LSD (Lysergsäurediethylamid) ist eine halluzinogene Substanz, die tiefgreifende Auswirkungen auf das Gehirn und die Wahrnehmung hat. Seine Geschichte ist geprägt von wissenschaftlicher Forschung, kultureller Kontroverse und therapeutischem Potenzial. Dieser Artikel beleuchtet die Wirkungsweise von LSD auf neuronaler Ebene, die damit verbundenen Risiken und die aktuellen Forschungsansätze, die das therapeutische Potenzial dieser Substanz untersuchen.
Was ist LSD?
LSD, ausgeschrieben Lysergsäurediethylamid, ist ein halbsynthetisches Molekül, das bereits in kleinsten Mengen von Millionstel Gramm den Geist verändern kann. Chemisch gehört LSD zur Familie der Lysergamide, die von Mutterkornalkaloiden abstammen, die natürlicherweise im Mutterkornpilz vorkommen.
Die Entdeckung von LSD gleicht einem Labormärchen: 1938 stellte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann LSD erstmals her, zunächst zur Kreislaufstimulation, was sich jedoch als nicht zielführend erwies. Erst 1943 entdeckte Hofmann versehentlich die halluzinogene Wirkung von LSD, nachdem er damit in Berührung gekommen war. Sein erster Selbstversuch, bei dem er auf dem Fahrrad nach Hause fuhr, ging als "Bicycle Day" in die Geschichte der Psychedelika ein.
In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde LSD in der Psychiatrie als Werkzeug zur Selbsterfahrung und Heilung eingesetzt. Schnell entstand eine Subkultur um künstlerische Inspiration, Selbsterkenntnis und Protestbewegung, die jedoch bald von gesellschaftlichen Kontroversen und staatlichen Restriktionen abgelöst wurde.
Auf dem Schwarzmarkt ist LSD in der Regel als winziges, mit LSD-Lösung getränktes Papierstück ("Blotter") erhältlich, seltener als Tablette oder Lösung. Herstellung und Besitz von LSD sind in Deutschland illegal, dennoch gelangen immer wieder neue Varianten auf den Markt.
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Wie wirkt LSD auf Neuronen?
LSD wirkt im Gehirn hauptsächlich auf das Serotonin-System. Genauer gesagt, bindet LSD an den 5-HT2A-Rezeptor, einen wichtigen Andockpunkt für den Botenstoff Serotonin, der unsere Wahrnehmung, Stimmung und unser Denken beeinflusst.
Durch diese Bindung entsteht eine starke Veränderung der Informationsverarbeitung im Gehirn: Sinneswahrnehmungen intensivieren sich, Farben scheinen leuchtender, Zeitgefühle und Gedankenflüsse geraten durcheinander. Viele berichten von sogenannten "Synästhesien" - also z.B. Klänge fühlen oder Farben schmecken zu können. LSD verändert also das Bewusstsein, aber nicht einfach wie andere Drogen, sondern führt zu neuartigen, oft tiefgründig empfundenen Wahrnehmungen.
Normalerweise bindet das Serotonin (5-HT), nachdem es in den synaptischen Spalt ausgeschüttet wurde, an den Serotonin-Rezeptoren (5-HTR) und wird anschließend vom Serotonintransporter (SERT) wieder in die präsynaptische Membran gepumpt. LSD besitzt jedoch einen ähnlichen strukturellen Aufbau wie der Botenstoff Serotonin. Dieser Neurotransmitter spielt eine entscheidende Rolle für unser Wohlbefinden: Wird Serotonin durch einen elektrischen Impuls in den Nervenzellen ausgeschüttet, bindet es an Serotonin-Rezeptoren und stimuliert die Weitergabe von Informationen aus dem zentralen Nervensystem. Bindet nun aber vermehrt LSD an die Serotonin-Rezeptoren im Gehirn, kommt es auch ohne elektrische Nervenreize zu einer Erregung der Neuronen. Die Folge ist eine Art Überstimulation.
Forschende gehen davon aus, dass LSD nicht die gleichen Erregungen auslöst wie Serotonin selbst. Dieser Effekt hält besonders lange an, da das LSD-Molekül in der Bindungstasche des Serotonin-Rezeptors fest verkeilt ist.
Ein Forschungsteam aus Australien und der Schweiz hat mit Hilfe eines bildgebenden Verfahrens untersucht, welche neurobiologischen Vorgänge dem Trip zugrunde liegen. Es konnte nachweisen, dass die psychedelischen Effekte von LSD auf eine gestörte Informationsverarbeitung zwischen dem Thalamus und bestimmten Regionen in der Hirnrinde zurückzuführen sind. Der Thalamus ist eine wichtige Hirnregion für die Verarbeitung von Sinneseindrücken sowohl von außen wie auch von innerhalb des Körpers. In der aktuellen Studie konnte beobachtet werden, dass LSD den Informationsfluss vom Thalamus zu bestimmten Regionen im Kortex erhöht. Dies betraf vor allem Regionen, die mit Veränderungen in der Selbsterfahrung in Verbindung gebracht werden. Dies erkläre, warum Psychedelika zu seltsamen Bildern und verzerrten Körperempfindungen führen können.
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Auswirkungen auf die Sprachverarbeitung
Britische Forscher um den Neuro-Psychopharmakologen Professor David Nutt haben untersucht, wie sich LSD auf die Verarbeitung von Sprache auswirkt. Dazu haben sie zehn gesunden Probanden jeweils im Abstand von einer Woche eine niedrige LSD-Dosis sowie ein Placebo verabreicht. Im Anschluss haben sie den Teilnehmern verschiedene Bilder vorgelegt. Die Ergebnisse zeigen, dass LSD sich auf die Sprache auswirkt. Die Probanden hatten nach der Einnahme von LSD Probleme, das Gezeigte auf den Bildern richtig zuzuordnen. Wenn die Forscher ihnen zum Beispiel ein Bild eines Autos gezeigt haben, benannten die Teilnehmer es mit „Bus“ oder „Zug“. Die Substanz scheint das sogenannte semantische Netzwerk im Gehirn zu beeinflussen. Unter dem Begriff fasst die Psycholinguistik Prozesse der Wissensorganisation im Hirn zusammen. Dazu zählt beispielsweise auch, wie Menschen Wörter miteinander verknüpfen und abspeichern. „Durch LSD wird dieses Netzwerk sehr stark aktiviert, sodass den Probanden ähnliche Wörter einer Wortfamilie in den Sinn kommen“, so die Psycholinguistin.
Risiken und Nebenwirkungen von LSD
Die Risiken von LSD sind vielfältig, aber oft anders als bei anderen Drogen: Körperlich ist LSD relativ wenig giftig und nicht körperlich abhängig machend. Die größten Gefahren kommen von der Wirkung auf die Psyche: Bei manchen Menschen kann LSD zu Angstzuständen (sogenannte "Bad Trips"), Verwirrung oder Panik führen, besonders wenn die Umgebung stressig oder die Stimmung ohnehin angespannt ist. In sehr seltenen Fällen kann LSD psychische Störungen, vor allem Psychosen, auslösen oder verstärken - besonders bei Menschen, die dafür anfällig sind. Kurzfristige Nebenwirkungen können auch Herzrasen, Schwitzen, Übelkeit und Schlaflosigkeit sein. Ein bekanntes Syndrom nach LSD-Konsum ist der "Flashback", ein plötzliches Wiederauftreten von LSD-artigen Wahrnehmungen Wochen oder Monate später.
Die Wirkung eines LSD-Trips beginnt meist 30 bis 90 Minuten nach der Einnahme. Das intensive Empfinden hält in der Regel 8 bis 12 Stunden an - bei manchen Menschen und höheren Dosen auch länger. Danach können Nachwirkungen wie Erschöpfung, Stimmungsschwankungen oder "afterglow" (ein Gefühl der Nachwirkung) noch einige Stunden oder sogar Tage spürbar sein. Die genaue Dauer hängt von der Dosis, persönlicher Veranlagung, Stimmung und Umgebung ab.
Rechtliche Situation in Deutschland
LSD ist in Deutschland nach dem Betäubungsmittelgesetz vollständig verboten. Das bedeutet: Herstellung, Handel, Besitz und sogar der Versuch, LSD zu erwerben, sind strafbar. Weder für Freizeitgebrauch noch für medizinische Zwecke ist LSD im Alltag legal erhältlich - der rechtliche Status ist also streng. Allerdings gibt es Ausnahmen: Für die wissenschaftliche Forschung können Institute mit Sondergenehmigungen Experimente mit LSD durchführen. Das Ziel dieser Studien ist aber nicht Konsum, sondern z.B. die Untersuchung therapeutischer Ansätze bei schweren psychischen Erkrankungen.
Microdosing mit LSD
Microdosing mit LSD bedeutet, extrem niedrige Mengen (etwa ein Zehntel einer klassischen Dosis) regelmäßig einzunehmen - also so wenig, dass keine Halluzinationen oder starken Wahrnehmungsveränderungen entstehen. Befürworter versprechen sich davon mehr Kreativität, bessere Konzentration oder Stimmungsaufhellung im Alltag. Wissenschaftlich ist die Wirkung von Microdosing noch nicht eindeutig belegt: Es gibt bislang eher wenige seriöse Studien, und die Ergebnisse schwanken. Besonders problematisch: Auch bei kleinen Mengen ist das Risiko von psychischen Nebenwirkungen und rechtlichen Folgen nicht zu unterschätzen, da LSD weiterhin eine illegale Substanz ist.
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Therapeutisches Potenzial von LSD
LSD wurde ursprünglich (seit den 1950er Jahren) intensiv in der Psychotherapie eingesetzt, zum Beispiel zur Behandlung von Depressionen, Angsterkrankungen oder sogar Suchterkrankungen wie Alkoholismus. Kurz danach wurde der Einsatz aus rechtlichen und gesellschaftlichen Gründen verboten. In den letzten Jahren erlebt dieses Forschungsgebiet eine Renaissance: Internationale Studien - auch in Deutschland - untersuchen, ob LSD kontrolliert und professionell eingesetzt Patienten mit schweren Depressionen oder Angsterkrankungen helfen kann. Erste Ergebnisse sind vielversprechend, aber es bleibt ein sehr experimenteller und stark regulierter Bereich, der ausschließlich in speziellen Forschungsprojekten erlaubt ist.
Klinische Studien deuten darauf hin, dass psychedelische Substanzen wie LSD, DMT, Ayahuasca oder Psilocybin vielversprechende Kandidaten für die Behandlung psychischer Erkrankungen sind. Das grundlegende Verständnis der Wirkung der serotonergen Psychedelika beruht im Wesentlichen auf präklinischen Studien an In-Vivo- und In-Vitro-Tiermodellen, die deutliche Hinweise auf eine modifizierte Neuroplastizität geben. Aufgrund speziesspezifischer Unterschiede ist es jedoch fraglich, inwieweit diese Erkenntnisse auf den Menschen übertragbar sind. Nicht-invasive Untersuchungen (EEG, fMRI) am menschlichen Gehirn liegen ebenfalls vor, zeigen aber teilweise kontroverse Ergebnisse. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Wirkung von serotonergen Psychedelika auf das menschliche Gehirn nicht ausreichend verstanden ist und ein dringender Bedarf an systematischen Untersuchungen besteht.
Aktuelle Forschungsprojekte
Eigene Vorarbeiten haben gezeigt, dass elektrophysiologische Analysen neuronaler Zellkulturen geeignet sind, die akute Wirkung von 1-Propionyl-Lysergsäurediethylamid (1P-LSD) auf die funktionalen Netzwerkeigenschaften zu untersuchen. Um diesen vielversprechenden Ansatz weiterzuverfolgen, soll in dem Forschungsvorhaben erstmals ein gut charakterisiertes, serotonerges Zellkultur-Modell präsentiert werden, das einerseits humanen Ursprungs ist und andererseits systematische strukturelle und funktionale Untersuchungen nach der Applikation psychedelischer Substanzen erlaubt. Als Modell mit humanem Hintergrund eignen sich besonders stammzell-basierte In-Vitro-Zellkulturen (hiPSC), deren Population serotonerge Neuronen enthalten. Für die Validierung wird ein dreidimensionales Modell vorgeschlagen, da es über Monate kultivierbar ist und die Beobachtung langfristiger Effekte, die für die Therapie besonders relevant sind, erlaubt. Mit hochauflösenden Methoden wie high density MEA Chips und Lichtblatt-Mikroskopie in Kombination mit Kalzium-Bildgebung soll die Wirkungen von LSD und DMT auf das serotonerge hiPSC-Modell untersucht werden.
LSD in der Behandlung von Depressionen und Angststörungen
Eine Studie des Universitätsspitals Basel hat gezeigt, dass die zweimalige hochdosierte Gabe von LSD Angststörungen entscheidend und längerfristig mildern und zum Teil sogar ganz auflösen kann. Eine Folgestudie ergab, dass die positive therapeutische Wirkung vier Monate später noch anhielt.
Felix Müller leitet den Klinischen Forschungsbereich für substanzgestützte Therapie an der Universität Basel. Er berichtet, dass die zweimalige Gabe von hochdosiertem LSD sehr erfolgreich war. Bei Depressiven sind die Symptome deutlich zurück gegangen. Zudem wurde die Behandlung gut vertragen und hat keine schweren Nebenwirkungen verursacht.
Sicher ist jedoch, dass die Einnahme des hochdosierten LSD gut überwacht werden muss und immer in einen psychotherapeutischen Rahmen eingebettet werden muss, erklärt Studienleiter Felix Müller. Denn das LSD wirkt akut zwischen 8 bis 14 Stunden. Insgesamt sprechen die Ergebnisse der Studie dafür, dass eine Behandlung mit LSD bei Depression wirksam und sicher ist. Allerdings war der akute Effekt für einzelne Patienten beängstigend. Deshalb sollte LSD nur zur Behandlung ausgewählter Patientinnen und Patienten in einem sicheren Rahmen mit intensiver therapeutischer Begleitung eingesetzt werden.