Die Meningitisprophylaxe ist ein wichtiger Bestandteil der öffentlichen Gesundheit, um die Ausbreitung von bakteriellen Meningitiden zu verhindern. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die aktuellen Leitlinien zur Meningitisprophylaxe, basierend auf den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI) und anderen relevanten Quellen.
Einführung in invasive Meningokokken-Erkrankungen
Invasive Meningokokken-Erkrankungen werden durch Neisseria meningitidis (Meningokokken) verursacht. Diese gramnegativen Diplokokken besiedeln den Nasen-Rachen-Raum von etwa 10 % der Bevölkerung ohne klinische Symptome. Es werden 12 Serogruppen unterschieden, wobei die Serogruppen A, B, C, W, X und Y am häufigsten invasive Erkrankungen verursachen. In Deutschland sind derzeit fast ausschließlich die Serogruppen B, C, W und Y relevant.
Die molekulare Feintypisierung ermöglicht eine genauere Abbildung der Diversität der zirkulierenden Meningokokken, wobei die Typisierungsformel Serogruppe: PorA-Sequenztyp: FetA-Sequenztyp: klonaler Komplex (cc) lautet. Diese Feintypisierung wird vom Nationalen Referenzzentrum (NRZ) für Meningokokken und Haemophilus influenzae mittels Ganzgenomsequenzierung (WGS) durchgeführt.
Epidemiologie
Invasive Meningokokken-Erkrankungen treten weltweit auf. Die Inzidenz in Europa, Nordamerika, Neuseeland und Australien liegt meist bei ≤ 2 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. In Deutschland liegt die jährliche Inzidenz unter 0,4 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. Die Mehrzahl der Erkrankungen wird durch die Serogruppe B verursacht (ca. 60 %), gefolgt von den Serogruppen C, W und Y (jeweils ca. 10 bis 15 %).
Die höchsten Inzidenzen werden im 1. und 2. Lebensjahr beobachtet, mit einem zweiten, kleineren Inzidenzgipfel bei 15- bis 19-jährigen Jugendlichen.
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Übertragung und Krankheitsbild
Die Übertragung erfolgt durch engen Kontakt mit oropharyngealen Sekreten von Keimträgern oder Erkrankten. Invasive Meningokokken-Erkrankungen verlaufen vor allem als Meningitis und/oder Sepsis. Septische Verläufe machen über zwei Drittel der gemeldeten Erkrankungen in Deutschland aus und gehen in 10 bis 15 % der Fälle mit dem Waterhouse-Friderichsen-Syndrom einher.
Nach einem kurzen Prodromalstadium mit Symptomen eines Infekts der oberen Atemwege treten plötzlich allgemeine Krankheitszeichen wie Kopfschmerzen, Fieber, Schüttelfrost und Schwindel auf. Petechiale Exantheme oder großflächigere Hauteinblutungen sind charakteristisch, insbesondere bei septischen Verläufen. Bei einer Meningitis kommen Erbrechen und Nackensteifigkeit hinzu.
Die Letalität liegt bei isolierter Meningokokken-Meningitis bei ca. 1 %, bei Sepsis bei ca. 13 % und bei Sepsis mit Waterhouse-Friderichsen-Syndrom bei ca. 33 %. Zudem führt die Erkrankung bei ca. 10 bis 20 % aller Betroffenen zu Komplikationen wie Hirnnervenlähmungen, Hemiplegie, Krampfanfällen, Hydrozephalus, Einschränkungen des Intellekts, Lernschwierigkeiten sowie Schädigungen des Innenohrs mit resultierender Taubheit.
Patienten sind bis zu 7 Tage vor Beginn der Symptome und bis 24 Stunden nach Beginn einer erfolgreichen Therapie mit ß-Laktam-Antibiotika ansteckend.
Labordiagnostik
Für die Labordiagnostik sind Liquor- und Blutuntersuchungen von Bedeutung. Bei Verdacht auf eine invasive Meningokokken-Infektion sollte umgehend eine Liquorpunktion durchgeführt und Blutkulturen angelegt werden. Bei antherapierten Patienten sollten Rachenabstriche entnommen werden. Zusätzlich kann ein Antigennachweis im Nativliquor durchgeführt werden. Bei negativem Ergebnis der Anzucht kann eine PCR zum Nachweis der Meningokokken-DNA im Liquor und im Blut veranlasst werden.
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Jedes Isolat oder Nativmaterial sollte an das NRZ geschickt werden, um eine Serogruppenbestimmung und Feintypisierung des Erregers vorzunehmen.
Therapie
Bei begründetem klinischem Verdacht auf eine invasive Meningokokken-Erkrankung sollte umgehend mit einer empirischen Antibiotikatherapie mit Cephalosporinen der Gruppe 3 (z.B. Cefotaxim oder Ceftriaxon) begonnen werden (außer bei anamnestisch bekannter Penicillinallergie mit systemischer Reaktion). Beim Auftreten von Komplikationen sind weitere therapeutische Maßnahmen unter intensivmedizinischen Bedingungen erforderlich.
Impfempfehlungen der STIKO
Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt folgende Impfungen gegen Meningokokken:
- Meningokokken-C-Konjugatimpfung: Seit Juli 2006 für alle Kinder im Alter von 12 Monaten empfohlen. Versäumte Impfungen sollten spätestens bis zum 18. Geburtstag nachgeholt werden.
- Meningokokken-B-Impfung: Seit 2024 für alle Säuglinge ab dem Alter von 2 Monaten mit dem Impfstoff Bexsero. Die Impfung soll bis zum 5. Geburtstag nachgeholt werden.
- Meningokokken-ACWY-Konjugatimpfstoff sowie Meningokokken-B-Impfstoff: Für Personen mit einem erhöhten Risiko für invasive Meningokokken-Erkrankungen.
Personen mit erhöhtem Risiko:
- Angeborene oder erworbene Immundefekte mit T- und/oder B-zellulärer Restfunktion, insbesondere Komplement-/Properdindefekte
- Therapie mit C5-Komplement-Inhibitoren (z.B. Eculizumab oder Ravulizumab)
- Hypogammaglobulinämie
- Asplenie
- Gefährdetes Laborpersonal (bei Exposition gegenüber N. meningitidis-haltigen Aerosolen)
- Haushaltskontaktpersonen eines Erkrankten mit einer impfpräventablen invasiven Meningokokken-Infektion, so bald wie möglich nach dem Kontakt (zusätzlich zur Chemoprophylaxe), sofern nicht bereits ein Impfschutz gegen die entsprechende Serogruppe besteht
- Reisende in Länder mit epidemischem Vorkommen, besonders bei engem Kontakt zur einheimischen Bevölkerung
Umgang mit Kontaktpersonen
Patienten müssen bis zu 24 Stunden nach Beginn einer spezifischen Therapie isoliert werden und gelten danach nicht mehr als infektiös. In dieser Zeit sind besondere Barrieremaßnahmen zu beachten.
In Gemeinschaftseinrichtungen (u.a. Schulen, Kindergärten) Betreute, die an einer Meningokokken-Infektion erkrankt oder dessen verdächtig sind, dürfen die Einrichtung nicht betreten. Die Einschränkung dauert fort, bis nach ärztlichem Urteil eine Weiterverbreitung der Krankheit nicht mehr zu befürchten ist. Eine Wiederzulassung ist 24 Stunden nach Beginn einer Chemoprophylaxe möglich. Ohne Chemoprophylaxe ist eine Wiederzulassung frühestens 10 Tage nach einem Kontakt angezeigt.
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Postexpositionelle Prophylaxe (PEP)
Beim Auftreten einer invasiven Meningokokken-Erkrankung muss die Ausbreitung des Bakteriums verhindert werden. Eine postexpositionelle Prophylaxe (PEP) sollte bei nachgewiesener invasiver Meningokokken-Erkrankung oder Meningokokken-Konjunktivitis durchgeführt werden.
Die PEP sollte auf Personen beschränkt werden, die mit Sekreten des Mund-/Nasenbereichs bzw. der Atemwege in Berührung gekommen sein könnten. Hierzu zählen beispielsweise Sexualpartner, enge Freunde, feste Banknachbarn in der Schule.
Mittel der Wahl für die PEP:
- Kinder: Rifampicin (2 x 10 mg/kg KG/Tag über 2 Tage, maximale ED 600 mg)
- Jugendliche ab 60 kg und Erwachsene: Rifampicin (2 x 600 mg/Tag für 2 Tage)
- Neugeborene im 1. Lebensmonat: Rifampicin (2 x 5 mg/kg KG/Tag für 2 Tage)
- Schwangere: Ceftriaxon (Einmalgabe 250 mg, i.m.)
Alternativ ist die Gabe von Ceftriaxon (i.m. Applikation) mit einer einmaligen Gabe von 125 mg bei Kindern unter 12 Jahren und 250 mg bei Kontaktpersonen über 12 Jahren möglich. Eine weitere Alternative ist Azithromycin (einmalig 500 mg p.o.).
Meningitis nach Splenektomie
Patienten nach Splenektomie oder mit Hyposplenismus haben ein erhöhtes Risiko für schwere bakterielle Infektionen, insbesondere durch bekapselte Bakterien wie Streptococcus pneumoniae, Neisseria meningitidis und Haemophilus influenzae.
Prophylaktische Maßnahmen bei Asplenie/Hyposplenismus:
- Impfungen: Pneumokokken-, Hib- und Meningokokken-Vakzine (möglichst vor einer elektiven Splenektomie)
- Antibiotische Prophylaxe: Bei jeder Fieberepisode/-erkrankung sofortige und sorgfältige Untersuchung und prompte Behandlung.
Kalkulierte parenterale Initialtherapie bakterieller Meningitis
Die akute bakterielle Meningitis ist gekennzeichnet durch Fieber, Kopfschmerzen und meningitische Reizerscheinungen. Häufigste Erreger sind Meningokokken und Pneumokokken.
Diagnostik:
- Blutkulturen
- Lumbalpunktion und Untersuchung des Liquor cerebrospinalis
- Rachenabstrich, Bronchialsekret, Urin oder Wundabstrich (je nach Lokalisation von Begleitinfektionen)
Therapie:
- Bei Verdacht auf bakterielle Meningitis sofortige Einleitung der Initialtherapie mit parenteralen Antibiotika und Dexamethason.
- Kalkulierte Initialtherapie mit einem Cephalosporin der Gruppe 3a in Kombination mit Ampicillin (Wirkung auf Listerien).
- Bei nosokomialer bakterieller Meningitis und bei infizierten Liquordrainagen besteht die Initialtherapie aus Vancomycin plus Meropenem oder Vancomycin plus Ceftazidim.
- Gezielte Weiterbehandlung nach Ergebnis der mikrobiologischen Untersuchung.
Adjuvante Therapie:
- Dexamethason 10 mg i.v. 4 mal pro Tag über 4 Tage plus empirische Antibiotika-Gabe bei erwachsenen Patienten mit Verdacht auf bakterielle Meningitis.
- Bei tuberkulöser Meningitis verbessert die adjuvante Gabe von Dexamethason oder Prednisolon die Behandlungsergebnisse.
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