Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die Millionen Menschen weltweit betrifft. Die Forschung hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht, und neue Medikamente bieten Betroffenen Hoffnung auf eine bessere Lebensqualität. Dieser Artikel beleuchtet die neuesten Entwicklungen im Bereich der Migränebehandlung, insbesondere die Wirkstoffklasse der Gepante, und gibt einen Ausblick auf zukünftige Therapieansätze.
Migräne: Eine neurobiologische Funktionsstörung
Migräne ist eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns, bei der die erbliche Veranlagung eine Rolle spielt. Die genauen Ursachen und Mechanismen dahinter werden immer noch erforscht. Charakteristisch für Migräne sind heftige Kopfschmerzen, die oft von Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet werden. Unbehandelt können die Beschwerden zwischen 4 Stunden und 3 Tagen anhalten und den Alltag erheblich einschränken.
Bei etwa einem Drittel der Migräne-Betroffenen macht sich eine Kopfschmerzattacke schon im Vorfeld bemerkbar. Betroffene reagieren zum Beispiel besonders empfindlich auf Licht und Geräusche, sind unruhig und gereizt oder fühlen sich erschöpft, haben Konzentrationsschwierigkeiten und Nackenschmerzen. Diese Phase wird als Prodromal-Phase oder Vorboten-Phase bezeichnet und kann mehrere Stunden bis zu zwei Tage vor den eigentlichen Kopfschmerzen auftreten.
Bei etwa 15 bis 20 Prozent der Patientinnen und Patienten tritt kurz vor dem Einsetzen der Kopfschmerzen auch eine Aura-Phase auf. Charakteristisch dafür sind vorübergehende neurologische Symptome, zum Beispiel Seh- und Sprechstörungen, Gefühlsstörungen auf einer Körperseite oder ein Kribbeln im Gesicht. Die Aura-Phase setzt deutlich später ein. Sie entwickelt sich über Minuten und ist meist nach maximal einer Stunde wieder zu Ende. Die Kopfschmerzen beginnen in den meisten Fällen erst danach. Manchmal überlappen sich Aura-Phase und Kopfschmerz-Attacke aber auch.
In der Vorboten-Phase kommt es zuerst zu einer veränderten Aktivität im Hypothalamus, ein Abschnitt des Zwischenhirns, erklärt der Neurologe Charly Gaul vom Kopfschmerzzentrum Frankfurt. Wenn dann die Kopfschmerzen einsetzen, würden Botenstoffe ausgeschüttet, die den Schmerz vermitteln. Bisher gibt es keine gezielte Therapie für die Symptome der Prodromal- und der Aura-Phase. Das Ziel der Behandlung ist also bislang, die Kopfschmerzen während der eigentlichen Attacke zu lindern, beziehungsweise ihnen vorzubeugen.
Lesen Sie auch: Hilfe bei Migräne
Die Rolle von CGRP bei Migräne
In den letzten Jahren hat die Forschung ein Molekül namens CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) als Schlüsselfaktor bei der Entstehung von Migräneattacken identifiziert. CGRP ist ein Neuropeptid, das im Nervensystem vorkommt und bei Migräneattacken vermehrt freigesetzt wird. Dockt dieses Peptid an bestimmte Rezeptoren im Gehirn an, führt das zu Entzündungsreaktionen und einem gesteigerten Empfinden von Schmerz.
Schon seit den 1990er-Jahren wird dazu geforscht - inzwischen stehen mehrere wirksame Medikamente zur Akutbehandlung und Prophylaxe bereit, die bei CGRP ansetzen. Dies hat zur Entwicklung neuer Medikamente geführt, die entweder CGRP selbst blockieren oder seine Wirkung hemmen.
Gepante: Eine neue Wirkstoffklasse zur Migränebehandlung
Gepante sind eine neue Klasse von Medikamenten, die Migräneanfällen vorbeugen und auch im Akutfall helfen sollen. Der Begriff Gepant ist eine Kurzform von Calcitonin-Gene-Related-Peptide-Rezeptorantagonist. Sie blockieren reversibel den Rezeptor des Neuropeptids Calcitonin gene-related peptide (CGRP), das maßgeblich an der Entstehung eines Migräneanfalls beteiligt ist. Die Wirkstoffe setzen an einem Botenstoff an, der bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle zu spielen scheint: Dem Calcitonin-Gene-Related-Peptide kurz CGRP. Dockt er an bestimmten Stellen im Hirn an, führt das zu einer Entzündungsreaktion. Gleichzeitig steigt die Schmerzempfindlichkeit. Es kommt zu einer Migräneattacke. „Gepante blockieren die Andockstelle“, erklärt Prof. Burkhard Hinz, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie an der Universitätsmedizin Rostock. Dadurch werden Migräneattacken verhindert oder abgeschwächt.
Gepante können in Tablettenform eingenommen werden. Sie wirken nach der Einnahme zwar relativ schnell, werden im Vergleich zu den Antikörpern aber auch viel schneller wieder ausgeschieden. Sie sind grundsätzlich sowohl für die Behandlung einer Attacke als auch für die Vorbeugung von Migräne geeignet.
Ubrogepant: Mögliche Wirkung gegen Migräne-Vorboten
Eine Studie macht Betroffenen von Migräne Hoffnung: Es gibt Hinweise darauf, dass das Medikament Ubrogepant schon gegen Vorboten der Kopfschmerzattacken wirken könnte. Eines der neuen Medikamente, Ubrogepant, könnte nicht nur gegen die Kopfschmerzen wirken, sondern auch schon gegen vorhergehende Symptome der Migräne.
Lesen Sie auch: Umfassende Informationen zu Topiramat
Die Studie, die Ubrogepant auch als Mittel gegen die Migräne-Vorboten ins Spiel bringt, ist eine Nachauswertung von Daten zu etwa 500 Migräne-Patienten. Die hatten entweder Ubrogepant oder ein Placebo eingenommen, sobald Vorboten-Symptome auftraten und sie Kopfschmerzen in den folgenden ein bis sechs Stunden erwarteten. Die Studie sollte zeigen, ob das Medikament die Kopfschmerzen schon vor dem Entstehen verhindern kann. Das Ergebnis: Ubrogepant konnte tatsächlich einen Teil der Attacken unterbinden.
Die Ergebnisse deuten laut den Studienautoren darauf hin, dass Ubrogepant gegen häufige Vorboten-Symptome bei Migräne wirken könnte. Allerdings plädieren nicht beteiligte Fachleute ebenso wie die Forschenden selbst für eine Folgestudie, die nicht nachträglich analysiert, wie Ubrogepant die Vorboten-Symptome bei Migräne beeinflusst, sondern den Zusammenhang gezielt untersucht. Unklar ist zudem, ob auch andere Gepante ähnlich früh wirken könnten.
Im Dezember 2019 hat die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA das Medikament Ubrogepant zugelassen, um eine akute Migräne mit oder ohne Aura bei Erwachsenen zu behandeln. Vertrieben wird es dort unter dem Handelsnamen Ubrelvy in Form von Tabletten. Die Wirksamkeit wurde in zwei Studien gezeigt.
Atogepant: Ein oraler CGRP-Rezeptorantagonist zur Migräneprophylaxe
Mit Atogepant (Aquipta®) ist seit 1. März 2025 der erste orale CGRP-Rezeptorantagonist zur Prophylaxe von Migräne in Deutschland verfügbar.
Atogepant (Aquipta®) ist ein small molecule und bindet als Antagonist an den Rezeptor des Calcitonin Gene-Related Peptides (CGRP), das eine zentrale Rolle in der Pathophysiologie der Migräne-Erkrankung spielt. Die EU-Kommission hatte Atogepant im Sommer 2023 zur Migräneprophylaxe für erwachsene Patienten mit vier oder mehr Migränetagen pro Monat zugelassen. Nun wurde das oral einzunehmende Gepant von AbbVie am 1. März 2025 auf den deutschen Markt gebracht.
Lesen Sie auch: Diätetische Migräneprophylaxe
Atogepant ist in den Darreichungsformen 10 mg und 60 mg erhältlich. Die empfohlene Dosierung beträgt dabei eine Tablette mit 60 mg Atogepant täglich, die unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden kann. Die Tabletten sind dabei im Ganzen zu schlucken und dürfen nicht geteilt, zerdrückt oder zerkaut werden.
Bei Patienten, die einen starken CYP3A4-Inhibitor (z. B. Ketoconazol, Itraconazol, Clarithromycin, Ritonavir) oder einen Inhibitor des Organic Anion Transporting Polypeptide (OATP) (z. B. Rifampicin, Ciclosporin oder Ritonavir) einnehmen, wird die 10-mg-Dosierung eingesetzt. Bei Patienten mit schwerer oder terminaler Niereninsuffizienz beträgt die empfohlene Dosis ebenfalls 10 mg einmal täglich.
Atogepant sollte nicht bei Patienten mit schwerer Leberinsuffizienz zum Einsatz kommen. Indiziert ist das Arzneimittel nur bei Erwachsenen, denn zur Sicherheit und Wirksamkeit von Atogepant bei Kindern und Jugendlichen liegen keine Daten vor. Ebenso nicht empfohlen wird die Anwendung von Atogepant während der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten. Zudem kann nicht ausgeschlossen werden, dass Atogepant in die Muttermilch übergeht und ein Risiko für das Neugeborene bestehen könnte. Atogepant sollte daher nicht angewendet werden, wenn Patientinnen stillen oder beabsichtigen zu stillen.
Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) verweist vornehmlich auf 2 größere Studien, denenzufolge Aquipta die Anzahl der Tage, an denen Patienten unter Migräne leiden, reduziert. So habe in einer Studie mit 882 Betroffenen (mindestens 4 Migräneanfälle pro Monat) eine 12-wöchige Behandlung mit Aquipta die Zahl der Migränetage pro Monat von durchschnittlich 8 auf 3 bis 4 gesenkt. In der Placebogruppe verringerte sich die Zahl der Migränetage immerhin noch auf 5. Die meisten Nebenwirkungen seien leicht oder mäßig ausgeprägt, so die EMA.
Rimegepant: Akutbehandlung und Prophylaxe episodischer Migräne
Am 24. Februar 2022 gab der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) ein positives Gutachten ab, in dem er die Erteilung einer Genehmigung für das Inverkehrbringen des Wirkstoffs Rimegepant empfahl. Die Wirkung besteht darin, dass es ein CGRP-Antagonist ist.
Das Medikament wir in Tablettenform eingenommen und hat zwei Anwendungsbereiche:
- Akute Behandlung von Migräne mit oder ohne Aura bei Erwachsenen
- Vorbeugende Behandlung der episodischen Migräne bei Erwachsenen, die mindestens 4 Migräneanfälle pro Monat haben.
Die Vorteile von Vydura sind die Schmerzlinderung bei akuter Migräne und die Verringerung der monatlichen Migränetage in Präventionsstudien. Rimegepant ist zur akuten Behandlung und zur Prophylaxe episodischer Migräne zugelassen, wird aber voraussichtlich erst im Sommer 2025 in Deutschland verfügbar sein.
Unterschiede zu bisherigen Migränemedikamenten
Es gibt bereits einige Medikamente, die erfolgreich bei Migräne eingesetzt werden. Zur Akutbehandlung schwerer Migräneanfälle sind die sogenannten Triptane empfohlen. Für die Vorbeugung von Migräneattacken (Migräneprophylaxe) werden unter anderem bestimmte Antikörper eingesetzt. Sie binden entweder das CGRP, sodass es erst gar nicht im Gehirn andocken kann. Oder aber sie blockieren - wie Gepante -die Andockstelle selbst, sodass CGRP keine Wirkung entfalten können.
Antikörper werden per Spritze verabreicht. „Sie wirken nicht so schnell, dafür aber länger anhaltend“, so Pharmakologe Hinz. Deshalb kommen sie nur bei der Vorbeugung von Migräneaanfällen zum Einsatz.
Gepante können in Tablettenform eingenommen werden. Sie wirken nach der Einnahme zwar relativ schnell, werden im Vergleich zu den Antikörpern aber auch viel schneller wieder ausgeschieden. Sie sind grundsätzlich sowohl für die Behandlung einer Attacke als auch für die Vorbeugung von Migräne geeignet.
Für wen sind Gepante geeignet?
Gepante könnten vor allem für Menschen geeignet sein, die Triptane beispielsweise aufgrund ihres Herz-Kreislauf-Risikos nicht einnehmen dürfen. „Triptane bewirken eine Verengung der beim Migräneanfall erweiterten Blutgefäße der Hirnhaut. Sie können aber gleichzeitig auch andere Blutgefäße wie die Koronararterien verengen“, erklärt Schmerzforscher Hinz. Deshalb sollten unter anderem Menschen mit koronarer Herzkrankheit oder nicht medikamentös eingestelltem Bluthochdruck sowie Personen nach Schlaganfall oder Herzinfarkt keine Triptane einnehmen.
Gepante haben dagegen keine gefäßverengenden Eigenschaften. „Man kann sie grundsätzlich bei Menschen mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung verschreiben“, sagt Prof. Dagny Holle-Lee, Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerz- und Schwindelzentrums an der Universitätsmedizin Essen. Trotzdem gibt es auch bei dieser Substanzklasse eine Unsicherheit: Im Mäuse-Experiment konnte gezeigt werden, dass ein Schlaganfall unter der Einnahme von Gepanten ein größeres Hirnareal betrifft. Bei Menschen ist das bislang nur theoretisch. „Wenn jemand aber ein hohes Risiko hat, einen Schlaganfall zu erleiden, würden wir diese Präparate derzeit eher nicht geben“, so die Migräne-Expertin. „Auch wenn wir wissen, dass die Gepanten selbst das Risiko für einen Schlaganfall nicht erhöhen.“
Nicht geeignet sind Gepante auch für Menschen mit einer Überempfindlichkeit gegenüber diesen Arzneimitteln. Außerdem vertragen sie sich nicht mit allen anderen Arzneien.
Mögliche Nebenwirkungen von Gepanten
Übelkeit und Verstopfung zählen zu den häufigsten Nebenwirkungen von Gepanten in klinischen Studien. Manche Patienten berichten auch von Müdigkeit, Überempfindlichkeitsreaktionen, Schwellungen im Gesicht oder Gewichtsverlust. In den Zulassungsstudien traten am häufigsten verminderter Appetit, Übelkeit, Verstopfung, Fatigue und Gewichtsabnahme auf. Atogepant hat keinen oder einen zu vernachlässigenden Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen. Bei einigen Patienten kann es jedoch zu Somnolenz führen.
Die meisten Menschen haben aber kaum oder keine Nebenwirkungen. „Diese Medikamente sind in den USA schon länger auf dem Markt, funktionieren sehr gut und werden von den meisten Patienten auch sehr gut vertragen“, so die Neurologin.
Die Rolle der Leitlinien in der Migränebehandlung
Für Migränepatientinnen und -patienten gibt es immer mehr Behandlungsmöglichkeiten. In die aktualisierten Leitlinien zur Migränetherapie sind einige neue Medikamente und Verfahren aufgenommen worden. "Wir haben sowohl zur Akuttherapie als auch zur Prophylaxe mehrere neue Substanzen", sagt Charly Gaul, Neurologe am Kopfschmerzzentrum Frankfurt und Mitautor der aktualisierten Leitlinie. Die Leitlinie wird jedes Jahr ergänzt und alle fünf Jahre vollständig überarbeitet. Sie dient Medizinern und Angehörigen anderer Heilberufe als wissenschaftliche Orientierung - entscheidet jedoch nicht über die Kostenübernahme durch die Krankenkassen.
Damit auch die Betroffenen selbst einen guten Überblick bekommen, gibt es erstmals auch eine Patientenleitlinie für Migräniker, die die wissenschaftlichen Empfehlungen in verständliche Sprache übersetzt.
Wirtschaftliche Auswirkungen von Migräne
Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die nicht nur das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigt, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Kosten verursacht. In einer Studie, veröffentlicht im "Journal of Headache and Pain", wurden die wirtschaftlichen Folgen von Migräne untersucht. Die Forschenden werteten Gesundheits- und Wirtschaftsdaten aus, um die direkten Kosten für Behandlungen und Medikamente sowie die indirekten Verluste durch reduzierte Arbeitsleistung zu berechnen. Die Ergebnisse zeigen, dass Migräne sowohl das Gesundheitssystem als auch die Wirtschaft stark belastet. Solche Studien machen deutlich, wie wichtig bessere Prävention und Behandlung für Betroffene sind.