Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch periodisch auftretende Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist. In den letzten 15 Jahren wurden zahlreiche neue Erkenntnisse über Migräne gewonnen, was zu einer verbesserten Klassifizierung und Behandlung geführt hat. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) definiert Migräne als wiederkehrende Kopfschmerzen, die von Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit (Phono- und/oder Photophobie) begleitet werden.
Arten von Migräne
Grundsätzlich wird zwischen Migräne ohne Aura und Migräne mit Aura unterschieden. Darüber hinaus gibt es verschiedene Unterformen, wie z. B.:
- Migräne mit prolongierter (verlängerter) Aura
- Familiär hemiplegische Migräne (FHM)
- Komplizierte Migräne
- Basilarismigräne
- Retinale Migräne
- Aura ohne Migränekopfschmerzen (Migraine sans migraine)
Etwa 10-15 % aller Migränepatienten leiden an Migräne mit Aura (früher als klassische Migräne oder Migraine accompagnée bezeichnet). Bei dieser Form treten insbesondere vor (und selten auch während) der Kopfschmerzphasen neurologische Reiz- oder Ausfallerscheinungen auf.
Epidemiologie
Die Prävalenz von Migräne in Deutschland liegt bei 12-15 % der weiblichen und 6-8 % der männlichen Bevölkerung. Damit ist Migräne eine der häufigsten Erkrankungen überhaupt.
Phasen einer Migräneattacke
Eine Migräneattacke kann in mehreren Phasen verlaufen:
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- Prodromalphase (Anfangsphase): Viele Patienten beschreiben Prodromalzeichen, die bis zu 48 Stunden vor der eigentlichen Kopfschmerzphase auftreten können. Diese Symptome können Heißhunger, Stimmungsschwankungen, euphorische Gefühle oder Polyurie umfassen.
- Aura-Phase: Bei Migräne mit Aura kommt es zu neurologischen Symptomen, die dem eigentlichen Kopfschmerz vorausgehen oder ihn begleiten können.
- Kopfschmerzphase: Im Mittelpunkt steht der anfallsartig auftretende Kopfschmerz, der typischerweise mit autonomen Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit einhergeht. Der Kopfschmerz ist meist heftig, pulsierend und pochend, oft halbseitig, kann aber auch beidseitig auftreten oder die Seite wechseln. Definitionsgemäß kann ein Migräneanfall zwischen 4 und 72 Stunden dauern.
- Postiktale Phase (Phase nach dem Anfall): Diese Phase ähnelt in Bezug auf die Symptome der Prodromalphase.
Migräne mit Aura (Migraine Accompagnée)
Die Migräne mit Aura, auch klassische Migräne oder Migraine Accompagnée genannt, zeigt zusätzlich vor oder zu Beginn der Kopfschmerzen neurologische Reiz- und Ausfallerscheinungen wie Gesichtsfeldausfälle (Flimmerskotome), die etwa 20 Minuten andauern. Sie äußern sich beispielsweise in halbseitigen Sensibilitätsstörungen, Paresen oder Sprachstörungen. Als „Aura“ werden die Sehstörungen und andere neurologischen Symptome bezeichnet, die meistens der Kopfschmerzphase vorausgehen, aber auch zusammen mit dieser auftreten können.
Visuelle Auren
Am häufigsten sind visuelle Auren. Dabei kommt es entweder zu Gesichtsfelddefekten (Flimmerskotome, „Flimmern vor den Augen“) oder zu hellen gezackten Figuren (Fortifikationen), die sich in ihrer Größe langsam ausdehnen. Diese Phänomene werden oft zunächst punktförmig in der Mitte des Gesichtsfeldes wahrgenommen und dehnen sich dann langsam beidseitig in eine Richtung aus. Nach ca. 30 Minuten und dem Moment der größten Ausdehnung lassen die Sehstörungen nach und der typische Migräne-Kopfschmerz beginnt.
Andere neurologische Symptome
Neben visuellen Ausfällen können auch halbseitige Sensibilitätsstörungen (meist Kribbelparästhesien), Paresen sowie Sprech- oder Sprachstörungen auftreten. Die neurologischen Ausfälle entwickeln sich üblicherweise graduell über 5-20 Minuten und dauern in den meisten Fällen nicht länger als 60 Minuten.
Seltene Formen der Migräne mit Aura
- Migräne mit prolongierter Aura: Hierbei dauern die neurologischen Ausfälle bis zu einer Woche an.
- Familiär hemiplegische Migräne (FHM): Eine seltene Form der Migräne, bei der während der Migräneattacke eine u. U. komplette Halbseitenlähmung auftritt, die für 30-60 Minuten, in einigen Fällen sogar mehrere Stunden andauern kann. Es gibt drei Typen: FHM-1, FHM-2 und FHM-3, die auf unterschiedlichen Gendefekten beruhen.
- Retinale Migräne: Während der akuten Attacke entwickeln diese Patienten eine monokuläre (nur auf einem Auge) Sehstörung. Sie können Skotome (Ausfall eines Teils des Gesichtsfeldes) oder gar eine (monoculäre) Blindheit entwickeln. Diese Störungen sind zeitlich begrenzt und bilden sich innerhalb weniger Stunden wieder komplett zurück.
- Basilarismigräne: Eine Sonderform der Migräne mit Drehschwindel, Ataxie, Hörstörungen, Para- und Tetraparesen oder Bewusstseinsstörungen.
Ursachen und Auslöser
Obwohl die genauen Ursachen der Migräne noch nicht vollständig geklärt sind, gibt es eine Reihe von Faktoren, die eine Attacke auslösen können (Trigger). Zu den häufigsten Triggern gehören:
- Stress
- Schlafmangel
- Flüssigkeitsmangel
- Hormonelle Schwankungen
- Ernährung (bestimmte Lebensmittel oder Verzicht auf Lebensmittel)
- Wetter und Reizüberflutung (Licht, Lärm)
Diagnose
Die Diagnose einer Migräne basiert in der Regel auf den charakteristischen Symptomen und der Anamnese des Patienten. Ein Kopfschmerztagebuch kann hilfreich sein, um die Häufigkeit, Dauer und Art der Kopfschmerzen sowie mögliche Auslöser zu dokumentieren. In einigen Fällen können bildgebende Verfahren (MRT, CT) erforderlich sein, um andere Ursachen auszuschließen.
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Behandlung
Die Behandlung der Migräne umfasst sowohl die Akuttherapie von Migräneattacken als auch die Prophylaxe zur Reduktion der Häufigkeit und Intensität der Anfälle.
Akuttherapie
- Peripher wirksame Analgetika und NSAIDs: Leichte bis mittelschwere Migräneattacken können mit Schmerzmitteln wie Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen oder Paracetamol behandelt werden. Die Wirksamkeit kann durch die Gabe von Prokinetika (z. B. Metoclopramid, Domperidon) verbessert werden, um die Aufnahme der Medikamente zu fördern.
- Triptane: Bei stärkeren Migräneattacken sind Triptane (5-HT1B/D-Agonisten) die Mittel der ersten Wahl. Sie wirken spezifisch gegen Migräne, indem sie die Blutgefäße im Gehirn verengen und die Freisetzung von Entzündungsstoffen reduzieren. Es gibt verschiedene Triptane mit unterschiedlichen Darreichungsformen und Halbwertszeiten, so dass die Therapie individuell angepasst werden kann. Wichtig ist, dass die Migräne-Aura durch Triptane nicht beeinflusst werden kann. Der Einsatz der Triptane sollte daher erst nach abgelaufener Aura erfolgen.
- Ergotamine: Fast alle Ergotamine-Präparate sind bis auf Ergotamintartrat jedoch seit Juli 2003 vom Markt genommen worden.
- Intravenöse Medikamente: In der Notfallsituation oder beim Versagen einer oralen Medikation stehen Sumatriptan in einer sukutanen Darreichungsform und Lysin-Acetylsalicylsäure (LAS) zur intravenösen Gabe zur Verfügung. Als weitere Alternative kann ferner auf intravenöse Valproinsäure zurückgegriffen werden.
- Gepante: Die neue Wirkstoffgruppe der Gepante kann eingesetzt werden, wenn Schmerzmittel oder Triptane nicht wirksam sind oder nicht vertragen werden.
Migräneprophylaxe
Eine Migräneprophylaxe ist sinnvoll, wenn:
- Die Migräneattacken häufig auftreten (mehr als drei Mal pro Monat)
- Die Akuttherapie nicht ausreichend wirksam ist
- Nebenwirkungen der Akuttherapie nicht toleriert werden
- Die Migräne das alltägliche Leben stark einschränkt
- Neurologische Migränekomplikationen auftreten, die länger als sieben Tage andauern
Zur Migräneprophylaxe können verschiedene Medikamente eingesetzt werden:
- Betablocker: Metoprolol und Propranolol sind Substanzen mit gesicherter Wirkung.
- Flunarizin: Ebenfalls eine Substanz mit gesicherter Wirkung.
- Antiepileptika: Topiramat und Valproinsäure können die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Amitriptylin: Ein Antidepressivum, das auch zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden kann.
- Antikörpertherapie: Seit einigen Jahren ist in Deutschland eine besondere Antikörpertherapie zur Vorbeugung von Attacken bei chronischer Migräne zugelassen.
- Gepante: Ähnlich verhält es sich mit der neuen Wirkstoffgruppe der Gepante.
Nicht-medikamentöse Therapien
- Verhaltenstherapie: Psychotherapeutische Verfahren können Betroffenen helfen, mit ihrer Migräne besser umzugehen und Stressoren zu identifizieren und zu reduzieren.
- Entspannungstechniken: Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, Autogenes Training, Atemübungen und Meditation können helfen, Stress abzubauen und die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren.
- Biofeedback: Bei dieser Methode werden biologische Signale wie der Blutdruck in sicht- oder hörbare Signale umgewandelt, sodass Betroffenen diese bewusst werden. Dabei lernen sie, die Weite ihrer Blutgefäße der Kopfhaut bewusst zu beeinflussen und so die Kopfschmerzen zu lindern.
- Akupunktur: Obwohl relativ populär, haben randomisierte Multicenter-Studien, die Akupunktur mit Scheinakupunktur in der Prophylaxe der Migräne verglichen, keine Unterschiede zwischen den Behandlungsgruppen zeigen können.
- Regelmäßiger Ausdauersport:
- Vermeidung von Triggern: Patienten können anhand eines Anfallstagebuchs Schlüsse ziehen, wodurch ihre Migräne entsteht und ggf. ihren Lebensstil verändern.
Besondere Aspekte
- Migräne und Schlaganfallrisiko: Migränepatienten, insbesondere Migränepatientinnen mit Aura, haben ein etwas erhöhtes Risiko für Schlaganfälle.
- Migräne bei Kindern: Bei Kindern stehen vegetative Begleitsymptome wie abdominelle Schmerzen und Übelkeit im Vordergrund der Symptomatik. Die Dauer der Symptomatik ist jedoch signifikant kürzer als bei Erwachsenen.
- Migräne in der Schwangerschaft: In der Schwangerschaft sollte eine Therapie mit einer Ärztin oder einem Arzt abgesprochen werden, um Schäden am Ungeborenen durch Medikamente zu vermeiden. Glücklicherweise verlieren viele betroffene Frauen während der Schwangerschaft vorübergehend ihre Migräne.
- Chronische Migräne: Nach der Definition müssen Migränekopfschmerzen an mehr als an 15 Tagen im Monat seit mindestens 3 Monaten bestehen. Ein Medikamenten-induzierter Kopfschmerz muss jedoch ausgeschlossen sein.
Methoden ohne nachgewiesenen Nutzen
Zwei relativ populäre Therapieansätze haben sich leider in wissenschaftlichen Studien als unwirksam erwiesen, werden allerdings trotzdem noch weitläufig angewendet: Akupunktur und Hormontherapien. Auch zur Hormonbehandlung bei der Migräne gibt es nach wie vor keine eindeutigen Studien, die die Wirksamkeit von Hormonbehandlungen hätten belegen können.
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