Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch anfallsartige, oft sehr starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Sie zählt zu den primären Kopfschmerzerkrankungen, was bedeutet, dass sie nicht durch eine andere Grunderkrankung verursacht wird. Migräne kann den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Arten von Migräne, ihre Symptome, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, deren Hauptsymptom anfallsartig auftretende Kopfschmerzen sind. Diese Kopfschmerzen werden oft von weiteren Symptomen begleitet. Eine Migräneattacke kann bis zu 72 Stunden dauern. Einige Betroffene erleben vor einem Anfall eine Aura, die meist visuelle oder andere sensorische Wahrnehmungsstörungen verursacht. Was eine Migräneattacke auslöst (Trigger), ist individuell verschieden.
In Deutschland sind etwa 15 Prozent der Frauen und 6 Prozent der Männer von Migräne betroffen. Migräne tritt vor allem im erwerbsfähigen Alter auf, wobei Frauen bis zu dreimal häufiger betroffen sind als Männer.
Pathophysiologie der Migräne
Die genauen Ursachen für Migräne sind noch nicht vollständig geklärt, aber es gibt verschiedene Theorien und Erkenntnisse über die zugrunde liegenden Mechanismen.
Zentrale Sensibilisierung
Eine zentrale Rolle spielt die zentrale Sensibilisierung, bei der das trigeminovaskuläre System (N. trigeminus) aktiviert wird. Dies führt zur Freisetzung von Neuropeptiden, insbesondere CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide).
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Neurogene Inflammation
Die Freisetzung von CGRP und anderen vasoaktiven Substanzen führt zu einer neurogenen Inflammation. Dabei kommt es zu einer Gefäßerweiterung (Vasodilatation) und einer sterilen Entzündung der Hirnhäute, was wiederum die Schmerzleitung zum Thalamus und Kortex verstärkt.
Kortikale Streudepolarisation (CSD)
Ein weiteres wichtiges Konzept ist die kortikale Streudepolarisation (CSD). Dies ist eine Welle neuronaler und glialer Depolarisation, die sich langsam über den Kortex ausbreitet. Die CSD geht oft der Aura voraus und kann trigeminale Afferenzen aktivieren. Genetische Faktoren können eine individuell erhöhte Anfälligkeit für eine CSD bedingen, indem sie die Schwelle der Erregbarkeit verändern und eine CSD erleichtern.
Arten von Migräne
Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) hat verschiedene Formen von Migräne klassifiziert. Die wichtigsten sind:
- Episodische Migräne ohne Aura
- Episodische Migräne mit Aura
- Chronische Migräne
- Spezielle Migräneformen
Episodische Migräne ohne Aura
Die episodische Migräne ohne Aura ist die häufigste Form der Migräne.
Diagnostische Kriterien (ICHD-3):
Mindestens fünf Attacken
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Kopfschmerzattacken, die (unbehandelt oder erfolglos behandelt) 4-72 Stunden anhalten
Der Kopfschmerz weist mindestens zwei der folgenden vier Charakteristika auf:
- Einseitige Lokalisation
- Pulsierender Charakter
- Mittlere oder starke Schmerzintensität
- Verstärkung durch körperliche Routineaktivitäten (z.B. Gehen oder Treppensteigen) oder führt zu deren Vermeidung
Während des Kopfschmerzes besteht mindestens eines:
- Übelkeit und/oder Erbrechen
- Photophobie und Phonophobie
Nicht besser durch eine andere ICHD-3-Diagnose erklärbar
Symptome:
- Pochende und pulsierende Kopfschmerzen, die meist einseitig auftreten
- Die Schmerzen und Symptome erscheinen in Form einer Migräneattacke
- Beschwerden verschlimmern sich bei körperlicher Aktivität
- Begleiterscheinungen wie Übelkeit oder Erbrechen treten auf
- Eine deutliche Lärm- oder Licht- und Geruchsempfindlichkeit ist zu bemerken
Episodische Migräne mit Aura
Bei der episodischen Migräne mit Aura gehen den Kopfschmerzen neurologische Symptome voraus, die als Aura bezeichnet werden.
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Diagnostische Kriterien (ICHD-3):
Mindestens zwei Attacken
Eines oder mehrere der folgenden vollständig reversiblen Aurasymptome:
- Sehstörungen
- Sensibilitätsstörungen
- Sprachstörungen
- Motorische Störungen
- Hirnstammsymptome
- Retinale Symptome
Mindestens drei der folgenden sechs Merkmale:
- Mindestens ein Aurasymptom breitet sich allmählich über ≥5 Minuten aus
- Zwei oder mehr Aurasymptome treten nacheinander auf
- Jedes einzelne Aurasymptom dauert 5-60 Minuten an
- Mindestens ein Aurasymptom ist einseitig
- Mindestens ein Aurasymptom ist positiv
- Die Aura geht mit Kopfschmerzen einher oder wird innerhalb von 60 Minuten von Kopfschmerzen gefolgt
Nicht besser durch eine andere ICHD-3 Diagnose zu erklären
Symptome:
- Aurasymptome erscheinen im Migräne-Verlauf meist vor der Schmerzphase und halten ca. 15 bis 30 Minuten an
- Optische Wahrnehmungsstörungen: Flimmererscheinungen, Zickzacklinien, Lichtblitze oder Sichtfeldeinschränkungen
- Sensible Wahrnehmungsstörungen: Taubheitsgefühl oder Kribbeln, das sich von einer Hand über den Arm bis zum Gesicht ausbreitet
- Sprachstörungen
Chronische Migräne
Eine chronische Migräne liegt vor, wenn Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen pro Monat über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten auftreten, wobei an mindestens 8 Tagen die Kriterien für Migräne erfüllt sind.
Diagnostische Kriterien (ICHD-3):
Kopfschmerz (migräneartiger oder spannungsartiger) an ≥15 Tagen/Monat seit >3 Monaten
Auftreten bei einem Patienten, der mindestens fünf Attacken hatte, die die Kriterien B-D für Migräne ohne Aura und/oder die Kriterien B und C für Migräne mit Aura erfüllen
An ≥8 Tagen/Monat seit >3 Monaten, die eines der folgenden Kriterien erfüllen:
- Kriterien C und D für Migräne ohne Aura
- Kriterien B und C für Migräne mit Aura
- Der Patient ist der Ansicht, dass es sich bei Beginn der Kopfschmerzen um eine Migräne handelt. Der Kopfschmerz wird durch ein Triptan oder ein Ergot-Derivat gelindert
Symptome:
- Häufige Kopfschmerzen, die nicht alle migränetypisch sein müssen
- Leichte Spannungskopfschmerzen können auch der Migräne zuzuordnen sein
Spezielle Migräneformen
Neben den häufigsten Formen gibt es auch spezielle Migräneformen, die seltener auftreten:
- Vestibuläre Migräne: Hier stehen Schwindel und Gleichgewichtsstörungen im Vordergrund.
- Basilarismigräne (Migräne mit Hirnstammaura): Hirnstammsymptome während der Aura (Doppelbilder, Drehschwindel, Parästhesien im Gesicht, Dysarthrie, Tinnitus, Ataxie, Paresen).
- Retinale Migräne: Vorübergehende einseitige Erblindung zwischen 1-60 Minuten.
- Familiäre hemiplegische Migräne: Einseitige Parese oder cerebelläre Symptomatik im Rahmen der Aura.
- Menstruelle Migräne: Migräneattacken, die bis zu 2 Tage vor und bis zu 3 Tage nach der Menses auftreten.
- Augenmigräne (okulare Migräne): Sehstörungen wie Flimmern, Lichtblitze oder vorübergehender Sehverlust, oft ohne Kopfschmerzen.
- Abdominelle Migräne: Wiederkehrende Bauchschmerzen und Übelkeit, hauptsächlich bei Kindern, oft ohne Kopfschmerzen.
- Migralepsie: Ein epileptischer Anfall innerhalb einer Stunde nach einer Migräne mit Aura.
- Migränöser Infarkt: Ein Schlaganfall, der sich aus der Auraphase einer Migräne entwickelt.
Phasen einer Migräneattacke
Eine Migräneattacke kann in verschiedenen Phasen ablaufen, die jedoch nicht zwingend von jedem Patienten durchlaufen oder bemerkt werden:
- Prodromalphase (Vorphase): Stunden bis Tage vor dem eigentlichen Kopfschmerz können Symptome wie Müdigkeit, Reizbarkeit, Heißhunger, Nackenschmerzen oder Konzentrationsschwierigkeiten auftreten.
- Auraphase: Bei etwa 20 Prozent der Betroffenen treten neurologische Symptome wie Sehstörungen, Sensibilitätsstörungen oder Sprachstörungen auf. Diese Symptome entwickeln sich in der Regel langsam und bilden sich wieder zurück.
- Kopfschmerzphase: In dieser Phase treten die typischen Migränekopfschmerzen auf, die von Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet sein können.
- Postdromalphase (Erholungsphase): Nach dem Abklingen der Kopfschmerzen können Erschöpfung, Müdigkeit oder Konzentrationsstörungen bestehen bleiben.
Diagnose der Migräne
Die Diagnose der Migräne basiert hauptsächlich auf der Anamnese und einer neurologischen Untersuchung. Der Arzt erfragt die Häufigkeit, Dauer, Art und Stärke der Kopfschmerzen sowie Begleitsymptome und mögliche Auslöser. Ein Kopfschmerztagebuch kann hilfreich sein, um die Symptome und Triggerfaktoren zu dokumentieren.
In einigen Fällen können zusätzliche Untersuchungen wie eine Bildgebung des Gehirns (z.B. MRT) oder Laboruntersuchungen erforderlich sein, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen.
Die Kriterien der International Headache Society (IHS) werden für die Diagnose der Migräne herangezogen, auf deren Grundlage sich mehr als 95 Prozent aller Migränebetroffenen korrekt diagnostizieren lassen.
Auslöser (Trigger) von Migräne
Es gibt viele Faktoren, die eine Migräneattacke auslösen können. Diese Trigger sind von Mensch zu Mensch verschieden. Zu den häufigsten Auslösern gehören:
- Stress
- Schlafmangel oder unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus
- Hormonelle Veränderungen (z.B. Menstruation, Schwangerschaft, Einnahme von Kontrazeptiva)
- Bestimmte Nahrungsmittel (z.B. Käse, Schokolade, Rotwein, Zitrusfrüchte)
- Alkohol
- Koffein (sowohl übermäßiger Konsum als auch Entzug)
- Wetterumschwünge
- Bestimmte Medikamente
- Sinnesreize (z.B. helles Licht, laute Geräusche, starke Gerüche)
Behandlung von Migräne
Die Behandlung von Migräne umfasst zwei Hauptansätze: die Akuttherapie zur Linderung der Symptome während einer Attacke und die Prophylaxe zur Vorbeugung von Migräneanfällen.
Akuttherapie
Bei einer akuten Migräneattacke sind folgende Medikamente hilfreich:
- Schmerzmittel: Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Paracetamol oder Metamizol können bei leichten bis mittelschweren Attacken helfen. Die Kombination von ASS, Paracetamol und Coffein kann ebenfalls wirksam sein.
- Triptane: Bei stärkeren Attacken oder wenn Schmerzmittel nicht ausreichend wirken, können Triptane eingesetzt werden. Triptane sind spezifische Migränemittel, die die Blutgefäße im Gehirn verengen und die Freisetzung von Entzündungsstoffen reduzieren. Sie sind in verschiedenen Formen erhältlich (Tabletten, Schmelztabletten, Nasenspray, Injektion).
- Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika wie Metoclopramid oder Domperidon eingesetzt werden. Sie können auch die Aufnahme von Schmerzmitteln verbessern.
- Steroide: Bei länger anhaltenden Migräneattacken können Steroide wie Prednison oder Prednisolon in oraler oder intravenöser Form verabreicht werden.
Es ist wichtig, die Medikamente möglichst frühzeitig einzunehmen, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen.
Migräneprophylaxe
Eine Migräneprophylaxe ist sinnvoll, wenn die Migräneattacken häufig auftreten, die Lebensqualität stark beeinträchtigen oder die Akuttherapie nicht ausreichend wirksam ist. Ziel der Prophylaxe ist es, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräneattacken zu reduzieren.
Folgende Medikamente können zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden:
- Betablocker: Metoprolol
- Antidepressiva: Amitriptylin
- Antiepileptika: Topiramat
- CGRP-Antikörper: Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab
- Magnesium: Wirkt zudem wehenhemmend.
Neben Medikamenten können auch nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Prophylaxe beitragen:
- Regelmäßiger Lebensstil: Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, feste Mahlzeiten
- Stressmanagement: Entspannungsübungen, progressive Muskelrelaxation, Biofeedback
- Ausdauersport: Regelmäßige körperliche Aktivität
- Akupunktur
- Vermeidung von Triggern: Identifizierung und Vermeidung individueller Auslöser
Weitere Behandlungsmöglichkeiten
- Neuromodulation: Das Nerivio®-Neuromodulationssystem ist ein Armband zur Aktivierung der natürlichen Schmerzhemmung.
- Psychotherapie: Verhaltenstherapeutische Verfahren können helfen, mit der Migräne besser umzugehen und Stress zu reduzieren.
Migräne in besonderen Lebenssituationen
Migräne und Schwangerschaft
Während der Schwangerschaft kann sich die Migränefrequenz bei vielen Frauen verändern. Oft kommt es zu einer Abnahme der Migräneattacken, insbesondere im ersten Trimenon. Bei hormonell bedingter Migräne ist die Besserung oft deutlicher.
Bei der Akuttherapie in der Schwangerschaft sollten Medikamente wenn möglich selten und in niedrigster wirksamer Dosis eingesetzt werden. Paracetamol und Ibuprofen können in den ersten beiden Trimestern eingenommen werden, wobei Ibuprofen im dritten Trimenon vermieden werden sollte. Triptane sollten nur bei Therapieresistenz unter Paracetamol oder Ibuprofen eingesetzt werden.
Zur Prophylaxe können Magnesium und Metoprolol in niedriger Dosis eingesetzt werden. Amitriptylin sollte nur bei sehr strenger Indikationsstellung verwendet werden.
Migräne und hormonelle Kontrazeption
Bei Frauen mit Migräne ist die Wahl der hormonellen Kontrazeption ein wichtiges Thema. Orale Kontrazeptiva können das Schlaganfallrisiko möglicherweise minimal erhöhen, insbesondere bei Migräne mit Aura. Patientinnen sollten über dieses Risiko aufgeklärt werden.
Bei Migräne ohne Aura können Kombinationspräparate (Östrogen und Gestagen) in der Regel eingesetzt werden. Bei Migräne mit Aura ist jedoch Vorsicht geboten, und es sollten möglicherweise Gestagen-haltige Präparate oder nicht-hormonelle Verhütungsmethoden bevorzugt werden.
Differentialdiagnose
Es ist wichtig, andere Ursachen für Kopfschmerzen auszuschließen. Zu den wichtigsten Differentialdiagnosen gehören:
- Spannungskopfschmerz
- Clusterkopfschmerz
- Arteriitis temporalis (bei älteren Patienten)
- Sinusitis
- ZNS-Tumoren
- Idiopathische intrakranielle Hypertension (Pseudotumor cerebri)
- Sinusvenenthrombose
- Dissektionen der Arteria carotis oder vertebralis