Migräne mit Aura und Schlaganfall: Unterschiede und Risiken

Die Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch periodisch auftretende Attacken von Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) definiert die Migräne als wiederkehrende Kopfschmerzen, die mit Übelkeit, Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen und/oder Licht (Phono- und/oder Photophobie) einhergehen. Grundsätzlich wird zwischen der Migräne ohne Aura und der Migräne mit Aura unterschieden.

Bis zu 30 Prozent der Deutschen leiden hin und wieder an Migräne. Etwa 15 Prozent dieser Patienten leiden an Migräne mit Aura. Migräne betrifft vor allem Frauen: Etwa dreimal so viele Frauen leiden an Migräne wie Männer.

Was ist Migräne mit Aura?

Die „klassische Migräne“ (mit Aura) ist eine Sonderform der gewöhnlichen Migräne ohne Aura. Zusätzlich zum typischen „Gewitter im Kopf“ treten hier neurologische Störungen als Vorboten auf, die den Symptomen von epileptischen Anfällen ähneln. Sie entwickeln sich innerhalb von fünf bis zehn Minuten und dauern in der Regel bis zu einer Stunde an.

Die Migräne mit Aura, früher auch als Migraine accompagnée bezeichnet, ist durch anfallsartige neurologische Störungen gekennzeichnet, die sich vor allem in Sehbeschwerden äußern und normalerweise zwischen 5 und 60 Minuten andauern. Folgen mehrere Aura-Symptome aufeinander, kann sich die Dauer auch verlängern. Innerhalb einer Stunde nach Beginn der Aura setzen gewöhnlich die Kopfschmerzen ein.

Ursachen

Die Ursachen für Migräne mit Aura sind, wie auch bei der Migräne ohne Aura, bisher noch nicht abschließend erforscht. Sehr wahrscheinlich ist jedoch, dass Menschen mit Migräne eine Überempfindlichkeit der Nervenzellen in der Hirnrinde aufweisen. Im Rahmen einer Attacke kommt es zu einer verstärkten Erregung von Nervenzellen, insbesondere des Trigeminusnervs, der für die Schmerzwahrnehmung im Gesicht hauptverantwortlich ist.

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Im Vergleich zur Migräne ohne Aura wurde bei Migräne-Patienten mit Aura jedoch eine verminderte Hirndurchblutung in bestimmten Hirnarealen festgestellt. Dementsprechend könnte ein Sauerstoffmangel in betroffenen Hirnregionen für die Aura-Symptome verantwortlich sein. Grundlage dieser Störung ist vermutlich ein genetischer Defekt.

Bestimmte Auslöser - sogenannte Trigger - können Migräneattacken mit Aura hervorrufen. Solche Auslöser sind beispielsweise Stress, Wetterumschwünge und bestimmte Gerüche.

Symptome

Bei Migräne mit Aura sind die Symptome visuelle, sensible und sprachliche (aphasische) Störungen.

  • Sehstörungen: Bei fast allen Migränepatienten (99 Prozent) mit Aura kommt es zu Sehstörungen. Die Migräne kann beispielsweise folgende Bildstörungen auslösen:

    • Skotom (Sehkraft lässt innerhalb eines Gesichtsfeldes nach oder fällt komplett aus)
    • Blendende Kreise oder Vierecke (die sich immer weiter ausbreiten)
    • Zickzacklinien
    • Blitzlichter
    • SternschnuppenDie Sehstörungen treten unabhängig davon auf, ob die Augen offen oder geschlossen sind. In der Regel bilden sie sich innerhalb von einer Stunde wieder zurück.
  • Gefühlsstörungen: Bei 30 bis 54 Prozent der Betroffenen treten außerdem Gefühlsstörungen auf. Migränepatienten mit Aura berichten beispielsweise von einem Kribbel- oder Taubheitsgefühl in Händen, Armen oder Wangen.

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  • Sprachstörungen: Seltener (in 9 bis 31 Prozent der Fälle) sind auch Sprachstörungen möglich. Diese äußern sich zum Beispiel dadurch, dass die Aussprache und/oder die richtige Verwendung von Worten beeinträchtigt ist.

Die neurologischen Aurasymptome treten auf der anderen Körperhälfte auf als die anschließenden Kopfschmerzen, weil Gehirn und Körper überkreuz miteinander verknüpft sind. Diese Symptome kündigen die darauffolgende Kopfschmerzphase an. Bei jedem Migränepatienten verläuft die Migräneaura aber etwas unterschiedlich. Außerdem können sich die Symptome im Laufe des Lebens verändern. In seltenen Fällen bleiben Kopfschmerzen nach der Aura aus.

Atypische Migräne-Aura

Von der typischen Migräne-Aura werden atypische Auren unterschieden. Darunter fällt die Migräne mit Hirnstammaura. Betroffene leiden an Hirnstammsymptomen wie Drehschwindel, Tinnitus, Doppelbildern oder Bewusstseinsstörungen.

Eine hemiplegische Migräne diagnostizieren Ärzte, wenn die Aura mit motorischen Störungen wie einer halbseitigen Lähmung einhergeht. Die motorischen Symptome können länger andauern als andere Aura-Symptome, sie bilden sich aber innerhalb von 72 Stunden ebenfalls wieder vollständig zurück.

Eine weitere atypische Form ist die retinale Migräne. Charakteristisch für diese sehr seltene Migräneform sind vorübergehende, visuelle Phänomene wie plötzliches Flimmern vor dem Auge, Gesichtsfeldausfälle (Skotome) oder eine Erblindung.

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Diagnose

Bei der Diagnose von Migräne mit Aura müssen Ärzte andere mögliche Ursachen ausschließen. Das ist wichtig, weil eine Sehstörung zum Beispiel auch ein Indiz für eine Durchblutungsstörung oder Augenerkrankung sein kann.

Besonders problematisch ist die Abgrenzung zum Schlaganfall, da Symptome wie Taubheitsgefühl oder Sprachstörungen auch für einen Schlaganfall sprechen können.

Alice-im-Wunderland-Syndrom

Manche entwickeln gar das Alice-im-Wunderland-Syndrom, welches durch eine verzerrte Wahrnehmung geprägt ist. Bei den Wahrnehmungsstörungen erscheinen den Betroffenen beispielsweise der eigene Körper ganz klein und der umgebende Raum riesengroß. Auch Halluzinationen und Orientierungsverlust können auftreten. Der Name des Syndroms leitet sich von dem gleichnamigen Kinderbuch ab, in dem das Mädchen Alice unter anderem abwechselnd schrumpft und wieder wächst. Wahrscheinlich liegen dem Syndrom organische oder funktionelle Veränderungen in einem bestimmten Bereich des Gehirns zugrunde, dem Temporallappen. Das ist aber noch nicht endgültig erforscht.

Behandlung

Eine geeignete Methode zur Behandlung von Auren ist bisher noch nicht entwickelt worden. Kündigen sich Auraphasen an, sollten Betroffene sich unverzüglich in eine ruhige Umgebung zurückziehen - am besten in einem abgedunkelten Raum. Des Weiteren können Sie bereits vorbeugend für die angekündigten Kopfschmerzen Schmerzmittel wie Paracetamol, Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure einnehmen, die bei leichteren Attacken helfen. Die Einnahme von Medikamenten bei Migräne mit Aura sollte jedoch in jedem Fall mit einem Arzt abgesprochen werden.

Da eine wirksame Behandlung der Aura bisher nicht möglich ist, kommt der Vorbeugung von Migräneattacken eine besondere Rolle zu. Studien konnten belegen, dass diverse Antiepileptika wie Lamotrigin die Häufigkeit von Migräne mit Aura reduzieren können. Außerdem sollten individuelle Auslöser wenn möglich vermieden werden.

Migräne mit Aura und Schlaganfall: Die Unterschiede

Da die Symptome (vor allem einseitige Lähmungserscheinungen, Taubheitsgefühl) bei Migräne mit Aura denen bei einem Schlaganfall stark ähneln können, besteht vor allem bei älteren Menschen die Gefahr, beide Krankheitsbilder zu verwechseln.

Typisch für einen Schlaganfall sind im Gegensatz zur Migräne-Aura abrupt einsetzende Beschwerden, wie Taubheit, Schwäche oder Lähmungserscheinungen sowie eine plötzliche Sprachstörung und/oder Gleichgewichtsstörungen. Eine Aura umfasst neurologische Symptome, die im typischen Fall für die Dauer von ca. 30 Minuten dem eigentlichen Migräne-Schmerz vorausgehen. Sie sind durch eine allmähliche Zunahme und ein langsames Abklingen im Anschluss gekennzeichnet. Aura-Symptome bilden sich in der Regel vollständig - meist innerhalb von einer Stunde - zurück. Am häufigsten handelt es sich um Sehstörungen, die einseitig links oder rechts im Gesichtsfeld auftreten. Etwas seltener treten Auren in Form von Gefühlsstörungen an Armen oder Beinen auf.

Einem Verdacht auf einen Schlaganfall können auch medizinische Laien mit einem einfachen Test nachgehen. Innerhalb kürzester Zeit lassen sich die wichtigsten dieser Anzeichen mit dem sogenannten FAST-Test überprüfen, der aus dem englisch-sprachigen Raum stammt:

  • F steht für Face (Gesicht): Man sollte die Person bitten zu lächeln. Wenn das Gesicht einseitig verzogen ist, deutet das auf eine halbseitige Lähmung hin.
  • A steht für Arms (Arme): Dabei bittet man die Person, die Arme nach vorne zu strecken und dabei die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer Lähmung können nicht beide Arme gehoben werden, sie sinken wieder herunter oder drehen sich.
  • S steht für Speech: Ist der Betroffene nicht in der Lage, einen einfachen Satz nachzusprechen oder klingt seine Stimme dabei verwaschen, ist das ein Zeichen für Sprachstörungen.
  • T steht für Time (Zeit): Zeit ist entscheidend! Rufen Sie sofort den Notruf (112), wenn Sie Anzeichen eines Schlaganfalls bemerken.

Wenn Sie diese Symptome bemerken, könnte der erste Gedanke sein, dass es sich um einen Schlaganfall handelt. Das liegt daran, dass die Anzeichen oft sehr ähnlich sind. Der Hauptunterschied? Bei einer Aura nehmen die Symptome langsam zu, während sie bei einem Schlaganfall meistens plötzlich auftreten. Und keine Sorge: Die Beschwerden der Migräneaura sind nur vorübergehend und verursachen keine bleibenden Schäden, im Gegensatz zu einem echten Schlaganfall.

Sollten Sie unsicher sein, ist ein Krankenhausbesuch ratsam. Dort kann durch spezielle Untersuchungen wie eine Computertomografie (CT) oder Kernspintomografie (MRT) festgestellt werden, ob es sich um Symptome einer Aura oder einen echten Schlaganfall handelt.

Erhöhtes Schlaganfallrisiko bei Migräne mit Aura?

Studien haben festgestellt, dass Menschen, die an Migräne mit Aura leiden, auch ein erhöhtes Risiko haben, einen Schlaganfall zu erleiden. Migränepatienten haben im Durchschnitt etwa doppelt so oft einen Schlaganfall wie normale Menschen. Die Deutsche Schlaganfall Gesellschaft warnt insbesondere Frauen unter 45 Jahren, die Migräne mit Aura haben, vor erhöhtem Schlaganfallrisiko.

Bei Frauen mit Migräne ist in mehreren retrospektiven Studien und Metaanalysen eine höhere Rate an Schlaganfällen beobachtet worden als bei Frauen ohne Migräne.

Betrachtet man alle Daten zusammen, leitet sich für Migränepatientinnen allgemein zwar ein signifikant erhöhtes Schlaganfallrisiko ab. Wegen der geringen Erhöhung ist es jedoch klinisch eher als nicht relevant einzuschätzen. Aber auch durch das Rauchen kommt es zu einer deutlichen Erhöhung des relativen Risikos auf 7,39 versus 1,56 bei Nichtrauchern.

Grundsätzlich können bei Migränepatienten Schlaganfälle unabhängig von Migräneattacken auftreten oder aus einer Migräneaura heraus. Nur in letzterem Fall liegt nach der aktuellen Kopfschmerzklassifikation der International Headache Society (IHS) von 2004 ein migränöser Infarkt vor.

Alle Studien haben übereinstimmend ergeben, daß Migränepatientinnen überwiegend ischämische Insulte erleiden, hämorrhagische Infarkte sind die Ausnahme. Als mögliche Mechanismen für die Entstehung von migränösen Infarkten werden eine erhöhte Gerinnungsneigung des Blutes, zerebrale Vasospasmen und ein erniedrigter regionaler zerebraler Blutfluß in der Migräneaura diskutiert. Dieses könnte paradoxe Embolien ermöglichen.

Migränepatientinnen haben offenbar auch ein signifikant schlechteres kardiovaskuläres Risikoprofil als Gesunde, wie eine aktuelle Studie aus Holland nahelegt.

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