Lumbaler Querschnitt: Ursachen, Spastik und Therapie

Eine Querschnittlähmung ist eine schwerwiegende Erkrankung, bei der Nervenbahnen im Rückenmark unterbrochen sind, die für die Steuerung von Bewegungen (motorische Nerven) und Sinneswahrnehmungen (sensible Nerven) verantwortlich sind. Die Ausprägung der Lähmung hängt von der Höhe und dem Ausmaß der Rückenmarkschädigung ab. Die Ursachen können vielfältig sein, von Unfällen bis hin zu Krankheiten. Die Behandlung konzentriert sich auf die Rehabilitation und die Verbesserung der Lebensqualität.

Anatomie und Funktion des Rückenmarks

Die Wirbelsäule besteht aus einzelnen Wirbeln, in denen das Rückenmark verläuft. Das Rückenmark ist in neurologische Segmente unterteilt, aus denen Spinalnerven austreten, die für Sensibilität und Bewegungsfähigkeit zuständig sind. Die Höhe der Verletzung (Läsion) der Wirbelsäule bzw. des Rückenmarks ist entscheidend für die Schwere der Verletzung und die funktionellen Einschränkungen.

Bei einer Paraplegie ist das Rückenmark auf Höhe der Brust- oder Lendenwirbelsäule geschädigt, wodurch die unteren Extremitäten und Teile des Rumpfes von der Lähmung betroffen sind. Bei einer Tetraplegie liegt die Verletzung im obersten thorakalen Segment (Th 1) oder höher, wodurch Arme, Beine und der Rumpf betroffen sind.

Klassifikation der Querschnittlähmung

Die American Spinal Injury Association (ASIA) verwendet die ASIA Impairment Scale (AIS), um den Schweregrad der Querschnittlähmung in fünf Grade (A-E) einzuteilen. Dabei wird häufig Bezug auf das "neurologische Niveau" genommen.

Die Unterscheidung zwischen kompletter und inkompletter Lähmung basiert auf der Sensibilität und Muskelfunktion am Anus. Wenn Betroffene Berührungen in diesem Bereich spüren oder den Schließmuskel willentlich bewegen können, gelten sie als inkomplett gelähmt. Umgekehrt gelten Menschen mit einer tiefen Rückenmarksverletzung, die selbstständig gehen, aber weder Blase noch Enddarm kontrollieren können und denen jegliche Sensibilität im Analbereich fehlt, als komplett gelähmt.

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Eine weitere Unterscheidungsmöglichkeit besteht zwischen schlaffer und spastischer Lähmung, abhängig davon, ob die oberen oder unteren Motoneurone geschädigt sind.

Ursachen einer Querschnittlähmung

Querschnittlähmungen können durch Unfälle, Krankheiten oder angeborene Faktoren verursacht werden. Unfallbedingte (traumatische) Querschnittlähmungen entstehen meist durch Verletzungen der Wirbelsäule durch Unfälle oder Stürze. Der Druck auf das Rückenmark führt zur Schädigung von Nerven, was eine Lähmung zur Folge hat. Seltener kommt es zur vollständigen Unterbrechung der Nervenbahnen.

Krankheitsbedingte Querschnittlähmungen entstehen durch Druck auf das Rückenmark oder werden direkt im Rückenmark verursacht. Ursachen können Tumore, degenerative Veränderungen der Wirbelsäule (z. B. Bandscheibenvorfälle), Entzündungen oder Durchblutungsstörungen sein. Auch neurodegenerative Erkrankungen (Amyotrophe Lateralsklerose) und Stoffwechselstörungen (Vitamin B12-Mangel) können eine Querschnittssymptomatik verursachen.

Spastik bei Querschnittlähmung

Eine Schädigung des ersten Motoneurons oder dessen Axons führt zu einer spastischen Lähmung, die als Upper Motor Neuron Lesion (UMNL) bezeichnet wird. Bei Querschnittgelähmten äußert sich die UMNL in Form von gesteigerten, ungebremsten Reflexen und einem erhöhten Muskeltonus, d.h. einer erhöhten Grundspannung der gelähmten Muskulatur sowie Muskelkrämpfen.

Symptome und Verlauf

Die Symptome einer Querschnittlähmung hängen von der Höhe des verletzten Rückenmarks sowie des Ausmaßes dieser Verletzung ab. Im Rückenmark befinden sich sensorische und motorische Bahnen. Je nachdem, welche Bahn betroffen ist, unterscheiden sich die auftretenden Symptome. Menschen mit einem kompletten oder inkompletten Querschnitt bemerken meist zuerst, dass sie die Arme oder Beine nicht mehr bewegen können oder das Gefühl dafür fehlt. Schmerzen, die sich aufgrund der Verletzung der Nervenzellen ergeben, gibt es nicht. Spüren sie Schmerzen, werden sie in der Regel durch die Verletzungen der Wirbelsäule oder der umliegenden Weichteile verursacht.

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Nahezu alle Personen entwickeln mit der Querschnittlähmung Darmentleerungs- und Blasenentleerungsstörungen sowie Einschränkungen in der Sexualität. Aus den Sensibilitätsstörungen sowie den Muskellähmungen ergeben sich möglicherweise langfristige Folgen, die das Leben vieler Querschnittgelähmter beeinflussen. Am häufigsten kommt es zu Druckgeschwüren (Dekubitus). Eine weitere Folge der Querschnittlähmung ist die Spastik oder spastische Lähmung. Einige querschnittgelähmte Menschen entwickeln neuropathische Schmerzen (Nervenschmerzen), die sich bis zum chronischen Schmerzsyndrom entwickeln können. Da Bewegungen stark eingeschränkt sind, bauen sich nicht nur Muskeln ab. Auch die Knochen bauen sich immer weiter ab. Dabei spricht man von einer Osteoporose.

Unmittelbar nach dem Trauma kommt es unterhalb der Schädigungsstelle zu einer totalen Funktionslosigkeit der Muskulatur und einem Ausbleiben der Reflexe (spinaler Schock). Nach Abklingen des spinalen Schocks (Dauer wenige Stunden bis mehrere Wochen) entwickelt sich häufig eine Spastik (d.h. eine krankhaft erhöhte Muskelanspannung).

Abhängig von der Art und Ausprägung der Querschnittssymptomatik treten unterschiedliche Symptome und Folgen auf. Dazu gehören u.a. Dekubitus (Druckgeschwüre), Kontrakturen (schmerzhafte Versteifung von Gelenken) durch die Spastik (übersteigerte Spannung der Muskulatur) und Harnwegsinfekte.

Diagnose

Der Verdacht auf eine Querschnittlähmung tritt häufig schon am Unfallort auf, sobald die Verunfallten angeben, ihre Beine oder Arme nicht bewegen zu können oder nicht zu spüren. In der Notaufnahme der Klinik testen die Ärzt*innen Motorik und Sensibilität der betroffenen Gliedmaßen und des Rumpfes sowie die Reflexe. Weiter untersuchen sie die Funktionalität der Blase und des Mastdarms. Anschließend werden bildgebende Verfahren zur Diagnostik der Querschnittlähmung eingesetzt, darunter Röntgen, CT oder MRT.

Bei nicht-traumatischen Querschnittlähmungen erfolgt eine umfangreiche Differenzialdiagnostik, um weitere Erkrankungen oder Infektionen auszuschließen. Der Ablauf der Diagnose richtet sich nach dem Untersuchungsbogen des ISNCSCI (International Standard for Neurological Classification of Spinal Cord Injury). Bestätigt sich der Verdacht der Querschnittlähmung, bezeichnen die Ärzt*innen die Erkrankung nach dem letzten intakten Wirbel.

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Therapie

Die Querschnittlähmung ist nicht heilbar. Noch akute Schädigungen des Rückenmarks werden bevorzugt in spezialisierten Einrichtungen behandelt. Dort versuchen Ärzt*innen die Ausfälle weitestgehend rückgängig zu machen oder die Situation soweit zu stabilisieren, dass sie sich nicht verschlechtert. Es gibt bereits mehrere Ansätze für die Behandlung einer akuten Rückenmarksverletzung, sodass weitere Gewebeschäden verhindert werden können. Dazu zählt beispielsweise Minocyclin. Weiter werden Wirkstoffe entwickelt, die Wachstumshemmer ausschalten, das Nervenfaserwachstum anregen und die Remyelinisierung der Nervenzellen anregen sollen. Auch die Stammzelltherapie spielt dabei eine wichtige Rolle. Viele Rückenmarksverletzte greifen durch den unwillkürlichen Harnverlust auf Blasenkatheter zurück.

Das größte Augenmerk liegt in der langfristigen Rehabilitation. Hier spielt der Erhalt der Lebensqualität sowie die Autonomie der Betroffenen eine zentrale Rolle. Je nach Höhe des verletzten Wirbelkörpers erlernen komplett oder inkomplett Querschnittgelähmte den Umgang mit dem Rollstuhl oder weiteren Hilfsmitteln, sodass der Alltag weitgehend selbstständig gemeistert werden kann.

Die Behandlung einer Querschnittlähmung konzentriert sich auf die Rehabilitation und die Verbesserung der Lebensqualität. Zu den Optionen gehören:

  • Physiotherapie: Verbesserung der Beweglichkeit und Muskelkraft
  • Ergotherapie: Unterstützung bei alltäglichen Aktivitäten
  • Schmerzmanagement: Medikation und alternative Therapien zur Schmerzlinderung
  • Psychologische Unterstützung: Hilfe bei der emotionalen Verarbeitung der Verletzung

Weitere Therapieansätze sind:

  • Funktionelle Elektrostimulation (FES): Kann bei inkompletter Querschnittlähmung eingesetzt werden, um Muskeln zu aktivieren und Bewegungen zu ermöglichen.
  • Medikamentöse Therapie: Zur Behandlung von Spastik, Schmerzen, Blasenfunktionsstörungen und anderen Komplikationen.
  • Operative Therapie: In einigen Fällen können operative Eingriffe erforderlich sein, z. B. zur Stabilisierung der Wirbelsäule oder zur Behandlung von Komplikationen.

Rehabilitation und Lebensqualität

Nach der Rehabilitation ist das Ziel, dass die betroffenen Personen ihren Alltag selbstständig bewältigen können. Dazu zählen soziale Kontakte und ein passender Arbeitsplatz. Je nach Ausmaß der bleibenden Symptome kann eine dauerhafte pflegerische Unterstützung durch einen ambulanten Pflegedienst oder der Umzug in eine ambulante oder stationäre Einrichtung nötig werden.

Rehabilitation ist ein entscheidender Bestandteil des Behandlungsprozesses für Menschen mit Querschnittlähmung. Sie zielt darauf ab, die körperlichen, emotionalen und sozialen Fähigkeiten zu fördern, um die Selbstständigkeit und Lebensqualität zu maximieren. Ein interdisziplinäres Team von Fachleuten arbeitet zusammen, um individuelle Ziele zu setzen und Fortschritte zu überwachen.

Komplikationen und Folgeerscheinungen

  • Druckgeschwüre (Dekubitus): Entstehen durch längeres Sitzen oder Liegen in derselben Position.
  • Spastik: Erhöhte Muskelspannung und unwillkürliche Muskelkontraktionen.
  • Kontrakturen: Schmerzhafte Versteifung von Gelenken.
  • Harnwegsinfekte: Können durch gestörte Blasenfunktion entstehen.
  • Osteoporose: Abbau von Knochenmasse durch mangelnde Bewegung.
  • Neuropathische Schmerzen: Nervenschmerzen, die sich bis zum chronischen Schmerzsyndrom entwickeln können.
  • Autonome Dysreflexie: Unkontrollierter Blutdruckanstieg, der lebensbedrohlich sein kann.
  • Atemprobleme: Insbesondere bei Tetraplegie kann die Atemmuskulatur beeinträchtigt sein.

Leben mit Querschnittlähmung

Eine Querschnittlähmung kann erhebliche Auswirkungen auf das tägliche Leben haben, einschließlich:

  • Mobilitätseinschränkungen und der Notwendigkeit von Hilfsmitteln
  • Veränderungen in der Selbstständigkeit und der Fähigkeit, alltägliche Aufgaben zu erledigen
  • Emotionalen Herausforderungen, wie Angst, Depression oder Anpassungsprobleme
  • Bedarf an Unterstützung durch Familie, Freunde oder Pflegekräfte

Es gibt eine Vielzahl von Hilfsmitteln, die Menschen mit Querschnittlähmung helfen können, darunter:

  • Rollstühle (manuell und elektrisch)
  • Gehhilfen und Exoskelette
  • Hilfsmittel zur Unterstützung bei der Körperpflege und Mobilität
  • Anpassungen im Wohnraum, um die Zugänglichkeit zu verbessern

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