Einführung
Die Meningokokken-Enzephalitis ist eine schwere bakterielle Infektion, die zu einer Entzündung der Hirnhäute (Meningitis) und des Gehirns (Enzephalitis) führen kann. Auslöser sind Bakterien der Art Neisseria meningitidis, auch Meningokokken genannt. Diese Infektion kann insbesondere bei Kindern und jungen Erwachsenen schwere Verläufe nehmen und unbehandelt tödlich enden. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend, aber auch präventive Maßnahmen wie Impfungen spielen eine wichtige Rolle.
Was sind Meningokokken?
Meningokokken sind gramnegative Diplokokken, die sich im Nasen-Rachen-Raum des Menschen ansiedeln. Etwa 10 % der Bevölkerung tragen diese Bakterien ohne klinische Symptome in sich. Es gibt 12 Serogruppen, die sich in ihrer Zusammensetzung der Kapselpolysaccharide unterscheiden (A, B, C, E, H, I, K, L, W, X, Y, Z). Invasive Meningokokken-Erkrankungen werden hauptsächlich durch die Serogruppen A, B, C, W, X und Y verursacht, wobei in Deutschland derzeit fast ausschließlich B, C, W und Y vorkommen.
Verbreitung und Inzidenz
Invasive Meningokokken-Erkrankungen treten weltweit auf. Große saisonale Epidemien, vor allem durch Meningokokken der Serogruppe A, aber auch C, W und X, traten in den vergangenen Jahrzehnten überwiegend im Meningitisgürtel der Subsaharazone und in Asien auf. Durch die breite Anwendung eines Meningokokken-A-Impfstoffs im Meningitis-Gürtel seit 2010 treten nunmehr vor allem Ausbrüche durch die Serogruppen C, W und X auf.
In Europa, Nordamerika, Neuseeland und Australien liegt die Inzidenz invasiver Meningokokken-Erkrankungen meist bei ≤ 2 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. In Deutschland ist die Inzidenz seit 2004 rückläufig und liegt aktuell bei unter 0,4 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. Die Mehrzahl der Erkrankungen wird durch Erreger der Serogruppe B (ca. 60%) verursacht, gefolgt von den Serogruppen C, W und Y (jeweils ca. 10 bis 15%). Seit der Einführung der Impfung mit einem monovalenten Meningokokken-C-Konjugatimpfstoff im Jahr 2006 ist der Anteil der Erkrankungen durch die Serogruppe C, vor allem bei Kleinkindern, gesunken.
Übertragung und Risikofaktoren
Da die Erreger gewöhnlich außerhalb des Körpers rasch absterben, ist für eine Infektion ein enger Kontakt mit Übertragung von oropharyngealen Sekreten von einem Keimträger oder einem Erkrankten erforderlich. Meningokokken werden durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch beim Anhusten, Niesen, aber auch Küssen übertragen. Sie heften sich mit Hilfe kleiner Fortsätze an die Schleimhäute des Nasenrachenraumes, wo sie wochen- oder monatelang bleiben können, ohne Schaden anzurichten. Doch wenn das Immunsystem geschwächt ist, etwa durch andere Infektionen, können sich die Bakterien vermehren, die Schleimhäute durchdringen und Hirnhautentzündung und/oder Blutvergiftungen auslösen. Am stärksten gefährdet sind Kinder in den ersten Lebensjahren.
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Risikofaktoren für eine bakterielle Hirnhautentzündung sind u. a. Alkohol- und Drogenmissbrauch, Operationen und Verletzungen im Kopfbereich, Immunschwäche, Diabetes, Infektionen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich (Mittelohrentzündung, Nebenhöhlenentzündung) in der Mundhöhle oder im Herzen (Endokarditis).
Symptome und Verlauf
Invasive Meningokokken-Erkrankungen verlaufen vor allem als Meningitis und/oder Sepsis. Septische Verläufe werden bei über zwei Drittel der in Deutschland gemeldeten Erkrankungen berichtet. Diese gehen in 10 bis 15% der Fälle mit einer besonders schweren Form des septischen Schocks, als Waterhouse-Friderichsen-Syndrom, einher, gekennzeichnet durch Einblutungen in die Nebennieren und eine sehr hohe Letalität. Mischformen können ebenfalls auftreten. Seltener treten im Rahmen von invasiven Erkrankungen auch Pneumonien, Myokarditis, Endokarditis, Perikarditis, Arthritis oder Osteomyelitis auf.
Bei invasiven Meningokokken-Infektionen kommt es häufig nach einem kurzen Prodromalstadium mit Symptomen eines Infekts der oberen Atemwege zu plötzlich auftretenden allgemeinen Krankheitszeichen wie Kopfschmerzen, Fieber, Schüttelfrost und Schwindel mit schwerstem Krankheitsgefühl. Innerhalb weniger Stunden kann sich ein schweres, lebensbedrohliches Krankheitsbild entwickeln. Petechiale Exantheme oder großflächigere Hauteinblutungen sind charakteristisch und vor allem bei septischen Verläufen ausgeprägt. Zusätzlich kann ein makulopapulöses Exanthem auftreten.
Bei einer Meningitis kommen Erbrechen und Nackensteifigkeit hinzu, Kernig- und Brudzinski-Zeichen sind positiv. Weiterhin können neurologische Symptome wie Reizbarkeit, Schläfrigkeit, Stupor bis zum Koma sowie Krampfanfälle oder Hirnnervenlähmungen auftreten. Bei Säuglingen und Kleinkindern sind die Symptome oft weniger charakteristisch. Es können Fieber, Erbrechen, Reizbarkeit oder auch Schläfrigkeit, Krämpfe, Aufschreien sowie eine vorgewölbte oder harte Fontanelle auftreten.
Diagnose
Für die Labordiagnostik ist in erster Linie die Untersuchung von Liquor und Blut von Bedeutung. Bei einer stationären Aufnahme wegen des Verdachtes einer invasiven Meningokokken-Infektion sollte daher umgehend eine Liquorpunktion durchgeführt und Blutkulturen angelegt werden. Zudem sollten bei antherapierten Patienten Rachenabstriche entnommen werden. Das Rachenisolat kann ggf. bei negativer Blut- oder Liquorkultur sowie bei begonnener Antibiotika-Therapie wichtige Hinweise auf den krankheitsauslösenden Stamm liefern. Zusätzlich kann ein Antigennachweis im Nativliquor, z.B. durch Latexagglutination, durchgeführt werden. Weiterhin kann bei negativem Ergebnis der Anzucht eine PCR zum Nachweis der Meningokokken-DNA im Liquor und im Blut (vorzugsweise EDTA-Blut) veranlasst werden.
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Therapie
Da sich innerhalb weniger Stunden ein schweres, lebensbedrohliches Krankheitsbild entwickeln kann, sollte bei begründetem klinischem Verdacht auf eine invasive Meningokokken-Erkrankung umgehend mit einer empirischen Antibiotikatherapie mit Cephalosporinen der Gruppe 3 (außer bei anamnestisch bekannter Penicillinallergie mit systemischer Reaktion) begonnen werden (z.B. Cefotaxim oder Ceftriaxon). Beim Auftreten von Komplikationen sind weitere therapeutische Maßnahmen unter intensivmedizinischen Bedingungen erforderlich, wie z.B.
Prävention durch Impfung
Empfehlungen der STIKO
Die Ständige Impfkommission (STIKO) in Deutschland empfiehlt folgende Impfungen gegen Meningokokken:
- Meningokokken-C-Konjugatimpfung: Seit Juli 2006 für alle Kinder im Alter von 12 Monaten. Versäumte Impfungen sollten spätestens bis zum 18. Geburtstag nachgeholt werden.
- Meningokokken-B-Impfung: Seit 2024 für alle Säuglinge ab dem Alter von 2 Monaten mit dem Impfstoff Bexsero. Die Impfung soll bis zum 5. Geburtstag nachgeholt werden.
- Meningokokken-ACWY-Konjugatimpfung: Für Personen mit einem erhöhten Risiko für invasive Meningokokken-Erkrankungen sowie für Reisende in Länder mit epidemischem Vorkommen.
Personen mit einem erhöhten Risiko für invasive Meningokokken-Erkrankungen sind:
- Personen mit angeborenen oder erworbenen Immundefekten mit T- und/oder B-zellulärer Restfunktion, insbesondere Komplement-/Properdindefekte
- Therapie mit C5-Komplement-Inhibitoren (z.B. Eculizumab oder Ravulizumab)
- Hypogammaglobulinämie
- Asplenie
- Gefährdetes Laborpersonal (bei Exposition gegenüber N. meningitidis-haltigen Aerosolen)
- Haushaltskontaktpersonen eines Erkrankten mit einer impfpräventablen invasiven Meningokokken-Infektion, so bald wie möglich nach dem Kontakt (zusätzlich zur Chemoprophylaxe), sofern nicht bereits ein Impfschutz gegen die entsprechende Serogruppe besteht.
Verfügbare Impfstoffe
Es stehen verschiedene Impfstoffe gegen Meningokokken zur Verfügung:
- Monovalente Meningokokken-C-Konjugatimpfstoffe: Schützen vor der Serogruppe C.
- Meningokokken-B-Impfstoffe: Bexsero und Trumenba schützen vor der Serogruppe B. Bexsero ist ab dem Alter von 2 Monaten zugelassen, Trumenba ab dem Alter von 10 Jahren.
- Meningokokken-ACWY-Konjugatimpfstoffe: Nimenrix schützt vor den Serogruppen A, C, W und Y.
Impfung gegen Meningokokken B
Gegen die Serogruppe B konnte aufgrund des Vorhandenseins identischer Polysaccharidstrukturen auf der B-Kapsel und auf menschlichen Nervenzellen nicht wie für die anderen Serogruppen ein Impfstoff basierend auf den Kapselantigenen entwickelt werden. Daher wurden andere Ansätze gewählt, die auf Oberflächenproteinen als Impfantigene basieren.
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Weil die Krankheitslast durch Meningokokken B in den ersten beiden Lebensjahren am höchsten ist, ist es sinnvoll, die Impfung gegen MenB so früh wie möglich zu verabreichen, d.h. bei Säuglingen ab dem Alter von 2 Monaten. Bei Verabreichung der MenB-Impfung zusammen mit dem Sechsfach- und dem Pneumokokken-Impfstoff ist zu beachten, dass häufiger Nebenwirkungen, insbesondere Fieber, auftreten können. Das Fieberrisiko kann aber durch die prophylaktische Gabe von Paracetamol gesenkt werden, ohne dass die Bildung von Antikörpern beeinträchtigt wird. Wenn die Impfungen nicht simultan verabreicht werden, sollte darauf geachtet werden, die einzelnen Impfungen nicht später als empfohlen durchzuführen. Das Impfschema richtet sich nach den jeweiligen Herstellerangaben.
Postexpositionsprophylaxe (PEP)
Als Postexpositionsprophylaxe (PEP) bezeichnet man allgemein Maßnahmen nach möglichem Kontakt mit Erregern einer Infektionserkrankung, um deren Ausbruch zu verhindern oder den Verlauf zumindest abzumildern. Dazu gehören neben der vorbeugenden medikamentösen Behandlung (z. B. mit Antibiotika) auch Impfungen. Im Falle von invasiven Meningokokken-Infektionen empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) ungeimpften Personen mit engem Kontakt zu Erkrankten neben der Gabe von Antibiotika ausdrücklich auch die postexpositionelle Impfung. Sie sollte sobald wie möglich nach der Bestimmung der Meningokokken-Serogruppe gegeben werden.
Reiseimpfungen
Aufgrund der regionalen Häufung von Meningokokken im sog. Meningitisgürtel (Länder südlich der Sahara von Senegal bis Äthiopien) sowie in Saudi-Arabien wird Reisenden in diese Länder eine spezielle Schutzimpfung empfohlen (ACWY-Impfung). Pilger nach Mekka müssen ab dem 2. Lebensjahr bei der Einreise nach Saudi-Arabien eine ACWY-Impfung nachweisen. Auch bei Reisen in Länder mit Meningitis-Epidemien ist eine Impfung sinnvoll.
Weitere Präventionsmaßnahmen
- Hygiene: Regelmäßiges Händewaschen und Vermeidung des Teilens von persönlichen Gegenständen wie Gläsern oder Besteck können das Infektionsrisiko reduzieren.
- Isolierung: Patientinnen und Patienten müssen bis zu 24 Stunden nach Beginn einer spezifischen Therapie isoliert werden und gelten danach nicht mehr als infektiös.
- Chemoprophylaxe: Enge Kontaktpersonen von Meningitis-Patient*innen wird in den meisten Fällen die Einnahme eines Antibiotikums über 1-2 Tage zur Vorbeugung nahegelegt.
- Information: Aufklärung über die Krankheit und ihre Übertragungswege kann dazu beitragen, das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Präventionsmaßnahmen zu schärfen.
Umgang in Gemeinschaftseinrichtungen
In Gemeinschaftseinrichtungen gemäß § 33 IfSG (u.a. Gemäß § 34 Abs. 1 Nr. In Gemeinschaftseinrichtungen Betreute, die an einer Meningokokken-Infektion erkrankt oder dessen verdächtig sind, dürfen die dem Betrieb der Gemeinschaftseinrichtung dienenden Räume nicht betreten, Einrichtungen der Gemeinschaftseinrichtung nicht benutzen und an Veranstaltungen der Gemeinschaftseinrichtung nicht teilnehmen. Die Einschränkung der Tätigkeit bzw. des Besuchs der Gemeinschaftseinrichtung dauert fort, bis nach ärztlichem Urteil eine Weiterverbreitung der Krankheit nicht mehr zu befürchten ist. Das ärztliche Urteil kann das Urteil der behandelnden Ärztin/des behandelnden Arztes oder einer Ärztin/eines Arztes des zuständigen Gesundheitsamtes sein. Das ärztliche Urteil kann mündlich erfolgen. Gemäß § 34 Abs. 3 IfSG gelten die oben aufgeführten Regelungen aus Abs. 1 auch für Personen, die mit den an diesen Krankheiten erkrankten Personen bzw. mit Personen, bei denen der Verdacht auf diese Krankheit besteht, in einer Wohngemeinschaft zusammenleben. Dies gilt nur, wenn die Erkrankung bzw. der Krankheitsverdacht von einer Ärztin oder einem Arzt festgestellt worden ist. Eine Wiederzulassung ist 24 Stunden nach Beginn einer Chemoprophylaxe möglich. Ohne Chemoprophylaxe ist eine Wiederzulassung frühestens 10 Tage nach einem Kontakt angezeigt.
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