Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch anfallsartige, meist einseitige Kopfschmerzen von großer Intensität gekennzeichnet ist. Etwa 16 % aller Frauen im Alter von etwa 40 Jahren in Europa sind von Migräne betroffen, was die Kopfschmerz-Verteilung als ungerecht erscheinen lässt, da Frauen dreimal häufiger daran leiden als Männer. Besonders zahlreiche und heftige Attacken erleben sie rund um die Regelblutung, aber auch bei Eintritt in die Wechseljahre. Dagegen verbessern sich die Symptome in vielen Fällen während der Schwangerschaft, und auch mit Abschluss der Menopause werden die Migräneattacken seltener.
Die Differenzierung zwischen einer Migräne ohne Aura und beispielsweise einem Kopfschmerz vom Spannungstyp kann schwierig sein. Daher werden mindestens 5 Attacken gefordert, bevor die Diagnose gestellt wird. Migräneattacken dauern definitionsgemäß mindestens 4 Stunden, können aber auch bis zu drei Tage lang anhalten.
Migräneformen und ihre Symptome
Migräne kann in unterschiedlichen Formen auftreten, mit und ohne Aura, als hormonelle Migräne und als chronische Migräne. Diese Formen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Symptomatik, sondern auch im Verlauf:
Migräne mit und ohne Aura: Bei der Migräne ohne Aura steht der einseitige, pulsierende Kopfschmerz im Mittelpunkt. Bei einer Migräne mit Aura kommt es kurz vor dem Schmerz zu Sichteinschränkungen in Form von Lichtblitzen, Flackerlinien und Schleiern. Sehr selten treten außerdem Schwindel, Hautkribbeln und Taubheitsgefühle in einer Gesichtshälfte auf. Meist visuelle Störungen (Sehstörungen), aber auch sensible Wahrnehmungsstörungen, motorische Störungen, aber auch möglicherweise Wortfindungsstörungen (aphasische Aura) schon vor dem Anfall auf, dauern überwiegend weniger als eine Stunde an. Sehstörungen könen z. B. flackernde Lichter, Punkte oder Linien sein oder auch ein Sehverlust. Sensible Störungen können sich in Kribbelmissempfindungen oder auch Taubheitsgefühl äußern.
Chronische Migräne: Eine Migräne wird dann als chronisch bezeichnet, wenn sie mindestens drei Monate in Folge an mehr als 15 Tagen im Monat auftritt. Betroffene leiden quasi unter dauernden Migräneanfällen. Häufig ist der chronische Verlauf die Folge einer zuvor über viele Jahre bestehenden Kopfschmerzerkrankung.
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Retinale Migräne: Im Rahmen der retinalen Migräne kommt es während des Migräneanfalls zu einseitigen Sehstörungen, die nicht den neurologischen Störungen einer Aura entsprechen. Bei einer retinalen Migräne kann es vorübergehend sogar zur Blindheit auf einem Auge kommen. Die Symptome verschwinden jedoch mit dem Eintreten der Kopfschmerzen oder spätestens während der Kopfschmerzphase wieder.
Hormonelle Migräne: Sie tritt, wie der Name schon sagt, kurz vor dem Einsetzen oder während der Periode auf. Ursächlich sind die hormonellen Veränderungen im Verlauf des Zyklus. Die hormonelle Migräne ist schlechter zu behandeln, sie verschwindet erst mit der Normalisierung des Hormonhaushaltes nach Ende der Periode und kehrt zyklisch einmal im Monat wieder. Die rein menstruelle Migräne gilt hinsichtlich Attacken-Dauer und -Intensität als die am schwersten zu therapierende Variante. Ursächlich scheint der natürliche prämenstruelle Abfall der Serum-Östrogen- und Serum-Gestagen-Spiegel als Trigger zu fungieren. Initial hohe Östrogenspiegel sind vermutlich eine Voraussetzung für die Entstehung der Migräneattacken. Bei etwa 60 % der Frauen mit Migräne handelt es sich um menstruationsbeeinflusste Anfälle, welche sich meistens erstmals im 2. Lebensjahrzehnt einstellen und um das 40. Lebensjahr ihr Maximum erreichen. Migräneanfälle mit Aura ereignen sich fast immer nur außerhalb der Menstruation; menstruelle Attacken mit Aura sind die Ausnahme. Zeitlich abzugrenzen bleibt darüber hinaus ein migräneartiger Kopfschmerz im Rahmen eines prämenstruellen Syndroms jeweils 2-7 Tage vor der Monatsblutung.
Triptane-induzierte Migräne: Durch die häufige Einnahme der Triptane kann es jedoch zu einem Gewöhnungseffekt kommen, der wiederum neuerliche Kopfschmerzen und Migräneattacken auslösen kann.
Hemiplegische Migräne: Diese Form geht mit zusätzlichen motorischen Störungen und Störungen des Gleichgewichts einhergeht. Auch Bewusstseinsstörungen wie Ohnmacht oder sogar Koma treten in Einzelfällen auf.
Basilarismigräne: Klassische Symptome sind neben den Kopfschmerzen auch Tinnitus, Doppelbildsehen, Bewusstseinsstörungen, Schwindelgefühle und Sprachstörungen. Anders als beim klassischen Migränetypus leiden Betroffene im Falle einer Basilarismigräne meist unter beidseitigen Kopf- und Augenschmerzen.
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Ursachen und Auslöser von Migräne
Obwohl Migräne als Krankheitsbild längst anerkannt ist, sind ihre Ursachen bislang nicht abschließend erforscht. Eine genetische Vorbelastung scheint ebenso eine Rolle zu spielen wie der körpereigene Serotoninspiegel. Ein unausgeglichener Serotoninspiegel verändert die Reizbarkeit der Nerven, macht die Blutgefäßwände durchlässiger und wirkt sich nicht zuletzt auch auf den Magen-Darm-Trakt aus, sodass Übelkeit und Erbrechen ebenfalls damit in Zusammenhang gebracht werden können.
Unabhängig von den Ursachen der Migräne stehen die Auslöser im Mittelpunkt. Als sogenannte Trigger kommen vor allem Stress und ein gestörter Schlafrhythmus infrage. Aber auch Hormonschwankungen, etwa während der Regel oder in der Schwangerschaft, können Migräne begünstigen. Häufig treten Migräneanfalle auch bei bestimmten Wetterlagen auf. Viele jüngere Frauen leiden hingegen während der Pilleneinnahme unter Migräne, weil das Gleichgewicht des Körpers unter Zufuhr hormonhaltiger Präparate aus den Fugen geraten kann. Ein weiteres häufiges Phänomen ist außerdem die Wochenend-Migräne. Sie entsteht, wenn der Körper aus der Stress-Phase in die Entspannungs-Phase übergeht.
Ein Forschungsteam der Charité - Universitätsmedizin Berlin hat jetzt eine mögliche Erklärung dafür gefunden. Der im Fachmagazin Neurology veröffentlichten Studie zufolge bilden betroffene Frauen während der Menstruation besonders große Mengen an CGRP. Anhand von insgesamt 180 Frauen prüfte die Charité-Forschungsgruppe nun, ob der Zusammenhang zwischen weiblichen Hormonen und der Ausschüttung von CGRP auch beim Menschen besteht. Dazu bestimmten die Forschenden bei Migränepatientinnen zweimal im Verlauf des Zyklus den CGRP-Spiegel, und zwar während der Monatsblutung und zum Zeitpunkt des Eisprungs. Ein Vergleich mit Frauen ohne Migräne belegte: Während der Menstruation ist die Konzentration an CGRP bei Migräne-Betroffenen deutlich höher als bei den gesunden Probandinnen. Bei Frauen, die die Pille einnehmen, gibt es kaum Schwankungen des Östrogenspiegels. Wie die Forschenden in der aktuellen Studie nachwiesen, verändert sich auch die CGRP-Konzentration im Verlauf des „künstlichen Zyklus“ nicht und ist bei Migränepatientinnen vergleichbar mit gesunder Frauen.
Hormonelle Einflüsse auf Migräne
Hormone sind Botenstoffe, die für die Kommunikation zwischen Organsystemen zuständig sind. Sie werden unter anderem im Gehirn, der Bauchspeicheldrüse oder, wenn es sich um die Geschlechtshormone Östrogen und Testosteron handelt, in den Eierstöcken beziehungsweise den Hoden gebildet. Verantwortlich für die Kopfschmerzattacken während der Monatsblutung ist wahrscheinlich das Hormon Östrogen. Mediziner vermuten, dass das plötzliche Absinken des Östrogenspiegels auch den Serotoninspiegel beeinflusst. Das Hormon Östrogen erhöht die Konzentration des Botenstoffs Serotonin im Gehirn. Wird weniger Östrogen produziert, nimmt in der Folge also auch die Menge des „Glückshormons“ Serotonin ab. Zudem schüttet der Körper während der Periode vermehrt Prostaglandin aus, einen Botenstoff, der für das Schmerzentstehen eine wichtige Rolle spielt.
In der Schwangerschaft und in den Wechseljahren ist der weibliche Hormonhaushalt vielen Veränderungen ausgesetzt. Bei etwa 80 Prozent der Migränepatientinnen bessert sich das Migräneleiden im Laufe der Schwangerschaft und Stillzeit vorübergehend. Während einer Schwangerschaft ist der Spiegel des weiblichen Sexualhormons Östrogen konstant hoch. Bei Patientinnen, die an Migräne mit Aura leiden, können die Attacken hingegen zunehmen. Bis hin zur Menopause (letzte Regelblutung) treten jedoch häufig Zyklusstörungen auf. So kann beispielsweise eine Östrogendominanz entstehen, bei der eine hohe Konzentration des Hormons vorliegt. Ein starker Abfall der Östrogenkonzentration innerhalb weniger Tage kann, neben den bekannten Symptomen der Wechseljahre wie Hitzewallungen, auch eine hormonelle Migräne mit sich bringen. Deswegen ist eine Verschlechterung der Migräne meist auch während der Wechseljahre zu beobachten, bei der die Hormone stark schwanken können.
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Migräne und die Pille
Es gibt Spekulationen, dass die Antibabypille eine Ursache für Migräne darstellt. Da verschiedene Antibabypillen unterschiedlichen Einfluss auf die Hormonschwankungen nehmen, solltest du deine Migräne auch mit deinem Frauenarzt besprechen. Treten die ersten Symptome beispielsweise erstmals nach der Einnahme der Pille auf, ist es ratsam, diese wieder abzusetzen. Darüber müssen sich betroffene Frauen allerdings mit ihrem Frauenarzt abstimmen.
Die protektive Effizienz von oralen Kontrazeptiva (Antibabypillen) ist individuell auszutesten: Sie können die Migräne verbessern, verschlechtern oder auch unbeeinflusst lassen. Grundsätzlich ist die geringst mögliche Estradiol-Dosis anzustreben. Kombinations-Mikropille als Langzeiteinnahme ohne jede Pillenpause kann dann bei einigen Migränevarianten zur Option der Wahl werden.
Behandlung von Migräne
Die Behandlung von Migräne zielt darauf ab, akute Attacken zu lindern und zukünftigen Anfällen vorzubeugen.
Akutbehandlung
Bei leichter bis mittelschwerer Migräne können nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen (200-600 mg, z. B. Dolormin Migraene®), Naproxen (500-1000 mg) oder Diclofenac (50-100 mg, z. B. Sylmes 50 mg Pulver®) kombiniert mit einem Antiemetikum (z. B. 10-20 mg Metoclopramid) helfen. In der nächsten Stufe kommen Triptan-Präparate zum Einsatz (z. B. Rizatriptan in Form von Maxalt Lingua 10 mg® oder 50-100 mg Sumatriptan). Gegen Übelkeit und Erbrechen empfiehlt die Leitlinie Medikamente, die als Wirkstoff Metoclopramid oder Domperidon enthalten.
Vorbeugende Behandlung
Eine wichtige Säule in der Behandlung von hormonellen Kopfschmerzen ist die vorbeugende Behandlung. Naproxen (2x 500 mg/Tag 3-4 Tage vor bis 3 Tage nach der Periode) oder mit einem Triptan (z. B. Frovatriptan 2,5 mg 2x tgl.) können als Kurzzeit-Prophylaxe eingesetzt werden. Auch kann bei Sumatriptan-Einnahme die gleichzeitige Gabe von Naproxen die Rate von Wiederkehr-Kopfschmerzen signifikant senken.
Frauen, denen die Wechseljahre bevorstehen, sollten bereits über eine nicht-medikamentöse Migräneprophylaxe nachdenken. Östrogen-Gele, die auf die Haut aufgetragen werden und Frauen an ihren „kritischen Tagen“ schützen sollen, haben sich hingegen in einigen Fällen bewährt. Daneben erfolgt die Behandlung von Kopfschmerzen während der Periode wie die einer „normalen“ Migräne: mit Schmerzmitteln oder speziellen Migränemitteln, sogenannten Triptanen.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Neben Medikamenten können auch nicht-medikamentöse Maßnahmen helfen, Migräneattacken zu reduzieren. Dazu gehören:
- Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus
- Stressvermeidung
- Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation nach Jacobson oder Yoga
- Ausdauersportarten wie Radfahren, Joggen oder Schwimmen
- Vermeidung von Alkohol und Nikotin
- Führen eines Kopfschmerzkalenders, um auslösende Faktoren zu erkennen
Differentialdiagnose
Es ist wichtig, Migräne von anderen Kopfschmerzarten zu unterscheiden, um eine angemessene Behandlung zu gewährleisten.
Spannungskopfschmerz: Der Kopfschmerz tritt im Bereich des gesamten Kopfes auf, ist drückend-ziehend, jedoch nicht pulsierend. Vegetative Begleitsymptome wie Lichtscheu und übermäßige Lärmempfindlichkeit, Übelkeit, Erbrechen sowie Appetitlosigkeit treten in der Regel nicht und, wenn doch, nur sehr selten begleitend auf.
Cluster-Kopfschmerz: Der Kopfschmerz ist streng einseitig und zeichnet sich durch in Attacken auftretende „extremste Kopfschmerzen“ im Bereich von Schläfe und Auge aus. Die heftigen und einseitigen Attacken dauern meist zwischen 15 und 180 Minuten und treten unvermittelt vornehmlich aus dem Schlaf heraus auf.
Fazit
Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die insbesondere Frauen betrifft und oft mit hormonellen Schwankungen in Verbindung steht. Die Behandlung umfasst sowohl akute als auch vorbeugende Maßnahmen, wobei sowohl Medikamente als auch nicht-medikamentöse Strategien eine wichtige Rolle spielen. Eine individuelle Anpassung der Therapie ist entscheidend, um die bestmögliche Linderung der Symptome zu erreichen. Es ist ratsam, die Migräne mit einem Arzt zu besprechen, um die Ursachen zu ergründen und eine geeignete Behandlung zu finden.
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