Meningokokken-Erkrankungen, einschließlich Meningitis und Sepsis, sind selten, können aber innerhalb weniger Stunden lebensbedrohlich werden und zu lebenslangen Folgen führen. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen von Betroffenen, klärt über die Erkrankung auf und informiert über Präventionsmaßnahmen wie Impfungen.
Die Tücke der Meningokokken-Erkrankung
Meningokokken sind Bakterien, die schwere Infektionen wie Hirnhautentzündung (Meningitis) und Blutvergiftung (Sepsis) auslösen können. Sie kommen weltweit vor. Schätzungsweise 10 % der Bevölkerung tragen die Bakterien im Nasen-Rachen-Raum, ohne zu erkranken, können sie aber durch Tröpfcheninfektion übertragen.
Selten, aber gefährlich
Obwohl Meningokokken-Erkrankungen in Deutschland selten sind, ist das Risiko erheblich. Vor der Corona-Pandemie wurden durchschnittlich 300 Fälle pro Jahr gemeldet. Die COVID-19-Schutzmaßnahmen führten zu einem deutlichen Rückgang der invasiven Meningokokken-Fälle von 257 im Jahr 2019 auf 138 im Jahr 2020. Die Folgen einer Infektion sind jedoch gravierend: Etwa jeder zehnte Patient stirbt, und bei etwa der Hälfte bleiben dauerhafte Schäden wie Lähmungen, Krampfanfälle, Hörverlust oder Hirnschäden zurück.
Übertragung und Risikogruppen
Meningokokken werden durch Tröpfcheninfektion übertragen, also durch Niesen, Husten oder Küssen. Besonders gefährdet sind Säuglinge und Kleinkinder, da ihr Immunsystem noch nicht ausgereift ist. Auch Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren haben ein leicht erhöhtes Risiko, da die Erreger durch Feiern und Intimkontakte leichter übertragen werden können.
Persönliche Erfahrungen mit Meningokokken-Sepsis
Die folgenden Geschichten zeigen, wie plötzlich und verheerend eine Meningokokken-Erkrankung das Leben von Betroffenen und ihren Familien verändern kann:
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- Tobias: Erkrankte mit zwei Monaten an einer seltenen Meningokokken-Sepsis. Er überlebte, hat aber Folgeschäden davongetragen.
- Zahra: Erkrankte mit knapp fünf Monaten an einer Meningokokken-Sepsis und überlebte nur knapp. Als Zahra Fieber und anschließend Durchfall bekam und sich immer wieder erbrach, ging ihre Mama Nadine von einer Magen-Darm-Erkrankung aus. Als sie beim Wickeln jedoch plötzlich die Augen verdrehte und blau anlief, riefen Nadine und ihr Mann sofort den Krankenwagen. Als dieser eintraf, waren bereits Einblutungen in der Haut des Kindes sichtbar. Schnell ging es mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus. Direkt wurde Zahra auf die Intensivstation gebracht. Erst dort erfuhr die Mutter, dass ihr Kind an einer Meningokokken-Sepsis erkrankt war. Bei den Worten des Arztes: „Wir wissen nicht, ob wir Ihr Kind hier jetzt durchbekommen“, brach sie zusammen. Eine Woche lag Zahra im künstlichen Koma. Aber das kleine Mädchen kämpfte tapfer. Nach zwei Wochen durfte sie dann endlich das Krankenhaus verlassen. Acht Jahre sind seitdem vergangen und Zahra hat sich zu einem lebhaften Kind entwickelt. Nach der Erkrankung benötigte sie noch eine Operation und erhält auch weiterhin Medikamente. Sie ist sehr anfällig für Infekte, hat einen geringeren Zahnschmelz und ihr Magen-Darm-Trakt muss überwacht werden. Außerdem muss sie alle sechs Monate zur Kontrolle ins Kinder- Nierenzentrum.
- Hannah: Erkrankte mit sechs Monaten an einer seltenen, aber schwerwiegenden Meningokokken-Meningitis.
- Elya: Die Meningokokken-Meningitis ihrer einjährigen Tochter kam überraschend für die Eltern.
- Kelly: Erkrankte mit sechs Monaten an Meningokokken. Durch eine schnelle ärztliche Behandlung überlebte sie ohne Folgeschäden.
- Justina: Steckte sich mit 19 Jahren an und musste beide Unterschenkel amputiert werden.
Diese Erfahrungen zeigen, wie wichtig es ist, sich über Meningokokken-Erkrankungen zu informieren und sich impfen zu lassen.
Isabellas Kampf gegen die Sepsis
Die Geschichte der kleinen Isabella verdeutlicht die Tücke und die potenziell verheerenden Folgen einer Meningokokken-Sepsis. Ihre Mutter bemerkte instinktiv, dass etwas nicht stimmte, als das Fieber nicht sank und sich das Kind auffällig verhielt. Im Krankenhaus wurde sie zunächst nicht ernst genommen und wieder nach Hause geschickt. Weniger als eine Stunde später wurde es lebensbedrohlich: Isabella hatte eine Meningokokken-Sepsis erlitten.
Obwohl Isabella überlebt hat, quälen sie noch immer die Schmerzen der Nervenschäden in ihren vernarbten Beinen. Bislang musste kein Körperteil amputiert werden, aber ihr rechtes Bein wurde über 50 Mal operiert. Ihre Beine müssen vor dem Anziehen von Kompressionsstrümpfen mit Silikon-Pads abgedeckt werden, um die Schmerzen zu lindern. Zudem kann sie aufgrund ihres geschwächten Immunsystems nicht in den Kindergarten gehen und wird wohl lebenslang Probleme mit dem Knochenwachstum haben.
Die Arbeit von Ampukids
Andrea Vogt-Bolm von „Ampukids", einem Institut für Amputations-Prävention und Integration, betreut seit vielen Jahren Familien mit Kindern, die an Meningokokken erkrankt sind. Sie berichtet, dass es oft nicht bei einer Amputation bleibt, sondern beide Beine, beide Arme oder alle Gliedmaßen betroffen sind. Dies stellt das Leben der Betroffenen und ihrer Familien völlig auf den Kopf.
Symptome und Diagnose
Die ersten Anzeichen einer Meningokokken-Erkrankung sind oft unspezifisch und ähneln einer Grippe:
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- Hohes Fieber
- Schüttelfrost
- Kopfschmerzen
- Schwindel
- Benommenheit bis hin zu Bewusstseinsstörungen
- Plötzlich schweres Krankheitsgefühl
- Lichtempfindlichkeit
- Gelenk- und Muskelschmerzen
- Erbrechen und Nackensteifigkeit (bei Hirnhautentzündung)
- Großflächige Hauteinblutungen (bei Sepsis)
- Beinschmerzen
- Kalte Hände und Füße
- Sehr blasse Haut
Ein wichtiges Warnsignal sind rot-violette Hautflecken, die auch bei Druck mit einem Glas nicht verschwinden. Diese Symptome müssen nicht alle gleichzeitig auftreten und können sich innerhalb weniger Stunden oder Tage entwickeln.
Die Diagnose wird durch den Erregernachweis im Blut und in der Hirnflüssigkeit (Liquor) gestellt. Erkrankung und Todesfall sind meldepflichtig.
Behandlung und Vorbeugung
Bei Verdacht auf eine Meningokokken-Erkrankung ist eine sofortige ärztliche Behandlung erforderlich. Wichtig ist auch die unverzügliche vorbeugende Behandlung aller Kontaktpersonen des Patienten mit Antibiotika.
Impfung als wirksamster Schutz
Der wirksamste Schutz vor Meningokokken-Erkrankungen ist die Impfung. Es gibt verschiedene Arten von Meningokokken, wobei in Deutschland vor allem die Serogruppen A, B, C, W und Y vorkommen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt eine Impfung gegen Meningokokken C möglichst früh im zweiten Lebensjahr. Eine Meningokokken-B-Impfung wird bei Menschen mit eingeschränkter Immunfunktion, bei engem Kontakt zu einem Meningokokken-Erkrankten oder bei Reisen in Risikogebiete empfohlen. Auch für eine Impfung gegen die Typen A, W oder Y gibt es eine Impfempfehlung bei gesundheitlicher Gefährdung oder Reisen in Risikogebiete.
Die Meningokokken-B-Impfung wird bis zum 5. Geburtstag von den Krankenkassen voll erstattet. Für ältere Kinder empfiehlt die STIKO eine Nachholimpfung gegen Meningokokken B bis zum 5. Geburtstag bzw. gegen Meningokokken C bis zum 18. Geburtstag.
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Aufklärung und Sensibilisierung
Um andere Familien vor dem Schicksal einer Meningokokken-Erkrankung zu bewahren, ist es wichtig, für das Thema zu sensibilisieren und über die Erkrankung aufzuklären. Nur so können Symptome frühzeitig erkannt und eine rechtzeitige Behandlung eingeleitet werden.
Komplikationen und Folgeschäden
Eine Meningokokken-Sepsis kann im weiteren Verlauf zu einem Kollaps des Herzkreislaufsystems und Multiorganversagen führen. Weitere mögliche Komplikationen sind Nierenversagen oder eine Entzündung der Herzinnenhaut (Endokarditis). Ein septischer Schock kann unheilbare Organ- und Bewusstseinsbeeinträchtigungen verursachen und ist selbst bei sofortiger intensivmedizinischer Behandlung mit einer hohen Todesrate behaftet.
Eine besonders schwer verlaufende Form der Sepsis mit starken Blutungen in Haut, Schleimhäuten und Organen ist das Waterhouse-Friderichsen-Syndrom. Es führt über plötzliche Durchblutungsstörungen der Nebennieren zu einem Multiorganversagen und ist auch bei sofortiger intensivmedizinischer Behandlung in bis zu 95 % der Fälle tödlich.
Trotz aller intensivmedizinischen Möglichkeiten versterben in Deutschland etwa 10 % aller Patienten, die an einer Meningokokken-Infektion erkrankt sind. Bei 10 bis 20 % bleiben Folgeschäden zurück, wie z.B. Hirnschäden, Hörverlust, Lähmungen oder Amputationen.
Meningokokken-Meningitis und Sepsis: Ein Wettlauf gegen die Zeit
Die Meningokokken-Meningitis ist nicht nur wegen ihrer potenziellen Spätfolgen wie Taubheit und Amputationen gefürchtet, sondern auch wegen des Risikos einer Sepsis. Innerhalb weniger Stunden kann es durch die Blutvergiftung zu dramatischen Verläufen kommen. Der lebensgefährliche Schockzustand infolge einer Sepsis wird als Waterhouse-Friderichsen-Syndrom bezeichnet.
In Deutschland stirbt mehr als ein Viertel der Sepsis-Patienten. Charakteristisch für die Meningokokken-Sepsis sind plötzliches hohes Fieber, schwere intravasale Gerinnungsstörungen, massive Hautblutungen (Petechien) und schließlich Organversagen. Vor allem der schlagartige Beginn und der rasche Verlauf des Waterhouse-Friderichsen-Syndroms lassen den Ärzten nicht viel Zeit zum Handeln.
Britische Kampagne zur Früherkennung
In Großbritannien geht man einen pragmatischen Weg, um Meningitis-Erkrankte rechtzeitig zu erkennen. In großen Kampagnen werden Öffentlichkeit und Fachleute der medizinischen Berufe aufgeklärt. Eltern erhalten beispielsweise Karten, auf denen die Symptome der Hirnhautentzündung detailliert beschrieben sind. Ein wichtiger Bestandteil der Kampagne sind Bilder, die die typischen blauroten Hautflecken zeigen.
Wird ein solcher Fleck entdeckt, kann mit dem Glas-Test der Verdacht auf Meningokokken erhärtet werden. Dabei wird ein Wasserglas auf die Haut gedrückt. Wenn sich der Blutfleck durch das Glas nicht wegdrücken lässt, muss der Patient so rasch wie möglich in die nächste Klinik.
Schnelle Behandlung rettet Leben
Jeder Zeitverlust kann über Leben und Tod entscheiden. Etwa die Hälfte aller Todesfälle ereignen sich innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Infektion. Es kann 13 bis 22 Stunden dauern, bis die klassischen Kennzeichen einer Hirnhautentzündung oder Meningokokken-Sepsis erscheinen.
Eltern sollten besonders aufmerksam sein, wenn ihr Kind nicht laufen will oder frühe Symptome einer Bakteriämie wie hohes Fieber, Schmerzen im Bein und kalte Füße zeigt. Studien zeigen, dass durch die Schulung des medizinischen Personals in Ambulanzen und Kliniken mehr Kinder gerettet werden können.
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