Migräne durch Süßigkeiten: Ursachen und was wirklich hilft

Viele Menschen, die unter Migräne leiden, vermuten einen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Süßigkeiten und dem Auftreten ihrer Kopfschmerzen. Insbesondere Schokolade steht oft im Verdacht, ein Auslöser für Migräneattacken zu sein. Doch ist diese Annahme wirklich berechtigt? Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Ernährung, insbesondere Süßigkeiten, und Migräne, räumt mit Mythen auf und zeigt, wie Betroffene ihre individuellen Trigger finden und ihren Lebensstil anpassen können, um Migräneattacken vorzubeugen.

Migräne und Ernährung: Ein komplexes Zusammenspiel

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich durch wiederkehrende, oft sehr starke Kopfschmerzen äußert, die von Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet sein können. Die Ursachen von Migräne sind vielschichtig und noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass genetische Faktoren, Stress, hormonelle Schwankungen und Umweltfaktoren eine Rolle spielen können. Auch bestimmte Nahrungsmittel stehen im Verdacht, Migräne auszulösen.

Die Rolle von Triggern

Viele Migränepatienten berichten von bestimmten Auslösern, sogenannten Triggern, die eine Migräneattacke provozieren können. Im Bereich der Nahrungsmittel gibt es lange Listen von Triggern, die im Verdacht stehen, Migräne auszulösen. Häufig werden Kaffee, Rotwein, Alkohol, reifer Käse, Tomaten oder Schokolade genannt. In einer wissenschaftlichen Studie wurden über 400 verschiedene Auslöser identifiziert, die von Betroffenen als Auslöser ihrer Migräne genannt werden. Vor allem Schokolade und Alkohol stehen ganz oben auf der Liste.

Mythos Schokolade: Auslöser oder Symptom?

"Schokolade verursacht Migräne" - dies ist eine häufige Aussage, wenn es um vermeintliche Auslöser einer Migräneattacke geht. Doch es gibt keinen eindeutigen Nachweis, dass Schokolade Migräne auslösen kann. Die Forschung nimmt an, dass der Heißhunger auf Süßes, von dem viele Betroffene erzählen, ein Ankündigungssymptom für eine Migräneattacke ist. Ob man Schokolade isst oder nicht, spielt dabei keine Rolle - man bekommt Migräne, weil sie schon unterwegs ist.

Heißhunger als Warnsignal

Neuere Erkenntnisse legen nahe, dass der Heißhunger auf Süßigkeiten nicht die Ursache, sondern ein frühes Symptom einer bevorstehenden Migräne sein könnte. Dieser Heißhunger könnte als ein präventives Signal des Körpers interpretiert werden, eine Art Schrei des Gehirns nach Energiestoffen, um sich auf die bevorstehende Attacke vorzubereiten. Der Körper verlangt als letzte, verzweifelte Schutzreaktion vor dem Energiedefizit im Gehirn nach Energie in Form von Einfachzucker.

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Die Rolle des Blutzuckerspiegels

Neuere Studien zeigen, dass der Zuckerstoffwechsel eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von Migräne-Attacken spielt. Es wurden Zusammenhänge zwischen Insulinresistenz, hohen Blutzucker- und Insulinspiegeln und Migräne festgestellt. Besonders stark schwankende Blutzuckerreaktionen nach dem Essen können auf mehreren Ebenen Migräneanfälle fördern.

Starke Blutzuckerschwankungen mit sehr hohen und sehr niedrigen Blutzuckerspiegeln wirken höchstwahrscheinlich auf drei unterschiedlichen Ebenen Migräne-fördernd:

  1. Unterzuckerung: Energiedefizit im Gehirn kann Migräneanfälle auslösen. Nach bestimmten Lebensmitteln und Mahlzeiten kann es zu einem besonders starken Anstieg des Blutzuckers kommen. Infolgedessen schüttet die Bauchspeicheldrüse eine große Menge Insulin aus, um den Zucker (Glukose) in die Zellen zu schleusen. Durch die großen Mengen Insulin im Blut kann es im Anschluss zu einer reaktiven Unterzuckerung, d.h. zu einem Blutzuckerabfall kommen. Diese reaktive Unterzuckerung kann zu einem Glukose- bzw. Energiedefizit im Gehirn führen, welches eine Migräneattacke auslösen kann. Die Attacke wirkt in dem Moment wie ein Schutzmechanismus des Gehirns, welcher den Körper in einen Energiesparmodus zwingt und Rückzug und Ruhe einfordert.
  2. Hohe Blutzucker- bzw. Insulinspiegel: Diese können Entzündungsprozesse im Körper fördern. Bei einem Migräneanfall weiten sich die Blutgefäße im Gehirn, Entzündungsprozesse werden in Gang gesetzt und bilden Stoffe, die einen Schmerzreiz auslösen können. Stark schwankende Blutzuckerreaktionen nach dem Essen können nachweislich auf komplexe Weise entzündliche Prozesse im Körper fördern.
  3. Niedriger Blutzuckerspiegel: Dieser stimuliert CGRP und kann Migräneattacken begünstigen. Ein niedriger Blutzuckerspiegel stimuliert zudem das Neuropeptid CGRP (Calcitonin gene-related peptide). CGRP hemmt die Energieversorgung des Gehirns und ist somit wesentlich an der Entstehung eines Energiedefizits und somit von Migräneattacken beteiligt.

Die Bedeutung eines stabilen Blutzuckerspiegels

Wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass eine niedrig-glykämische Ernährung eine effektive Migräneprophylaxe sein kann. Sie hält den Blutzucker eher niedrig und stabil und sorgt somit dafür, dass das Gehirn durchgängig und regelmäßig mit Energie versorgt wird und keine großen Blutzucker- und Insulinspitzen auftreten.

Alkohol als Migräne-Trigger

Ähnlich sieht es auch bei Alkohol aus: Wein, insbesondere Rotwein, wird in Studien häufig als Auslöser unter den alkoholischen Getränken genannt. Allerdings führt Rotwein nur bei einem kleinen Teil der Migräne-Betroffenen zwangsläufig, also immer, zu einer Migräneattacke. Das bedeutet, dass bei dir das Getränk vielleicht als alleiniger Auslöser nicht ausreicht. Einige Migränepatienten berichten, dass alle alkoholischen Getränke problematisch sind, während andere nur bestimmte wie Sekt oder Rotwein nennen. Generell greift Alkohol in einer Vielzahl biochemischer Prozesse ein, manche spüren schon nach wenigen Schlucken die Auswirkungen. Daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass Alkohol Migräne auslöst. Einige Experten vermuten, dass die harntreibende Wirkung des Alkohols zu einer Dehydrierung und damit zu Migräne führt.

Methanol und Katerkopfschmerzen

Für den Kater nach Alkoholkonsum wird ein Stoff aus dem Alkohol verantwortlich gemacht, das sogenannte Methanol. Es ist potenziell giftig, aber nur in sehr geringer Menge in Schnaps und Co. enthalten. Wenn der Alkoholpegel morgens gegen Null sinkt, widmet sich die Leber dem Methanolabbau. Folge davon sind Kopfweh, Übelkeit, Lichtscheu - ein typischer Kater. Einige Menschen versuchen, dem Kopfschmerz durch eine spezielle Ernährung entgegenzuwirken. Sie greifen zum Konterbier. Davon kann nur abgeraten werden, denn die Leber braucht dringend eine Alkoholpause. Warum das Bier dennoch Katersymptome bremsen kann? Das liegt daran, dass die Leber anstelle des Methanols dann wieder sogenanntes Ethanol abbaut. Ein weiteres Katersymptom ist der Heißhunger auf Salzheringe und Co. Das liegt daran, dass der Körper nicht nur viel Wasser, sondern auch Elektrolyte verloren hat.

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Weitere mögliche Auslöser: Koffein, Histamin und Tyramin

Immer wieder berichten Patienten davon, dass bestimmte Lebensmittel als Auslöser ihrer Migräne infrage kommen. Vor allem Lebensmittel, die Alkohol, Koffein, Histamin und Tyramin enthalten, stehen im Verdacht, zu Migräne zu führen.

Koffein

Viele Menschen trinken täglich Kaffee; manche zwei Tassen, andere bis zu fünf. Der Körper gewöhnt sich dadurch an die tägliche Dosis Koffein und gerät in eine Abhängigkeit. Aus diesem Grund ist es eher problematisch, wenn Kaffeetrinker plötzlich ihren Konsum reduzieren oder gar einstellen - etwa am Wochenende. Wer allerdings kaum Kaffee trinkt, kann von dem ungewohnten Koffein Kopfschmerzen bekommen. Interessant: Koffein ist auch in Tee, Cola und Energy-Drinks enthalten.

Histamin und Tyramin

Histamin ist ein natürlicher Stoff, der unter anderem als Signalüberträger (Neurotransmitter) im Gehirn und an Entzündungsreaktionen beteiligt ist. Tyramin ist ein Neurotransmitter, der als Trigger für Migräne im Fokus steht.

Persönliche Trigger finden: Das Migränetagebuch

Für einen Großteil der Betroffenen führt es zu keiner wesentlichen Verbesserung, wenn sie auf allgemeine Trigger wie Schokolade oder Rotwein verzichten. Wichtiger ist: Kenne deine individuellen Trigger! Die Auslöser einer Migräneattacke sind von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich: Um deine individuellen Trigger herauszufinden, solltest du Nahrungsmittel ausprobieren und dich selbst beobachten. Pauschal bestimmte Lebensmittel zu meiden, die möglicherweise Migräne auslösen könnten, schränkt dein Leben unnötig ein.

Wie funktioniert das Migränetagebuch?

Es ist ganz einfach: Führe ein Migränetagebuch und beobachte, was bei dir Migräne auslösen könnte. Notiere darin über einige Wochen deine Ernährung und Migräneattacken. Achte dabei auch auf Getränke. Eventuell kannst du dann herausfinden, welche Lebensmittel du bei Migräne meiden solltest. Wichtig ist, dass du die Uhrzeit neben den Speisen vermerkst. Dokumentiere gleichzeitig, wann Kopfschmerzen durch deine Ernährung aufgetreten sind - und ob es andere Begleitsymptome gegeben hat (Übelkeit, Hautausschlag, Schwindel, Bauchweh). Nach einigen Wochen lässt sich meist nachvollziehen, ob die Kopfschmerzen tatsächlich durch die Ernährung bedingt sind. Auch Zusammenhänge zu bestimmten Nahrungsmitteln lassen sich in der Regel herstellen. Am besten lassen Sie Ihren Hausarzt einen Blick auf Ihr Tagebuch werfen.

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Was tun, wenn die Ernährung als Trigger identifiziert wurde?

Um Migräneattacken zu reduzieren, kannst du im Anschluss an die Testphase die Lebensmittel, die für eine unerwünschte hohe glykämische Reaktion (hohe Blutzuckerantwort) verantwortlich sind, reduzieren und deine Mahlzeiten so kombinieren, dass dein Blutzucker eher niedrig und stabil bleibt.

Weitere Faktoren, die Migräne beeinflussen können

Neben der Ernährung gibt es noch weitere Faktoren, die Migräne beeinflussen können. Dazu gehören:

  • Stress: Stress ist ein häufiger Auslöser für Migräneattacken.
  • Schlaf: Zu wenig oder unregelmäßiger Schlaf kann Migräneattacken provozieren.
  • Hormonelle Schwankungen: Bei Frauen können hormonelle Schwankungen im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, der Schwangerschaft oder den Wechseljahren Migräneattacken auslösen.
  • Wetterumschwünge: Schnelle Veränderungen bei Temperatur und Luftdruck können bei manchen Menschen Migräneattacken auslösen.
  • Bewegungsmangel: Eine entspannte Nackenmuskulatur und Halswirbelsäule beugen einer Migräne-Attacke vor.

Was hilft wirklich bei Migräne?

Gegen Migräne helfen nicht nur Medikamente. So ist zum Beispiel die progressive Muskelentspannung nach Jacobson inzwischen grundlegender Bestandteil vieler Schmerz- und Stressbewältigungsprogramme. Sie senkt das Aktivierungsniveau für Attacken. Denn Entspannungstechniken reduzieren die Empfindlichkeit für akute Schmerzreize einerseits und aktivieren andererseits Hirnbereiche, die für die Schmerzdämpfung zuständig sind. Außerdem werden so Angstzustände abgebaut, was wiederum die Schmerztoleranz erhöht.

Verhaltenstherapie gegen Schmerzen

Die so genannte kognitive Verhaltenstherapie zielt auf die Veränderung der psychischen Einstellung des Patienten und das damit verbundene Körpererleben. Der Patient soll lernen, die schmerzbezogene Belastung und die Begleiterscheinungen zu bewältigen. Kognitive Ansätze helfen, flexibler und effektiver mit Schmerzen umzugehen. Dazu gehört insbesondere der Umgang mit negativen Stimmungen. "Diese Form der Psychotherapie ist ein gutes Mittel gegen Schmerzzustände- es wirkt zwar nicht so schnell wie ein Schmerzmedikament, dafür aber nachhaltiger", erklärt Prof. Kropp.

Biofeedback bei der Kopfschmerzbehandlung

Biofeedback ist ein wissenschaftliches Verfahren, mit dessen Hilfe normalerweise unbewusst ablaufende psychophysiologische Prozesse durch Rückmeldung (feedback) wahrnehmbar gemacht werden. Körperliche Prozesse, zum Beispiel Blutdruck oder die Atemfrequenz, werden elektronisch gemessen und dem Patienten über ein Signal zurückgemeldet. Der Patient wendet diese Signale an, um zum Beispiel Kontrolle über die Muskelspannung oder das Erregungsniveau - beide sind eng mit Schmerzzuständen verbunden - zu gewinnen und zu verändern.

Medikamentöse Behandlung

Bei der Entstehung einer Migräne-Attacke spielt ein bestimmtes Protein - Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) - eine Schlüsselrolle. Es führt unter anderem dazu, dass sich Blutgefäße im Gehirn erweitern. Stoffe, die die Wirkung von CGRP hemmen, sollten daher die Entstehung einer Migräne-Attacke bremsen können. Aktuelle Studien haben das jetzt bestätigt. Der Wirkstoff Telcagepant hat sich dabei als ebenso wirksam erwiesen wie die gängigen Triptane, die häufig gegen Migräne eingesetzt werden. Der neue Wirkstoff schaltete die Schmerzen sogar tendenziell länger aus als Triptane.

Ein ganzheitlicher Ansatz zur Migräneprophylaxe

Für die Prävention und Behandlung von Migräne ist ein individueller und ganzheitlicher Ansatz entscheidend. Dazu gehören:

  • Aufmerksamkeit für deine persönlichen Auslöser, die du mithilfe eines Migränetagebuches herausfinden kannst.
  • Eine vollwertige Ernährung ohne Nährstoffmangel. Hierzu gehören frisches Obst, Gemüse und möglichst frisch zubereitete Gerichte. Fertigprodukte meiden und möglichst Produkte ohne Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker bevorzugen.
  • Regelmäßig und in Ruhe essen. Circa 2,5 Stunden vor dem Schlafengehen solltest du das letzte Mal etwas essen.
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Das bedeutet mindestens 1,5 Liter pro Tag, am besten eignen sich Wasser, Kräuter- oder Ingwertee.
  • Ein ausgewogener Lebensstil. Ein geregelter Tagesablauf, Ausdauersportarten, wie beispielsweise Joggen, gezielte Entspannungsmethoden wie progressive Muskelentspannung und vollwertige Ernährung können sich günstig auf Migräne auswirken.

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