Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Die medikamentöse Migräne-Prophylaxe zielt darauf ab, die Häufigkeit, Dauer und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren. Ein häufig eingesetztes Medikament zur Migräneprophylaxe ist Propranolol, ein Betablocker. Dieser Artikel beleuchtet die Wirkung von Propranolol bei Migräne, seine Anwendungsgebiete, Nebenwirkungen und aktuelle Forschungsergebnisse.
Was ist Migräne und wann ist eine Prophylaxe sinnvoll?
Migräne ist eine wiederkehrende Form von Kopfschmerzen, die mäßige bis starke, pochende oder pulsierende Schmerzen verursacht. Die Schmerzen treten häufig auf einer Seite des Kopfes auf und können von Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen und Lichtempfindlichkeit begleitet sein. Rund 10-15 % der Menschen weltweit sind von Migräne betroffen.
Eine medikamentöse Migräneprophylaxe wird empfohlen, wenn mindestens eine der folgenden Aussagen zutrifft:
- Die Anfallsbehandlung führt bisher zu keinem befriedigendem Ergebnis.
- Mehr als drei Migräneattacken pro Monat treten auf.
- Die Medikamente zur Behandlung der Migräneattacke werden schlecht oder gar nicht vertragen.
- Die Zahl der Migräneattacken nimmt zu.
- An mehr als 10 Tagen im Monat werden Schmerz- oder Migränemittel eingenommen.
- Die Lebensqualität ist durch die Migräne stark eingeschränkt.
- Nach einer Migräne kommt es zu neurologischen Beschwerden, die länger als sieben Tage andauern.
Propranolol: Ein Betablocker zur Migräneprophylaxe
Propranolol gehört zur Arzneistoffklasse der Beta-Rezeptorenblocker (Betablocker). Es wurde in den 1960er Jahren entwickelt und kam 1964 auf den Markt. Ursprünglich wurde Propranolol zur Behandlung von Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt. Heute wird es auch zur Migräneprophylaxe, bei essentiellem Tremor und bei Hyperthyreose verwendet.
Wirkmechanismus von Propranolol
Propranolol greift im vegetativen (autonomen) Nervensystem an, das unter anderem den Blutdruck und die Herzarbeit steuert. In beiden Fällen erfolgt die Regulierung über bestimmte Nervenbotenstoffe (Neurotransmitter), darunter vor allem Adrenalin.
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Adrenalin wird im Nebennierenmark produziert und kann an bestimmten Andockstellen (Beta-Rezeptoren) am Herzen binden. Dadurch wird das Signal für eine Beschleunigung des Herzschlags gegeben. Zudem kann Adrenalin die Bronchien weiten und den Stoffwechsel (Glykogen- und Fettabbau) anregen und steigern.
Propranolol konkurriert mit Adrenalin um die Beta-Rezeptoren und verdrängt den Botenstoff letztendlich. Somit kann Adrenalin nicht mehr seine herzschlagsteigernde Wirkung entfalten - mit der Folge, dass der Herzschlag sich verlangsamt und der Blutdruck sinkt. Ein wichtiger Effekt dabei ist auch, dass der Sauerstoffverbrauch des Herzens verringert wird.
Anwendung von Propranolol
Propranolol ist in Form von Filmtabletten, Retardtabletten oder als Lösung erhältlich. Die Filmtabletten werden vor den Mahlzeiten und die Retardtabletten (morgens) unzerkaut mit ausreichend Flüssigkeit eingenommen. Die orale Lösung sollte während oder unmittelbar nach einer Nahrungsaufnahme mittels einer graduierten Oralspritze direkt in den Mund des Kindes gegeben werden, um das Risiko einer Hypoglykämie vorzubeugen.
Die Dosierung von Propranolol ist individuell und wird vom Arzt festgelegt. Die übliche Anfangsdosis zur Migräneprophylaxe beträgt 80 - 120 mg Propranololhydrochlorid, aufgeteilt in zwei bis drei Einzeldosen. Die Dosierung und das Dosierungsintervall sind individuell zu ermitteln.
Wirksamkeit von Propranolol bei Migräne
Die Betablocker Propranolol und Metoprolol haben eine hohe Evidenz für ihre Wirksamkeit in der Migräneprophylaxe. In einer Metaanalyse reduzierte Propranolol die Kopfschmerztage bei episodischer Migräne um durchschnittlich 1,5 Tage pro Monat.
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Eine randomisierte Studie aus Indien untersuchte die Wirksamkeit von Propranolol im Vergleich zu Topiramat bei chronischer Migräne. Die Ergebnisse zeigten, dass beide Substanzen zur Prophylaxe der chronischen Migräne wirksam sind. Rein numerisch war Propranolol sogar etwas wirksamer als Topiramat. Die Reduktion der Migränetage pro Monat entsprach in etwa der, die in anderen Studien zur Behandlung der chronischen Migräne beobachtet wurden.
Nebenwirkungen von Propranolol
Die häufigsten Nebenwirkungen von Propranolol gehen von der Wirkung auf das vegetative Nervensystem aus. Am häufigsten berichtete Nebenwirkungen sind:
- Bradykardie (verlangsamter Herzschlag)
- Müdigkeit und Schwindelgefühl
- Gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall
- Kältegefühl an den Extremitäten
- Kopfschmerzen
- Schwitzen
- Unruhe, Nervosität, Verwirrtheit, Schlafstörungen
Diese Nebenwirkungen treten besonders zu Beginn der Behandlung auf und sind meist dosisabhängig. Herz-Kreislauf-Beschwerden mit Blutdruckabfall, Herzrhythmusstörungen oder verstärkter Herzschwäche sind weitere mögliche Nebenwirkungen von Propranolol, ebenso Hautreaktionen mit Ausschlag, Juckreiz oder Rötungen sowie Haarausfall.
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Propranolol kann Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten eingehen. Zu den wichtigsten Wechselwirkungen gehören:
- Insulin und orale Antidiabetika: Propranolol kann die Wirkung verstärken oder verlängern. Symptome einer Hypoglykämie (z. B. Tachykardie, Tremor) können verschleiert werden.
- MAO-Hemmer: Überschießender Blutdruckansteig möglich.
- Andere blutdrucksenkende Medikamente: Kombinationen mit Diuretika, Calciumantagonisten oder Vasodilatatoren können zu einem verstärkten Blutdruckabfall führen.
- Antiarrhythmika: Eine additive Wirkung auf das Herz kann auftreten, z. B. Hypotonie, Bradykardie oder Rhythmusstörungen. Die gleichzeitige intravenöse Gabe von Calciumantagonisten wie Verapamil ist kontraindiziert.
- Clonidin: Beim abrupten Absetzen von Clonidin kann ein überschießender Blutdruckanstieg auftreten, wenn Propranolol nicht vorher abgesetzt wurde.
- Alphamethyldopa, Guanfacin, Herzglykoside: Stärkeres Absinken der Herzfrequenz bzw. Verzögerung der Überleitung
- Narkotika und Muskelrelaxanzien: Die blutdrucksenkende Wirkung von Narkotika und die neuromuskuläre Blockade von Muskelrelaxanzien können verstärkt werden.
- Adrenalin und Noradrenalin: Die gleichzeitige Anwendung kann zu einem paradoxen Blutdruckanstieg führen.
- CYP450-Enzyminhibitoren (z. B. Cimetidin): Hemmen den Abbau von Propranolol und führen zu einer erhöhten Wirkstoffkonzentration im Blut.
- CYP450-Induktoren (z. B. Rifampicin): Beschleunigen den Abbau von Propranolol und können die Wirksamkeit verringern.
- NSAIDs (z. B. Indometacin): Können die blutdrucksenkende Wirkung von Propranolol abschwächen.
- Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs): Einige SSRIs wie Fluoxetin können die Plasmakonzentration von Propranolol erhöhen.
Gegenanzeigen
Propranolol darf nicht angewendet werden bei:
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- Überempfindlichkeit gegenüber Propranolol, anderen Beta-Blockern oder einem der sonstigen Bestandteile.
- AV-Block II. und III. Grades sowie Sick-Sinus-Syndrom bei Patienten ohne Herzschrittmacher.
- Höhergradigem sinuatrialem Block.
- Bradykardie (Ruhepuls < 50 Schläge/Minute).
- Nicht behandelter Herzinsuffizienz (NYHA III und IV) oder kardiogenem Schock.
- Prinzmetal-Angina
- Hypotonie und pulmonaler Hypertonie
- Asthma bronchiale oder Bronchospasmus
- Chronisch obstruktiven Atemwegserkrankungen (COPD)
- Metabolischer Azidose
- Schweren peripheren Durchblutungsstörungen
- Hypoglykämieneigung, z. B. nach längerem Fasten
- Urämie
- Unbehandeltem Phäochromozytom (erst nach Alpha-Blockade behandeln)
- Gleichzeitiger Behandlung mit MAO-Hemmern (außer MAO-B-Hemmern) oder anderen adrenerge Impulse verstärkenden Medikamenten
- Gleichzeitiger intravenöser Gabe von Calciumkanalantagonisten mit negativ inotroper Wirkung (z. B. Verapamil, Diltiazem) oder Antiarrhythmika wie Disopyramid (Ausnahme: Intensivmedizin)
- Nach langer Nahrungskarenz (erhöhtes Hypoglykämierisiko)
- Säuglingen unter 5 Wochen.
Schwangerschaft und Stillzeit
Propranolol sollte in der Schwangerschaft nur angewendet werden, wenn der Nutzen das potenzielle Risiko für den Fetus überwiegt, da es die Plazenta passiert und fetale Nebenwirkungen wie Wachstumsverzögerung oder Bradykardie verursachen kann.
Propranololhydrochlorid geht in die Muttermilch über. Obwohl die mit der Muttermilch aufgenommene Wirkstoffmenge gering ist und wahrscheinlich keine Gefahr für das Kind darstellt, sollten Säuglinge überwacht werden.
Wichtige Hinweise zur Einnahme von Propranolol
- Propranolol sollte nicht plötzlich abgesetzt werden, da dies zu Problemen oder Beschwerden führen kann. Die Behandlung sollte langsam, das heißt mit einem schrittweisen Ausschleichen der Dosis, beendet werden.
- Propranolol kann das Reaktionsvermögen beeinträchtigen. Patienten sollten daher vorsichtig sein, wenn sie am Straßenverkehr teilnehmen oder Maschinen bedienen.
- Bei Patienten mit Diabetes mellitus kann Propranolol die Anzeichen einer Hypoglykämie (z. B. Tachykardie, Zittern) maskieren. Regelmäßige Blutzuckerkontrollen sind erforderlich.
- Bei Patienten mit Asthma bronchiale oder COPD kann es unter Propranolol zu Bronchospasmen kommen.
Weitere Therapieansätze bei Migräne
Neben der medikamentösen Prophylaxe mit Propranolol gibt es weitere Therapieansätze bei Migräne, die sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Optionen umfassen.
Medikamentöse Therapie
- Akutmedikation: Triptane, NSAR (nicht-steroidale Antirheumatika), Paracetamol
- Prophylaktische Medikamente: Metoprolol, Flunarizin, Topiramat, Amitriptylin, OnabotulinumtoxinA (Botox), CGRP-Antikörper (Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab, Eptinezumab)
Nicht-medikamentöse Therapie
- Verhaltenstherapeutische Verfahren: Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson (PMR), kognitives-behaviorales Schmerzbewältigungstraining (Stressmanagement), Biofeedback-Therapie
- Entspannungsverfahren: Autogenes Training, Achtsamkeit, Hypnose
- Regelmäßiger Ausdauersport
- Ernährungsumstellung: Ketogene oder niedrig-glykämische Ernährung
- Nahrungsergänzungsmittel: Magnesium, Coenzym Q10, Riboflavin
- Akupunktur
- Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA): sinCephalea
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