Unser Gehirn, das komplexeste Organ unseres Körpers, ist in zwei Hälften unterteilt, die als Hemisphären bekannt sind. Jede Hemisphäre steuert unterschiedliche Funktionen, und es wurde lange angenommen, dass beide Hälften für eine optimale Gehirnfunktion unerlässlich sind. Doch was passiert, wenn eine Gehirnhälfte fehlt oder entfernt werden muss? Ist ein normales Leben dann noch möglich? Die Antwort ist überraschend und faszinierend: Ja, ein Leben mit einem halben Gehirn ist möglich, und in einigen Fällen können Betroffene sogar ein nahezu normales Leben führen.
Die erstaunliche Fähigkeit des Gehirns zur Kompensation
Eine Studie hat gezeigt, dass das Gehirn in der Lage ist, den Verlust einer kompletten Hemisphäre zu kompensieren. Obwohl der Verlust einer Gehirnhälfte schwerwiegende Folgen für die kognitiven Fähigkeiten haben kann, können sich Betroffene in einigen Fällen erstaunlich gut anpassen. Das Gehirn bildet in der verbleibenden Hälfte ungewöhnlich starke Verknüpfungen zwischen verschiedenen Hirn-Netzwerken aus, um die fehlenden Funktionen auszugleichen.
Hirn-Netzwerke und ihre Bedeutung
Kein Neuron in unserem Gehirn arbeitet isoliert. Stattdessen ist das Gehirn in Netzwerken organisiert, in denen bestimmte Hirnregionen bei der Bewältigung bestimmter Aufgaben und auch im Ruhezustand gemeinsam aktiv sind. Diese funktionellen Verbindungen sind entscheidend für unsere kognitiven Fähigkeiten, unsere Emotionen und unser Verhalten. Viele der bekannten Netzwerke unseres Gehirns erstrecken sich über beide Hirnhälften.
Hemisphärektomie: Wenn eine Gehirnhälfte entfernt werden muss
Trotz der Tatsache, dass viele Hirn-Netzwerke sich über beide Hemisphären erstrecken, gibt es Menschen, die über ein überraschend hohes Maß an kognitiven und sensomotorischen Fähigkeiten verfügen, obwohl sie nur noch eine Hemisphäre besitzen. Dies kann zum Beispiel bei Patienten mit bestimmten Formen schwerster Epilepsie der Fall sein, bei denen eine sogenannte Hemisphärektomie als Therapiemaßnahme durchgeführt wird. Bei diesem drastischen neurochirurgischen Eingriff wird eine komplette Hirnhälfte entfernt oder funktionell abgetrennt.
Fallbeispiele: Leben mit einem halben Gehirn
Philipp Dörr: Ein Leben ohne links
Philipp Dörr ist ein beeindruckendes Beispiel für die Wandlungsfähigkeit des Gehirns. Seit zwölf Jahren lebt er mit einem halben Großhirn, nachdem ihm aufgrund schwerer Epilepsie eine Hemisphärektomie durchgeführt wurde. Trotz dieses massiven Eingriffs spielt er Schach, liest Goethe und geht tauchen.
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Vor der Operation bereitete die Ärzte Philipps Eltern darauf vor, dass er danach „möglicherweise nicht mehr der Philipp sei, wie sie ihn kannten“. Doch zu ihrem Erstaunen haben seine intellektuellen Fähigkeiten nicht gelitten. Sein Intelligenzquotient ist überdurchschnittlich, und er schreibt gute Noten in der Schule.
Der Fall des französischen Beamten
Ein weiterer bemerkenswerter Fall ist der eines 44-jährigen französischen Beamten, der mit weniger als der Hälfte des normalen Hirnvolumens ein nahezu normales Leben führte. Der Mann kam wegen Schmerzen im Bein in eine Klinik, und bei der Untersuchung stellten die Ärzte fest, dass sein Gehirn aufgrund einer Flüssigkeitsansammlung im Kopf (Hydrocephalus) stark reduziert war. Trotzdem hatte er einen IQ von 75 und führte ein normales Leben mit Familie und Beruf.
Michelle Mack: Ein Leben mit nur einer Hirnhälfte
Michelle Mack wurde mit nur einer Hirnhälfte geboren, da sich ihre linke Hirnhälfte aufgrund eines Schlaganfalls vor der Geburt nicht ausgebildet hatte. Trotzdem lebt sie ein überraschend selbstständiges Leben. Ihre rechte Hirnhälfte hat wichtige Funktionen wie Sprechen und Lesen übernommen, obwohl sie Schwierigkeiten mit räumlichem Vorstellungsvermögen und der Kontrolle ihrer Gefühle hat.
Nele: Hirnhälftentrennung aufgrund von Epilepsie
Bei der anderthalb Jahre alten Nele wurde eine komplexe Hirnfehlbildung festgestellt, die zu starken epileptischen Anfällen führte. Um ihr bestmögliches Leben zu ermöglichen, wurde bei ihr eine Hemisphärotomie durchgeführt, bei der die linke Hirnhälfte funktionell von der rechten abgetrennt wurde. Seitdem ist Nele in ihrer kognitiven Entwicklung verlangsamt und ihre rechte Körperseite ist gelähmt. Es gibt jedoch Hoffnung, dass sie irgendwann nicht mehr auf Hilfsmittel angewiesen sein wird und dass sie sprechen lernen wird, obwohl sich das Sprachzentrum normalerweise in der linken Hirnhälfte befindet.
Wie das Gehirn den Verlust einer Hemisphäre kompensiert
Die Wissenschaftler sind sich noch nicht vollständig im Klaren darüber, wie das Gehirn den Verlust einer Hemisphäre kompensiert. Es wird jedoch angenommen, dass die verbleibende Hirnhälfte in der Lage ist, sich neu zu verdrahten und die Funktionen der fehlenden Hemisphäre zu übernehmen. Dies wird als Plastizität des Gehirns bezeichnet.
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Die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) hat gezeigt, dass bei Menschen mit nur einer Hirnhälfte die einzelnen Netzwerke untereinander deutlich stärker verknüpft sind. Diese erhöhte Kommunikation zwischen einzelnen Hirn-Netzwerken könnte ein wichtiger Kompensationsmechanismus sein.
Die Bedeutung der frühzeitigen Intervention
Es scheint, dass das Alter, in dem der Verlust einer Hirnhälfte auftritt, eine wichtige Rolle bei der Kompensation spielt. Je jünger die Person ist, desto besser kann sich das Gehirn anpassen. Bei Kindern ist das Gehirn noch sehr plastisch und kann leichter neue Verbindungen herstellen.
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