Einschätzung der Dysarthrophonie ist das Frenchay-Dysarthrie-Assessment (FDA), das alle relevanten Bereiche (Sprechen, Atmen, Stimme, Kommunikation) abdeckt.
    • Dysphagie: Eine klinische Schluckuntersuchung wird durchgeführt, bei der alle schluckrelevanten anatomischen Strukturen im Ruhezustand und bei willkürlichen Bewegungen beobachtet werden. Schluckversuche werden durchgeführt, um die Schlucktherapie zu planen.
    • Apparative Diagnostik: In manchen Fällen kann eine Fiberendoskopische Evaluation des Schluckaktes (FEES) sinnvoll sein. Dabei wird mithilfe eines Nasenendoskops die Darstellung der anatomischen Strukturen ermöglicht, die beim Schlucken beeinträchtigt sein können.
  3. Individuelle Therapie: Im Anschluss an die Diagnostik beginnt die individuell angepasste Therapie.

Nach einer Grunduntersuchung von Lautstärke und Steigerungspotential, Artikulationsgenauigkeit, Sprechgeschwindigkeit und Fragen zur Lebenssituation und -qualität wählt der Logopäde ein für den Patienten voraussichtlich effektives Behandlungsverfahren aus.

Logopädische Übungen und Therapieansätze

Die logopädische Therapie bei Morbus Parkinson umfasst verschiedene Übungen und Therapieansätze, die auf die spezifischen Bedürfnisse des Patienten zugeschnitten sind.

  • Stimmlautstärketraining: Gezielte Übungen zur Stimmlautstärke können helfen, die Bewegungsamplituden der sprechrelevanten Organe zu vergrößern. Dies verbessert nicht nur die Sprechlautstärke selbst, sondern auch die Stimmqualität, die Artikulation und die Kommunikation.
    • LSVT® LOUD: Das Therapiekonzept LSVT® LOUD ist eine evidenzbasierte und wirksame Therapiemethode, die genau nach diesem Wirkungsprinzip arbeitet. Es handelt sich um ein intensives amplitudenbasiertes Therapieprogramm zur „Rekalibrierung“ der Lautstärke. Das LSVT LOUD Training dient in erster Linie der Kräftigung der Stimme und somit der dauerhaften Erhöhung der Sprechlautstärke im Alltag. Das LSVT LOUD Training folgt einer strengen Hierarchie und darf ausschließlich von einem zertifizierten LSVT LOUD Therapeuten durchgeführt werden. Es handelt sich um ein Intervalltraining, das in 16 Einzelsitzungen (à 60 min) möglichst an 4 aufeinanderfolgenden Tagen über einen Zeitraum von 4 Wochen durchgeführt wird. Während dieses Intervalltrainings werden tägliche Hausaufgaben absolviert, die nach Abschluss des Trainings fester Bestandteil des täglichen Lebens bleiben und den Therapieerfolg sichern. Nach den vorliegenden Erfahrungen ist von einer 12-24 Monate anhaltenden Wirkung auszugehen, wobei eine monatliche Auffrischung, jeweils im Rahmen einstündiger Gruppenbehandlungen, bei einigen Patienten empfehlenswert ist.
  • Dysphagie-Therapie:
    • Übungen zur Kräftigung der Zungen-, Wangen- und Lippenmuskulatur sowie Kräftigungsübungen für die Muskulatur des Kehlkopfes.
    • Erarbeitung von Kompensationsstrategien, wie beispielsweise eine Haltungsänderung bei der Nahrungsaufnahme oder eine Kostanpassung.
  • Weitere Therapieansätze:
    • Sprachtraining bei Wortfindungsproblemen oder Kohärenzproblemen.
    • Training der Dysarthrie (Sprechstörung) in der Gruppe.
    • Funktionelles, kompensierendes oder adaptatives Training bei Dysphagie (Schluckstörung).
  • Beratung und Aufklärung: Ein weiterer wesentlicher Bestandteil der logopädischen Therapie ist die Beratung und Aufklärung der Betroffenen.

Man kann aber auch 1-2 Mal/ Woche ein individuelles logopädisches Training vereinbaren, wo je nach Störungsschwerpunkt das Schlucken, die Verständlichkeit, der Rhythmus, die Betonung, das Sprechtempo oder die Sprachfertigkeit trainiert werden.

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Wichtige Aspekte der Therapie

  • Regelmäßige Übungen: Durch regelmäßige Übungen kann die Stimme wieder aktiviert werden und eine normale und kraftvolle Lautstärke erreichen. Nach einer Therapie können die Übungen selbstständig weitergeführt werden, um dauerhaft die Verringerung der Stimme zu vermeiden.
  • Aktive Teilnahme: Wichtig ist, (sprachlich) aktiv zu werden. Use it or lose it! Wenn man aufhört zu sprechen, verkümmern die Sprechwerkzeuge - wie alle anderen Muskeln.
  • Vermeidung von Komplikationen: Eine Lungenentzündung als Folge eines massiven Verschluckens (Aspirationspneumonie) sollte unbedingt vermieden werden.
  • Medikamenteneinnahme: Wichtig ist dabei, dass die Tabletteneinnahme immer zu festgesetzten Zeiten eingenommen werden sollte, grundsätzlich ohne Milchprodukte und unter Beachtung ausreichender Abstände zur Nahrungsaufnahme (1 Stunde vor dem Essen und 1 1/2h nach dem Essen). Die Einnahme von Apfelmus erleichtert das Abschlucken von Tabletten.
  • Weitere Therapieformen: Da bei Morbus Parkinson oftmals auch körperliche Symptome auftreten, sind die Physio- und Ergotherapie sehr wichtig für einen Therapieerfolg. Sie sollten beide ab Erkrankungsbeginn regelmäßig durchgeführt werden, um die körperliche Funktionsfähigkeit zu erhalten. Zudem können auch Sie selbst zum Therapierfolg beitragen, wenn Sie stets aktiv bleiben und Sport treiben. Hierbei ist die Art der Sportart nicht entscheidend, sondern vielmehr eine regelmäßige Aktivität und Bewegung.

Rolle der Logopädie

Da M. Parkinson eine neurodegenerative, also nicht heilbare, Erkrankung ist, liegt die Hauptaufgabe der Logopädinnen und Logopäden darin, den Status quo so lange es geht, aufrechtzuerhalten. Oberstes Ziel der Therapie ist immer eine maximale Lebensqualität für die Betroffenen zu ermöglichen und die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme sowie die Kommunikationsfähigkeit aufrechtzuerhalten.

Die Logopädie beschäftigt sich mit Sprach- Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen. Sie ist Bestandteil vieler Therapien und ist auch bei einer Morbus Parkinson Erkrankung besonders wichtig. Die Krankheit kann auch die Sprache sowie das Schlucken der Patient:innen beeinträchtigen. Die Logopädie hilft Ihnen dabei, dass Sie sich weiterhin gut mit Ihrer Umgebung verständigen können.

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