Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz. Für viele Betroffene bedeutet sie eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität. In Kiel gibt es spezialisierte Ärzte und Kliniken, die sich der Diagnose und Behandlung von Migräne verschrieben haben. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Migräne, von den Symptomen über die Diagnose bis hin zu den aktuellen Therapiemöglichkeiten, und stellt die Expertise der Kieler Mediziner in diesem Bereich vor.
Die vielschichtige Welt der Migräne
Migräne kann sich auf unterschiedliche Weise äußern. Eine besondere Form ist die Migräne mit Aura, bei der neurologische Symptome wie Sehstörungen den Kopfschmerzen vorausgehen.
Migräne mit Aura: Wenn die Vorboten den Schrecken ankündigen
Die Migräne sagt „Hallo!“ - aber wie! Mit Zickzacklinien im Sichtfeld, Wortfindungsstörungen und Taubheitsgefühlen kann einem die Aura einen ordentlichen Schrecken einjagen. So wie die Morgenröte langsam den Tag beginnen lässt, so kündigt die Aura eine Migräne-Attacke an. Deswegen ist Aurora - die Göttin der Morgenröte - auch die Namenspatin dieses Phänomens. Nach Angaben der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft sind 15 bis 25 Prozent der Patientinnen und Patienten betroffen.
Symptome der Aura
Typisch sind Sehstörungen, oft sind es sogenannte einseitige Gesichtsfeldausfälle. Das heißt: „Im linken oder rechten Teil können zunehmende Flimmer-Erscheinungen auftreten“, sagt Neurologe und Schmerztherapeut Göbel. Betroffene sehen oft Zickzacklinien, die sich immer mehr ausbreiten oder farbige Randzacken ausbilden. Teilweise gibt es auch Flecken, in denen man nichts sehen kann. Lesen zum Beispiel fällt dann schwer. Betroffene können aber auch den Eindruck haben, nur durch einen Schleier oder durch Schlieren hindurch sehen zu können.
„Grundsätzlich kann vor dem Beginn der Migräneattacke jedes Krankheitszeichen auftreten, das durch eine gestörte elektrische Erregbarkeit der Hirnrinde ausgelöst werden kann“, sagt Hartmut Göbel. Die Hirnrinde ist der äußere Bereich des Gehirns.
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Das kann Schwindel sein, Müdigkeit oder ein Kribbeln, etwa in den Händen. Manche Betroffene suchen vergeblich nach Worten oder können sich nicht mehr konzentrieren. Auch epileptische Anfälle oder Bewusstlosigkeit können auftreten.
Ursachen der Aura
Der Grund für eine Migräne und damit für Auren ist, dass die Patientinnen und Patienten eine angeborene Besonderheit der Reizverarbeitung im Gehirn haben. „Ihr Nervensystem steht ständig unter „Hochspannung““, sagt Hartmut Göbel. Ihre Gehirne nehmen dadurch Reize früher und schneller auf und verarbeiten sie rascher. Strömen zu viele Eindrücke ein - zu schnell, zu plötzlich -, werden die Nervenzellen stark aktiviert. Dabei kann die Energieversorgung in ihnen zusammenbrechen.
Das bedeutet: Die Steuerung der Nervenfunktionen entgleist. „Und da die Sehrinde des Gehirns besonders viel Energie benötigt, kommt es zu Sehstörungen, der typischen visuellen Aura“, sagt Hartmut Göbel.
Was tun bei einer Aura?
Den Verlauf einer Aura beeinflussen kann man kaum, sagt Charly Gaul, Neurologe am Kopfschmerzzentrum Frankfurt. „Tritt eine Migräneattacke zum ersten Mal auf, ist stark ausgeprägt oder beinhaltet untypische Symptome, ist ein Besuch in der Notaufnahme im Zweifel sinnvoll, um andere Erkrankungen nicht zu übersehen.“
Bei Betroffenen, die ihre Auren kennen, stelle sich diese Frage aber selten. „Letztlich zwingt eine ausgeprägte Aura die Betroffenen eher dazu, ihre Aktivitäten wie Autofahren zu unterbrechen. Stattdessen muss man warten, bis die Symptome wieder abklingen.“
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Um eine Aura leichter zu überstehen, muss der Patient oder die Patientin lernen, mit Migräne-Attacken umzugehen. „Häufig sorgen sich Patienten, es könne eine Hirnerkrankung dahinterstecken oder sich ein Schlaganfall ankündigen“, sagt Charly Gaul. „Die beste Strategie hier ist, sich über die Aura zu informieren.“
Insgesamt ist das Risiko für vaskuläre Erkrankungen wie einen Schlaganfall oder Herzinfarkt leicht erhöht. Die Ursache ist unklar. „Das Risiko besteht jedoch nicht im Moment der Aura selbst“, betont Gaul. „Es ist insgesamt erhöht. Möglicherweise spielen genetische Faktoren eine Rolle.“ Deshalb empfiehlt er einen gesunden Lebensstil, der das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senkt.
Medikamentöse Behandlung der Aura
„Zur akuten Behandlung sind keine Medikamente oder Hausmittel verfügbar“, sagt Charly Gaul. Aber: Es gibt Medikamente, die Patientinnen und Patienten vorbeugend einnehmen können, um die Migränehäufigkeit - und damit auch die der Auren - zu verringern.
Und was ist mit Triptanen - einer Gruppe von Wirkstoffen, die Migräne akut lindern können? Oft heißt es, man solle sie erst nehmen, wenn die Aura abklingt.„Ursprünglich dachte man, dass sich ihr Wirkmechanismus über eine Gefäßverengung im Gehirn ableitet“, erklärt Gaul. Deswegen steht im Beipackzettel, dass Triptane nicht während der Aura eingenommen werden sollten. „Tatsächlich wirken diese Medikamente jedoch vor allem auf die Ausschüttung von Botenstoffen. Die damit verbundenen Veränderungen der Gefäßweite sind eher eine mittelbare Folge.“
Einige Studien weisen laut Gaul allerdings darauf hin, dass Triptane während der Aura eingenommen möglicherweise nicht optimal auf die Migräneattacke wirken. „Ganz geklärt sind diese Fragen aber nicht.“
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Außerdem müsse berücksichtigt werden, dass das Medikament erst aufgenommen werden muss, bevor es seine Wirkung entfaltet. „Und bis dahin ist die Aura häufig bereits vorüber.“ Im Zweifel ist es immer besser, bei Fragen wie diesen den Rat des Arztes oder der Ärztin einzuholen.
Differentialdiagnose: Migräne mit Aura oder Schlaganfall?
Nicht immer einfach ist die Unterscheidung zwischen einer Aura und einer transitorischen ischämischen Attacke (TIA). Sie gilt als Vorbote eines Schlaganfalls. „Und Fehler sind sehr schädlich“, sagt Prof. Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel. So könne die Fehldiagnose einer TIA als Migräne mit Aura zu einem vermeidbaren Schlaganfall führen.
Für eine sichere Diagnose muss der Patient mindestens zwei Episoden aufweisen, die spezielle Kriterien erfüllen. „Mit nur einer Episode ist es schwierig zu entscheiden“, sagt Hartmut Göbel. Und ohnehin: Eine Diagnose kann nur ein Arzt oder eine Ärztin stellen.
Wichtig: Besteht Verdacht auf einen Schlaganfall, ist das ein Fall für den Notruf 112. Denn die erste Zeit nach einem Schlaganfall entscheidet über das Ausmaß der Zellschäden im Gehirn, heißt es von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe.
Checkliste zur Unterscheidung
Wenn mindestens zwei der folgenden Punkte erfüllt sind, spricht das eher für einen Schlaganfall:
- Alle Symptome treten innerhalb von unter einer Minute mit maximaler Intensität auf und breiten sich nicht allmählich aus.
- Es bestehen mehrere Symptome, die gleichzeitig auftreten.
- Alle Symptome sind Defizite wie Sehverlust, Taubheit, Lähmungen. Es bestehen keine sogenannten positiven Symptome wie Zickzacklinien, Kribbeln oder Farbsehen.
- Die Symptome werden nicht von Kopfschmerz begleitet, es folgt ihnen innerhalb einer Stunde auch kein Kopfschmerz nach.
Eher für eine Migräne-Aura sprechen diese Punkte:
- Die Symptome treten langsam über 15 bis 30 Minuten zunehmend auf.
- Wenn mehrere Symptome auftreten, treten sie sukzessive, also eines nach dem anderen, auf.
- Es bestehen sogenannte positive Symptome wie Zickzacklinien, Kribbeln, Farbsehen.
Spezialisierte Hilfe in Kiel: Die Schmerzklinik Kiel
Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen sowie allen Kopfschmerzen, wie z.B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch und Clusterkopfschmerz. Auch Nervenschmerz (neuropathischer Schmerz) und Rückenschmerz sowie andere Formen chronischer Schmerzerkrankungen werden behandelt.
Aufnahmeformalitäten und Behandlungskonzept
Für die Planung eines Aufnahmetermins sind folgende Schritte erforderlich:
- Der behandelnde Arzt stellt eine Verordnung von Krankenhausbehandlung aus.
- Der Arzt füllt die Aufnahme-Checkliste aus.
- Der Patient füllt den Schmerzkalender und den Schmerzfragebogen aus.
- Alle Unterlagen und zusätzlich Kopien aller relevanter Arztbriefe, Röntgenbilder etc. werden an die auf der Aufnahme-Checkliste angegebene Anschrift gesendet.
Zahlreiche Krankenkassen haben eine integrierte Versorgung ihrer Versicherten mit dem Behandlungsnetz der Schmerzklinik vertraglich geregelt.
Schmerzkonferenzen und weitere Angebote
Im Zusammenhang mit der Einweisung, sowie der prä- oder poststationären Behandlung, können sich individuelle Fragen ergeben. Diese werden in Schmerzkonferenzen beantwortet.
Die Schmerzklinik bietet außerdem:
- Stationäre Anmeldung
- Ambulante Behandlung
- Migräne für Eilige kurz erklärt
- Spezielle Angebote für Kinder und Jugendliche
- Gästezimmer-Buchung
- Informationen zu Clusterkopfschmerz
- Checklisten
- Informationen für Ärzte und Fachleute
Aktuelle Entwicklungen in der Migränebehandlung
Neben den etablierten Therapiemöglichkeiten gibt es auch vielversprechende neue Ansätze in der Migränebehandlung.
Ubrogepant: Ein Medikament gegen die Vorboten der Migräne?
Ein in den USA für die Akuttherapie von Migräne zugelassenes Medikament, Ubrogepant, könnte auch Vorboten der Kopfschmerzattacken bessern. Das schließt ein überwiegend US-amerikanisches Forschungsteam aus einer nachträglichen Auswertung der Zulassungsstudie zum Wirkstoff Ubrogepant. Demnach bessert dieses Präparat bei vielen Menschen Symptome der sogenannten Prodromalphase - darunter Lichtempfindlichkeit, Müdigkeit und Schmerzen in der Halsgegend.
Ubrogepant ist in den USA seit einigen Jahren zur Akuttherapie von Migräne zugelassen, in Europa jedoch nicht. Der Wirkstoff zählt zur recht neuen Klasse der Gepante oder CGRP-Rezeptor-Antagonisten (Calcitonin gene-related peptide). Sie blockieren den Rezeptor für einen wichtigen Botenstoff, der an Migräne beteiligt ist. Aus dieser Gruppe sind in Europa zurzeit zwei Präparate zugelassen, in Deutschland wird davon vor allem Atogepant zur Prophylaxe von Migräne genutzt.
Die Untersuchung liefert deutliche Hinweise darauf, dass Ubrogepant die Prodromal-Symptome bessert. So besserte sich oder verschwand zwei Stunden nach der Einnahme die Lichtempfindlichkeit bei 19,5 Prozent jener Teilnehmer, die den Wirkstoff bekamen. In der Placebo-Gruppe waren es 12,5 Prozent. Gut 27 Prozent waren ab 3 Stunden nach Einnahme des Ubrogepant kaum noch ungewöhnlich müde, mit Placebo waren es knapp 17 Prozent. Rund 29 Prozent hatten ab Stunde 3 nach Einnahme des Wirkstoffs eine deutliche Besserung der Nackenschmerzen, im Vergleich zu rund 19 Prozent der Kontrollgruppe. Und ab Stunde 4 waren mit dem Wirkstoff knapp 51 Prozent weniger geräuschempfindlich, unter Placebo waren es knapp 36 Prozent.
Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel, betont, dass sich insgesamt ein "Paradigmenwechsel" andeutet: "Weg von der ausschließlichen Akutbehandlung in der Schmerzphase und hin zur gezielten Intervention im Frühstadium der Migräne."
Botox: Mehr als nur ein Mittel gegen Falten?
Botox ist bekannt als Mittel gegen Falten. Der Hersteller Allergan erzielt einen Milliarden-Umsatz mit dem Nervengift. Botox ist in Deutschland seit 2011 zur Behandlung von chronischer Migräne zugelassen.
Wie gut es gegen chronische Migräne wirkt, ist jedoch umstritten. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) schreibt auf Anfrage von NDR und SZ, dass die Zulassung kontrovers diskutiert worden sei. Die Stiftung Warentest meint, Botox helfe gegen chronische Migräne "nur ein bisschen". Der Herausgeber des pharma-unabhängigen Arznei-Telegramms, Wolfgang Becker-Brüser, meint sogar: Botox bei Migräne sei "überflüssig, da es schlecht untersucht ist und zu viele Risiken hat." Es sei zudem "extrem teuer".
Dennoch bieten viele Ärzte in Deutschland eine Behandlung mit Botox an. Auf der Seite chronischemigraene.de sind mehr als 200 Mediziner aufgelistet. Auf ihren jeweiligen Internetseiten bieten viele eine Behandlung mit Botox an.
Leben mit Migräne: Betroffene erzählen
Migräne kann das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen. Der Film „Mir platzt der Kopf. Leben mit Migräne“ aus der Reihe „37°“ von Julia Kaulbars zeigt, wie unterschiedlich Menschen mit Migräne umgehen.
Birte (33) aus Berlin will Ärztin werden. Wenn sie Migräneattacken hat, kann sie sich kaum konzentrieren. Robert (28) aus Berlin fürchtet, dass das Bekanntwerden seiner Migräne ihm die Karriere verbauen könnte und verheimlicht sie. Melanie (50) aus München hat seit Februar 2019 chronische Migräne. Sie hatte als Teamleiterin in der Geschäftsentwicklung eines großen weltweit agierenden Elektronikkonzerns Karriere gemacht.