Die vestibuläre Migräne, oft auch als Schwindelmigräne bezeichnet, ist eine Form der episodischen Migräne, bei der Schwindelattacken im Vordergrund stehen. Viele Patienten kennen Schwindel-Symptome bei ihrer Migräne. Man schätzt, dass zwischen 10 bis 40 Prozent auch Schwindel-Symptome bei ihrer Migräne kennen. Bei etwa einem Prozent der Bevölkerung sind Schwindelanfälle das führende neurologische Symptom im Rahmen der Migräne. Diese können zusammen mit Kopfschmerzen, aber auch ohne Kopfschmerzen auftreten. Die Diagnose kann schwierig sein, da die Symptome denen anderer Erkrankungen wie Morbus Menière ähneln können.
Was ist vestibuläre Migräne?
Einfach gesagt, ist die vestibuläre Migräne wie eine Art Wirbelsturm im Kopf, denn sie kann nicht nur zu einer Kopfschmerzattacke führen, sondern auch zu Schwindelbeschwerden. Das Tückische daran: Manchmal tritt der Schwindel - meist in Form von Drehschwindel - auch ohne Kopfschmerzen auf, was die Diagnose erschwert. Die Schwindelmigräne gilt deshalb auch als „Chamäleon unter den Schwindelformen“.
Tatsächlich kommt es in 30 % der Fälle erst gar nicht zum klassischen Migräne-Symptom Kopfschmerz. Dafür aber zu anderen typischen Begleitbeschwerden, die der Schwindelattacke vorausgehen oder zeitgleich auftreten, wie z.B.:
- Licht- und Lärmempfindlichkeit
- Ohrgeräusche oder Hörminderung
- Sehstörungen
- Übelkeit und Erbrechen
Symptome der vestibulären Migräne
Das Leitsymptom der vestibulären Migräne ist Schwindel. Zusätzlich treten allgemeine Migräne-Symptome auf, darunter Kopfschmerzen, Lärm- und Lichtscheu.
Die Hauptmerkmale der vestibulären Migräne verrät bereits der Name: migranöse Kopfschmerzen und Schwindel. Für unseren Gleichgewichtssinn ist das Vestibularorgan zuständig, das im Innenohr sitzt. Kommt es zu Störungen in diesem Bereich oder in den zugehörigen Regionen des Gehirns, wird dem Betroffenen schwindelig. Patienten mit vestibulärer Migräne beschreiben häufig einen Schwank- oder Drehschwindel, der entweder spontan oder lageabhängig auftritt. Begleitend zum Schwindel können oft schnelle, zuckende Augenbewegungen beobachtet werden, ein sogenannter Nystagmus. Dadurch entsteht das Gefühl, dass sich die Umgebung dreht.
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Die Symptome der vestibulären Migräne dauern zwischen fünf Minuten und 72 Stunden. Die Beschwerden klingen bis zum nächsten Migräne-Anfall komplett ab und halten nie länger als drei aufeinanderfolgende Tage und keinesfalls wochenlang an.
Weitere Symptome sind:
- Drehschwindel: Betroffene haben das Gefühl, sich ununterbrochen auf einem Karussell zu befinden.
- Lageabhängiger Schwindel: Die Symptomstärke hängt von der Position des Kopfes im Raum ab.
- Kopfbewegungsintoleranz: Betroffene fühlen sich seekrank, sobald sie ihren Kopf bewegen.
- Visuelle Signale: Bewegte oder komplexe Muster können Schwindel auslösen.
- Oszillopsien: Scheinbewegungen der Umwelt.
- Übelkeit, Erbrechen
- Gangunsicherheit: Aufgrund von Gleichgewichtsstörungen.
- Auditive Symptome: Hörminderung, Tinnitus oder Ohrendruck.
Diagnose der vestibulären Migräne
Die Diagnose der vestibulären Migräne kann schwierig sein, da die Symptome denen anderer Erkrankungen ähneln können. Die internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) und die Bárány-Society (The International Society for Neuro-Otology, Schweden) veröffentlichten ein Dokument mit vorgegebenen Diagnosekriterien. Dieses soll Ärzten eine Hilfestellung geben, um eine Schwindelmigräne festzustellen und dadurch andere Erkrankungen wie Morbus Menière auszuschließen.
Um die Diagnose vestibuläre Migräne zu stellen, müssen folgende Kriterien erfüllt sein:
- Mindestens fünf Attacken mit vestibulären Symptomen mit einer Dauer von fünf Minuten bis 72 Stunden
- Eine diagnostizierte Migräne mit oder ohne Aura
- Bei mindestens 50 % der Schwindelanfälle treten ein oder mehrere Migränesymptome auf
- Die Beschwerden sind nicht auf eine andere Erkrankung zurückzuführen
Ein weiteres klares Unterscheidungsmerkmal ist außerdem: Die Attacken der vestibulären Migräne führen im Gegensatz zu Morbus Menière nicht zu einem fortschreitenden Hörverlust.
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Differentialdiagnosen
Manchmal ist die vestibuläre Migräne von anderen Erkrankungen des Innenohrs schwierig zu unterscheiden. Zu den Differentialdiagnosen - also den Krankheitsbildern, die der vestibulären Migräne ähneln - gehören unter anderem:
- Morbus Menière: Betroffene weisen oft ebenfalls Migräne-Symptome auf. Zusätzlich leiden sie unter Hörverlust, Tinnitus und Ohrendruck. Diese Symptome verschlimmern sich im Laufe der Erkrankung.
- Transitorisch ischämische Attacken (TIAs): TIAs betreffen meist ältere Patientinnen und Patienten. Die Symptome (Sprachschwierigkeiten, Verwirrtheit, Sehverlust besonders auf einem Auge, Schwindel, Gleichgewichts- und Koordinationsverlust) halten zwischen wenigen Minuten und mehreren Stunden an.
- Vestibularisparoxysmie: Durch Nervenkompression kommt es bei der Vestibularisparoxysmie zu Schwindel-Attacken, die einige Sekunden andauern. Diese Attacken treten bis zu 100-mal am Tag auf. Zusätzlich - und von den Schwindel-Attacken unabhängig - klagen Betroffene über anfallsartige auftretende Beschwerden wie Ohrendruck, Hörminderung und Tinnitus.
- Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS): Bei BPLS kommt es zu kurzen Schwindel-Attacken, sobald der Kopf bewegt wird. Die Beschwerden treten unter anderem beim Aufstehen, Hinlegen, Umdrehen und Aufrichten auf und werden von einem rhythmischen „Augenzittern“ begleitet (Nystagmus). Endet die Bewegung, endet auch der Schwindel. Bis zur nächsten Bewegung sind die Betroffenen beschwerdefrei.
- Psychogener Schwindel: Dieser Schwindel ist die Folge einer Angststörung. Daher tritt er besonders situativ auf, also bei sehr pessimistischen, katastrophisierenden Gedanken, bei extremer Angst, Herzrasen, Luftnot und bei Muskelzittern (Tremor).
- Orthostatische Hypotonie: Wenn das Blut beim Aufstehen in den Beinen versackt, sinkt bei den Betroffenen der Blutdruck. Dann spricht man von einer orthostatischen Hypotonie. Direkt nach dem schnellen Aufstehen kommt es zu einer kurzen Benommenheit, zu Schwindel und Sehstörungen.
Auslöser der vestibulären Migräne
Ähnlich wie bei einer normalen Kopfschmerzattacke gibt es auch bei der vestibulären Migräne bestimmte Trigger, die die Beschwerden auslösen:
- Stress
- Schlafmangel
- Hormonelle Veränderungen z.B. während Schwangerschaft und Wechseljahren
- Wetter
- Unverträglichkeiten und Allergien
- Licht- oder Geräuschreize
Diese Auslöser können von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein. Umso wichtiger ist es dann, seine persönlichen Trigger zu kennen, um so die Migräneattacken zu reduzieren.
Medikamentöse Behandlung der vestibulären Migräne
Bei der vestibulären Migräne werden vor allem Medikamente eingesetzt, die die Symptome lindern. Es kommen spezielle Migräne-Präparate oder Medikamente gegen Übelkeit zum Einsatz.
Akuttherapie
- Antiemetika: Gegen Schwindel und Übelkeit helfen Medikamente, die die Gleichgewichtsfunktionen dämpfen und die auch zum Beispiel gegen Reisekrankheit eingesetzt werden. Antiemetika wie Metoclopramid und Domperidon wirken zum Beispiel gegen die Übelkeit, die das Schwindelgefühl oft begleitet. Bei einer akuten Attacke rät Dr. Katja Heinze-Kuhn, Oberärztin an der Schmerzklinik Kiel, zu bestimmten Mitteln gegen Übelkeit, etwa den Wirkstoff Dimenhydrinat, der auch in Reisetabletten enthalten ist. Den Wirkstoff gibt es in Form von Tabletten, Saft (individuell dosierbar) oder Zäpfchen, was sinnvoll sein kann, wenn die Attacken mit Übelkeit und Erbrechen einhergehen. „Sie helfen auch gegen den Schwindel und lassen die Patienten zur Ruhe kommen.“
- Triptane: Generell wirksam gegen Migräne sind Triptane. Diese Medikamente bekämpfen gezielt die Migräne und wirken nicht symptomatisch, indem sie beispielsweise den Schmerz betäuben wie übliche Analgetika. Als erster so genannter selektiver Serotoninagonist in der Migränetherapie zur Verfügung. Da Triptane nicht nur den Migränekopfschmerz bekämpfen, sondern auch gegen Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen, Lärm- und Lichtempfindlichkeit wirken, ist eine zusätzliche Anwendung eines Medikaments gegen Übelkeit und Erbrechen (Antiemetikum) manchmal nicht erforderlich. Eine entscheidende Wirkung der Triptane: Sie blockieren die Freisetzung von Nervenbotenstoffen (Neuropeptiden und Neurotransmittern), die eine lokale neurogene Entzündung an den Blutgefäßen des Gehirns auslösen können. Nehmen Sie Triptane erst ein, wenn die Kopfschmerzphase beginnt, dann aber so früh wie möglich. Während der Auraphase sollten diese Wirkstoffe nicht verabreicht werden. Grund dafür ist, dass sie nicht in der Lage sind, die Symptome der Aura direkt zu beeinflussen. Auch können sie die Symptome der Migräne nicht effektiv verbessern, wenn sie zu früh vor der Kopfschmerzphase gegeben werden.
- Analgetika: Allerdings verbessern natürlich auch klassische Schmerzmittel (Analgetika) den akuten Zustand, indem sie die Schmerzen beseitigen. Zu den häufig eingesetzten Schmerzmitteln gehören vor allem Ibuprofen und ASS.
Prophylaxe
Zur Vorbeugung einer Schwindelmigräne werden dieselben Maßnahmen empfohlen wie zur Vorbeugung von Migränekopfschmerzen.
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Medikation entsprechend Migräneprophylaxe:
- 1. Wahl: Betablocker, Flunarizin, Valproat, Topiramat
- 2. Wahl: Pestwurz, Magnesium, Amitriptylin, Acetylsalicylsäure, Naprocen, Riboflavin (Vitamin B2)
Weitere Medikamente zur Prophylaxe:
- Flunarizin: Besonders geeignet zur Vorbeugung (Prophylaxe) ist der Calciumkanalblocker Flunarizin. Flunarizin blockiert besagten Calciumkanal im Innenohr und wirkt so direkt am Vestibularorgan. Als Nebenwirkungen können Gewichtszunahme, Müdigkeit und Appetitsteigerung auftreten. Patienten und Patientinnen, die an Depressionen leiden, dürfen Flunarizin nicht einnehmen. Flunarizin wird zur Behandlung folgender neurologischer Erkrankungen eingesetzt: Zur symptomatischen Behandlung von fachärztlich abgeklärtem vestibulärem Schwindel infolge von anhaltenden Funktionsstörungen des Gleichgewichtsapparates (Vestibularapparates). Zur Prophylaxe bei diagnostisch abgeklärter, einfacher und klassischer Migräne bei Patienten mit häufigen und schweren Migräneanfällen, wenn die Behandlung mit Betablockern kontraindiziert ist oder keine ausreichende Wirkung gezeigt hat. Flunarizin ist ein Calciumkanalblocker, der den transmembranösen Einstrom von Calciumionen hemmt, insbesondere in die glatte Gefäßmuskulatur. Dadurch kann es Vasokonstriktionen reduzieren, was für die Migräneprophylaxe von Bedeutung ist. Die genaue biochemische Wirkweise ist nicht abschließend geklärt, jedoch zeigen tierexperimentelle Studien einen spasmolytischen Effekt, der unter pathologischen Bedingungen klinisch relevant sein könnte. Bei der Anwendung von Flunarizin kann es u.a. zu folgenden Nebenwirkungen kommen: Sehr häufig (≥1/10): Gewichtszunahme. Häufig (≥1/100 bis <1/10): Müdigkeit, Somnolenz, Depression, Appetitsteigerung, Obstipation, Übelkeit, Myalgie, unregelmäßige Menstruation. Flunarizin darf nicht angewendet werden bei Patienten mit bestimmten Vorerkrankungen: Morbus Parkinson und anderen extrapyramidalen Störungen, da Flunarizin diese Symptome verstärken kann. Depressionen oder einer Vorgeschichte rezidivierender depressiver Episoden, da die Substanz depressive Verstimmungen begünstigen kann. Überempfindlichkeit gegenüber Flunarizin oder einem der sonstigen Bestandteile des Arzneimittels. Schwerer Leberinsuffizienz, da der Wirkstoff primär hepatisch metabolisiert wird. Schwangerschaft und Stillzeit, da keine ausreichenden Sicherheitsdaten vorliegen.
- Acetazolamid und Diclofenamid: Acetazolamid und Diclofenamid sind Carboanhydrasehemmer, die bei der Vorbeugung von vestibulärer Migräne ebenfalls gute Ergebnisse erzielen. Die Carboanhydrase ist ein Enzym, das eine chemische Reaktion im Körper fördert. Carboanhydrasehemmer blockieren genau diese Reaktion. Dadurch sinken der Blutdruck und der Hirndruck und die Wasserausscheidung erhöht sich. Sie müssen diese Medikamente einschleichen und mindestens drei Monate einnehmen, bevor Sie zusammen mit Ihrem behandelnden Arzt ein Fazit ziehen können. Besprechen Sie mit ihm außerdem regelmäßig die Wirkungen und möglichen Nebenwirkungen.
- CGRP-Antikörper: Seit einigen Jahren sind bei hohem Leidensdruck auch CGRP-Antikörper zur Prophylaxe zugelassen, die sich Patienten einmal im Monat oder einmal im Quartal selbst unter die Haut spritzen können. Zu den Antikörpern gibt es eine erste erfolgreiche Pilotstudie, für eine allgemeine Empfehlung liegen noch zu wenige Daten vor.
- Gepante: Erst in diesem Jahr ist eine neue Wirkstoffklasse zur Migräne-Prophylaxe auf den Markt gekommen, die auch die vestibuläre Form in Schach halten könnte: Die sogenannten Gepante blockieren im Gehirn einen Rezeptor, der an der Entstehung von Attacken beteiligt ist.
Wichtige Hinweise zur Medikamenteneinnahme
- Triptane sollten nur eingesetzt werden nach einer ärztlichen Voruntersuchung einschließlich Blutdruckmessung und Elektrokardiogramm sowie individueller Beratung.
- In keinem Fall dürfen Triptane in Verbindung mit Ergotaminen verabreicht werden.
- Wenn Sie an einem Tag mehr als zweimal zu dem Medikament greifen, müssen Sie mit Ihrem Arzt ein neues Therapiekonzept erarbeiten, das zu einer besseren Wirksamkeit führt.
- Der Hersteller empfiehlt, Triptane nur bis zu einem Alter von 65 Jahren zu verabreichen. In Absprache mit dem behandelnden Arzt und nach kardiologischer Abklärung spricht nichts gegen einen Einsatz von Triptanen auch jenseits dieses Alters.
Nicht-medikamentöse Behandlung
Ein wichtiger Faktor bei der Behandlung von vestibulärer Migräne ist ein gesunder Lebensstil: Erholsamer Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und genügend Trinken bilden hierfür die Basis. Auch regelmäßige Bewegung ist essenziell - ideal geeignet sind alle Ausdauersportarten, wie z.B. Joggen, Schwimmen oder Fahrradfahren. Da Stress ein häufiger Trigger der Schwindelmigräne ist, können Entspannungsmethoden eine sinnvolle Ergänzung zur Behandlung der Attacken sein: beispielsweise progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Mediation.
Weitere vorbeugende Maßnahmen:
- Regelmäßiger Ausdauersport wie beispielsweise Joggen, Schwimmen, Radfahren
- Anwendung von Entspannungstechniken wie zum Beispiel Yoga, progressive Muskelrelaxation und autogenes Training oder Biofeedback-Techniken
- Psychologische, zum Beispiel so genannte verhaltenstherapeutische Verfahren können helfen, insbesondere wenn auch eine Depression oder eine Angststörung bestehen.
- Regelmäßig essen und trinken, damit das Gehirn stets mit Energie versorgt ist.
- Gleichgewichtstraining gibt Patientinnen und Patienten Sicherheit.
Krankheitsverlauf und Prognose
Mithilfe von geeigneten Prophylaxe-Maßnahmen lassen sich die Migräne-Tage meistens um etwa die Hälfte reduzieren. Trotzdem kommt es immer wieder zu episodischen Migräne-Anfällen, das lässt sich kaum vermeiden. Vielen Betroffenen gelingt es aber, ihre individuellen Auslöser (Trigger) aufzudecken und oft auch zu vermeiden, oder sie finden einen Weg, um mit den Symptomen umzugehen.
Vestibuläre Migräne ist nicht heilbar. Dennoch gibt es immer wieder Fälle, bei denen es zu einer Spontanremission kommt. Viele Patientinnen und Patienten haben jedoch immer wieder Migräne-Anfälle. Kommen Migränepatientinnen in die Wechseljahre, lassen die Kopfschmerzen oft nach und der Schwindel tritt alleine auf.
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