Migräne ist eine häufige neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, oft begleitet von Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen und Lichtempfindlichkeit. Während Migräne in der Regel als eigenständige Erkrankung betrachtet wird, können bestimmte Medikamente, insbesondere Antipsychotika, in einigen Fällen Migräne auslösen oder verschlimmern. Dieser Artikel beleuchtet die potenziellen Ursachen für Migräne im Zusammenhang mit der Einnahme von Antipsychotika und erörtert verschiedene Behandlungsansätze.
Ursachen von Migräne durch Antipsychotika
Antipsychotika sind Medikamente, die hauptsächlich zur Behandlung von psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie und bipolarer Störung eingesetzt werden. Obwohl sie bei der Behandlung dieser Erkrankungen wirksam sein können, können sie auch eine Reihe von Nebenwirkungen verursachen, darunter Kopfschmerzen und Migräne. Die genauen Mechanismen, durch die Antipsychotika Migräne auslösen können, sind noch nicht vollständig geklärt, aber es gibt mehrere Theorien:
- Neurotransmitter-Dysregulation: Antipsychotika wirken, indem sie die Aktivität von Neurotransmittern im Gehirn beeinflussen, insbesondere von Dopamin und Serotonin. Diese Neurotransmitter spielen auch eine Rolle bei der Schmerzverarbeitung und der Entstehung von Migräne. Es wird vermutet, dass Antipsychotika durch die Veränderung der Neurotransmitter-Balance Migräne auslösen können.
- Gefäßveränderungen: Einige Antipsychotika können die Blutgefäße im Gehirn beeinflussen, was zu einer Verengung oder Erweiterung der Gefäße führen kann. Diese Veränderungen können Migräneattacken auslösen.
- Erhöhung des Prolaktinspiegels: Einige Antipsychotika können den Prolaktinspiegel im Blut erhöhen. Prolaktin ist ein Hormon, das unter anderem an der Schmerzverarbeitung beteiligt ist. Erhöhte Prolaktinspiegel können möglicherweise Migräne fördern.
- Genetische Prädisposition: Es gibt Hinweise darauf, dass eine genetische Prädisposition die Entstehung von arzneimittelinduzierten Kopfschmerzen begünstigen kann. Menschen mit einer genetischen Veranlagung für Abhängigkeit und Gewöhnung können anfälliger für die Entwicklung von medikamenteninduzierten Kopfschmerzen sein, da sie möglicherweise schneller eine Toleranz gegenüber den schmerzlindernden Effekten der Medikamente entwickeln und dadurch die Dosis steigern.
Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jeder, der Antipsychotika einnimmt, Migräne entwickelt. Das Risiko für Migräne durch Antipsychotika hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Art des Antipsychotikums, die Dosierung, die individuelle Empfindlichkeit und das Vorliegen anderer Risikofaktoren für Migräne.
Mögliche Nebenwirkungen einiger Antipsychotika
Einige Antipsychotika haben spezifische Nebenwirkungen, die im Zusammenhang mit Migräne relevant sein könnten:
- Akathisie: Akathisie, ein Zustand der inneren Unruhe und des Bewegungsdrangs, kann als Nebenwirkung von Antipsychotika auftreten und möglicherweise zu Kopfschmerzen beitragen.
- Schlafstörungen: Schlafstörungen sind eine häufige Nebenwirkung von Antipsychotika und können Migräneattacken begünstigen.
- Gewichtszunahme: Einige Antipsychotika können zu Gewichtszunahme führen, was ein Risikofaktor für Migräne sein kann.
- Angst: Angstzustände können als Nebenwirkung von Antipsychotika auftreten und möglicherweise die Häufigkeit von Migräneattacken erhöhen.
Es ist wichtig, dass Patienten, die Antipsychotika einnehmen, ihren Arzt über alle Nebenwirkungen informieren, einschließlich Kopfschmerzen und Migräne.
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Behandlung von Migräne durch Antipsychotika
Die Behandlung von Migräne, die durch Antipsychotika ausgelöst wird, kann eine Herausforderung darstellen. Es gibt jedoch verschiedene Strategien, die angewendet werden können, um die Symptome zu lindern und die Häufigkeit der Attacken zu reduzieren:
Überprüfung der Medikation: Der erste Schritt besteht darin, die Medikation des Patienten zu überprüfen und zu prüfen, ob das Antipsychotikum tatsächlich für die Behandlung der zugrunde liegenden psychischen Erkrankung erforderlich ist. In einigen Fällen kann es möglich sein, die Dosis des Antipsychotikums zu reduzieren oder auf ein anderes Medikament umzusteigen, das weniger wahrscheinlich Migräne auslöst. Dies sollte jedoch immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen. Häufig ist eine verbesserte Lebensqualität auch durch ein schrittweises Reduzieren der bislang eingenommenen Psychopharmaka auf eine niedrigere Dosis zu erlangen.
Akutbehandlung von Migräneattacken: Bei akuten Migräneattacken können Schmerzmittel wie nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) oder Triptane eingesetzt werden, um die Schmerzen zu lindern. Es ist jedoch wichtig, diese Medikamente nicht zu häufig einzunehmen, da dies zu einem Medikamentenübergebrauch und zu noch häufigeren Kopfschmerzen führen kann.
Vorbeugende Behandlung: Wenn Migräneattacken häufig auftreten, kann eine vorbeugende Behandlung in Erwägung gezogen werden. Es gibt verschiedene Medikamente, die zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt werden können, darunter Betablocker, Antidepressiva und Antikonvulsiva. Auch CGRP-Antikörper können bei Migräne-Patienten zum Einsatz kommen, die aufgrund von Vorerkrankungen andere Medikamente nicht einnehmen dürfen.
- Betablocker: Betablocker sind Arzneistoffe, die Ärzte bei Herzerkrankungen oder Bluthochdruck, aber auch zur Migräne-Prophylaxe verschreiben. Sie können Bindungsstellen von verschiedenen Botenstoffen blockieren und dadurch zum Beispiel die Wirkung des Stresshormons Adrenalin hemmen. Vorbeugend gegen Migräne haben sich Betablocker in verschiedenen Studien als wirkungsvoll erwiesen. Der Wirkmechanismus setzt bei den Migräne-Ursachen an.
- Antidepressiva: Antidepressiva kommen in erster Linie bei der Behandlung von Depressionen zum Einsatz. Generell gelten Antidepressiva als gut verträglich, trotzdem können sie zu Nebenwirkungen wie Verstopfung oder Kreislaufschwäche führen.
- Antikonvulsiva (auch Antiepileptika genannt): Eine weitere Wirkstoffgruppe, die Ärzte zur Migräne-Prophylaxe verschreiben, sind Antikonvulsiva (auch Antiepileptika genannt).
- Kalziumantagonisten: Kalziumantagonisten, auch Kalziumkanalblocker genannt, nutzen Ärzte für gewöhnlich in der Therapie von Herz- und Gefäßkrankheiten wie einer Herzenge (Angina pectoris). Die Medikamente können den Kalziumstrom hemmen, den Blutdruck senken und die Gefäße erweitern.
Nicht-medikamentöse Behandlungen: Neben Medikamenten gibt es auch eine Reihe von nicht-medikamentösen Behandlungen, die bei Migräne helfen können. Dazu gehören:
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- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training und Biofeedback können helfen, Stress abzubauen und die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren. Das autogene Training ist ein bewährtes Entspannungsverfahren, welches Betroffene auch vorbeugend für Migräne-Attacken einsetzen können. Ursprünglich kommt die Methode aus der Psychotherapie. Sie hilft dabei, den Körper durch die Kraft der Gedanken zu beeinflussen und einen Entspannungszustand herzustellen. Grundsätzlich kann jeder das Verfahren erlernen. Bei den Übungen gibt es die Wahl zwischen verschiedenen Schwierigkeitsstufen, sodass jeder für sich die passende finden kann.
- Akupunktur: Nachgewiesen ist bisher, dass die Häufigkeit von Migräne-Attacken nach einer Akupunktur oftmals abnimmt. Wissenschaftlich belegt ist, dass Akupunktur zur Vorbeugung von episodischer Migräne beitragen kann.
- Kognitive Verhaltenstherapie: Die kognitive Verhaltenstherapie kann helfen, Stressoren zu identifizieren und Bewältigungsstrategien zu entwickeln, um mit Stress umzugehen.
- Regelmäßiger Ausdauersport: Ausdauersportarten wie Schwimmen, Walken oder Radfahren (mindestens dreimal wöchentlich) können helfen, die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren.
- Vermeidung von Triggern: Viele Menschen mit Migräne haben bestimmte Auslöser, die Migräneattacken auslösen können. Dazu gehören Stress, Schlafmangel, bestimmte Nahrungsmittel und Getränke sowie bestimmte Gerüche oder Lichtverhältnisse. Das Vermeiden dieser Trigger kann helfen, die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren.
- Biofeedback-Therapie: Ziel ist es, über die Rückmeldung (Feedback) der eigenen Körperfunktionen auf bestimmte Situationen zu reagieren und diese bewusst zu beeinflussen. Im Fokus steht dabei, die Abläufe im Körper wahrzunehmen und besser kennenzulernen sowie einschätzen zu können. Dafür setzt der Arzt dem migränekranken Patienten Elektroden auf entsprechende Muskeln. Bei Migräne erfolgt meist eine Messung der Kopfmuskelaktivität sowie des Pulses. Während der Mediziner die Werte beobachtet, zeigt er dem Betroffenen, wie er die Funktionen selbst aktiv beeinflusst. Folglich kann die Person einer Migräne-Attacke möglicherweise vorbeugen.
Migräne-Tagebuch: Um nachvollziehen zu können, ob die vorbeugende Therapie anschlägt, empfiehlt es sich, bereits Wochen vor Beginn der medikamentösen Migräne-Prophylaxe mit dem Führen eines Migränetagebuchs zu beginnen. Das Führen eines Kopfschmerztagebuchs ist hilfreich, um die Stärke, die Auslöser und die Häufigkeit der Schmerzen sowie die Menge der eingenommenen Schmerzmittel zu erfassen.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Behandlung von Migräne, die durch Antipsychotika ausgelöst wird, individuell angepasst werden muss. Was für den einen Patienten funktioniert, muss nicht unbedingt für den anderen funktionieren. Eine enge Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt ist entscheidend, um die bestmögliche Behandlungsstrategie zu entwickeln.
Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen
Ein wichtiger Aspekt bei der Behandlung von Migräne im Zusammenhang mit Antipsychotika ist die Möglichkeit von medikamenteninduzierten Kopfschmerzen (MOH). MOH entstehen durch den übermäßigen Gebrauch von Schmerzmitteln zur Behandlung von Kopfschmerzen. Die wiederholte Einnahme von Schmerzmitteln, insbesondere von Triptanen, Analgetika, oder nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR), kann zu einer Veränderung in der Schmerzverarbeitung im Gehirn führen.
Die Definition umfasst entweder den Übergebrauch von einfachen Analgetika an ≥ 15 Tagen im Monat oder von Triptanen, Ergotaminen, Opioiden und (koffeinhaltigen oder codeinhaltigen) Kombinationsanalgetika an ≥ 10 Tagen im Monat über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten. Der Übergebrauch jeglicher Schmerz- oder Migränemittel kann zu einem Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch führen. Dabei müssen die Schmerzmittel nicht zwangsläufig zur Behandlung von Kopfschmerzen eingesetzt worden sein.
Um MOH zu vermeiden, ist es wichtig, die Einnahme von Schmerzmitteln zu begrenzen und alternative Behandlungsstrategien zu nutzen.
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Empfehlungen zur Vermeidung von MOH
- Halten Sie sich an die maximale Einnahmemenge von Schmerzmitteln: gewöhnliche Schmerzmittel (z. B. Ibuprofen, Diclofenac, Aspirin oder Paracetamol) an nicht mehr als 15 Tagen pro Monat und Kombinationsschmerzmittel, Migräne-Medikamente (Triptane) oder Opiate an nicht mehr als 10 Tagen pro Monat.
- Falls die Medikation nicht ausreicht, besprechen Sie die weiteren Therapiemöglichkeiten mit Ihren behandelnden Ärzt*innen. Allgemein kann es helfen, regelmäßig zu schlafen und zu essen, Ausdauersport zu betreiben oder Entspannungstechniken zu erlernen.
- Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob eine vorbeugende Behandlung in Frage kommt.
- Nutzen Sie nicht-medikamentöse Behandlungsstrategien wie Entspannungstechniken, Akupunktur und kognitive Verhaltenstherapie.
Absetzen von Psychopharmaka
Die Frage, ob Psychopharmaka abgesetzt werden sollten, ist komplex und hängt von einer Reihe von Faktoren ab. Zur Beantwortung dieser Frage gilt es eine Reihe von Umständen gegeneinander abzuwägen. Häufig ist eine verbesserte Lebensqualität auch durch ein schrittweises Reduzieren der bislang eingenommenen Psychopharmaka auf eine niedrigere Dosis zu erlangen. Ist die Lebensqualität gut oder ausgezeichnet, bleibt noch das Argument möglicher Langzeitschäden um abzusetzen. Drogenoder “Medikamenten”freiheit ist kein Wert an sich, man will länger und besser leben. Geht das mit Psychopharmakaeinnahme, soll man es tun.
Die meisten Ver-rücktheits- oder Niedergeschlagenheitszustände sind nicht so schlimm, als daß sie die vorbeugende Einnahme hochriskanter Neuroleptika oder Antidepressiva rechtfertigen. Anders sieht es aus, wenn ich mich oder andere massiv geschädigt habe. Dann sollte ich mir vor dem Beginn des Absetzens ziemlich sicher sein, daß das nicht wieder passiert.
Wenn ja, dann braucht es nach einer Änderung vielleicht auch keine Drogen, pardon Medikamente mehr. Oft scheitern Absetzversuche daran, daß die der Verrücktheit oder Niedergeschlagenheit zugrunde liegenden Probleme nicht gelöst wurden. Oft haben die Psychopharmaka das Problem nur aus dem Blickfeld gedrängt. Aber Vorsicht: Nicht für jedes Problem gibt es eine Lösung. Und: Nicht jedes Problem ist für jeden Menschen lösbar. Besser mit Psychopharmaka halbwegs erträglich leben, als nach unüberlegtem Absetzversuch mit noch mehr Psychopharmaka eine massive Einbuße der Lebensqualität erleiden.
Absetzen bedeutet eine Chance, beinhaltet aber auch ein zusätzliches Risiko. Wenn z.B. eine wichtige Prüfung kurz bevor steht, ich heiraten möchte oder sonst etwas Wichtiges in den nächsten Monaten vorhabe, sollte ich mir überlegen, ob ich diese Vorhaben diesem zusätzlichen Risiko aussetzen will. Was spricht dagegen, bis nach dem wichtigen Ereignis mit dem Absetzen zu warten?
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