Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die weit mehr als nur Kopfschmerzen umfasst. Viele Betroffene leiden unter einer Vielzahl von Begleiterscheinungen, darunter eine ausgeprägte Müdigkeit, die oft als bleierne Müdigkeit beschrieben wird. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Zusammenhänge zwischen Migräne und Fatigue, um Betroffenen und Interessierten ein besseres Verständnis dieser belastenden Symptomatik zu ermöglichen.
Einführung
Müdigkeit und Erschöpfung sind unspezifische Symptome, die viele Ursachen haben können. Bei Migränepatienten tritt diese Müdigkeit jedoch häufig in einem charakteristischen Muster auf, das mit den verschiedenen Phasen der Migräneattacke zusammenhängt. Um die Ursachen der bleiernen Müdigkeit bei Migräne besser zu verstehen, ist es wichtig, die verschiedenen Phasen einer Migräneattacke zu betrachten und mögliche Begleiterkrankungen in Betracht zu ziehen.
Die Phasen einer Migräneattacke und ihre Auswirkungen auf die Müdigkeit
Eine Migräneattacke verläuft typischerweise in mehreren Phasen, die jeweils unterschiedliche Symptome und Auswirkungen auf das Energieniveau des Betroffenen haben können.
Prodromalphase (Vorbotenphase)
Bei etwa 30 Prozent der Migränepatienten kündigt sich eine Kopfschmerzattacke im Vorfeld mit verschiedenen Symptomen an. Diese Prodromalphase kann wenige Stunden vor der Migräneattacke eintreten, aber auch bis zu zwei Tage vorher einsetzen. Es können sowohl psychische als auch körperliche Symptome auftreten. Dazu gehören:
- Depressive Verstimmung
- Vermehrte Gereiztheit und Unruhe
- Hochstimmung und ein Gefühl besonderer Leistungsfähigkeit
- Heißhunger auf Süßigkeiten oder fettige Speisen
- Ungewöhnlicher Durst oder Appetitlosigkeit
- Verstopfungen
- Müdigkeit oder Benommenheit
Bereits in dieser Phase kann Müdigkeit ein deutliches Anzeichen für eine bevorstehende Migräneattacke sein.
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Auraphase
Bei etwa 10 bis 15 Prozent der Migränepatienten tritt im Anschluss an die Prodromalphase eine Auraphase auf. Sie ist mit vorübergehenden neurologischen Reiz- und Ausfallerscheinungen verbunden, die meist 15 bis 60 Minuten dauern. Typische Symptome sind:
- Sehstörungen (z. B. Zickzacklinien, Lichtblitze, Gesichtsfeldausfälle)
- Schwäche
- Taubheit oder Kribbeln im Gesicht oder den Extremitäten einer Seite
- Sprachstörungen
- Schwindel oder Gangunsicherheit
Auch während der Auraphase kann Müdigkeit auftreten, oft in Verbindung mit den anderen neurologischen Symptomen.
Schmerzphase (Kopfschmerzphase)
In der Schmerzphase setzt der eigentliche Kopfschmerz ein, der mit den typischen Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Erbrechen, Licht-, Lärm- und Geräuschempfindlichkeit einhergeht. Der mittlere bis starke, pulsierende, pochende oder stechende Kopfschmerz beginnt in der Regel auf einer Seite und breitet sich auf Stirn, Schläfe und Augenbereich aus. Später kann er sich auch auf die andere Kopfseite ausdehnen. Die Schmerzphase dauert bei erwachsenen Menschen zwischen 4 und 72 Stunden, bei Kindern ist sie meist kürzer.
Die Schmerzphase ist oft von extremer Erschöpfung begleitet. Die Kombination aus Schmerzen, Übelkeit und sensorischer Überempfindlichkeit kann sehr kräftezehrend sein.
Auflösungsphase
Am Ende der Schmerzphase wechselt der pulsierende Schmerzcharakter oft zu einem gleichbleibenden Schmerz. Die Symptome sind zwar noch da, werden aber weniger intensiv.
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Postdromalphase (Erholungsphase)
Nach der Schmerzphase folgt häufig eine Erholungsphase oder auch Schlafphase, mit der die Migräneattacke langsam abklingt. Viele Patienten fühlen sich in dieser Phase jedoch noch sehr müde und erschöpft, ähnlich wie nach einem Kater. Die Symptome ähneln denen der Prodromalphase.
Diese Phase kann mehrere Tage dauern und die Betroffenen in ihrem Alltag stark einschränken. Die starke Erschöpfung, die Fatigue, ist ein typisches Symptom des Postdroms.
Mögliche Ursachen der bleiernen Müdigkeit bei Migräne
Die Ursachen der bleiernen Müdigkeit bei Migräne sind vielfältig und noch nicht vollständig geklärt. Es gibt jedoch verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen können.
Neurobiologische Faktoren
Eine frühere Studie fand, dass bei Migränepatienten während der Attacke die Freisetzung von Dopamin abzunehmen schien. Interessanterweise liegt bei den drei hier beschriebenen möglichen Begleiterkrankungen der Migräne eine mögliche Ursache im Dopamin-Haushalt der Patienten. So lindern sogenannte Dopamin-Agonisten Symptome des Restless-Legs-Syndroms, Antidepressiva greifen häufig im dopaminergen System ein, und auch gegen die Schmerzen der Fibromyalgie werden inzwischen Medikamente eingesetzt, die die Produktion von Dopamin anregen sollen. Ist also auch bei der Migräne die Dopaminproduktion ein Problem?
Begleiterkrankungen
Tatsächlich fanden sich bei Migränepatienten häufiger auch Anzeichen von anderen Erkrankungen, die eine Fatigue zur Folge haben können. Die Häufigkeit depressiver Symptome und von Fibromyalgie war bei Migränepatienten höher als in der Kontrollgruppe. Das Restless-Legs-Syndrom trat vor allem bei Migränepatienten mit höherem Durchschnittsalter auf, die zudem typischerweise schon länger an Migräne litten. Allgemein war das Restless-Legs-Syndrom allerdings häufiger bei Migränepatienten sowohl mit als auch ohne Aura zu finden - und zudem bei Teilnehmern der Kontrollgruppe, bei denen sogenannte ‚nicht-spezifische Läsionen‘ der Weißen Substanz im bildgebenden Verfahren Kernspintomographie zu sehen waren.
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Diese Überschneidungen bieten einen Einblick in die starke Erschöpfung, die Fatigue, bei Migränepatienten und eine ihrer möglichen Ursachen im Dopamin-Haushalt der Patienten.
Im Zusammenhang mit Fatigue wird inzwischen auch öfter das Restless-Legs-Syndrom erwähnt - das Syndrom der ruhelosen Beine, eine Übersetzung, die schon sehr genau beschreibt, was hierbei das Problem ist. Die Ruhelosigkeit tritt besonders dann auf, wenn eigentlich Ausruhen das Ziel ist und erschwert so das Entspannen und Erholen. Nicht selten ist dadurch auch der Schlaf gestört und entsprechend wenig erholsam. Bei Betroffenen mit einer starken Erschöpfung, wie sie auch typisch als Postdrom nach einer Migräneattacke ist, kann also manchmal auch dieses Syndrom ein Faktor sein. Auch andere Faktoren wie Depressionen und Fibromyalgie, ein schmerzhaftes Syndrom, können eine starke Erschöpfung hervorrufen.
Schlafstörungen
Ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus ist eine häufige Ursache für Müdigkeit. Nicht erholsamer Schlaf verstärkt die Müdigkeitssymptome bei Migränepatienten zusätzlich.
Medikamente
Apotheker sollten besonders beachten, dass zahlreiche Arzneimittel als Nebenwirkung müde machen können, zum Beispiel Antidepressiva, Antihypertensiva, Antihistaminika, Antipsychotika, Benzodiazepine und Z-Substanzen, Opioide und Migränemedikamente.
Lebensstilfaktoren
Stress, unregelmäßige Mahlzeiten, Bewegungsmangel und andere ungünstige Lebensstilfaktoren können die Müdigkeit bei Migräne verstärken.
Diagnose und Behandlung
Die Diagnose der Ursachen der bleiernen Müdigkeit bei Migräne erfordert eine sorgfältige Anamnese und körperliche Untersuchung. Der Arzt wird nach Begleiterkrankungen, Schlafstörungen, Medikamenteneinnahme und Lebensstilfaktoren fragen. In einigen Fällen können weitere Untersuchungen wie Bluttests oder eine Schlafanalyse erforderlich sein.
Die Behandlung der Müdigkeit bei Migräne ist multimodal und umfasst in der Regel:
- Behandlung der Migräne: Eine effektive Migräneprophylaxe und Akutbehandlung kann die Häufigkeit und Intensität der Attacken reduzieren und somit auch die damit verbundene Müdigkeit verringern.
- Behandlung von Begleiterkrankungen: Wenn Begleiterkrankungen wie Depressionen, Fibromyalgie oder das Restless-Legs-Syndrom vorliegen, sollten diese gezielt behandelt werden.
- Schlafhygiene: Regelmäßige Schlafzeiten, ein kühles und abgedunkeltes Schlafzimmer sowie der Verzicht auf Koffein und Alkohol vor dem Schlafengehen können die Schlafqualität verbessern.
- Stressmanagement: Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen und die Müdigkeit zu reduzieren.
- Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität, insbesondere Ausdauersport, kann die Müdigkeit verringern und das Energieniveau steigern.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit regelmäßigen Mahlzeiten kann helfen, den Blutzuckerspiegel stabil zu halten und Müdigkeit vorzubeugen.
- Medikamentöse Therapie: In einigen Fällen können Medikamente wie Antidepressiva oder Stimulanzien zur Behandlung der Müdigkeit eingesetzt werden. Dies sollte jedoch nur in Absprache mit einem Arzt erfolgen.
Tipps und Empfehlungen für Betroffene
- Führen Sie ein Kopfschmerztagebuch: Notieren Sie Ihre Migräneattacken, Begleitsymptome, mögliche Auslöser und die Auswirkungen auf Ihre Müdigkeit. Dies kann Ihrem Arzt helfen, die Ursachen Ihrer Müdigkeit besser zu verstehen und eine individuelle Behandlungsstrategie zu entwickeln.
- Achten Sie auf eine gute Schlafhygiene: Schaffen Sie eine entspannende Schlafumgebung und halten Sie regelmäßige Schlafzeiten ein.
- Integrieren Sie Entspannungstechniken in Ihren Alltag: Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit für Entspannungsübungen wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung.
- Bewegen Sie sich regelmäßig: Regelmäßige körperliche Aktivität kann helfen, die Müdigkeit zu verringern und das Energieniveau zu steigern.
- Ernähren Sie sich ausgewogen: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung mit regelmäßigen Mahlzeiten und vermeiden Sie stark verarbeitete Lebensmittel.
- Vermeiden Sie Stress: Versuchen Sie, Stressoren in Ihrem Leben zu reduzieren und einen gesunden Umgang mit Stress zu finden.
- Sprechen Sie mit Ihrem Arzt: Wenn Sie unter bleierner Müdigkeit leiden, sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Er kann Ihnen helfen, die Ursachen Ihrer Müdigkeit zu finden und eine individuelle Behandlungsstrategie zu entwickeln.