Meningokokken-Erkrankungen sind in Deutschland zwar selten, verlaufen aber häufig schwerwiegend. Meningokokken verschiedener Serogruppen können invasive Erkrankungen wie Meningitis oder Sepsis verursachen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat ihre Empfehlungen zur Impfung gegen Meningokokken aktualisiert. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Meningokokken-Impfung, einschließlich der aktuellen STIKO-Empfehlungen, der Kritik an diesen Empfehlungen und der verschiedenen verfügbaren Impfstoffe.
Was sind Meningokokken?
Meningokokken sind Bakterien der Art Neisseria meningitidis. Aufgrund unterschiedlicher Oberflächenstrukturen werden 12 Serogruppen unterschieden, von denen die Serogruppen A, B, C, W, X und Y am häufigsten schwere Erkrankungen verursachen. In Deutschland werden die meisten Erkrankungen durch die Serogruppen B (58,5 Prozent), Y (21,3 Prozent), C (11,5 Prozent) und W (7,8 Prozent) verursacht. Meningokokken können den Nasen-Rachen-Raum besiedeln und bei engem Kontakt, zum Beispiel über Speichel oder Nasensekret, übertragen werden. Da Meningokokken außerhalb des Körpers rasch absterben, ist eine Ansteckung ohne engen Kontakt unwahrscheinlich.
Krankheitsverlauf und Symptome
Meningokokken-Erkrankungen können in jedem Alter auftreten, am häufigsten bei Säuglingen im ersten Lebensjahr und bei Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren. Eine Ansteckung kann zu einer Entzündung der Hirnhäute (Meningokokken-Meningitis) oder zu einer bakteriellen Blutvergiftung (Meningokokken-Sepsis) führen. In manchen Fällen treten beide Erkrankungen gleichzeitig auf.
Von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit dauert es in der Regel 3 bis 4 Tage, kann aber auch zwischen 2 und 10 Tagen liegen. Zunächst treten kurzzeitig grippeähnliche Symptome auf. In der Folge setzen plötzlich Kopfschmerzen, Fieber, Schüttelfrost und Schwindel mit schwerstem Krankheitsgefühl ein. Bei einem großen Teil der Erkrankten treten zusätzlich Hautveränderungen auf, vor allem, wenn sich die Infektion im Körper ausbreitet und eine Blutvergiftung entsteht. Bei einer Meningitis kommen unter anderem Erbrechen und Nackensteifigkeit hinzu. Eine Sepsis kann sich durch Blutdruckabfall bemerkbar machen und bis zum Organversagen fortschreiten.
Bei Säuglingen und Kleinkindern sind die Symptome häufig schwieriger zu deuten. Anzeichen einer Meningokokken-Erkrankung können bei Kindern Fieber, Erbrechen, schrilles Schreien, Reizbarkeit, Krämpfe oder auch Schläfrigkeit sein. Die Nackensteifigkeit kann fehlen.
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Bei Anzeichen einer Meningokokken-Erkrankung sollte sofort eine Arztpraxis oder das nächstgelegene Krankenhaus aufgesucht werden.
Behandlung und Komplikationen
Meningokokken-Erkrankungen müssen schnellstmöglich im Krankenhaus behandelt werden, da sie fast immer schwer verlaufen und häufig Komplikationen nach sich ziehen. Die Behandlung erfolgt mit Antibiotika. Bei Komplikationen können weitere Maßnahmen auf der Intensivstation erforderlich sein.
Eine Meningokokken-Meningitis führt bei 10 bis 20 Prozent der Betroffenen zu Komplikationen wie Krampfanfällen oder Taubheit und bei Kindern auch zu Entwicklungsstörungen. Etwa einer von 100 der Erkrankten verstirbt. Bei einer Sepsis kann es zu Gewebeschädigungen bis hin zum Absterben einzelner Gliedmaßen kommen, so dass eine Amputation nötig werden kann. Rund 13 Prozent der Erkrankten mit septischem Verlauf versterben. Bei einer schweren Form des septischen Schocks, dem sogenannten Waterhouse-Friderichsen-Syndrom, verstirbt rund ein Drittel der Betroffenen.
Aktuelle STIKO-Empfehlungen zur Meningokokken-Impfung
Aufgrund der Schwere von Meningokokken-Erkrankungen, der häufigen Komplikationen und der hohen Sterblichkeit empfiehlt die STIKO verschiedene Impfungen gegen Meningokokken:
- Meningokokken B (MenB): Allen Säuglingen ab dem Alter von 2 Monaten wird die Impfung gegen Meningokokken B empfohlen. Die Impfserie soll möglichst frühzeitig begonnen und im Alter von 2, 4 und 12 Monaten verabreicht werden. Versäumte Impfungen sollen so bald wie möglich und spätestens bis zum 5. Geburtstag nachgeholt werden.
- Meningokokken ACWY (MenACWY): Für Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 14 Jahren wird neu die MenACWY-Impfung empfohlen. Nachholimpfungen sind bis zum 25. Geburtstag möglich.
- Meningokokken C (MenC): Die bisherige Standardimpfung gegen Meningokokken C im Kleinkindalter wurde aufgehoben. In Einzelfällen kann die MenC-Impfung dennoch sinnvoll und begründet sein.
Die MenACWY-Impfung kann, wenn sie verpasst wurde, bis zum 25. Geburtstag nachgeholt werden. Gleichzeitig empfiehlt die STIKO, Säuglinge im Alter von 12 Monaten nicht mehr gegen Meningokokken C (MenC) zu impfen.
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Gründe für die geänderten Empfehlungen
Die STIKO begründet die geänderten Empfehlungen mit der epidemiologischen Entwicklung der Meningokokken-Erkrankungen in Deutschland. Die Erkrankungen durch die Serogruppe C sind stark zurückgegangen, während die Serogruppen B, W und Y an Bedeutung gewonnen haben. Die Impfung gegen MenACWY bei älteren Kindern und Jugendlichen soll einen frühzeitigen Immunschutz ermöglichen und die Krankheitslast durch diese Serogruppen reduzieren.
Ein Grund dafür sei, dass Jugendliche unter allen Altersgruppen die höchsten Kolonisationsraten von Meningokokken aufwiesen und somit die Erreger weiterverbreiten können. „Von der Impfung ist bekannt, dass sie nicht nur vor der invasiven Erkrankung schützt, sondern gleichzeitig auch die Kolonisationsrate senken kann“, betonte der Experte.
Zudem existiere die Jugendgesundheitsuntersuchung J1 für die Zwölf- bis 14-Jährigen, „sodass es die Möglichkeit gibt, die zu Impfenden tatsächlich zu erreichen.“ Außerdem erhofft sich die STIKO eine Steigerung der Raten für andere in dieser Altersgruppe empfohlene Impfungen, etwa gegen HPV und Tdap-IPV (Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten und Polio). Diese können zeitgleich mit der MenACWY-Impfung durchgeführt werden.
Da die MenC-bedingten IME nicht nur bei den geimpften Kindern, sondern auch bei ungeimpften jüngeren Babys deutlich zurückgegangen ist, spielen weitere Faktoren neben der Impfung hier eine Rolle, heißt es im Epidemiologischen Bulletin.
In den ersten beiden Lebensjahren gebe es nun eine Impfung weniger, sagte Dalpke, so dass der Impfkalender etwas entzerrt würde und andere Impfungen, vor allem die gegen Pneumokokken, zeitgerecht erfolgen können. „Die Krankheitslast durch Pneumokokken ist 50- bis 100-mal als die durch Meningokokken.“
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Impfstoffe
Für die Serogruppen B und C sind in Deutschland jeweils monovalente Impfstoffe (Einzelimpfstoffe) zugelassen sowie quadrivalente Impfstoffe (Vierfachimpfstoffe) gegen die 4 Serogruppen A, C, W, und Y (MenACWY). Die STIKO hat ihre Empfehlung zur Impfung gegen die Serogruppe B angepasst und empfiehlt für Säuglinge ab dem Alter von zwei Monaten eine Standardimpfung gegen Meningokokken der Serogruppe B (MenB) mit dem Protein-basierten Vierkomponenten-Impfstoff 4CMenB (Bexsero). Die MenB-Impfung wird als Indikationsimpfung für Personen mit erhöhtem Erkrankungsrisiko empfohlen.
In Deutschland sind verschiedene Meningokokken-Impfstoffe verfügbar:
- MenB-Impfstoffe:
- 4CMenB (Bexsero): Zugelassen ab 2 Monaten
- Bivalenter fHbp-Impfstoff (Trumenba): Zugelassen ab 10 Jahren
- MenACWY-Impfstoffe:
- Verschiedene Konjugatimpfstoffe, zugelassen ab unterschiedlichem Alter (ab 6 Wochen, 12 Monaten oder 2 Jahren, je nach Hersteller)
- MenC-Impfstoffe:
- Konjugatimpfstoffe
Die Impfschemata variieren je nach Impfstoff und Alter des Kindes.
Indikationsimpfung
Die MenB-Impfung wird als Indikationsimpfung für Personen mit erhöhtem Erkrankungsrisiko empfohlen. Dies betrifft insbesondere:
- Personen mit einer angeborenen oder erworbenen Immunschwäche (zum Beispiel bei fehlender Milz)
- Gefährdetes Laborpersonal
- Reisende in Länder mit epidemischen Vorkommen, besonders bei engem Kontakt zur einheimischen Bevölkerung (z. B. bei Entwicklungshilfe, Katastrophenschutz und medizinisches Personal)
- Ungeimpfte Haushaltsmitglieder von Erkrankten sowie Personen mit engem haushaltsähnlichem Kontakt (zusätzlich zur Gabe von Antibiotika)
- Bei gehäuftem Auftreten von Meningokokken-Erkrankungen oder Ausbrüchen können von den Gesundheitsbehörden Impfungen für Personen im Umfeld empfohlen werden.
- Darüber hinaus können Impfungen gegen Meningokokken ACWY und/oder Meningokokken B als Reiseimpfungen sinnvoll sein.
- Vor Langzeitaufenthalten sollten Kinder und Jugendliche sowie Personen in Studium und Ausbildung eine Impfung gegen MenB entsprechend der Empfehlung der Zielländer erhalten.
Personen aller Altersgruppen, bei denen ein erhöhtes Risiko für eine Meningokokken-Erkrankung besteht, wird die Impfung mit einem Meningokokken-Kombinationsimpfstoff gegen die Serogruppen A, C, W und Y empfohlen. Außerdem sollten sie gegen Meningokokken B geimpft werden, wenn dies im Säuglings- oder Kleinkindalter noch nicht erfolgt ist.
Mögliche Impfreaktionen und Nebenwirkungen
Die Impfung ist in der Regel gut verträglich. Wie bei jeder Impfung können jedoch Nebenwirkungen auftreten, die je nach verwendetem Impfstoff etwas verschieden und unterschiedlich häufig sind. Durch die Anregung der körpereigenen Abwehr können für kurze Zeit vorübergehende Impfreaktionen auftreten, die in der Regel nach wenigen Tagen ohne Folgen wieder abklingen. Dazu zählen Rötungen, Schwellungen und Schmerzen an der Impfstelle, Fieber, Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen sowie allgemeines Unwohlsein. Schwere Nebenwirkungen sind sehr selten. Beispielsweise kann es bei Säuglingen und jungen Kleinkindern zu einem Fieberkrampf kommen, der in der Regel jedoch ohne Folgen bleibt. Auch allergische Reaktionen sind möglich.
Zur Vermeidung von Fieber oder Schmerzen nach der Impfung wird eine vorbeugende Gabe von Paracetamol empfohlen, die zeitgleich mit der Impfung gegen Meningokokken B oder kurz danach begonnen werden sollte. Insbesondere bei Koadministration wird eine gewichtsadaptierte prophylaktische Paracetamol-Gabe in der ersten 24 Std. empfohlen.
Kritik an der Meningokokken-Impfung
Trotz der Empfehlungen der STIKO gibt es auch Kritik an der Meningokokken-Impfung. Einige Kritikpunkte sind:
- Seltenheit der Erkrankung: Meningokokken-Erkrankungen sind in Deutschland insgesamt sehr selten.
- Wirksamkeit der Impfung: Die Wirksamkeit der Impfung gegen Meningokokken B wird von einigen Experten in Frage gestellt, da die Serogruppe B sehr variabel ist und die Impfstoffe möglicherweise nicht gegen alle Varianten wirksam sind.
- Nebenwirkungen: Wie bei jeder Impfung können auch bei der Meningokokken-Impfung Nebenwirkungen auftreten. In seltenen Fällen kann es zu schweren Nebenwirkungen kommen.
- Kosten: Die Meningokokken-B-Impfung ist relativ teuer, und die Kosten werden nicht von allen Krankenkassen übernommen.
Novartis hat die EU-Zulassung für einen neuen Meningokokken-B Impfstoff gegen Gehirnhautentzündung erhalten. Von dem Impfstoff mit dem Namem Bexsero wird ein jährlicher Umsatz von über 1 000 000 000 Schweizer Franken (800 Mio. Euro) erwartet.
Der Impfstoff ist wie bereits der Hepatitis B Impfstoff gentechnisch hergestellt. Meningokokken B Impfstoffe waren bisher sehr schwierig zu produzieren, da das Polysaccharid-Antigen des Bakteriums menschlichen neuralen Antigenen sehr ähnlich ist. Durch das gentechnische Verfahren konnte dies umgangen werden. Neu ist, dass bei dem Impfstoff sogenannte OMV (outer membrane vesicles) als Antigen verwendet werden. OMV werden von den Bakterien gebildet, um sich nach aussen gegen die Umwelt zu schützen; sie wirken als extrem starke Antigene, da es sich um Proteoliposome handelt (ein Eiweiss-Fettmolekül). Auf fremde Fette reagiert das Abwehrsystem besonders stark.
In den Zulassungsstudien traten besonders häufig Nebenwirkungen am Nervensystem auf.
Regionale Unterschiede in den Impfquoten
Die Impfquoten gegen Meningokokken variieren in Deutschland stark. Sachsen erreicht bei der MenB-Impfung eine Quote von 94 Prozent, da dort die Impfung von der Sächsischen Impfkommission (SIKO) empfohlen wird. Schlusslichter sind Baden-Württemberg (15 %), Bayern und Hamburg (beide 14 %).
Meningokokken-Impfung im internationalen Vergleich
In Europa sind es mittlerweile 14 Länder, in denen die MenB-Impfung Teil des offiziellen Säuglingsimpfprogramms ist. Als letztes hat sich Spanien dafür entschieden; dort wurde die Vakzine bisher nur in ausgewählten Regionen empfohlen. Gerade erst im New England Journal of Medicine veröffentlichte Daten aus einer vergleichenden Analyse aus Spanien zeigen, dass der 4-Komponenten-Impfstoff 4CMenB effektiv vor Erkrankungen schützt; bei vollständiger Impfung liegt die Wirksamkeit bei 71 Prozent. Daten, die die hohe Wirksamkeit der 4CMenB-Vakzine belegen, gibt es auch aus Italien, England, Australien, Kanada und Portugal.
Die Rolle der WHO
Die Weltgesundheitsorganisation hat sich vorgenommen, Meningitis-Erkrankungen bis zum Jahr 2030 zurückzudrängen; der Strategieplan „Defeating meningitis by 2030“ sieht vor, die impfpräventablen Fälle von bakterieller Meningitis, um 50 Prozent und die durch sie verursachten Todesfälle um 70 Prozent zu senken. „Die Voraussetzung, dass die Weltgemeinschaft dieses Ziel erreicht, sind hohe Impfquoten“, sagt Dr. Markus Kirchner vom Impfstoffentwickler GlaxoSmithKline. „Bei den jetzigen, niedrigen Impfquoten leistet Deutschland leider nur einen geringen Beitrag dazu, dass die WHO ihr Ziel erreicht.“
Fazit
Die Meningokokken-Impfung ist ein wichtiger Schutz vor schweren Erkrankungen. Die STIKO empfiehlt die Impfung gegen Meningokokken B für alle Säuglinge ab dem Alter von 2 Monaten und die Impfung gegen Meningokokken ACWY für Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 14 Jahren. Es ist wichtig, sich von einem Arzt über die Risiken und Nutzen der Impfung beraten zu lassen. Trotz der Seltenheit der Erkrankung sollte die Gefahr schwerwiegender Komplikationen und Langzeitfolgen nicht unterschätzt werden. Die Entscheidung für oder gegen eine Impfung sollte daher nach sorgfältiger Abwägung aller Faktoren getroffen werden.
Es sind Bakterien, die es in sich haben: Meningokokken können lebensgefährliche Hirnhautentzündung (Meningitis) und Blutvergiftung (Sepsis) auslösen. Insbesondere Kinder unter 5 Jahren, Jugendliche und Personen mit einer Abwehrschwäche sind gefährdet. Meningokokken (Men) treten in verschiedenen Untergruppen, den so genannten Serogruppen, auf - 12 sind es insgesamt. Gegen die 5 wichtigsten Serogruppen (A, B, C, W und Y) gibt es Impfstoffe. In Deutschland werden Erkrankungen vor allem durch die Gruppen B, C, W und Y verursacht. Die Men-C-Impfung wird von der Ständigen Impfkommission (STIKO) für alle Kinder im Alter von zwölf Monaten empfohlen und als Pflichtleistung von den Krankenkassen bezahlt. MenC ist für rund 10 Prozent der Meningokokken-Fälle verantwortlich. Gegen den mit Abstand häufigsten Erreger im Säuglings- und Kleinkindalter - Serogruppe B - gibt es seit 10 Jahren eine Impfung; die STIKO empfiehlt sie bisher nicht. Die Impfquoten sind niedrig.
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