Die Behandlung von Migräne und insbesondere Clusterkopfschmerz stellt eine große Herausforderung dar. Konventionelle Therapien versagen oft oder sind mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden. In den letzten Jahren hat die Forschung das Potenzial von psychedelischen Substanzen, insbesondere LSD (Lysergsäurediethylamid) und Psilocybin, in den Fokus gerückt. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Erkenntnisse und potenziellen Anwendungen von LSD und verwandten Substanzen bei der Behandlung von Migräne und Clusterkopfschmerz.
Hintergrund: Clusterkopfschmerz und Migräne
Clusterkopfschmerzen sind eine seltene, aber äußerst schmerzhafte neurologische Erkrankung, die durch heftige, einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, die oft von Begleitsymptomen wie tränenden Augen, verstopfter Nase und Unruhe begleitet werden. Die Erkrankung betrifft etwa 0,1 % der Bevölkerung, wobei Männer häufiger betroffen sind als Frauen (Verhältnis 2,5:1). Clusterkopfschmerzen treten in episodischer oder chronischer Form auf, und die Attacken können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.
Migräne ist eine häufigere neurologische Erkrankung, die durch pulsierende Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Lichtempfindlichkeit gekennzeichnet ist. Die Therapie der Migräneattacke und die Prophylaxe von Migräne sind zentrale Aspekte der Behandlung.
Erste Hinweise: Patientenberichte und Umfragen
Einige Clusterkopfschmerz-Betroffene aus den USA und Großbritannien berichteten von der Wirksamkeit von Psilocybin oder LSD gegen Clusterkopfschmerzen. Diese Berichte führten zu einer Patienteninitiative, die eine wissenschaftliche Untersuchung der Wirkungen dieser Substanzen anstrebte. Die Cluster-Kopfschmerz-Patienteninitiative (www.clusterbusters.com) involvierte die Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS), um eine solche Studie durchzuführen.
In einer von Dr. Sewell und Dr. Halpern vom Harvard McLean Hospital durchgeführten Patientenumfrage berichteten 22 von 26 befragten Patienten, dass Psilocybin Attacken abbricht, und 25 von 48 Psilocybin-Nutzern sowie 7 von 8 LSD-Nutzern gaben an, dass mindestens eine Episode beendet wurde.
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Die Rolle von Psilocybin bei Migräne
Psilocybin, das in „Zauberpilzen“ enthalten ist, könnte auf zwei Weisen eine Migräne beeinflussen. Zum einen ähnelt Psilocybin chemisch Triptanen, die als Substanzen mit der besten Wirksamkeit bei akuten Migräneattacken gelten. Zum anderen wirkt Psilocybin bewusstseinsverändernd und halluzinogen, was die Patienten von ihren Migränebeschwerden ablenken könnte.
Forscher um Dr. Emmanuelle Schindler von der Yale School of Medicine veröffentlichten eine Übersichtsarbeit zu psychedelischen Stoffen bei Migräne im Fachjournal „Current Pain and Headache Reports“. Sie berücksichtigten dort auch Ergebnisse einer früheren Untersuchung, der „ersten und einzigen klinischen Studie zu psychedelischen Stoffen bei Migräne“. Die Migränepatienten hatten einmalig und niedrigdosiertes Psilocybin (oral) erhalten.
In einer placebokontrollierten Studie mit zehn Patienten berichteten die Migränepatienten nach Psilocybin über weniger Migränetage. Das Psychedelikum reduzierte die Migränetage um etwa die Hälfte. Zudem waren die Patienten nach Psilocybin längere Zeit attackenfrei. Während nach Placebogabe der nächste Migräneanfall bereits nach fünf Tagen wieder auftrat, hatten die Migränepatienten nach Psilocybin 10,3 Tage zwischen den Attacken, in denen es ihnen gut ging.
BOL-148: Ein nicht-halluzinogenes LSD-Derivat
Aufgrund der Ergebnisse der Patientenbefragungen und umfassender Übersichten zur Pharmakologie von LSD führten Forscher eine kleine, nicht-verblindete Studie mit der LSD-Variante BOL-148 (2-Bromo-d-Lysergsäurediethylamid) bei chronischem Cluster-Kopfschmerz durch, der mit üblichen Therapieverfahren nicht zu lindern war. BOL-148 ist ein nicht-halluzinogenes LSD-Derivat, das bereits seit vielen Jahren bekannt ist und vielfach verwendet wurde, um die Wirkung von LSD auf das menschliche Gehirn zu erforschen.
Die Resultate waren beeindruckend: Drei einzelne Dosen von BOL-148, die im Laufe von 10 Tagen verabreicht wurden, konnten die Schmerzattacken entweder beenden oder in ihrer Intensität deutlich reduzieren. Bei allen fünf Patienten wurde der Schmerzzyklus unterbrochen, wobei die schmerzfreien Intervalle über mehrere Monate bis hin zu mehreren Jahren dauerten - ohne jede weitere Behandlung. Dabei traten fast keine Nebenwirkungen auf, insbesondere keine psychedelischen oder unerwünschten physiologischen Effekte.
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Pharmakologische Eigenschaften von BOL-148
BOL-148 weist große Ähnlichkeit mit LSD auf, auch was die Beeinflussung des Neurotransmitter-Systems mit dem Botenstoff Serotonin angeht. Trotz dieser Ähnlichkeiten erzeugt es keine halluzinogenen Wirkungen, das heißt, das psychische und kognitive System blieben völlig unbeeinflusst. Neue Forschungen haben bestätigt, dass BOL-148 zwar in den Rezeptor passt, aber dort keine der LSD-typischen Folgewirkungen auslöst.
Klinische Studien mit BOL-148
Fünf Cluster-Kopfschmerz-Patienten wurden an der Medizinischen Hochschule Hannover im Rahmen eines Heilversuchs mit BOL-148 behandelt. Drei der vier Patienten berichteten nach der dreimaligen oralen Einnahme von 2-Bromo-LSD innerhalb von zehn Tagen eine vollständige oder fast vollständige Remission von mindestens zwei Monaten nach der ersten Behandlung.
Ketamin als Akuttherapie bei Clusterkopfschmerz
In einer Studie wurden 29 Patienten mit Clusterkopfschmerz (2 Frauen und 27 Männer) mit einer geringen analgetischen Dosis des N‑Methyl-D-Aspartat-Rezeptor-Antagonisten Ketamin i. v. behandelt. Bei 7 von 13 Patienten (54 %) mit chronischem Clusterkopfschmerz konnten die Attacken komplett beendet werden, entweder sofort oder 1-2 Wochen nach der letzten Infusion. Bei 13 Patienten mit episodischem Clusterkopfschmerz (100 %) konnte eine Beendigung der Episode erreicht werden.
Der Mechanismus der Ketaminwirkung beinhaltet eine Neuroregeneration, eine Remodulation, Interaktionen mit biogenen Aminen sowie die Entkoppelung des thalamokortikalen vom limbischen System. Zusätzlich kann dadurch die Wiederaufnahme von Katecholaminen und Serotonin gehemmt werden.
Hürden und Herausforderungen
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es erhebliche Hürden bei der Entwicklung von LSD und verwandten Substanzen zur Behandlung von Migräne und Clusterkopfschmerz.
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Rechtliche Aspekte
In Deutschland sind die Wirkstoffe Psilocybin und Psilocin als nicht verkehrsfähige Betäubungsmittel in der Anlage des Betäubungsmittelgesetzes erfasst. Besitz von und der Handel mit diesen Stoffen und den Pilzen, die diese Stoffe enthalten, sind daher in Deutschland strafbar. Genauso wie der Besitz von und der Handel mit LSD und anderen Drogen.
Finanzierung
Die Entwicklung von Medikamenten für seltene Erkrankungen ist oft mit finanziellen Schwierigkeiten verbunden. Finanzinvestoren sind oft nicht bereit, die hohen Kosten für die Entwicklung zu tragen, da sich das Medikament nachher nur an eine kleine Patientengruppe verkaufen lässt. Der Sonderstatus "Orphan Drug" wird einer Substanz dann zuerkannt, wenn es sich um ein Medikament für „seltene Erkrankungen“ handelt. Als „selten“ gilt eine Erkrankung, wenn weniger als 1,0 auf 1.000 Menschen von ihr betroffen sind.
Stigmatisierung
Die Stigmatisierung von psychedelischen Substanzen aufgrund ihres Missbrauchspotenzials stellt eine weitere Herausforderung dar. Exaggerierte Risiken von Schaden haben zur Verteufelung von psychedelischen Drogen als ein soziales Übel beigetragen.
Ergin/LSA: Eine natürliche Alternative?
Ergin, auch D-Lysergsäureamid (LSA), ist ein dem Lysergsäurediethylamid (LSD) verwandter Stoff aus der Gruppe der Mutterkornalkaloide. LSA kann als Grundstoff für die Synthese von LSD dienen. Alleine entfaltet es beim Menschen eine dem LSD ähnliche, aber nicht die gleiche Wirkung halluzinogenen Typs. Ergin kommt im Gegensatz zum LSD auch in der Natur vor, unter anderem in den Samen von Rivea corymbosa und in den Samen der Hawaiianischen Holzrose (Argyreia nervosa) vor.
Einige Cluster-Patienten nehmen LSA-haltige Samen zur Selbstbehandlung ihres Clusterkopfschmerzes. Eine Studie ergab, dass Alkaloide in Samen, die als LSA-haltig bekannt sind, erfolgreich sein können bei der Unterbrechung von Cluster-Attacken, bei der Beendigung von Cluster-Perioden und der Verlängerung von Remissionsphasen, möglicherweise durch einen Mechanismus, der sich von der halluzinogenen Wirkung der Samen unterscheidet.